Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1928-09-01 · Heft 9 (September 1928) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1928
Issue
Heft 9 (September 1928)
Date
1928-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2571117-2571144-2571153--294-2571611
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Monatsausgabe September 192$ Ums* mnfljttfantigmj EtrmlÄMtzekjüMÄMrlilmrvr 2Ul&emeine.Zeitun{£ des üudentums »SRfl »iTiwT IIII I V »y MC Lu-enium. / Von Laeob WMevmann. Jacob Wassermann, der grosse deutsche Dichter, hat kürzlich in Reichenhall in der „Deutschen Vereinigung fiir staatswissenschaftliche Fortbildung“ einen Vortrag über „Das Judentum“ gehalten, Wir sind hocherfreut, diese Rede hier veröffentlichen zu dürfen. Als mir der ehrenvolle Antrag wurde, an dieser Stelle über das Judentum zu sprechen, glaubte ich, einer solchen Aufgabe und der damit verbundenen Verantwortung nicht gewachsen zu sein, denn soviel ich sah, schien es sich im wesentlichen dabei um rechtliche und kirchliche Fragen und Komplexe zu handeln, über die ein Laie wenig zu sagen und daher besser zu schweigen hatte. Wie ernsthaft ich auch mit mir zu Rate ging, rein lvissenschaftlicheS Gebiet zu betreten durfte ich nicht wagen, ich konnte, genau genommen, nur mit Persönlichen Erfahrung dienen, die sich allerdings inS Allgemeine erweitern ließen, rind obfchvu eS tiefreichende Erfahrungen waren und solche, für die meine Person gleichsam nur ein Brennpunkt bildete, schien es mißlich, subjektive Inhalte vor ein Forum zu bringen, daS sich in dieser Hinsicht möglicherweise nicht einmal für zuständig erklären würde. Als ich meine Bedenken Herrn Professor Harms mit dem Bemerken mitteiltc und hinzufügte, das; ich höchstens imstande sei, über das Judentum als über eine psychologische Situation zu schreiben, bedeutete er mir nachsichtig, auch eine derart gefaßte Rede sei willkommen, und so unternehme ich es denn, Ihnen im gedrängten Ansriß das Bild eines Zustandes zu geben, dessen soziale Elemente aufs engste, ja fast unauflöslich mit Scelischcin und Geistigem verknüpft sind und das letztlich nichts anderes sein will als eine Zusannneufassnng von vielem einzelnen, das ich im Verlauf vieler Jahre geschrieben und gesprochen habe, eine Endsumme schmerzlicher und schwerwiegender Erlebnisse auch, hier nochmals überschaut und vorläufig abgeschlossen. Ich möchte, ohne mit Erklärungen und Definitionen dessen, was ich die psychologische Situation nenne, Zeit zu verlieren und Ihre Geduld zu ermüden, gleich mit einem charakteristischen Erlebnis beginnen, das mich vor ungefähr fünf Jahren, mitten in einer Periode strenger Arbeit, ziemlich nachhaltig beschäftigt hat, Erlebnis, das ist eigentlich ein zu geräumiges Wort dafür, im wesentlichen war es ein Briefwechsel, der von meiner Seite ruhig, sachlich, ein wenig abwehrend, von der anderen Seite init beängstigendem Fanatismus geführt wurde. Es tvar ein oder zwei Jahre nach dem Erscheinen meiner autobiographischen Schrift „Mein Weg als Deutscher und Jude", als ich in kurzer Folge mehrere Briefe eines jungen süddeutschen Philosophen erhielt, eines Mannes, der öffentlich noch nicht hervorgetreten >var, aber mir durch ein Werk, das er mir zusandte, den Beweis lieferte, das; mit ihm etwas los ivar, das; ich es da mit einem wirklichen Denker, einen; redlichen Menschen und bedeutenden Charakter zu tun hatte. Was wollte nun der Mann von mir, dieser deutsche Philosoph und Idealist? Er legte mir nahe, nach Palästina auszuwandcru. Er legte es mir nicht nur nahe, sondern er forderte cs von mir, und z>var so kategorisch, das; ich bei der Lektüre seines ersten Briefes das Gefühl hatte, es handle sich uu; einen Polizeibefehl. Nun, cs lag da eine ziemlich sonderbare Geistesverfassung üot; ich habe dergleichen bei einen; hochstehenden Menschen weder vorher noch nachher gefunden. Er, der Germane und expressive Deutsche, wollte ein geeinte?, gereinigtes Volkstum, und dazu schien es ihn; nvtU'endig, die Inden aus Deutschland zu entfernen, Das ist ja nun nichts Seltenes, das haben mir schon gehört, aber die merkwürdige Nuance bei ihn; war, daß er die Inden liebte, er beteuerte es mir aufs glaubwürdigste und belegte es durch seine Freundschaften mit Juden und eine intensive Beziehung zu Walther Rathenau, den er ebenfalls zu seiner Ansicht hatte bekehren wollen. Da er die Juden liebte, wünschte er schon nm ihretwillen deren Auswanderung, und da er fand, daß cs ihnen an geeigneten Führern inangele, wollte er mich überreden, ihnen ein Führer ins Gelobte Land zu sein; er versicherte mir, der Exodus >verde beiden Teilen zun; Segen gereichen, Ich fragte ihn verwundert, weshalb er sich gerade an mich gcivandt hätte (nicht nur in einem neuen Briefe, auch mündlich; er besuchte mich ein Jahr darauf, und ich lernte in ihm einen seinen scheuen, ängstlich-gedrückten Mann kennen, (km kmt%tAd£fc: Nationatzosialistische Ausschreitungen in Bremen und Oppenheim

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.