Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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7b Bilder von Mar Liebermann, Heinrich Heines „Lorelei"; wenn da überall kein Natnrgestthl ist, und in Künstlern und Dichtern kounnen ja nur die latenten Fähigkeiten der anonymen Masse zum Ausdruck, die in der Masse schlummern, so müssen wir eine neue Vokabel dafür finden. Die Bausrh- und-Bogen-Kritiker vom Schlage meines Philosophen vergessen immer den historischen Tatbestand. Sie vergessen, das; seit der sogenannten Emanzipatioi; noch nicht hundert Jahre verflossen sind, und das; noch um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sich ein großer Teil der deutschen Juden in mittelalterlicher Zwangshaft befand; hier in Bayern zrnn Beispiel war das demütigende Matrilclgesetz noch nur 1850 in Kraft. Der Schritt von der Dunkelheit ins Licht geschah gleichsam ohne Uebergang, in fünf Jahrzehnten sollte eingeholt werden, was in einem Jahrhundert versäumt worden war: Mitleben, Mitschasfen, und das in einer widerstrebenden Welt, die die gleichberechtigte bürgerliche Existenz nur als eine Gnade gewährte. Zweifellos hatten die Juden durch ihre Haltung dazu bcigetragen, die Gnadenspender glauben zu machen, daß sie sich durch die Toleranz, die man gegen sie übte, geehrt und beglückt fühlen müßten. Der Jude, namentlich der religiöse Jude, ist sehr empfindlich gegen alle Angriffe aus seine Religion, seine Ueberlicsernngen und die Reucheit seiner Ueberzcngung. Aber um das offenbar Absurde, die verleumderische Verdächtigung schlechthin abzuwchren, dazu fehlt es ihm sehr oft an Stolz. Bei Gelegenheit des Tisza-Eszlarer-Prozesses, des Hilsner- Prozesses, des Kiewer Ritualmvrdprvzesses, also noch im letzten Biertel des neunzehnten Jahrhunderts, ließen sich die westeuropäisckpm Juden von den berühmte;; Professoren aller Länder, von Bischösen, von regierendeil Herren Gutachten ausstellen, daß ein Mord aus rituellen Gründeil im Judentum niemals verübt ivvrden sei, und das; die religiösen Gesetze eine solche Tat verdaiilintcii. Ich finde, das geht jti weit. Dünkt es dem Juden unerläßlich, sich seinen Leumund amtlich und wissenschaftlich bescheinigen zu lassen, so werfe er einen Blick in die vergleichenden Statistikeil der Verbrechen, verfertige eine Liste seiner Trunkenbolde, seiner Mörder, seiner Syphilitiker und fordere vor dem Triblinal der Menschheit einen Spruch, ob irgendivelche Gewalttat, irgendein Rechlsbruch, den er begangen, sofern er ihn begangen, auch nur ein Schatten von Sühne sei für die zahllosen Metzeleien, denen die verflossenen Jahrhunderte nichts von ihrer Schanerlichkcit genominen haben, für die Einschränkungen und Erniedriglingeii, die Haft in abgesperrten Vierteln, die Verseinling, die Schandabzeichen, die immer wiederholte Vertreibung voll Haus und Hof und Stadt und Land; mit dieser Vergangeilheit auf dem Rücken sich sein Wohlverhalten attestieren lassen, ist ungefähr so, wie wenn einer, der mt§ dem Hinterhalt mit vergifteten Pfeilen beschossen wird, arrsruft: „Warten Sie eilt wenig, bis ich mein Schulzeugnis geholt habe." Im Hinblick aus die Selbstverständlichkeit der Leidenserduldung zeigt die spezifische jüdische Anekdote zuweilen einen geradezu bitteren Tiefsinn. Ein galizischer Hmisierer wandert mit seinem Svhnchen durch ein Bauerndorf und wird von Kindern mit Steinen beworfen; als der Knabe sich bückt, um eineil Stein aufzuheben und zurückzuwersen, ruft ihm der Vater beschwörend zu, indem er drohend den Arm gegen die Verfolger reckt: „Tu s nicht, mein Jüngelchen, sie sollen sich das nur augewöhnen." Ans den Kommentar dazu verzichte ich. Eine beinahe tragische Schwierigkeit sozialer und geistiger Art entsteht für diejenigen Juden, die sich in die europäische Kultur eingelebt haben oder sogar an ihr tätig initarbciten, ohire doch imstande zu sein, völlig ein Gefühl in sich zu bekämpfen, das ich die Stammeserinnernng nennen möchte, und das, auch bei sonstiger humaner Lebensgcstaltung, sehr häufig als verkrampftes Ressentiment in der Seele verbleibt. Darüber zu siegen und es in freier Menschlichkeit auf.znlösen. erfordert nicht nur einen entschlossenen Gerechtigkeitswillen, sondern auch die Einsamkeit einer selbstseienden Persönlichkeit. Vor drei Jahren brachte eine deutsche Zeitschrift, die nach ihrer eigenen Angabe für kultnreUe Erneuer,mg wirkte, aber trotzdem wenig beachtet lvnrde, ich glaube kann;, das; sie noch existiert, einen an mich gerichteten offenen Brief, worin mir neben mancher glitcil Zensur und anerkennenden Feststellung der Vorwurf gemacht wurde, als zeigte sich in meinen «Skiristen eine gewisse Tendenz, das Cchädliiigswesen in der Literatur und im öffentlichen Leben, iusofern es von Juden ansgcht, zu verschleiern oder zri verschweigen. Ich fand nlich verpflichtet, die klug und anständig gehaltene Epistel zu beantworten. Ich erzählte