Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 ganz im Gegensatz zu der Kühnheit, mit der er gegen mich die Feder geführt hatte). Warum kommen Sie gerade zu mir? fragte ich ihn, ich muß Sie in ihren Erwartungen genau so enttäuschen, wie Walther Rathenau Sie enttäuscht hat, er hatte für die Ideen und Ziele des Zionismus genau so wenig übrig wie ich; ein wunderliches Ansinnen an ihn, in wunderlicher Stunde, während er im Begriff war, sein Leben für Deutschland in die Schanze zu schlagen. Da mein Philosoph dieselbe Forderung auch an mich stellte, bemerkte ich ihm. daß meine Vorfahren seit mindestens fünshnudert Jahren im fränkischen Land gesessen seien und daß ich gern die Probe machen mochte, wie viele ftcf, autochthon nennende Deutsche, Sachsen, Pommern, französisch-brandenburgische Emigranten das gleiche von sich behaupten könnten. Daß es den Juden nicht gelungen ist, sich dein Körper der Nation tiefer zu vermischen, ist nicht ausschließlich Schuld der Juden, sagte ich, es sei dieser herrlichen Jetztzeit Vorbehalten geblieben, einer Genossenschaft, die ursprünglich von fremder Art war, die äußere Zugehörigkeit zu Sprache, Landschaft und Geschichte trotz viele Male bewiesener innerer Zugehörigkeit beharrlich abzusprccheu. Ich wies den jungen süddeutschen Philosophen, der mir die Auswanderung nach Palästina nahegelcgt hatte, ans die Unterdrückungen, Ausbeutungen, Verinogenserpressnugen, Martyrien und abergläubischen Vorurteile hin, unter denen die Juden von jeher zu leiden hatten und über die sich jeder ehrliche Forscher mit Leichtigkeit informieren könne. Ich sagte ihm, daß es mir demütigend erschiene, die schöpferischen Genien auszuzählen. Künstler, Gelehrte. Dichter, von Montaigne bis Spinoza, von Mendelssohn bis Bizet und Gustav Mahler, die der Menschheit immerhin einige geistige und seelische Nahrung gereicht hätten. Er erwiderte mir, ohne darauf näher einzngchew, die Juden seien zur Fnhrcrvlle unfähig. Ein köstliches Diktum, ungefähr so beweisbar loie ein anderer famoser Ausspruch von ihm, daß die nationale Blüte in Frankreich und Spanien erst nach der Vertreibung der Juden eingesetzt hätte. Ich erwiderte, daß für Spanien das Gegenteil zutresfe, wenigstens hätte ich etwas läuten hören von jahrhundertelanger Verfinsterung in Fanatismus und Tyrannei, die nach jenem Zeitpunkt eintrat. Unvermeidlich war dann die Nassenfrage, und ich konnte mich nicht enthalten zu sagen, daß in Deutschland jetzt ein Begriff von Rasse triumphiere, der an Elastizität das mögliche und unmögliche zuwegebringe und jeder Demagogie und jedem Irrwahn Vorschub leiste. Er kam immer lvieder auf die Macht der Juden zurück. Ich sagtegut, sprechen wir von der Macht. Welche meinen Sie? Wasfenmacht? Politische Macht? Sie lächeln selbst. Geldmacht? Geistesinacht? Ich kann nicht alle beide gleich verwerflich finden; äußern Sie sich. Die Gcldnracht, als den Hauptangriffspunkt, ließ er einstweilen inr Hinterhalt drohen und sagte etwas von Verführermacht. Also keine Führer, wohl aber Verführer. Verführer wozu? Na ja. zu einer materialistischen Lebensauffassung, einer die unter Heilslehren verkappt sein kann wie der Sozialismus. Ich fand, es ivürde zu weit führen, wenn tvir diese Doktrin untersuchten, die in ihrenr innersten Kern zweifellos höher rangiere als auf die Ebene einer bürgerlichen Weltanschauung, ginge sie doch auf den Stifter des Christentums zurück, und ich erinnerte ihn an das Wort, nach welchem eher ein Kamel durch ein Nadelöhr ginge, als daß ein Reicher ins Himmelreich käme. Es sei eine historische Fable convenue, den Nazarener jum Juden zu stempeln, meinte er, der Sozialismus sei ja eben die jüdische Verwässerung seiner Lehre. Ich wollte mich nicht mit ihm ' ans ein Gebiet begeben, ivo die Argumente vor der Wahrheit stehen wie die Nebel Vvr der Sonne, er ließ aber nicht nnch und kam auf den Bolschewismus zu sprechen, den er erbittert als die modernste Emanation jüdischen Geistes bezeichnete. Ich hatte es erwartet. Es machte nicht deir geringsten Eindruck ans ihn. als ich die große kvminnnistische Erhebung erwähnte, deren Schauplatz Norddentschland in der erstell Halste des sechzehnten Jahrhunderts lvar, oder die komuninistische Revolution in China, die ungefähr um die gleiche Zeit das ganze gewaltige Reich erschütterte; da sei doch von Inden weit und breit nichts zu sehen gewesen. Er wollte nichts davon wissen. Daß fast alle russische Umstürzler Inden seien, lvnrde damals in ganz Eliropa und Amerika behauptet lind geglaubt. Seitdem ist