Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 7 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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71 Sachkenntnis im Verein mit vorsichtiger Sachlichkeit, die alle allgemeinen Wertnricile vermeidet, legitimiert sich Herford als ein unbefangener und berufener Beurteiler des Jndeninins. Schon im Jahre 1913 war eine znsammcnsasicnde Arbeit Herfords durch die Ucbersetzimg von N. Perl es') den deutschen Leser» zugänglich gemacht worden, — ein erster Versuch, „die Welt des Talmuds ans Grund der Quellen objeliiv zu schildern". — Es ist sehr zu begrüßen, daß soeben (1928) auch sein neuestes Werk „Die Pharisäer"") in deutscher Sprache erschienen ist, nachdem bcreiis seit einige» Jahren eine italienische Nebersctzimg vvrliegt. Herford, hat an seine» grundlegenden Einsichten übkr das Judentum nichts zu ändern brauchen; — fein neuestes Werk zeigt ei» noch tieferes Eindringen in den Geist des Judentums und eine vorbildliche Klarheit in den Beweisen und Darstellungen. Gleich zu Beginn des neuen Buches hebt Herford hervor, daß ihn n u r vorurteilslose Wisscnschastlichleit bei seinen Untersuchungen geleitet hat. „Ich biete hier ebensowenig wie früher eine Apologie der Pharisäer; denn ich sehe gar nicht ein, daß eine s v l eh c notig wäre. Ich habe einfach versucht, aus einer mir einigermaßen vertrauten Kenntnis ihrer Literatur heraus das dnrznstctlen, was, tvie ich glaube, die reine Wahrheit über sic ist." (S. 11.) „Das Neue Testament als Hmipizengeii in der. Frage nach dein wahren Wesen der Pharisäer anzuruscn, ist unlogisch und geschichtlich nnmcthodisch." (S. 19.) Man innß die rabbinischcn Quellen selbst befragen. Herford zerstreut das Vorurteil, als seien die Pharisäer eine abgeschlossene Sekte, die nur zrir Zeit der Eutstehiurg des Christentums ausiritt, um dann spurlos zu verschwinden. Er zeigt, daß ihre religiöse Auffassung mindestens bis aus die Zcil Esras zurnckgeht, daß ihre Lehren niemals an Einfluß verloren haben. Das Judentum ist keineswegs durch den Pharisäismus von der prophetischen Höhe herabgesunken. — Im Gegenteil! D i e Pharisäer und R a b b t n c n sind d i e wahren Schüler der Propheten. „Die Pharisäer waren gerade diejenigen, die . das Werk der Propheten vor dein Verfall bcwahrten, dadurch, das; sie den Ge ist ihrer Lehren d e in sittlichen und religiösen Charakter des .Volkes einflößte n." (S. 161.) Um die übliche Entgegensetzung des Prvphetismns zum „phari- ^läischcii Rabbinisnius" zu zerstören, hebt er an anderer Stelle nochmals hervor: „Der Pharisäismus ist die Anwendung der prophetischen Lehre ans das Leben." sS. 288.) Vor dein Auge des Sachkenners zerfließt auch das Gerede von dem „formalistisch erstarrten Judentum": ,„D i e n ü ch t e r n e W a h r h e i t ist, daß die Entwicklung der Religion der Thora nicht zu einer allmählichen V e r st e i n e r u n g des g e i st i g c n Lebens führte, wie Christen gewöhnlich a n n e hm en; die Vorstellung, daß dies der Fall war, sollte als einer der I r r t ü ni e r, die schon allzulange die Geschichte durchziehen, au sge geben werden." <S. 115 n. 116.) Die „Lehren der Pharisäer" sinden eine eingehende und gewissenhafte Darstellung. Die pharisäische Ethik ist tief und wohlbcgründct, sie ist eine berechtigte und