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Central-Verein-Zeitung · 1928-09-01 · Heft 9 (September 1928) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1928
Issue
Heft 9 (September 1928)
Date
1928-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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75 Jacob Wassermann: Judentum, (Fortsetzung). ist; zudem bleibt das Wesentliche dieses sonderbaren geistigen Duells noch zu berichten. Indem ich nüch einer solchen Weitschweifigkeit schuldig mache, sage ich mir zugleich, daß ich Ihnen durch diese Art von Dramatisierung den charakteristischen Zustand lebendiger vor Augen zu führen vermag, als es durch eine bloße Meinungssetzung vou meiner Seite au? geschehen könnte. Was mir an dem Gegner imponierte, das war seine Unbedingtheit, seine geistige Unerbittlichkeit. Ich begriff ihn darin nicht mu', sondern seine Haltung hatte auch etwas Erschütterndes für mich, und ich sagte ihin das auch. Ich fügte aber hinzu, das; mir bei alledem ei» wenig Liebe fehle, nämlich bei ihm, rmd ich fragte ihn, ob der Mangel an Cvrtesia in geistigen Dingen nicht ein deutscher Fehler überhaupt sei. Diese herrische Ungeduld, diese gepreßte und hochgespannte Leidenschaftlichkeit (was ja nicht ganz dasselbe ist wie Leidenschaft), die ich im Verlauf so vieler sachlicher Auseinandersetzungen beobachtet habe, ist eben durch ihre Sachlichkeit manchmal in Gefahr, unmenschlich zu werden; sie sieht im AndcrSmeinenden den Feind, und indem sie sich sofort in die eisige Höhe dcS Gedankens begibt, erklärt sie, manchmal bewußt, manchmal unbewußt, dem lebendigen Leben den Krieg. Mein Mann argumentierte zum Beispiel folgendermaßen. Als ich ihm bemerkte, ich hätte mit dem Zionismus nichts zu tun, fragte er nicht vielleicht nach den Gründen dieser Behauptung, sondern er berief sich anmaßend ans meine Seele, die mehr von mir wüßte als ich selbst. Das kostete mich nun doch ein Lächeln, denn hierin, wenn überhaupt irgendwo, weiß ich Bescheid, sagte ich ihin. Wollen wir doch einmal über die Judenfrage ganz offen sprechen, schlug ich vor. Ich sagte: der Grnndirrtinu, dem Sie verfallen sind, ist der, daß Sic die Inden als Nation bezeichnen. Das sind sie nicht, das können sie nie wieder sein. Die Juden sind eine Summe von Jndividncu. Dariir liegt ihr Verhängnis, darin liegt ihre europäische Vergangenheit, darin liegt ihre Gegenwart und wahrscheinlich auch ihre Zukunft. Gelingt es den Juden heute, einen Staat zu gründen, so werden sie vielleicht eine Nation sein, vielleicht als „Voll" gelten und anerkannt sein; Juden im bisherigen Sinn werden sie dann aufgehvrt haben zu sein. Wohlfahrt, staatliche Bindung, politische Wirkung, einen Rang zwischen den anderen zahlreichen nationalen Gebilden, wenn auch einen noch so geringen, werden sie sich möglicherweise erobern, ihre weltgeschichtliche Mission ist aber damit zu Ende. Ich erwähnte die Geschichte des Volkes Israel von Renan und >vie überzeugend dort nachgcwiesen sei, daß alle die hohen gesetzgeberischen und moralischen Anlagen des Volkes erstarrten und zu unfruchtbarem Kvuvcntivnalismns wurden, als sie aushörten, Nomaden zu sein und sich in Kanaan staatlich und seelisch zur Ruhe setzten. Man kann, führte ich aus, dem Begriff des Nomadcntttins einen sehr hohen Sinn geben, z. B. als Vcrküudertu.m, Bvtenschaft, Vermittlertum; Unseßhaftigkeit als Schutz gegen Quietismus ist unter Umstünden eine historische Sendung. Aber man muß vielleicht ein visionäres Wissen vom Gang der Avlkergeschichte und -gcschicke haben, um solche Umstände als einen Vorrang gelten zu lasse». Nun, ich hatte solche Augenblicke der Vision, das darf ich ruhig sagen, und ich erinnere mich, daß mein intransigenter Philosoph ein recht verdutztes Gesicht machte, als ich mich zu denr Satz versticg, man schlage die Inden tot, inan treibe sie ans, man lösche ihre Namen von der Tafel der Geschichte, das alles wäre minder verhängnisvoll für das Schicksal der Knlturinenschheit, als wenn sie selber sich ans der Rolle ausschalteten, die sie durch eine nnersvrschliche Berufung bisher in der Welt gespielt haben. Dies ist meine durch nichts zu erschütternde Uebcrzeugung. Und was nun das Persönliche aubelangt, steht die Sache mit mir so. ES autzzndrückcn fällt mir nicht leicht; es ist säst für mich sebst, wenigstens noch zum Teil, ein Geheimnis. Mit einem Geheimnis zn leben ist zwar quälend, aber nicht unfruchtbar. Was icl, damals dein Gegner erösfnete, kann ich heute noch ausrechterhalten, obwohl mir. aus Gründen, die mich zn weit führen würden, die Dinge nicht mehr so sehr auf den Nägeln brennen. Ich habe mich ein ganzes Leben lang mit dem Problenr herumgeschlagen, es von allen Seiten betrachtet, von allen Seiten durchleuchtet, habe seine Schmerzen und Verstrickungen bis an die Grenze des Ertragbaren gespürt, habe die sozialen, die psychischen, die blutmäßigen, die geistigen Fundamente und Zusanunenhänge erforscht, habe zuletzt noch, in der bedrängtesten Zeit, durch ein öffentliches Bekenntnis eine Zugehörigkeit festgestellt, die zu konstatieren ich mich mehr aus äußeren, aus Stolz- und Anstnndsgrnndcn als aus inneren verpflichtet fand, um schließlich die Entdeckung zn machen, ja, wie soll ich das sagen, daß ich eigentlich gar nicht inehr dort stand, wo ich zu stehen glaubte. Ich war, ohne es recht zu wissen, über alle?