festgestellt worden, daß sich unter den Leitern der Beivegriiig nur ein kleiner Prozentsatz Juden befand, aber allch wenn dem nicht so wäre: die zufällig Wacheil in einem trägen und zerschlagenen Volk für den endlichen Weck- und Alarmruf zur Verantwortung ziehen, das heiße ich nrir Billigkeit. Schade, daß Leo Tolstoi ganz bestimmt kein Jude war, seine dem Urchristentum znstrebenden Lehren, die dem russischen Kommunismus erst das Strombett gruben, würden einen fetten Posten auf dem jüdischen Sündenregister ausmacheil. Aber man kann nie ivisien, vor diesem Verdacht ist man nie sicher, denn es hat sich gezeigt, daß er ein äußerst bequemer Abzugskanal für alle Sorten von schlechtem Gewissen ist. Also, errnlintcrte ich meinen Gegner, gehen wir auf das nächste Kapitel über, sprechen wir vom jüdischen Reichtum. Ich bin darauf gefaßt, das übliche Dutzend Namen zu hören, eiilige europäische und einige ans der Wallstreet. Ich mache Sie aber aufmerksam, sagte ich, daß nur ein sehr geringer Teil der Wallstreek-Firiilen jüdische Firmen sind, und im übrigen: wollen Sie sicher sich mrd mich absichtlich täuschew? Wir ivissen ja, daß diese Bankfürsten genau solche Exponenten eines Systems und einer zwangläusigen Bildung des Sozialkörpers Vörstetten wie die Armeen Frankreichs, Rußlands, Italiens und wie die Giftgasproduktivll in allen Kulturstaaten heute, die daraus abziclt, den christlichen Nationen rascher den Garalis zu iliachen, als es fünfhundert Millionen Juden vermöchten, falls dergleichen in ihrer Absicht läge. Ich mache mich anheischig, sagte ich zu meinem Philosophen. Ihnen für jeden reichen oder reichgewordenen Juden sünszigtausend jüdische Arme zu stellen, ich brauche gleichsam nur zu winken, und sie kommen unzählbar aus ihren verwahrlosten Dörfern in Polen, in der Ukraine und in Galizien herbei, jammervolle Gestalten, die wahren Gebrandmarkten der Geschichte. Daß einzelne unter ihnen immer wieder, sobald sie nur in günstigen Boden verseht werden, wie lang erstickt gewesene Flammen auflodern und die Welt dabei mehr verzehren als erobern, wen dürfte cs wundern, es ist wie ein physikalisches Gesetz. Ich höre sehr viel von jüdischem Wucher, fuhr ich fort, aber selten vom agrarischen Wucher, von dem der ungarischen Großgrundbesitzer etwa, der eine der Ursachen des Krieges war; wer, wie ich, seit Jahren unter Bauern lebt, der weiß, was Wucher im kleinen ist, Wucher mit Brot und Korn und Dich und Schmalz und Hans und Hof. Er sagte: Die persönlichen Erfahrungen, die ich mit Inden machte, waren stets solche der Zuneigung und des tiefsten Verständnisses. Natürlich, mußte ich ihm antworten, das kann man fast von allen Dichtern, Künstlern und Philosophen hören. In früheren Jahren, als ich das Visier noch nicht io entscheidend gelüstet hatte, ist es mir häufig passiert, daß ein Tischnachbar im Gespräch mich erstaunt anschaute und ausrief: Was? Sie sind Jude? Unmöglich! Gott weiß, wie er sich einen Juden vorgestellt hatte. Oder einer sagte: Ja. wenn alle Juden so wären wie Sie; worauf ich nur zr, entgegnen hatte: Ja, wenn alle Christen so wären wie ich; >vvzu ich innerlich, wie jedesmal, die Gegensatzstellung Jude- Christ wie etwas Unwahres empfand, oder doch ein nicht mehr Wahres. Aber, um ans meinen Mann zurückzukommen, so machte ich ihm bemerklich: Trotzdem Ihre persönlichen Erfahrungen also die erfreulichsten sind, verlangen Sie, daß die Juden verschwinden sollen, womöglich vom Erdboden, denn was sollen sic allesamt in dem kleinen Palästina? Einen neuen Nationalstaat ansrichten zu den anderen künstlichen? Sich von Türken, Arabern, Griechen, Persern langsam nrassakrieren zu lassen? Da Sie mich forthaben wollen, ivas bedeutet es, daß Sie sich mit mir verbünden wollen? Daß Sie eine Gemeinschaft statuieren wollen, der die erste Bedingung aller wahrhaften Geineinschaft fehlt, nämlich Humanität? Sie wünschen offenbar, das; ich Ihnen zur Beschafsnng der Mittel behilflich bin, das einzige, wozu man die Juden seit jeher brauchen kann, daß ich den Fahnenträger abgebe für Ihr pangermanischpolitisches Projekt, damit Sie mir dann, in der Idee freilich nur, den üblicher; Frißtritt versetzen können, den Sie mir anständigerweise voransgesagt haben. Ich bitte, sich deutlich zu erklären. Denn ich lasse mich nicht als Ausnahme behandeln, solange man mich mit Jdeologenhochmut traktiert. Meine Damen und Herren, ich hoffe, daß diese Reproduktion einer vergangenen Polemik nicht Ihre Ungeduld erregt. ^Verüe erscheint mir darum wichtig, weil sie symptomatisch