Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 8 (August 1928)
- Date
- 1928-08-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Worin liegt,, den» mm die Unterschiede zwischen dem jttdisclM BersühimnMag und dem Karfreitag? Für alle Zeiten wird christliche Frömmigkeit, nanwnllich tm, wo cs sich um die Liersöhmmg mit Gott und die Llergebnng der Stinde handcli, Christus und insbesondere seinem Tod eine wichtige Stelle cinrämncn, Im Anscksiiiß an das Neue Testa,ncnt tritt dann nIS Grimdsti,Innung tservor: Gott ist gnädig und hat uns erlöst, und zwar durch Jesus, vor alle», durch seinen Tod. Während an, jüdischen Bcrsöhnungstag die jüdische Gemeinde i» ticsster Buße »»d Reue Gott „ >„ seine Vergebung bittet und dal>ri überzeugt ist. das, Gott solch's Beten erhört, stellt sich das gleiche Gebet der christlichen Gemeinde am Karfreitag mehr so. daß das Schwergewicht ans den Dank sällt, den sie Gott dafür schnldig ist, daß er sic erlöst hat: ..Ich danke dir von Herze», o Jes». liebster Freund." Zwar weis, auch jüdisclic Frömmigkeit gerade an, Bersöhmingstag etwas von der Berufung aus das Opser. von dem Sündenbock, von den Tieren, die als „tenppvros" sterben, von dem Verdienst der Väter und ihrer Fürsprache, aber die Entwicklinig ist doch, seit der Tempel zerstört ist. inehr in der Richtung gegangen, daß die jüdische Frömmigkeit in erster Linie sich am Versthnungstag aus die Buße des Menschen und die innere Gewißheit der göttlichen Vergebung konzentriert hat. Auf der anderen Seite ist es erklärlich daß christlich Frömmigkeit sich viel mehr als auf die eigene Buße, so stark diese hervortritt, daraus konzentrieri hat. daß in Christus und seinem Tod die Gewißheit der Vcrgednng Gottes zu finden ist. Wie das näher zu fassen und zu begründen ist. darülvr denkt die christlich Dogniatik und die Privatfröminigkcjt des rinzeliie» verschieden. Es spielt dabei meist der Gedanke des erlösenden stellvertretende» Leidens eine große 9toUc, scrner der Gedanke des sitttichn, nicht des kultisch,, Opfers. Wie in der heutigen jüdischen Frönnnigkeit der Gedanke des kultisch,, Opfers und de? Verdienstes der Bäier und jede Mittlersch st zwischen Gott »nd dem Menschen stark znrückgedrängt worden ist. so wird vielsach in der christlichen Fron,Irrigkeit die sogenannte ..Bliüthcologie" stark znrückgedrängt und in der Linie de« Gleichnisses Jesu von, verlorenen Sohn und der Worte des Vaterunsers „Vergib »ns unsere Schuld, wie wir vergeben unsere» Schuldiger,," die Miitlerschaft Jesu in, Verhältnis des Christen zi, Gott und die Bedeutung seines Todes für die Erlösung mehr so gefaßt, daß dabei weder von kultischen Opfergcdnnle». „och von sonstigen komplizierte» Mittlergedanken die Rede ist. Immer aber bleibt als Unterschied iw,, jüdischer Fröinungleit bestehen, daß die Beziehung auf Christus der christlichen Frömmigkeit den Charakter der s r c „ d i g e i, D n n l b a r! c i t gibt und des Absehens v o „ eigener Leist „ ng, sei dns auch die Leistung der Buße, wahrend in der jüdischen Frömmigkeit ans die Buße ganz besonderes Gewicht fällt und die frendiye Gewißheit der Erlösung und Vergebung nicht so stark hervortritt. Auch darin äußern sich zarte Linien der Gemeinschaft »nd Unterschiede zwischen jüdischer n»o christlicher Frönnnigkeit, daß die jüdische Frömmigkeit in erster Linie an die jüdische Gemeinde und an dns Volk Israel, an seine Sünde und feine Erlösung denkt, während die christliche Gemeinde, wenn sic auch die Erlösung »nd Versöhnung mit Gott ans sich bezieht, denuvck) Jesus als Heiland der Welt z» fasse» gewöhnt ist. also die Erlösung in erster Linie universal „versteh!. Genuß fehlen diese Gedanken auch in der jüdischen Frömmigkeit durchaus nicht, wie ja schon das Kolnidre an, Anfang des Vcrsöhniings-tages die Versöhnung auch mit denen bedeutet, die abgefalle» sind und dennoch an diesem Tage an, Kultus des Nersöhnungstages teilmhmen dürfen. In, Christentum könnte am Karfreitag c i n Gedanke noch mehr betont werden, auf den das Indent,,in besonderes Gewicht legt, nämlich der Gedanke, daß Gott nur dann vergibt