Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Landvolk sulche Leistungen bezahlen und dazu Künstler: aus. sich erstehen lassen können? Für oder wider die künstlerische Begabung des alten Israel ist aus diesen Tatsachen nichts zu errveisew. Dazu kommt ein zweites. Die Inder, Aegypter und Griechen sanken in ihrer Religion — in verschiedenster Weise — die stärksten Antriebe zur Kunst. Ihre Götter waren Gestalten der Phantasie, tief mit der sinnlichen Welt verslochten, und bei den Griechen erhoben sie sich zu Idealbildern geadelter Menschlichkeit. I n Israel ist es der vergeistigte Monotheismus der die Kunst nicht begünstigen konnte. Ter Gott vom Sinai, wie ihn Mose seinem Volke gab, ist von vornhereiii eine sittliche W i l l e n s m a ch t, die dcr^Bersinnlichung völlig widerstrebte. Gewiß llingt aus uralter Lage mich im Alten Testament noch vereinzelt die Borstellung nach, daß Gott auch in sinnlicher Erscheinung unter die Menscheil treten kann. Aber das ist alte Dichtung, nicht Religion. Religion entsteht da. wo der Mensch sich in feineni Leben an die Gottheit gebunden, durch sie bestimmt fiih.lt. Wie das in Israel geschehen ist, sagt der Dekalog und sagen vielleicht noch tiefer und stärker die Propheten. Natürlich. reden auch sie von Gott in Bildern, die der menschlichen Daseinsart entnomme-u sind. Man kann bis heute liicht anders als im Bilde des Menschlichen von Gott reden, wiewohl man die absolute Geistigkeit Gottes ersaß that. Bor allein ist es das zweite Gebot, das einer religiösen Kunst i n Israel e n t g e g e n st e h t. Ist das nun als grundsätzliche Abneigung gegen die Kunst oder als llnsähigkeit zur Kunst zu erklären? Durchaus nicht; sondern aus ganz andern Gründen. Die Israeliten haben gelegentlich auch ihre» Gott im Bilde dargestellt. Wenn als solches öfter ein Stierbild erscheint, so ist dieses aus dem Kult der Kanaanäer übernommen, in dem der Gedanke vorwiegt, daß Gott als Herr (Baal) des Landes vor allem Spender der Fruchtbarkeit des Ackers ist. Dessen Symbol ist der Stier als. das Pslugtirr. In diesem Sinne haben auch Israeliten ihren Gott als den Geber der Feldfrucht uud alles Lebens zu ehren gedacht. Freilich war es eine Abbiegung von dem rein ethischen Gottesbegriff, und deshalb haben Propheten wie AmoS gegen den Bilderdienst geeifert. Bor allein aber hat das Bilderverbot den Sinn, die Religion Israels vor einer Vermischung mit den heidnischen Kulten zu bewahren. Israel lebt unter Völkern, die einen gestaltenreichen Götterglauben hatten. Dem widersprach die Einzigkeit Jahves. Und die sittliche Seite der israelischen Religion, lieh den Bilderdienst nicht zu; nieinand hat den Bilderkult so vernichtend verspottet wie der große Dichter in. Jesaia 44. In den „Naturretigionen" hat die Kunst in ihren verschiedenen Aeußcrungcn — als Plastik und Architektur, als Tanz und Theater — ihre stärkste Wurzel. Hier ist die Kunst eine Darstellung des Göttlichen oder ein Teil deS Gottesdienstes. Zu diesem für die polytheistischen Religionen natürlichen Verhältnis zwischen Religion und Kunst bildet der Monotheismus in Israel den schärfsten Gegensatz. Die religiöse Vorstellung, ist hier an das Sittliche gebunden und ragt in die reine geistige Höhe des Absoluten: Diese Religion widerstrebt jeder Versinnlichung und K damit zur Bildlostgkeit des Kultes. Damit aber war in i dem künstlerischen Schaffen die stärkste Wurzel, die es im