den; jugendlichen Verfasser, daß. als vor dreißig Jahren mein erster Roman, „Die Juden von Zirndorf", erschien, in den engeren jüdischen Kreisen meiner fränkischen Heinrat helles Entsetzen über dieses judenfeindliche Buch entstand. Denn man betrachtete es durckzauS als judenseindlich. Das Niederschlagende ist ja, das; keine nationale Empfindung irgendwelche.Kritik verträgt, nicht einmal Kennzeichnung; was verlangt wird, ist iin Grlinde immer laminsfroinine Schönfärberei. Das ist bei den Juden nicht anders als bei den Deutschen und bei den Franzosen. Da liegt ja auch die Wlrrzel von allem Chauvinismus. Ich empfahl dem jungen Autor, das Buch zu lesen, er werde darin finden, was sein offener Brief von mir gefordert, in einem Ton gefordert, als hätte ich es zeitlebens unterlassen, nämlich Abrechnung, Scheidung der Elemente, und zwar ohne Kompromiß und ohne Sentimentalität. Ich bat ihn auckf, zu beachten, daß ich in meiner autobiographischen Säpift die Trennungslinie mit aller nur wünschbaren Deutlichkeit und Schärfe gezogen habe. Auf das Gestalthafte, das heißt nicht unmittelbar Ausgesprochene eigens zu verweisen, hielt ich für überflüssig, das wird entweder gesehen und empfunden, dann ist es da, oder nicht gesehen und nicht enlpfnnden, dann helfen auch die Worte nicht. Der gestaltende Schriftsteller sieht sich immer wieder vor der baren Unmöglichkeit, zu formulieren, was er bereits geformt hat. Ein wirkliches Kunstwerk ist ohne Gerechtigkeit nicht denkbar; sie wohnt ihm naturgemäß inne, sie ist sein Sinn und Kern. Wer Anschauung besitzt, gehört keiner Partei bn. Ich sagte diesem Gegner: „Da Sie mich zu denen zählen, die die Well durch Kunstwerke bereichert haben, so ist auch Ihre Frage eigentlich schon beantwortet, die Entscheidung, zu der Sie mich auffordern, ist längst getroffen. Es nutzt freilich wenig, auch indem ich Ihnen Rede stehe, bin ich mir bewußt, daß es wenig nutzt, die Wirrnis der Stimmen ist heute zu groß, ich leiste Ihnen Rechenschaft, Sie vermitteln meine Worte dem Kreis Ihrer Freunde, morgen sind meine Worte und Ihre Worte verhallt und vergessen, und binnen kurzem wird inan mich abermals vor irgendwelche Schranken zitieren, genau so, als ob ich nicht geredet hätte, das weiß ich aus Erfahrung." Aber abgesehen von der künstlerischen hat das Problem arich noch eine menschliche Seite, eine moralische, und über die suchte ich den Herausgeber der Zeitschrift ebenfalls auszuklärcn. Sv heikel und eigentümlich meine Stellung zum Judentum auch ist, so ungefähr führte ich es aus. eine Eigentümlichkeit, die zu charakterisieren vielleicht die Zeit noch nicht gekommen ist, das eine steht jedenfalls fest, daß ich mich als zugehörig und solidarisch betrachten muß, solange die Schmach dcs gegenwärtigen Antisemitismus dauert. Denn gleichviel, ob es ein durch Schlag- und Tagworte verhetzter Pöbel ist, der in seinem Namen demagogische Orgien feiert, oder ob Gebildete und Gelehrte ihm in der Gesinnung huldigen und diese Gesinnung mit einem Prunkmantel sozialkritischer oder raffenphilosophischer Provenienz behängen: es ist und bleibt als historisches Phänomen . . .;a. was? erlassen Sie mir das Wort. Die edelsten Deutschen weiß ich mit mir derselben Meinung. Als im Jahre 1921 die Sck)rist „Mein Weg als Deutscher und Jude" erschien, bekam ich zahllose Briefe ans allen Kreisen des deutscher; Volkes, von Frauen, jungen Männern, ehemaligen Offizieren, Personen aus der Aristokratie, und fast alle diese Briese klangen in die bestürzte Frage ans: ist daS wirklich so? Davon hatten wir keine Ahnung. Nein, davon hatten sie keine Ahnung; es ist seltsau;, wie viele Dinge an; hellerlichten Tag vor sich gehen, von denen die Menschen nichts ahnen. Kriegs- und Nachkriegsjahre haben vielerlei Unrat und Unflat an die Oberfläche der Gewässer getrieben; unter anderem auch jüdisches Händler-, Schieber- und Spekulantentum sowie die Scharen halbbarbarischer, lebensgieriger, beutegieriger, aber von einem ganzbarbarischen Antvkratismns generationenlang in Ghettowildnis gefangen gewesener und infolge des Krieges unglücklicherweise aus Deutschland als auf das Land der europäischen Mitte lodgelnffmer polnischer und russischer Juden. Es fällt mir nicht ein, mich blind dagegen zu stellen, was alle diese trüben Elenrente, was zersetzendes Litcratentmn und n^zativcs Wesen aller Art an; öffentlichen Geist gesündigt haben; aber die Inden in ihrer Totalität;»;d als Juden dafür verantwortlich zu machen, das ist bei der Gesamtvcrfassung der heutigen Sittlichkeit oder dem allgeineinen Niveau historisch-psychologischer Erkenntnis zu billig und zu einfach. Ein Siebzig-Milliönen-Volk, das ein Unglück, von dem es betroffen worden ist, den paarmal hunderttausend Juden, die es beherbergt, in die Schuhe schiebt, gleicht etn wenig der Schulklasse, von der ein englischer Schriftsteller berichtet, in der kein Schüler nwhr Vokabeln