und der Vcrfvhmmgstag nur dann sühnt, wenn der Mensch seinen Mitmenschen vergibt. Jesus selber hat ja auch nach de», Vaterunser geivollt, daß dieser Gedanke vor allem wirksam sei» solle, denn im Vaterunser l)eißt cs: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldiger»." Viele Christen koiizcntriercn den religiös-sittlichen Vcrsvhiiiingsgcdanke,,' auf das, ivas das Gleichnis vom verlorenen Sohn Plastisch fa,gä, ebenso aus die 5. Bitte des Vaterunsers. Sobald jüdische Frvmmigkeit sich auf denselben Versohl,ungr-gedanken konzentriert, würde sich hier jüdische und christliche Frömmigkeit sel>r nahekominen. Christliche Frönnnigkeit kann dabei sehr wohl auch als Vergewisserung und geschichtliche Verankerung, die ülur dns Persönlich-SulFektivc hinnnshebk. an Jesu Worte, Lebe» und Tod und AufcrstchlM'g denken, wie jüdische Frömmigkeit dabei als V e r - ge w , sfe r u» g, die über das Persönlich-Subjektive hi,m»?.hebt, etwa, an die Worte der Tara denkt, 2. Mose 31, 6 und 7, die beginnen: „.Herr, Herr, Gott, barmherzig „nd gnädig" und an den Rit'uH des BersöhnungSbagcs zur Zeit des Tempels, >oie er von Gott selber geboten ist. _ Ans beiden Seiten ist die Neigung vorhanden, von allein M y st i sch - M a g i s che „ abzurücken „nd den ganzen Vorgang der Erlösung und Versöhnung der Menschheit mit Gott und der 'Versöhnung der Menschen „ntereinander rein in, der Sphäre des Sittlich-Persönlichen zu halten und damit in dem Umkreis sittlich-persönlicher Frömmigkeit. Die vorstehenden Aussührungen denken bei christlicher Frömmigkeit in erster Linie an p r o t e st a n t i s ch - ch r, st l i ch c Frvimistgkeit und bei jüdischer Fröinmigkeit ehva an diejenige Art, wie sie sich in dem Buche von Albert K a si : „Israels Feste und Gedenktage" (Leipzig. Gustav Engel, 1921) ausspricht. Wollte man alle Numidmmigm berücksichtigen, die beiderseits, d, h. sowohl auf chriftlichein als aus jüdischen, Gebiet, bestehen, so würde sich der Vergleich im einzelnen mannigfach airders stellen. Das aber bürste sicher sein, das, sich bei einen, solchen Brennpunkt „nd Mittelpunkt, wie es die Erlös»,,gH- »nd BersöhnnngSgedanken sind, a»f beiden Seiten deutlich die Neigung zeigt, ohne ans den Reichtum der geschichtlichen llebcrkieseriing z» belichten, doch alles möglichst ans die ei „fachstei, Grundgedanken, Grnndgcsühle und Grunderlebnisse sittlich-religiöser Frömmigkeit zirrückz>, führen, Und dieses Grundgesühl is! das der Sündhaftigkeit des Menschen gegenüber dein heilige» Gott und anderseits die Gewißheit. daß er. der Gnädige „nd Ba rmherzi ge .ist,' der die Sünde vergibt. So ist cs erklärlich, daß der große Bersöhmungstag viele in die Synagoge zieht, die sonst selten zu erscheinen pflegen., und anderseits der zkarsreitag viele Christen znm Kirchgang veranlaßt. Sünde und Gnade, Buße und Vergebung der Sünde: das sind doch Michle, die ihre Kraft immer wieder geltend machen und nie veralte». Ohne Zweifel sind sie versöhnende Mächte auch in de in Sinne, daß sie ivesentlich zur Versöhn nngaller Menschen n n t e r e i n a n d e r beiz,,tragen vermögen. Leipziger Meßgäste. Die Leipziger Messt hat die Entwicklung deS deutschen Warenhandels in starke», Mas»: beeinflußt. Auch die Juden haben einen nicht geringen Anteil an ihrer Eniwicklung und dem durch sic bedingten Aufschwung des .deutschen Wirtschaftsleben gehabt. Werner Sombart würdigt diesen Antcit in seinem Buche: „Die Juden und das Wirtschaftsleben" wie svlgl: „Ausfallend gnt sind wir unterrichtet über die Beteiligung der Juden an der Leipziger Messe, die ja lange Zelt hindurch der Mittelpunkt des deutsche» Handels war „nd dessen intensive und extensive Entwicklung einen guten Gradmesser bildet, die aber auch für einige der angrenzenden Länder, namentlich Polen und Böhmen, eine wichtige Rolle gespielt hat." (Seile 25/2C.) ' ■ Svmhart stützt seine Ansicht aus eine Arbeit von Freudenthal aus de», Jahre lM, in der die Leipziger Meßbücher von 1668 bis 1699 veröfseiitkicht sind. Das vorliegende neue Werth stellt »ns vor ein ungeheuer reichhaltiges Material, das die Zeit von 