- das einen Schritt hinansgegangen. ES kam nach und nach so, daß alle diese starren, bösen, hindernden, giftigen Vorurteile wie Krusten von mir abfielcn, und ich sah, daß dieses Judefein, tvie eS in der allgemeinen Auffassung bestand, für mich keine Gültigkeit mehr hatte. Wenn ich sage: für mich, so bedeutet das natürlich zunächst eine bescheidene persönliche Erkenntnis und Erfahrung; aber cs geht doch im geistigen Leben so, daß einer einmal etwas gründlich erkannt nnd erfahren haben muß, damit es, falls er irgend in Wahrheit lebt und denkt, auch zur Erkenntnis und Erfahrung der anderen tverdcn kann. Ob der Vorgang auf meine Person beschränkt bleiben oder ob er darüber hinaus Folgen haben und der Beginn und Anstoß einer Wandlung sein wird, das kann ich natürlich nicht wissen. Wovon ich hier rede, hat nichts mit billiger LvSschraubnng und verzivcifeltcr Alisrede zu schassen, auch nichts mit AnPassungSgelüsten und Andersscheinenwvllen. Nicht das war es jedenfalls, was mich zn einem traurigen Achselzucken veranlaßte, als mir mein Philosoph freundlich nahclegte, in das Land meiner Väter heimzukehren. DaS Land meiner Väter; es ist barer Hohn; jeder italienische Marktflecken, jeder deutsche Dom geht tiefer in die Empfindung. Hat irgendivcr in der Welt das Recht, mich, mein Bewußtsein, meine Form um siebenhundert oder tausend Jahre znrüclznwcrfen, anszulöschen, >vns durch die Sprache geschlechterlang in mich geflossen ist, durch die Landschaft,' durch die Geschichte, durch die Kunst, durch daS stumme Mirerleben Jahrhundert um Jahrhundert? „Sie können mich zu einem Exilierten machen," rief ich meinem Philosophen zu, „zu einem Asiaten machen können Sie mich nicht." „Aber das Blut", entgegnet er mir. „Das Blut", sage ich, „ist bekanntlich ein ganz besonderer Saft, ich habe noch keinen Professor gefunden, der seine chemischen Veränderungen im Lauf zweier Jahrtausende so genau analysiert hätte, um sagen zu können: einer sei ziveifellos Julius Cüsars oder Karls des Großen oder König Davids Enkel, und achtzig oder hundert Ahnenhochzeiten hätten an der ursprünglichen Beschaffenheit und Reagens nicht das mindeste verändert. Mit der Genealogie der Menschheit sieht cs nun doch ein ivenig ander? aus als mit dem Pedigree für die Zöglinge eines englischen ReunstallS. Ich leugne nicht den Blntstrvm, der mich trügt und nährt, den gewaltigen des Ostens, ich bin stolz darauf, ich glaube, daß er Reichtümer enthalt, vermittels welcher ich spenden nnd schenken kann, aber warum sollte er mich cntheimaten dürfen? Sind nicht die Hunderttausende ansgewanderter Deutscher heute vollgültige und vollgültig genommene Amerikaner, auch ivenn sie ihr Deutschtum vertreten, was sie durchaus nicht immer tun, was zum Beispiel im Krieg ein großer Teil von ihnen sehr klüglich unterlassen hat? Sollen immer nnd immer »vieder nur die Juden die Ausnahmen von den menschlichen, sozialen, biologischen Gesetzen und humanen Ncbcreinkünften sein? Warum? Wie viele Deutsche gibt es nicht, die noch vor hundert, vor fünfzig Jahren Slaiven, Romanen, Skandinavier, Kelten ivarcn, nnd die nun mit dem dicksten Kunppeluativnalismus Deutschlands Antlitz vernnstaltcn? Es hat dieses ganze Gerede über „die" Deutschen, „die" Inden keine» Sinn nnd Zweck. Angewandt auf soziale Erscheinungen, sind cs Hilfskonstruktionen nnd AblenkungStheorieu. Ich kenne nur Menschen, ich weiß nur von einzelnen Menschen. Für mich hat Gültigkeit nur die Gestalt, die Kategorie ist nicht meine Sache. WaS die Gruppe am Individuum verändert, fällt erfahrungsgemäß in der Geschichte weniger ins Geivicht, als was das Individuum an der Gruppe verändert. Dcnnn.zicrtc Rassemerkmale sind in der Regel die Krankheitssymptome einer sterbenden, die Entartungsshmptome einer überzüchteten Rasse. Als mein unerbittlicher Philosoph den Inden Mangel an Natnrgefühl vorwarf, nannte ich ihm bescheiden die Mendelssohnsche Musik zum „Sommeruachtsträum", das Mahlcrfche „Lied von der Erde", ein Dutzend

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