Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Tollwut / 60 Friedhofsschämhmgen in DeutschlandI /n Westfalen ist in diesen Tagen in kurzen Folgen nach gleichen sinnlosen Gemeinheiten die 60. (sechzigste!) Friedhofsschändung geschehen. H yslerisch-robuste Zeitgenossen werden sagen: Was gehen uns die Toten an? Und, Werden sie sagen, Wenn sie niemand hört — das ist das Entscheidende, es ist doch nur die 60. Schändung j ii dis eher Grabstätten. Soweit sind wir heule. Spricht ein Jude gegen solche irrsinnige Trottelei, so ist er ,,Parlei", sagt der hysterisch-robuste und „christliche“ Zeitgenosse, darum trete ich vor, weil ich nicht Partei bin, und sage, im Bewusstsein, dass es eine Schande ist, solches in Deutschland sagen zu müssen: Es ist das undcutschesle, unchrisllichste, roheste, gemeinste, feigste Milhelfen bei dem Handeln einer Verkommenheit, deren wir uns nicht nur zu schämen, gegen die jeder, ohne jeglichen Unterschied, mit gewaltigster Verachtung vorzuge/ien verpflichtet ist. Das ist keine kleine Sache, das ist keine Konfessions- oder Glaubenssache, das hat mit Politik nichts, aber schon gar nichts, mit gar nichts anderem zu tun, ah damit, dass sich in diesem Handeln Eigenschaften zeigen, zu denen verurteilende Worte, wie bübisch, bestialisch, viehisch, nicht hinreichen; hier stockt wirklich das menschliche Wort, das der Anfang und das Ende ist — das ist das Ende, jeglichen, auch nur hauchartigen Tier- oder Menschseim. Das ist das Ende, die Verdammung, der umgeslürzle Gipfelpunkt der Vermaledeiung. Ich bitte alle grossen Zeitungen aller Richtungen des Menschseins in Deutschland, alle Ellern. Lehrer, Geistlichen, jeden, der irgend sich auch nur einer Spur Mitverantwortung der Gesamtheit gegenüber bewusst ist, sich am der stumpfen Gleichgültigkeit des Zusehens bewusst zu werden, dass sich in diesen systematisch betriebenen nächtlichen briedhofsschändungen eine Verwilderung zeigt, gegen die jedes Verbrechen anderer Art gering und entschuldbar erscheint — wieder stocke ich, die Worte greifen daneben, und fehlen — als unsere menschliche Sprache sich der Tierheit entwand, da war solches nicht vorhanden, nicht zu bezeichnen, tt>us im Jahre 1928 in Deutschland lebt. Sind die Gräberbesudler, die Grabstcinzertriimmcrer Kinder oder Halbreife, wie in den meisten Fällen, dann tragen in noch höherem Masse die Schuld die „Erwachsenen", für die es erst recht kein Wort gibt, das verdammend genug wäre, für solche, die jugendliche Seelen derart durch Verhetzung in den letzten Gestank und Schlamm der Selbslenimemchung, und dadurch Selbstverdammung, hinabschleudern. Ich hielte so gern diese, meine Wenigen Zeilen jedem vor Augen, aber soweit sind wir in Deutschland, dass ich nicht weiss, Welcher Korrespondenz ich diese Zeilen anvertrauen sollte, damit sie sie verbreitete, es ist ja alles Partei. Man Messe das eine ,,jüdische Aktion", oder man schwiege mich tot, und so verantwortungslos ist der grosse Teil unserer Presse geworden, so sensalionsgierig, dass sie meine Worte Wohl druckten, aber nur, wenn sie sie allein drucken könnten, denn fast alles sieht nur mehr sich und nicht die Gesamtheit. Was bleibt? Die Bitte: Sprecht jedes, das diese Zeilen liest, jedes, ohne jede Ausnahme, zu allen, die auch erreichbar sind, überall über die Eriedhofsschänder, es darf keine Ausnahme, kein Aber oder Doch heimlicher oder offener Art geben! Machleuch und jedem klar, dass Tollwütige durch unsere Nächte streifen, die für jede Seele grösste Gefahr bedeuten, vernichtet die tollwütigen Seelen der Schänder durch einen Sturmwind eisiger Verachtung. Oder soll es noch tiefer hinabgehen? "Walter von Molo. liiüiinir Illllillll Jacob Wassermann: Judentum (Fortsetzung). lernen und Ausgaben machen wollte, weil seit einiger Zeit ein kleiner Negerjunge ans der letzten