Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Date
- 1928-08-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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79 Zrie-rich II* von Saöen. <?rinuer«ngen a« de« letzten Gvofzlzerzoiz. 91,u 9, Vliifjuft ist Friedrich II., der ehemalige Grvßhcrzvg vo» Boden, im Aller vv„ 71 Jahren ans seinem Svinmersitz in Baden- Weiler nach längere»! Leiden verschieden. Beim Antritt der Regicrnng ini Jahre 1907 hatte er feierlich erklär t, das, er sie in, Zinne und Geiste seines Vaters Friedrich I. sichren wolle, >vas ini ganzen Lande mit hoher Besriedignng vernommen wurde. Er hat sein Versprechen gehalten, nnch dein jüdischen Voltstcil gegenüber,!vas in diesen Blattern in erster Linie besonders interessierte. An, 13. Januar 1909 anlästlich der Jahrhundertfeier der Landrsshiingvge empfing er eine Abordnung des Oberrnts nnd des Zynvdalansschnsses und nahm von ihr eine Adresse entgegen, ans der folgende Zähe hier nngeführt werden mögen: Am 13. Jininnr 1809 liat Euer Köichstiche Hoheit alvrrcicher Ahnherr Größt, erzen Karl Friedrich mit dem VN. Kvnstitutionsedilt seine für die moderne Tiaatsversnstuiig arnndlcgende Gesetzgebmig abgeschlosien. Turch dieses Edikt ist nicht nur unserer Glnubensgemcinschast die kvnstitntionsniäbiae Ausnahme und eine den große» Landeskirchen ähnliche Cvmmiftilum aelvährl, sondern auch jedem einzelnen Israeliten d c r W e g z n in voll cn B n r n c r r e ch t a n g c d a l, n t m v r d c n. Somit Hai der große Gescbgcber sür seine gedrückten nnd nüßachtetcn israelitischen tlnterlanen eine damals ungeahnte Entsaltnng geistiger Kraft nnd Regsamkeit ermöglicht. Ans dein vo» den« llnvcrn-ehlichcn geligtcn Grunde ist von seinen Nachsvlgern ans dem Throne lveücrgcban! lovrden. Einer Königlichen Hoheit Herrn Vater, Gr oh her zog Friedrich, hat Gott cs gegeben, hier »nie ans so vielem andere,, Gcdictei, der Vollender des von seinem Grvhvaier Begonnene» z» sei», glicht allein die volle bürgerliche Gleichstellung danken ihn, Badens Israeliten, sondern auch die moderne Ausgestaltung ihrer kirchlichen Vtrhälknisse. Eure Königliche Hoheit sind der treue Erde nnd Bewahrer der edle» Ilcbcrliesernngen des ruhmreichen Hauses der Jähringer. Euer Königlidjcn Hoheit Thron nahen wir deshalb heute, nur der durch ei» volles Jahrhundert bewährten dauldarcii Anhänglichkeit der Israeliten an das Grvßhcrzogliche Hans, die auch eine in, Anstrage des Oberrnts versahie Geschichte derselben beknnden soll'), bei diesen, bcdcntsamen Anlässe besonderen Ausdruck zu gebe» »nd das Gelöbnis treuer Arbeit und uiibegrcnzter Lpierwilligtcit sür das Wohl der teuren Heimat und sür de» Ruhm des deutschen Namens zn ernener». In einer herzlichen Ansprüche dankte der Grvßhcrzvg. Jminerinehr — führte er ans — iverde erkannt, >vie sei» Urgroßvater eine,, ,Veiten Blick gehabt habe siir die Bedürfnisse des unter ihn, geeinten Landes »nd sür die Anforderungen der „eiicu Zeit. Was Karl Friedrich gcschasfeii, sei grundlegend und beispielgebend ge,vorbei, sür die Verhältnisse, deren wir uns Herste jtt erfreuen haben. Er wolle diese Traditionen ganz ebenso wie sein seliger Vater pflegen u n d d n S Wohl aller L n „ d c s k i „ d c r im Auge haben — ohne Unterschied. Tem landesherrlichen Kommissar bei dein Oberrate, Ministerialdirektor Be che rer, einem fromme» Katholiken, drückte der Großhcrzog seine besondere Befriedigung über die von ihm durch mehr als zwei Jahrzehnte der Landessynagoge geleisteten wertvollen Dienste ans, und bei dem Austrage an die Mitglieder der Abordnung, ihre» Glanbensgeiwsseu seine herzlichen Wünsche für deren Wohl zn übermitteln, nannte er diese „unsere lieben Landsleute", Dieser Verlauf der Audienz wurde innerhalb und außerhalb Badens, und nicht allein ans seiten