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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-01 · Heft 9 (September 1928) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1928
Issue
Heft 9 (September 1928)
Date
1928-09-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Schwere nationalsozialistische Ausschreitungen in Vremen und Oppecheim. W.G. Bremen, 25. September 1928. Durch die Presse des In- »ud Auslandes ist die Meldung von de» unerhörten nationalsozialistischen Terrorakten in Bremen gegangen, deren Opfer sogar ein ausländischer Konsul wurde. Will man ergründen, >vie in der sonst so ruhigen und behäbigen Hansestadt solche Vorfälle überhaupt möglich geworden sind, so muß man schon einen kurzen Blick in die jüngste Vergangenheit werfen. Die Rcichstagswahlen im Mai dieses Jahres brachten den Bremer Ortsgruppen der antisemitischen Parteien eine schwere Niederlage. Bon bcu etwa 170 000 abgegebenen Stimmen erhielten: 1924 1928 Verlust Völkische. 8 800 1 8501 —05% Nationalsozialisten . 1 2361 Deutschnationale . . 18 600 11 300 —39 % Dieses Ergebnis hatte eine fast vollständige Lähmung der Deutschnativnalen und der völkischen Freiheitsparteiler zur Folge. Die beiden Parteien haben sich bis heute jeder politischen Tätigkeit enthalten. Anders die N a t i v n a l f o z i a l i st e n. Zwar verursachte die Niederlage nach der große» Wahlagitation und den überfüllten Bcrsainmlimgen auch hier erheblichen Katzenjammer, doch gewann der unentwegte Betätigungsdrang der meist jugendlichen Mitglieder bald wieder die Oberhand. Es gelang den „Führern" eine Art Revanchestimmung zn erzeugen: „Nun erst recht!" Die neue Aktivität machte sich zunächst im Ankleben von allerlei blutrünstigen Plakaten ohne Unterschrift und Druckfirma Luft. Als oie Polizei diesen Unfug unterband, sannen die Hitler-Leute auf neue Taten. Jeden Mittwoch kam der Kern der „Nationalsozialistischen Arbeiter-Partei", die „Sturm-Abteilung" iS.-A.), in einem Vorstadtlvkal zusammen und berauschte sich an Alkohol und den Hetzereien des „Angriff" und deS „Völkischen Beobachters". Man beschloß, auch etwas für die „nationalsozialistische Revolution" zu tun, nämlich „Juden zu verhauen". Eine Gruppe von sechs bis zehn jungen Burschen suchte nach der Versammlung die Hauptverkehrsstraße vom Bahnhof zlim Markt auf und schlug dort ahnungslose Passanten blutig, nur weil diese dein Aussehen nach hätten Juden sein können. Die Täter ließen über ihre antisemitischen Beweggründe niemals einen Ziveifel. Aeußerungen, wie „Du verdammter Jacob Wassermann: Judentum (SMuss). alles Akzent. Es ist ihm sozusagen die Idee des Daseins geraubt, infolgedessen muß er jede Wirkung imb jedes Gelingen erst ertrotzen, muß seine Anlagen und Fähigkeiten überspannen und bildet ein jammervolles Schauspiel beständiger Unruhe und beständiger Gier. Er gibt sich nur hin, wo er sich verlieren kann und bewundert nur dort, wo er sich verstoßen fühlt. Im Grunde seines Herzens glaubt er bloß an das Fremde, das Anderssein, erklärlicheriveise, denn als ein Entgötterter ist er nnverwandelbar und sucht vermittels eines Salto mortale oder einer Ekstase die Ergänzung im Gegensatz. Die im fruchtlosen Widerstreben vergeudete Seelenkraft macht sein Gemüt arin und drängt den Geist auf das Feld steriler Spekulation. Aber er leidet auch, und sein Leiden ist ein tödliches. Der Jude hingegen, den ich den Erben nennen möchte, er ist natürlich eine symbolische Figur, ich könnte ihn ebensogut den Erfüllten nennen, ich habe ihn einmal den Orientalen genannt, vermeide aber die Prägung hier, weil sie zu Mißverständnissen führen kann, dieser also ist seiner selbst sicher, da ihn ein unverlierbares Blntbcwnßtsein an die Vergangenheit knüpft und eine hohe Verantwortung der Zukunft verpflichtet! er hat nichts von einem Fanatiker und nichts von einem Zurückgesehten; was der andere außen sucht, hat er innen. Er ist frei, jener ist ein Knecht. Er ist tvahr, jener lügt. Er kennt seine Quellen, er ruht