Altertum hatte, abgeschnitten. Von einer Kunstseindlichkeit an sich alsodürste man hier nicht reden, wo die Voraussetzungen für ein. Kunstschaffen überhaupt nicht gegeben waren. Erft der Islam hat in {einem Bilderverbot eine prinzipielle Bildseindlichkeit entwickelt. Fehlte darum aber auch Kunstbegabung? Für plastische Gestaltungen hatten die semitischen Völker, zumal die kleine» Stämme, kaum rechte Antriebe. Aber wenn nach dieser Seite hin auch, eine geringe Entwicklung zu erkennen ist, so zeigen sich doch künstlerische Kräfte in anderer Richtung, nur wirken sie sich in anderer Gestaltung aus, nämlich in der Kunst des Mortes, in der Dichtung. Und hier zeigt das Alte Testamt eine ganz erhebliche bildhafte Gestaltungskraft des Wortes. CS ist nicht Zufall, daß der größte Plastiker der Wortkunst, Goethe, von Jugend aus vom Alten Testament stark befruchtet ist. In Liedern, Erzählungen und Sprüchen tritt uns oft eine Kraft der Veranschaulichung entgegen, die das Alte Testament zu den großen Meisterwerken der Dichtkunst erhebt. Schon das älteste Stück des Alten Testaments, das Lied der Deborah (Nicht. 5), zeigt namentlich in der Schlußszene eine starke Plastik. Vor allem in den prophetischen Schriften siuderi wir eine lebensvolle Anschaulichkeit, die zu dem Grüßten gehört, was die antike Dichtung bietet. Ich erinnere nur an Arnos 5, Jesaia 6, an Nahum und Joel, um den großen Dichter in ihnen empfinden zu lasten. .Die Naturschilderunge n der Psalmen, die Erzählungskunst in der Genesis, im Richterbuch und im Ruthbüchlei n, endlich die Fülle der Töne eines klingenden Volkslebens im Hohenlrede-— das alles braucht nnr angedeutek zu werden. Daraus aber wird uns auch verständlich, warum das Alte Testament durch seine Stoffe der Kunstgeschichte bis heute so tiefe und starke Anregungen gegeben hat. Es ist die Lebensfülle, die Anschaulichkeit — mit einem Worte, hie sonst vermißte Plastik —. die diesem Schristenwerk einen so unvergleichlichen Wert verliehen hall. Und damit steht das Alte Testament ganz vereinzelt.. Keines der großen religiösen Urkundemverke ist an küustlerischcr Stossülle dem Alten Testament zu vergleichen. Die heiligen Schriften der Inder — die Veden wie der buddhistische Kanon, haben die Kunst Indiens nicht befruchtet. Rur die in der Jatakas vorliegenden Geburtslcgendcn des Buddha sind in Plastik lind Mabris vielfach verarbeitet worden. so vor allem in den Reliefs deS großen Heiligtums von Boro-Buüur auf Java. Gänzlich fehlen künstlerische Antriebe im Auesta. dem heiligen Burst der Perser, und vor allem, hu Koran. Das A v e st a ist in seiner Hauptma.sso liturgischen Charakters, uud der Koran ist ein Gesetzbuch. Rur das Reue Testament steht dem Alten Testament an tünstlorischer Wirkungskraft nahe. Wenigstens die Geburtslegendo, die Abeudmahlsszene uud die Kreuzigung treten in einer unendlichen Fülle künstlerischer Gestaltungen aus. Daneben haben auch die Gleich,issc Jesu durch ihre yohe tüiistlerische Form anregend gewirtt. Endlich treten die gewaltigen visionären Bilder der Apokalypse als größter kultnrgeschichtkicher Stoff hervor. Die überwiegende Masse des nentestiimentltthen LehrUttums aber, die Briese, und Lehrschrjsreu und Anweisungen sur das Gemeindeieben. Sie haben kaum.einen künstlerischen Nachtlaug finden können. Im Aten Testament aber liech eine Fülle anschaulicher Darstellungen vor, deren bildhaft wirkende Kraft die Künstler