der Israeliten, beachtet nnd gewürdigt. Leider ivarcn den, von ernstesten, Streben ersullic», ,vagen seiner Einfachheit nnd Vollssreundlichkcit rasch beliebt grwvrdcnc» Fürsten nur noch wenige Fricdensjahre vergönn!. Als kennzeichnend für das Verhalten seiner Negierung zn den, jüdischen Bvltsteil sei aus der Vorkriegszeit hier hcrvorgehvben, daß Anfang des Jahrhunderts erstmals ein Jude, OberlandeSgerichtsiat Dr. Nathan Stein '), zu», Scnntspräsidcnteii des Oberl,mdesgcrichts befördert, 1909 einer der hervorragendsten Beamten, der damalige Ministerintrat nnd spätere Nnterrichtsministcr Bo hin, zn,n landesherrliche,, Kommissar bei», Oberrate ernannt wurde, und das; 1912 der Einweihung der jüdischen Kinderhcilstäitc Fricdrich-Lnisen-Hospiz in Bad Dürrheim aus de», Schwnrzwald zwei Minister beiwohnte». Als dann im drillen Kriegsjahre der badische Oberrat in einer eingehend begründeten Vorstetlung von, 15. November 1916 in aller Schärfe gegen die infolge einer Beringung des preußischen Kriegsministcriuins angeblich zur Widerlegn„b von Angriffe» gegen die Juden »»geordnete Sviidernntersuchung jüdischer Militärpersonen der Etappentrnppe» »nd -behörde» auf ihre Kriegsverwendnngsfähigkeit austrat nnd die Vorlage seiner Tentschrist an die Neichsrcgicrung beantragte, trat der damalige landesherrliche Kommissar beim Oberratc, Ministerialrat Schwör er. den, Anträge mit der Erklärung bei, das; das Vorgehen der Militärbehörde in israelitischen Kreisen berechtigte Entrüstung hcrvorgernscn habe, und die badische Regierung — selbstverständlich »nt Znstimimmg des Grvßherzvgs — zögerte nicht, in diesem Sinne die Bvrstellnng des Oberrnts an den Reichskanzler weiterzulcitc», ,vor,ms dieser — cs >var Be th manu Hollwcg — ni» 1. Januar 1917 erwiderte, er beklage aufrichtig die in israelilischon Kreise» entstandene Mis>sti»n„»»g Über die Svndcrnntcrsnchnng und freue sich, initieilei, zu könne», das; nnch den von ihn, an zuständiger inilitärischer Stelle veranlasstc» Ernuttelimge» der Frichrich, Adolf L c w i » , „Kcschichlc der badischen Juden seit ' ' - (1738 bis 1909)". Karlsruhe, <ß. Braunlchcr Bei Präsident der israrlilifchrn Landes!,,,wdc bei andesgerichispräsidc», i„ Mannheim. er Reaieruua Karl ihrer erslninligc» Vom Oberrate beanstandete Tagesbefehl der Etappeniuspektivn ans einer de» Absichten des Kriegs,„inistrrinms nicht entsprechende» Anslcgnng der kriegsininistericllc» Anordnung beruhe, durch die seinerzeit lediglich um eine Zählung der beim Heere befindlichen wchrpstichtigcn Israeliten ersucht worden war. Gleich de» Vertretungen der christliche» Bckeiiistnijsc beteiligte sich nnch der Obcrrat der Israeliten an den Leileidsknndgebnngcii, indem er der verwitwete» Großherzvgin Hilda in dankbarem Gedenken an die wohl,vollende, vornrteilssreie Gesinnung, die der edle Verblichene unserer Glnnbciisge,neinschaft allezeit bekundet hat, die ticscmpsundene Teilnahme nnssprach, woraus die Großherzogi» der israelitische» Religionsgemeinschnst Badens von Herzen für die treue Anteilnahme an ihren, Schmerz dankte. I)r. v. LI. Oer verföhnungsgeöanke öes Judentums innerhalb der christlich-religiösen Umwelt. Von Privatdozent Fiebig (Leipzig). In jedem Jahre feiert das Judentum als einen seiner höchste» und heiligsten Festtage de» sogenannten große» V e r s v h n » n gs - tag. Der entsprechende christliche Festtag ist der Karfreitag. Auch an diesem Tage handelt cs sich um Erlösung und Versöhn,mg. Es liegt nahe, einmal den jüdische» und den christlichen Gedanken der Erlösung nnd Versöhnung zn vergleichen. Die beiderseitige Frömmigkeit muß sich bei einen, solchen Vergleich in ihrer Eigenart heransstellcn. Man könnte den jüdischen Versöhnniigstag nnd den christlichen Karfreitag geschichtlich bchniidel», d. h. die Entstehung und Geschichte