anziierkennende Ausprägung der Ethik überhaupt. Besonders aufschlußreich sind die Darlegungen über „Die Thora und das Sittcngcseh", über „Tie Hnlacha als sitiliche Erziehung" und über „Die Lehre von Verdienst und Lohn". Gerade der letzte Punkt wird oft mißverstanden und fälschlich so ansgelcgt, als mache das Judentum die „Aussicht auf Lohn" zu dem Grinid» motiv sittlicher Tat. Herford kann auch diese Anssajsimg als falsch zurückweisen. Hier, wo es sich um die Zcntralprobleme jeder Religion handelt, kann er erneut zeigen, daß der Vorwurf der „Heuchelei" und des „starren Legalisnins" unberechtigt ist: „Ein größerer Irrtum ist kaum vorstellbar." (S. 288.) — Diese Kapitel, in denen Herford das wahre Bild der tn!imibi{d)cn Welt entrollt, gehören zu den besten Darstellungen, die es überhaupt gibt; ihre Lektüre sei jedem ans Herz gelegt, der sich unter Leitung eines Berufenen eine ivahre Meinung bilden will. — Es ist hier nicht möglich, die ivesenilicheii Erkenntnisse auch nur in ihren Resultaten anzusühren. Wir begnügen uns, einige wenige Gesichtspunkte hervorznhebcn. Ein belanntcr Vorwurf behauptet, der Talmud verlange nur rituelle Handlungen, keine sittliche Gesinmmg. Herford stellt fest: „Für das Judentum aller Zeiten gehörten Sittlichkeit und Religion unzertrennlich z n - s a in ni c n. E s k o n n t c n i ch t e i n c S i t t! i ch k e i s li e b e n der Religion oder eine Religion ohne Sittlich, feit geben." (S. 163.) — >) „Das pharisäische Judentum in seinen Wegen und Zielen" von R. Travers H e r s o r d, übersetzt von R. P e r l e g, mit einer Einleitung von F. P e r 1 e s, Leipzig MI». 5) tlebcrsctzt von Sr. Walter Fische!, Leipzig 1928, Gustav Engel Verlag. „Die Pharisäer und die Rabbincn waren vor allem Lehrer — und was sic lehrten, war praktische Religion, nämlich rechtes Handeln vor Gokt und den Menschen. Sic suchten die Faktoren, welche Einigkeit und Frieden unter den Menschen schassen, sie suchten den Sinn für Gerechtigkeit, Wahrheit, Reinheit, Bruderliebe, Shmpaihie, Mitgefühl, Nachsicht usw. zu stärken, in einem Wort, das elhische Niveau i» ihrem Volke von Generation zu Generation zu heben." (S 128.) Ter verbindliche Teil des indischen Gesetzes, die Hniach», „wurde stets zu einem ethischen, nicht zu einem r i t ii a l i si i s ch e n Endzweck entwickelt, und das Ziel Uhu nicht, bloß gewisse Handlungen v o r z u - schreiben, sondern die Menschen zu kehren, durch die Erfüllung dieser H and l u n g e n Gott zu dienen n n d zugIe i ch das Gefühl für den Nebenm c n s ch c n zu st n r k c n." (S. 13t.) Ein beliebtes Schlagwvrt ist die Rede vom „pharisäischen Dünkct und talumdischer Selbstgerechtigkeit". Herford entlarvt dieses Schlagwort als Berkeunimg, ivegn er dnrlcgt: „Es gibt kaum eine Tugend, ans die in der rabbiiiischen Ethik mehr Gewicht gelegt wird als aus die Demut." (S. 154.) Neuerdings arbeiten, die Judengegner gern mit der llnterslellnng, der Talmund enthalte schlüpfrige Stellen, er sei voll von „orientalischer Sinnlichkeit". Wie urteilt Herford? „Es wird in der rabbinischcn Literatur viel über sexuelle Dinge gesprochen, aber ich glaube nicht, daß sich auch n u r eine einzige Stelle innerhalb des ganzen Gebietes der Haggnda findet, die mit einer schlüpfrigen Absicht erzählt wurde, oder ein geistreiches Spiel, in dem die