Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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In dem anderen Falle dient das Wort „Raffe" zur Einteilung und Gruppierung, „Raffen" sind in diesem Siune Gnrppen von Individuen, die, abgesehen von den gemeinsamer Artmerkmalen, unter sich in einer Anzahl engerer Merkmale gestaltlrcher, physiologischer und vielleicht auch psychologischer Art übercinstimmen bzw. sichvon den. anderen unterscheiden. Es sind dies z. B. die sogenannten „Menschenrassen". Auf Raffen in diesem Sinne sind Werturteile nicht anwendbar. Solche Rassen können weder verbessert noch verschlechtert werden. An Versuchen, die beiden im. Kern verschiedenen Begriffe — der eine umfaßt eine Summe von Eigenschaften, der andere eine Sunrine von Individuen — zu vereinigen, bat es naturgeinäß nicht gefehlt; denn das Untersuchungsmaterial ist in beiden Fällen dasselbe, und eine Anwendung der rasstnbwlogischen Forschungsergebnisse auf die anthropologischen Raffen ist deutbar. Aber diese Versuche (Z. B. vou Scheidt) haben keinen Anklang gefunden. Nach wie vor laufen die beiden Anwendungsweisen öes Wortes „Rasse" in der Fachliteratur nebeneinander her. In der ausgedehnten dilettantischen oder halbwissenschaftlichen „Rassen"°Literatnr aber werden die beiden Begriffe vollkonnnen durcheinandergerührt nnd mit Sicherheit innner gerade das, was nur für den einen gilt, auf den anderen bezogen. Besonderer Viißbrauch wurde aber mit den R a s s e n uhe r k m a l e n getrieben. Man findet überall (auch in Schulbüchern) dm Satz: „Charakteristisch für die Rassezugehörigkeit sind nicht die Merkmale', sondern die Inlagen'." — Das heißt: Da die äußere Erscheinung (kkuenot^pm) auch äußeren Einflüssen unterliegt und manche Merkmale verdeckt vererbt werden, kommt es für die Rassenforschung weniger aus die zutage tretenden Merkmale als auf die erblich festliegenden Anlagen bzw. Reaktionsweisen (Oeuot/pus) an. Ans der falschen Auslegung dieses Satzes wurde, indem man den wissenschaftlich eindeutigen Begriffen „Merkmal" und „Anlage" den Sinn unterschob, den sie in der Umgangssprache haben: „ä u ß e r e 8 Merkmal" — „in nere,psychische, seelische C h a r crkter(!!)- anlage", die wildeste Rassenpsychologie anfgebaut. In diesem Punkte mußte sogar Eugen Fischer, der Direktor des neum Rasseninstituts in Dahlem, der allzulange dazu geschwiegen hatte, schließlich von seinem Schützling Günther abrücken (Vorwort zur Veröffentlichung des Ergebnisses des von ihm und Günther ausgeschriebenen Wettbewerbes für den besten nordischen Rassekopf in „Voll und Rasse", 1926). — Auf wie schwachen Füßen aber die ganze Rassenpshchologie steht, hat mit aller Deutlichkeit Lenz (Baur, Fischer, Lenz: „Menschliche Erblichkeitslehre nsw.", 3. Auflage, 1927) ausgesprochen: (S. 520): „Die Unterschiede zwischen den verschiedenen (seelischen. D. Vers.) .Rassenaiilagen' sind im allgemeinen, weniger hochgradig als bte zwischen normalen und krankhaften Anlagen." (S. 522): „Direkt können wir die seelischen Unterschiede der ursprünglichen Raffen, welche in unsere Mifchbevölkernng eingegangen sind, nicht mehr feststellen." Alle Folgerungen haben danach nur den Wert von Vermutungen. Wenn man seelische Rassenunterschiede seststellt, kann es sich (S. 522). „selbstverständlich nur um Durchschnittswerte handeln". „Bedenklich ist es dagegen, aus besonders .typischen' Vertretern die Anlagen der Rassen erschließen zu wollen, weil die Auswahl des typischen' bereits bestinrmte Vorstellungen über das seelische Bild der Rasse voraussetzt." — .Leider können wir bei dem einzelnen hochbegabten Menschen kaum jemals mit Sicherheit sagen, ob er seine Begabung jener Rasse verdankt, der sein Aeutzeres entsprülzt, oder nicht möglicherweise der Mischung mit einer anderen." Am schärfsten wird Lenz in der Ablehnung von Clanß („Die nordische Seele", 1923): „Ja, woher weiß er überhaupt, daß es eure »nordische', eine »ostische', eine yvestische' nsw. Seele gibt? Er setzt das zu Erforschende einfach schon voraus und täuscht sich und andere über seine Methode." Das ist deutlich geling und um so gewichtiger:, als Lenz unbestritten die erste Autorität ans dem Gebiete ist. Sind schon die bisherigen Ergebnisse der ernsthaften. Rassenpsychologie so kümmerlich, so besteht anderseits kaum eine Aussicht, mit ihr weiterzukommen. Derartige Forschungen stehen und fallen mit der Erforschung der Erbgänge. Für die normalen psychischen Eigenschaften (die krankhaften find, weil nrcist auf einem einzigen. Erbfaktor beruhend, besser bekannt!) fmb die Erbgänge völlig unbekannt. Da Charakterzilge, Begabungen nsw. zusammengesetzte Eigenschaften sind, mühten diese erst in meßbare Grundbestimdtrile aufgelöst werden» die möglicherweise alle getrennt und vielleicht sogar nach verschiedenen