dieser Festseiern schildern »nd miteinander vergleichen. Ganz ohne eine» Blick ans deren Geschichte wird denn auch ei» Vergleich beider nicht nnskvmmen. Aber es handelt sich hier um etwas Lebendiges und vor allem um Mächte der Gegenwart, die sowohl ans jüdischer als ans christlicher Seite viele Menschen in die Kirche und Synagoge ziehen, WaS haben diese Menschen davon? Welche Grimdgesühle, Stinnnnngen und Gedanken sind hier wirlsinn? Von vornherein dürste es einlcnchte», daß öS sich hier nur ein sehr nächtiges Thema der vergleichenden R c l i g i o „ s g c sch ich t e handelt. Auch das ist klar, daß cs in Kürze nicht erschöpft werden tann. Nur ans Hauptpunkte soll hingewiesen werden. Von vornherein ist auch zu bedenken, daß die lebendige jüdische Frömmigkeit der Gegen,vart und nicht minder die lebendige christliche Frömmigkeit der Gegen,vart nicht ohne weiteres mit allem glcichznsehen ist, was jeder Jude an seinem Bersöhnnngsiag oder der Christ n», Karfreitag in den verschiedenen Zellen der Geschichte erlebt hat. Beide Festseiern aber stehen immerhin i„ einem Strom der Geschichte und erhalte» von da ans bis zur Gegenwart mancherlei Impulse und Nichtliincn. Der Verfasser dieser Zeilen hat einmal de» jüdischen Bcrsöhnnngslag in einer Synagoge vom frühen Morgen bis znm Abend mitcrlebt. Dieses eine Mal genügt natürlich nicht, um eine lvirttich gründliche Kenntnis z» vcnmitel», sondern fdjnffti mir einen Eindruck. Was da »och fehlt, hat der Verfasser durch die Lektüre einschlägiger Schriften zu ergänzen gesucht. Heutige Christen köiiiiten sich hier mancherlei Kenntnisse erwerben, ivenn sie etwa in der.vom Bcrsasser hcransgegtbenen Samnilnng „Ansgeivähltc Mischnatraktate in deutscher Itebersehimg" den Mifchmstrntiat „Jo „in", daS heisst „der Tag", das heißt „der Versöhnniigstag" (jo,„ ltakkippurim) studiere» würden, oder in seinen. Buche „Das Jndenin,» von Jesus bis zur Gegenwart" (Tübingen, Mohr) de» Text des Kolnidre läsen und die Texte 'der Snudenbekcinitnisse des Versöhnungstages. Nicht, minder sei ans den Abschnitt über den Versöhmmgstag hingewiese», der sich in dem Buche von Else S chn b e r t - C h r ist a l l e r findet: „Der Gottesdienst der Synagoge" (Gießen. Töpetmaim, 1927). Auch sei für christliche Leser dieser Zeilen, namentlich im Hinblick ans das svgennnnie „Kappvres-Schlagen", das Buch von Theodor Tc!)ärs genannt: „Das gottesdienstliche Jahr der Inden" (Leipzig, hinrichs. 1902). Für den Inhalt des Karfreitags ist bis ans den heutigen Tag das Lied bezeichnend, das an, Karfreitag in der Kirche gesungen zn werden pflegt, das Lied Paul Gerhards: „O Haupt bvll Blut n»d Wniidcn", ferner pflegt sehr häufig als Predigttext Jesaias 53 behandelt zu werde». Was ergibt sich nun als Inhalt des Versöhnungstages und des Karfreitags? Die Stimmung beider Festtage ist sehr ernst. Bci beide» handelt cs sich um die Sünde und „m die Vergebung der 'Sünde. An beiden Festtagen tritt eine Gemeinde, eine Gemeinschaft vor Gott hin, ohne das; nun aber der einzelne in ihr völlig verschwände. Das Bewusstsein der Schuld »nd Sünde ist beiderseitig sehr lebhaft, anderseits tritt die Versöhnung mit Gott, die E r l ö s » „ o, Gottes V erge b n n g beiderseits deutlich hervor. Für Christen ist cs gut, ivenn sie ersährc», das; am jüdischen Vcrsöhiiungstag das Sündenbcwnßtsein durch große Sündei,- b eko n „ t» , ss e sehr, stark unterstriche» wird, „nd zwar handelt es sich dabei in erster Linie „in sittliche Sünden, nicht um kultische Vcrsehlnngen. Auch ist cs nicht so. als ob nun die jüdische Fröiiimigkeit an diesem Tage nur Gott als Richter kennt „nd nur von Furcht erfüllt sei. Gott heißt hier oft auch „unser Bäte r". ferner „E r löse r" und „H i r t I s r a c l s", wobei Psalm 23 herangezogen wird. Auch wird er als der „Var in»