Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Professor Pr. K. Stäbe (Leipzig). Die Angriffe, die sich gegen das Alte Testament richten, gehen von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Einerseits erklären sie die sittlichen und religiösen Anschauungen des Alten Testaments für minderwertig, anderseits behaupten sie, es biete dem deutschen Wesen — oder der modernen Kultur überhaupt — keine Werte, da es in einer wesensfremden Welt seinen Ursprung habe. Zunächst steht es jedem frei, für seine Person nicht nur das Alte Testament, sondern die Religion überhaupt abzulehnen. Er kann sie als eine in veralteter Weltanschauung begründete Erscheinung, als eine Täuschung ablehnen oder sie höchstens als eine für das Leben zweckmäßige Fiktion gelten lassen, wie es B a i h i n g e r in seiner bedeutenden „Philosophie des Als-Ob" tut. Aber das Urteil über eine geschichtliche Größe sollte von der eign en Ueberzeugung unabhängig sein; es sollte auch fremde Erscheinungen aus sich und ihrer Welt zu verstehen suchen. Erklären wir Platons Philosophie St wertlos, weil wir seine Seelenlehre und seine hochpoetische etaphysik nicht mehr ohne weiters annehmen können? Ist das Alte Testament als Ganzes religiös-sittlich wertlos, weil hier und da Vorstellungen erscheinen, die nicht mehr für uns gelten können, die das Bild einer fernen, längst vergangenen Entwicklungsstufe des religiösen Bewußtseins geben? Wenn im Alten Testament Gott so stark vermenschlicht erscheint, daß er etwa im Paradiese in der Kühle des Abends wandelt, daß ihm ein Opfer gefällig ist, daß er sogar mit Abraham speist, so wissen wir doch, daß diese „anthrohomorphe" Gottesvorstellung eine Stufe der Entwicklung ist, die nicht mehr einer Anfangsstufe, wohl aber einer altertümlichen Form der Religionsgeschichte angehört. Und beruht nicht grade die künstlerische Wirkung des Alten Testaments auf dieser Bersinnlichung und Vermenschlichung? Wenn man auf solche Stellen hinweist, um aus ihnen den Unwert des Alten Testaments zu erweisen, so darf man nicht d i e Eottesvorstellung verschweigen, die in den Propheten und Psalmen, ja auch im Gesetz lebt, für die Gott eine absolut sittliche Willensmacht ist, der Heilige, der Vollkommenheit fordert. Und diese Seite überwiegt doch weitaus jene Nachklänge einer fernen Vergangenheit, die für die Höhe der alttestamcntlichen Religion selbst nur noch ein Nächklang alter, volkstümlicher Sage oder ein Mittel der bildlichen Veranschaulichung waren. Die M i ß v e r st ä n d n i s s e, denen das Alte Testament oft auch bei religiösen Menschen ausgesetzt ist, beruhen weniger auf dem Alten Te st am ent selb st als auf einer falschen und ungeschichtlichen Borstellung vom Alten Testament. Die letzte Ursache aller Mißverständnisse ist die Inspirationsichre, die eine unglückliche, mechanische Auffassung vom Wesen der Offenbarung brachte. Sie hat das geschichtliche Verständnis dafür versperrt, daß auch an den OffenbarungSreligionen das menschliche Werden seinen Anteil hat, daß es eben Stufen der religiösen und sittlichen Entwicklung gibt, die an die Tatsache gebunden sind, daß auch daS Ewige in zeitlich bedingter Gestaltung erscheint. Der zweite Einwand ist, das Alte Testament gehöre nicht in das innere Gefüge unserer Kultur, es sei dem deutschen Geiste wesensfremd und habe uns nichts zu sagen. Also müßte ■ es auS unserer Bildung — im Unterricht — und aus dem christlichen Gottesdienst entfernt werden. Auch hier mischt sich mit einigen Körnchen Wahrheit ein ungeheures Mißverstehen. Gewiß gibt es im Alten Testament Züge, die für uns als Menschen einer neuen Welt fremdartig sind, für die wir keine lebendige Beziehung mehr gewinnen. Aber ist nicht das gleiche der Fall bei den größten Dichtungen der Griechen! Homer, AischyloS, Sophokles sind die Unseren, wenn sie auch in Einzelzügen nur ihrer Zeit angehören. Liegt nicht auch im Alten Testament in ähnlicher Weise ein großer Besitz vor, der für uns durchaus noch Lebenswert hat? Das zeigt sich nicht nur in dem seelisch Erhebenden, mit dem so manches starke und milde Wort des Alten Testaments zu uns dringt, sondern auch in der K u n st, die doch am ehesten sagt, was im Seelenleben der Völker und Zeiten vor sich geht. Die Gestalten der alttestamentlichen Sage und Geschichte können mit denen der antiken Sage und Dichtung an künstlerischer Anschaulichkeit und innerem Lebenswert wohl verglichen werden. Warum gelten uns heute noch die Helden Homers und die Gestalten der griechischen