Gesetzen vererbt werden. Eine solche Psychologische EleinentLranalyse ist bisher nur bei der musikalisthen Begabung gelungen, einem Komplex, der mit niehr als zwanzig Einzelfaktoren immer noch einer der einfachsten zu sein scheint. — Solange es nicht gelungen, ist, die wichtigsten Charakteranlagcii in ihre Elemente zu zerlegen und diese getrennt auf ihren Erbgang zu untersuchen, so lange kann, die Raffen- Psychologie keinen Anspruch daraus erheben, ult Wissenschaft gewertet zu werden. Von anderer Seite (Kretschmer: „Körperbau, und Charakter")' ivird sogar der Standpunkt verfochten, daß die Charaktereigenschaften, also der Hauptbestandteil der „Seele", fonftitutiönelle Eigenschaften seien, die mit „Raffe" überhaupt nichts zu tun haben. Völlig bedeutungslos für die Rassenforschung'- im bisherigen Sinne ist die mit so großem Aufwand inszenierte großzügige „Bl utg r upp e nsvrschnng" geworden. Glaubte man znerst, in der Wutreaktivn das entscheidende Rassenmerkmal gesunden zu haben, so wurde man von Jahr zu Jahr bescheidener. Wenn die Zugehörigkeit zu einer der vier Blutgruppen über, hmipt etwas, mit Rasse p tun hat — was inrimrhM möglich erschien, da die- Eigenschaft einen charakteristischen Erbgang zeigt so konnte sie nicht Vas, sondern im günstigsten Falle nur ein, mit soundso vielen gleichwertiges Rassenmerkmal darstellen. Dann müßte sie' aber irgendwelche Beziehungen zu anderen- Merkmalenhaben. Solche Verbindung der Blutreaktivn mit irgendeinem anthropologischen Merknial konnte bisher in keinem Falle sicher nachgewiesen. tverden. Alle derartigen: Behauptungen G B, von Bernstein) beruhten ausnahmslos auf unzulässig, kleinem Beobachtnngsmaterial. Für die Zuordnung des Einzelmenschen zu irgendeiner Raffe bieten die Bkntrmtersuchungen uichtdieallerg er i n g sie H an öch-a be: Damit ist eines der' stärksten und auf die unkritische Blaffe wirksamsten Raflenkampfmittel völlig irr sich zusammengebrochen. Me neueren Untersuchungen, aus diesem Gebietehaben fid) auf einen locchch sehr anfechtbaren AuSweg zurückgezogen. Man untersucht die prozentuale Verteilung der vier- Blutgruppen, und konstruiert daraus einen Index, der die Verteilung charakterffiert. um «ns dessen Größe eine Anschauung für die. Beteiligung der verschiedene» Raffen an der Zusmnmensetztmg der einzelnen Böller zu gewinnen.. Auch diest Versuche kannmanschon als gescheitert cmsxhen. Auf der ganzen Erde, gang gleich, ob es' sich um Schweden oder Indianer. um nahezu raffereine oder weitgehendgemischte Böller handelt, überall sind, alle vier- Blutgruppen. (0, A, B, AB) vertreten. Ueberall stellt die Gruppe ABden geringsten Anteil (höchstens 1s Prozent), dann kom»A immer B; überall betragen 0 und Ä zusammen mindestens 70 Prozent der ganzen Bevölkerung. Die gegenseitige Beteiligung dieser: beider,, größten Gruppen, wechselt zwar, aber nicht eindeutig! Und da gerade ihr Verhältnis in de»- üblichen Jndexberechnungen zugunsten der kleinen Gruppe B und AB; weitgehend unterdrückt wird, verzichtet man schon mehr und mehr aus den Index und stellt nur die Prozentzahlen fest. Wer auch mit diesen ist nicht viel anzufangcn: weitaus die Mehrzahl der bisherigen Untersuchungen ist an sich wertlos. Allzu- Mringr Zahl der. Untersuchten, ungenügende Berücksichtigung der Fehlmguellen, unzulängliche oder ganz unterlaffene mathematische Aufbereitung des Materials sind ihr« charaktrristisck^n- Merkmale: Was an^einwandfreien Zahlen übmg bleibt, läßt keine sicheren Schlüsse im. feinne der Rassenlehre zn und berechtigt auch nicht zw Hoffnungen aus die Zukunft. Fest steht nur eine merkwürdige geographische Verschiebung der BlutgrupM» Verteilung vom Aordwesten Europas nach Osten und auch wohl nach Süden mit den: Isländern und no-rdanrcrikmnschen: Indianern als größten Gegensätzen. Dabei fällt auf, daß die Juden Berlins, («utmsucht von Schiff und Ziegler) sich von übrigen Gruppen des deutschen Kulturkreifes ga r n icht, die Juden. Polens vom 8cn anderen Polen nur wenig unterscheiden. Dagegen weicht die Blutgruppeiwertrilung der Juden Polens und der Spaniolen in Mouastir von der der Berliner Juden in demselben Sinne ab wie dieihrer Umgebung von der Wrddeutschländs. Di«: Ursachen dieses Verhaltens sind völlig unklar. Die geographische Verschiebung deutet' vielleicht eine Beziehungzwischen Blutreaktivn und unbekannten äußeren E.mslüffrn an. Mit den Rassen aber hat sie jedenfalls nichts'zu tun. Auch hier sehen wir den charakteristischen Widerspruch der Autoren desselben Buches: der Anthropologe Fischer fleht in der Blutreaktionssorschuug für die Rassenlehre aussichtsreiche Anfänge, der Genetiker Lenz bezeichnet sie ironisch als die „große Diode" (a. a. O. S: 317). Zusammensaffend kann man sagen: Die moderne Forschung in ven in Betracht kommenden Wiffenschafts-