schaffend, jener ist der ewig wandernde Umvandelbare. Damit wäre das, ivas ich als die psychologische Situation bezeichnet habe, in den wesentlichen Linien Umrissen. Ihnen das Bild selbst, mit allen seinen Hintergründen, in seiner ganzen ungeheuren Ausdehnung;» geben, ja auch nur anzudeuteu, daran muß ich verzagen. Es iväre eine Aufgabe, der heute ein einzelner kauur mehr gewachsen ist, schon darum nicht, weil die Verwirrungen, die noch bestehen, eine unbefangene Anschauung nicht ermöglichen und deshalb der Geschichtsschreiber niemals in der Lage ist, sein Urteil abznschließen. Was bei der Betrachtung aller andern menschhcitlichen Gruppen mühelos geschehen kann, Lokalisierung, charakteristische Teilung, Verbundenheit, llebersichtlichmachnng des historischen Ablaufs, alles dies stößt hier ans unübertvindliche Schwierigkeiten. Schon die einfache Frage: ivas ist ein Jude? ist kaum recht bcantivvrtbar. Er ist nicht der Angehörige einer Nation. Die jüdische Nation hatte ans den Trümmern Jerusalems und Bethars arifgehört zu existieren; der jüdische Staat ist vor zweitausend Jahren unter den Tritten der römischen Legionen znsainmengebrochen. Die innere Verbindung erhielt sich durch zahllose, über ganz Europa verstreute Gemeinden und konnte dauern, solange der äußere Druck keine anderen Stützpunkte bot als die religiösen Ueberliesernngen. Sie bestehen heute nur noch in orthodoxen Zirkeln, die ebenfalls über die ganze Erde verstreut sind, nichtsdestoweniger heißen und nennen sich auch diejenigen Mitglieder des ehemaligen Volkskörpers Juden, die mit dem Ritus und Kultus der Vorväter nichts mehr zu schassen haben, die frei sind von irgcndivclcher religiösen Bindung und nichts mehr in sich tragen von jenem Gefühl des Glanbensmartyriums, das überall, >vo Juden wohnten, blutige Schauplätze geschaffen hat, unter der Magierherrschaft an den llfcrn des Euphrat, wie in Spanien, am Rhein und in den russischen Steppen. Es ist ein rätselhafter Vorgang, der in der Geschichte keine Analogie hat. Das ganze Leben der Juden in der Diaspora spielt sich zwischen den zwei Gcfühlspolcn Erinnerung und Hvfsnnng ab. und die ganze Geschichte der Juden durch diese zivei Jahrtausende ist keine Heroen- und Dynastengeschichte, keine Darstellung blutiger Ereignisse und kriegerischer Verwicklungen, sondern lediglich eine Kulturgeschichte, die nicht einzelne überragende Geister zn Trägern hat, sondern ein ganzes Volk. Ich habe einmal ein Gleichnis gelesen, das ich nicht vergessen habe: Wie ein mächtiger Strom, der sich ins Meer ergießt und trotz der innigen Berührung mit dem neuen Element seinen eigenen Lauf ei »hält und seine Farbe nicht wechselt, so haben die Inden inmitten der Bewegung durch die Völker ihre Art behalteu und ihr Wesen sich bewahrt. Und cS ist so, etwas von tiefer Stammeserinnernng steckt in jedem, etwas von der seligen Mcssiashvsfimiig in jedem. In der Seele eines jeden Inden sind Engramme des Leidens zn finden und verbliebene Aengste des Gchctzteir und Verfolgten. Zweitausend Jahre sind eine Ewigkeit für das Individuum, im Gedächtnis der Generationen bedeuten sie nur eine kurze Spanne Zeit. Und es ist für jeden Judcir das wichtigste Lcbensproblein, wie er mit dein ihm inneivvhnenden Gcnerationengedüchtnis fertig ivird. Als ich ivährend meines Aufenthaltes in Neiv Dort durch die Straßen der Bronx ging, dieses bcisPieNosen Elendsviertels, in dem Millionen Menschen ärger zusammengepfercht leben als in den mittelalterlichen Ghettos, als ich da die Tausende und Tausende von Judenkindern sah und die unfaßliche Melancholie in den unwissend-wissenden Augen, wurde cs mir klar, daß der Aufstieg einzelner zu Reichtum und Macht in den meisten Fällen nur der vehemente Gegenstoß der Generativn'nwerzweiflnng ist. Denn die Erfüllten gehen einen anderen Weg. Sie leben eine Freiheit voraus, die nicht mehr von Emanzipation und Toleranz abhängt. Vielleicht ist das der eigentliche Sinn ihres Lebens.

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