Bank saß, dadurch, sagten sie, seien sie in ihrer Persönlichen Freiheit beeinträchtigt und gelähmt. Abschliesiend bemerkte ich meinen: wohlwollenden Mahner dies: wo eine Gesamtheit ungerecht beschuldigt und ungerecht verlästert wird, gute Menschen und schlechte, mittlere und unzulängliche, Menschen eben und daher nicht besser und nicht schlechter als andere Menschen, da kann ich, als dieser Gesamtheit zugehörig oder auch mir zngczählt, mich nicht zu den Beschuldigern und Beschimpfern schlagen, solange auf der anderen Seite, wo der Richtspruch sällig ist, die Gerechtigkeit mit Füßen getreten tvird. Ich wäre ehrlos, wenn ich cs täte. Seit dieser Auseinandersetzung habe ich in der Figur des Gregor Waremme im Fall Manrizius die heterogenen Strömungen innerhalb des Problems zu gestalten versucht. Dem oberflächlichen Blick könnte es scheinen, als sei damit der Typus des Renegaten verkörpert, uiid zwar in seiner höchsten geistigen Vervollkommnung, mit einem Auslug dämonischer Genialität. Es ist klar, daß eine derartige Figur, wennschon ja fast alle handelnden Menschen Fragmente einer Idee, doch alle jene Entfaltungen enthält, die in der Wirklichkeit meist nur fragmentarisch Vorkommen. In dieser Hinsicht sind ja fast alle handelnden Menschen Fragmente einer Idee. Genauer betrachtet, stellt Mareinme eine moderne Personifikation des Ahasver-Gedankens dar; das zwiefache Motto, dem er seine durch eine entscheidende Erkenntnis mitten entzwei gerissene Existenz unterstellt, heißt: von Ost nach West, dann: von West nach Ost; seine wandlnngssüchtige, fluchbeladene Seele verlangt nach einem Zustand der Gleichlage, aber der Geist in ihm,' als zerstörerisches Element, macht ihn wurzellos und unermeßlich einsam. Diese Formel: von Ost nach West, von West nach Ost hatte nrich jahrzehntelang beschäftigt. Ich war darauf gekommen, daß sich im Dasein des Juden eine sonst nicht zu findende Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kundgibt. Ich glaubte es so ausdrücken zu können: der Jude ist entweder der gottloseste oder der gvttersüllteste aller Menschen; er ist entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es in neuen, utopischen, das Alte vernichtenden, oder er will in anarchischer Einsamkeit nur sich selber srichen. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Antrengungen im Kainpf gegen die widrigsten Umstände, der ortwährrnde Instand der Abwehr, der Selbstbehauptung, das Plötzliche Erwachen am Mvrgeir eines Kulturtags, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Massen dieser Kultur, all das war wie ein beständig sich erneuernder Vergiftungs- Prozeß, weniger für den Gesamtvrganismus als für den losgelösten einzelnen, und nur wenn dieser einzelne eine Persönlichkeit von Rang war, konnte er sich deir verhängnisvollen Folgen entziehen. Dann nämlich wurde er sich des großen Zusammenhangs bewußt, ewige Symbole trugen ihn, er befand sich sozusagen im Reich des Mythos. Es ist der Gegensatz zwischen Aerwelkung und Fruchtbarkeit, zwischen Vereinzelung und Zugehörigkeit, zwischen Verzweiflung und Einheit. Sich von der Vergangenheit abzuschneiden, ist das krampfhafte Bestreben des auf sich gestellten Juden, gerade weil ihn Erziehung, Milien und vielfach Verpflichtung äußerlich wie innerlich noch an die Vergangenheit binden. Aber er findet in der Bindung das Gesetz nicht, daher zerreißt er sie und stellt sich auf sich selbst. Wenn einer bloß ans sich selbst steht, steht er auf nichts; daß er dann die Unsicherheit seiner Position immerfort spürt, ist nicht weiter verwunderlich; weil er sie spürt und darüber unglücklich ist, will er sie desto glaubhafter machen und greift zu Mitteln, die seinen Charakter kvinpromittieren, indem sie sein Selbstgefühl nur in der Gebärde steigern, alles wird Gebärde an ihm, alles Ueberhitznng,