Tragödie etwas? Weil in ihnen ein bleibender menschlicher Wertgehalt eine künstlerische Prägung gefunden hat, die sie fähig macht, in allen Wandlungen der Zeit immer wieder als Träger der gleichen und doch stets neuen Lebensprobleme zu dienen. Und ist es anders mit den Gestalten der deutschen Heldensage und Dichtung? Muß man noch die Parallele zwischen dem Lred von der Nibelunge Not und Friedrich Hebbel oder Richard Wagner ziehen? Auch hier ist mancher Zug an den Gestalten der alten Dichtung für uns nicht mehr faßbar; und doch behalten diese Gestalten als Ganzes ein ewig-menschliches Leben. Nicht anders liegt es beim Alten Testament. Gewiß sind seine Helden und Gottesmänner für uns Fremde, und in manchem Zuge bleiben sie uns fremd. Und doch bewahren sie ihre Größe, die sich immer neu gestaltet! Auch sie sind dadurch in den geistigen Besitz unserer nationalen Bildung eingegangm, so gut wie die Gestalten und Gedanken des Griechentums. Es gibt wohl solche, die diese Aufnahme der Antike in das deutsche Wesen mißbilligen. Aber an der Tatsache, datz eine starke Wurzel unseres geistigen Wesens die antike Kultur ist. läßt sich damit nicht rütteln. Man müßte dann auch das Christentum, das stärkste Erbgut aus der Antike, aus der deutschen Geistesgeschichte ausscheiden. Es steht jedem frei, das für wünschenswert zu halten; aber damit rst an der Tatsache nichts geändert, daß unsere deutsche Kultur mit diesen antiken Kräften durchsetzt ist, daß sie von ihr getragen ist. Niemand aber kann sagen, was an ihrs Stelle hätte treten können, um die Germanen zu höherer Kultur zu führen. Die innere Zersetzung ihrer alten Religion vollzog sich ohnehin schon. Man hat von den Israeliten — und den Semiten überhaupt — behauptet, sie hätten keine Gabe zu künstlerischem Gestalten. In der Tat ist daran s o viel richtig, daß die alten semitischen Völker in der Kunst keine Schöpfungen von höchstem Rang ausweisen. Aber betrachten wir die Tatsachen der Kunstgeschichte einmal unbefangen, so ergibt sich, daß die Gabe zu künstlerischem Schassen in eigentümlicher Weise in der Völkerwelt verteilt ist. Wo sie mangelt, ist sie entweder durch andere geistige Leistungen ersetzt oder durch besondere Umstände zurückgehaltcn. Der Trieb zu künstlerischem Gestalten — das zeigen sowohl vorgeschichtliche Fundstücke wie die Kunstübung primitiver Völker deutlich — ist der ganzen Menschheit eigen. Wir sehen ferner, daß gewisse künstlerische Fähigkeiten bei bestimmten Völkern vorherrschen. Der Sinn für das Ornamentale tritt schon bei Völkern der Südsee, zum Beispiel den Maoris nnd manchen Polynesiern, und besonders den Japanern hervor. Völker von ausgesprochen malerischer Begabung sind Chinesen und Japaner. Die Architektur beherrscht das Kunstschafsen der Aegypter und Inder; was sie sonst leisten steht in engem Zusammenhang mit ihrer Architektur. Das klassische Volk der Plastik sind die Griechen. Es sind jedesmal besondere Umstände, die diese oder jene künstlerische Leistungen begünstigen. Die natürliche Umgebung,, die Lcbensanschauung, vor allem aber die Religion sind hier gestaltende Mächte. Nun ist klar, daß die Semiten in gleicher Art. nicht künstlerisch geschaffen haben; aber wir suchen die Ursachen dafür. Sehen wir nur das Volk des Alten Testaments an. ES ist ein kleines, in bescheidenen Verhältnissen lebendes Bauernvolk. Im Leben eines solchen Volkes liegen zunächst keine starken Antriebe zur Kunst. Ferner fordert jede hohe Kunst eine hohe Blüte deS wirtschaftlichen Lebens und der staatlichen Macht. Die ägyptischen, assyrischen und persischen Könige konnten allerdings ihr Machtbewußtsein in gewaltigen Bauten darstellen, zumal ihnen dazu, auch Menschenkräfte zu Gebote standen. Wie sollte in Israel eine große Kunst entstehen, wo Reichtum und Macht fehlten? Erst Salomo konnte es wagen, einen Tempel zu bauen, der seine Neigung zu Pracht und Herrlichkeit verkündete. Nach seinem Tode aber zeigte sich auch sofort, daß Hofhaltung Salomos die Kräfte seines Volkes erschöpfte. Er wollte den Glanz seines Reiches erhöhen, indem er die Hofhaltung der Großkönige in Aegypten und: Assur nachahmte, wie einst kleine deutsche Fürsten mit dem Hose, von Versailles zu wetteifern suchten, gewiß nicht zum Segen ihr« Länder. Wenn Salomo für einen Tempelbau phönizische Meister und Arbeiter heranzog, so beweist das nur. daß die reichen phönizischen Handelsstädte eine große Kunst Pflegen konnten und dafür Künstler hatten. Wie hätte denn das einfache israelitische