aller Zeiten, von den bescheidenen Malereien tit den altchristlichen Katakomben au bis zu den Modernen, rmmer wieder empfunden haben. Würde das Alte Testament aus unserer Bildung ausgeschicde» werden, so würde das eine kulturelle Berarmmrg bedeuten, ebenso ivie die schwindende Kenntnis der anttken Kuktur' ein geistiger Verlust ist, der durch teilte technischen Fortschritte ersetzt werden kann. Wir würden ohne die Antike und ohne das Alte Testament sehr vieles in unseren! Kulturbesitz überhaupt nickst mehr verstehen. Die Auswirkungen, die das Alte Testament in Kunst, Dichtung und Antike gesunden hat, eingehend darzustellcn. hieße eine umfassende (beschichte dieser drei Künste schreiben. Ich kann deshalb nur an Höhepunkte erinnern, die jedem bekannt sind. AlS das Größte, was aus dem Alten Testament künstlerisch erwachsen ist, nenne ich die Deckengemälde der Sixtina von Michelangelo. Seine Prophetengestatteu find gewiß vom Geiste ihres genialen 'Schöpfers durchgtnttt, aber er hätte sie ohne ein inneres Verhältnis zu ihren Schriften iricht gestalten können. Am klarsten sagt das wohl die Gestalt des Jeremia. Und daneben stellen wir den Moses des Michelangelo, der in seiner dämonischen Gewalt als Offenbarung einer ewigen, allgewaltigen Willensmacht erscheint. Aus der Malerei hebe ich noch ein Größtes hervor: die al tt est am ent l iche n Bilder und Radierungen von K e in b r a u ö f. Und seit ihm hat die große Malerei bis zur Gegenwart immer wieder Gestalten wie Abraham, Saul, David. Elias oder Hiob zu erfassen gesucht. Wenn das in immer neuen, inhalrschweren Formen möglich ist, so müssen doch diese alttestamentlichen Gestalten etwas haben, lvas große Künstler an sie mt Bon den Schätzen, die der Musik aus denr Wen Testament zugeflossen stutz, brauche ich. nicht zu sprechen. Namen wie Orlando di Lasso, Palestrina, B ach. Händel, Haydn — etrva mit seiner reizvollen „Schöpfung"— und Mar Reg e r sind wohl genügend geschichtliche Zeugen. Welche Liefen Einflüsse es auf die Dichtung geübt hak. dafür haben wir Dante. Milton und K l o p st o ck als Zeugen. Herders Arbeit bat dann ein tieferes Verständnis des' Alten Testaments in seinent dichterischen Wert erschlossen. Besonders wertvolle Aufschlüsse aber geben uns Goethes eigene Mitteilungen wie seine Dichtung. Und im 19. Jahrhundert fleht etwa Hebbel vor uns. Vor allem ist die 8 y r i k vom Alten Testament nicht loszulösen. Wir würden ohne diese Verbindung wertvollste Schätze der lyrischen Dichtung nicht besitzen. In den ältesten Weihnachtskiedern verbindet sich deutsches Volksempsinden mit altles»rmentlichen Motiven aufs feinste, etwa in religiösen Volksliedern wie „Es ist ein Ros' entsprungen" und dem berühmten Klang „Tochter Zion, freue dich". Luthers Lied „Ein feste Burg" ist Umdichtung von Psalm 46, wie so viele andere katholische und evangelische Kirchenlieder unmittelbar aus den Psalmen hervorgewachsen sind. z. B. Paul Gerhards bekanntes Lied „Befiehl du deine Wege". Man tut düsen Gedichten Unrecht, wenn man sie nur als Choräle des Gottesdienstes ansieht. Es sind religiöse Volkslieder; als solche find sie entstanden und als solche haben sie irr ihrer Zeit lebendig gewirkt. Wie unendlich viele Kern Worte des Alten Testamen tL sind geradezu in unsere tägliche Redeweise eingegangen. In der Not des Lebens haben solche Worte gerade wegen ihrer ungebrochenen Einfachheit Mut tmb Kraft zugefprochen.