Pointe etwas Obszönes ist. — Tic Hnggadn, soweit ich sie wenigstens studiert habe, ist von dieser Art literarischer Verschönerung gänzlich frei." (S. 91.) Man beachte wohl, Herford redet hier von der Hnggada, also dem erzählenden Teil des Talmuds, wo der Phantasie der brciieste Spielraum gewährt wurde, „wo fast alles vertreten ist, was Einbildniigskrast zuwege bringen konnte". ' In der Diskussion über das Judentum taucht immer wieder der Borwurf auf, die jüdische Lehre vertrete das „Prinzip der Rache" und befehle: „Aug' um Auch" (lex talionis); man liebt cs, das christliche „Prinzip der Milde" hierzu im Gegensatz zu stellen. — Herford weih natürlich, daß die Halacha keineswegs dieses „Racheprinzip" vertritt: „E s i st ganz ungerecht, gegen die Pharisäer oder die Rabbiner oder die hentige» Inden einz u lv e n d e n, d a ß ihre Religion noch immer das alte lex talionis ausrecht erhielte. Dieses Gesetz hat in ihrer Religion ebensowenig einen Platz wie i in C h r i st e n t u in." (S. 12 9.) Herford widmet ein ganzes Kapitel (S. 271 bis 289) dem Nachweis, daß der Pharisäismus und das rabbinische Judentum ein nicht zu missender wertvoller Faktor in der religiösen Entwicklung der Menschheit ist. Vor allem die christliche Welt habe das größte und tiefste Interesse an der Erhaltung des Judentums. — Die jüdische Lehre befähige ihre Bekenner, „der Menschheit große und >v ese n tl ichc D ic n st c zu leisten, die zwar selten anerkannt, aber d e r e n F e h l c ii sich in all den höheren g e i st i g e n Sphären recht fühlbar gemacht hätte". (S. 75.) Wir möchten nochmals hcrvorheben, daß die Fülle der Erkenntnisse des Herfordschen Buches durch diese Ausführungen nicht einmal an gebeutet sind. Seine Darlegungen über Thora, Halacha, Haggnda, Tradition, Gesetz usw. find von grundlegender Bedeutung und „verdienen klassisch genannt zu werden", um mit Kant zu reden.— Beachtung verdienen auch die Erörtcrnngen, in denen er darlegt, warum das Judentum von der Umwelt mißverstanden wird, und in denen er fordert, daß eine wahre Kenntnis des Judentums der üblichen Herabsetzung Platz machen muß. _ Mit Recht fragt der Uebersetzer des Buches, Dr. Walter Fischel, in seinem Vorwort, daß das Herfordsche Werk „ein an Tiefe der geistigen Durchdringung und ein an Weite der historischen Persepktive geradezu vorbildliches Dokument wissenschaftlicher und menschlicher Leistung" darstellt. Dr. S. Weinberg. Eöuarö Lamparter: „Das Judentum in seiner kulturunreligionsgeschichtlichen Erscheinung". . Es gibt wenige Begriffe, mit denen ein so falscher Kultus getrieben wird wie mit dem Bdgriff Toleranz. Aus Gedankenträgheit und Gutmütigkeit, lvcnn nicht, gar aus Gründen berechnender Nützlichkeit duldet der einzelne oder eine Gcmcinsckiaft allerlei, was sie, wenn sie ehrlich ihrer Ueberzeugung folgen würden, schlechthin verdammen oder mindestens verwerfen müßten. Eine tolerierte Religion und eine tolerierte Gemeinschaft sind eben nur geduldete, denen großmütige Nachsicht oder politische Klugheit ein beschränktes Lebensrecht einränmt. Im Grunde genommen ist der Geduldete ein gescllschastlicher Paria, beileibe kein Gleichberechtigter oder gar Glcichgcachteter. Eine Religion oder eine Volksklasse, deren Rechtssiellimg aus einem Toleranzedikt beruht, ist dadurch tatsächlich mißachtet.