167b bis 1764 umfaßt. Die Liste» sind „ach Orten und innerhalb dieser nach Namen alphabciisch geordnet, ein Register anr Schluß führt alle Familiennamen auf. Die Meßbücher wurden von der Stadt Leipzig zum Zwecke der Steuerkoiitrolle über alle die Messe besuchenden Juden angelegt. Ihr Borhandensein an sich beweist wieder einmal, daß die Juden noch bis weit in die Neuzeit hinein, genau wie im Mittelalter, als reine Stcncrobsckic behandelt wurden: „Man sah eben in den Mctzjudcn nicht Handels le nt e , sondern Handelswaren." (Seite 16.) Trotz der hohen Stenern in Form von Leibzvllcn und Wegegeldern, Abgaben an Stadtrichtcr, Gerichtsschrcibcr »s,v. ist die Zahl der in de» Meßlistcn eingetragenen Juden — von einige» Schwankungen abgesehen — von 1068 bis 1738 dauernd im Steigen begrisscn; erst mit de», Beginn der Schlesischen Kriege läßt der Besuch rapide nach. Einige Zahlen aus der recht übersichtlichen Tabelle, die der Namenliste vorangeht: Ostern 1675 beträgt die Zahl der selbständigen Meßbesucher 271, dazu kommen 7 Frauen und 51 Diener, Musikanten usw., insgesamt also 329 Personen: 1699 sind die entsprechenden Zahlen: 1019 selbständige, 191 unselbständige, insgesamt also 1213 jüdische. Mestbcsucher. Woher, aus welchen Orten kommen nun die Jude»? Aus säst allen Gemeinden Deutschlands, aus dem Osten, vor allem aus Oesterreich, Ungarn, Böhmen, Mähren, ja auch aus Polen finden sich alhährlich die Juden zur Messe ei». Selbst als der allgemeine Besuch unter den Inden abnahm,. haben die einzelnen Gemeinden Wert daraus gelegt, wenigstens einen Äcrtrater nach Leipzig zu schicken. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Bcmcrkimg Freuden th als, daß auch damals schon der Name „polnischer Jude" als Sammelbegriss für die östlichen Juden galt, und daß in dieser amtlichen Zusammenstellung der Zuzug nicht bloß aus eigentlich polnischen, sondern auch a»S v si'dcu tschc n , aalt zischen und angrenzenden österreichischen Ortschaften mit unter bet Bezeichnung „aus Polen" eingerechnet ist, (Seite 17.) Das eigentliche Ausland ist in den Listen wenig vertreten. Mannigfaltig »nd interessant sind auch die Ausschlüsse, die uns das Material zur Kultur» und Gemeindegeschichte der deutschen Juden gibt. Wieviel verschiedene B c r n f s a r t e n sind hier vertreten! Zu dem Bertreter bekannter Handelsfirmen gesellt sich der Klein- und Unterhändler. Musikanten und Taschenspieler, Gaukler und Seiltänzer machen während der Messczeit hier ihr Geschäft, Köche, Köchinnen »nd Kuchenbäcker stellen sich ein, ebenso Bettler. Auch ein Knopsmacher wird in den Liste» erwähnt. Auch selbständig Handel treibende Frauen kommen nach Leipzig. Berühmte, aus der Geschichte wohlbekannte Familiennamen tauchen in den Listen aus. So, um nur ein Beispiel zu neune», aus Berlin: Daniel I tz i g , die Familien Ephraim, E u in p e r t s , L i e b - m an» <L i P P in a n n). Besonders ansschüißreich ist diese Nmnenslifte natürlich für die jüdische Familiengeschichte, „c kündet »ns von Ansehen und Besitz vieler bekannter Familien, vor allem aber davon, daß die einzelnen Familien überall im Dcnische» Reich verstreut wohnte». .Die Familiensvrschcr, die schon die ersten Pisten Frcudcnthals ausgiebig benutzt haben, haben hier eine wahre Fundgrube. Ucbcrhaupt bietet diese neue Schrist von Dr. Mar Freridcnihal durch dns reiche verössenilichie Material „nd die zusanuncnfnssende kurze Einleitung »umnigsachc Anregung aus asten Gebieten der jüdischen Geschichte »nd bedeutet für den Forscher, der sich mit der neuzeitlichen Geschichte der Juden in Tentschland veschästigt, ein wertvolles Quelle»,vcrk. Dr. Ellen Littmann. >) Dr. Max Freuden»,al: „Leipziger MetzMte, die silbischen Besucher, der leipziger Mess« in den Jahren 1875 bla 1764." Frankflirt 1928. (Schriften der bcsellschast zur Förderung der Wissenschaft des Judentums.) Verlag u. Schristleitung: Ceniralvercin deutsch. Etaatsbtirgcr jüb. Glaubens c.T , Berlin SW -68, Linden strotze 13. Für die-Schrif,,. vcraniw.: i. B. Dr. A 1 fr > Wiener, Berlin SW 68. Druck von N u d o l l, M o s s e, Berlin SW