Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 7 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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72 Diese Tatsache erklärt die Stellung, welche noch heute die Mehrzahl der nichtjüdischen Mitmenschen dem Juden und dem Judentum gegenüber eiimiimnt. Sie steht zu beiden tvic der Pharao der Bibel zu Joseph und seiner Familie. Dieser Joseph war Hosjude, ein yjfnr.n, den »um praktisch nicht gut entbehren konnte. Er hatte den Malet seiner Geburt durch eine standesgemäße ngtiptische Ehe gemildert. Ander? seine Brüder. Der König war ihnen gegenüber allerhöchst wohlgeneigt. Sic sollten sogar die Ehre einer Audienz erfahren. Aber Joseph sagte selbst den Brüdern, tvie sie sich dein König Vörstetten sollten: „Viehzüchter tvaren deine Knechte von jeher bis heute — damit ihr im Lande Gosen wohnen dürft, denn ein Gegenstand des Abscheus ist ein jeder Schafhirt den Aeghptern." Und der König gewährte ihnen das Gastrecht in Gosen. Sie hatten damit ihr Tolcrnnzedikt erhalten. Aber von der verborgenen oder richtiger ans Mtzlichkeitsgründcn verhohlenen Missachtung bis zur ofscncn Aechtung tvar nur ein Schritt — und kam», das! Joseph gestorben, begann die Entrechtung Israels in Aegypten. Das Schicksal der Inden begann sich in der Gegenwart erst zu lichten, als an die Stelle der Toleranz die Gleichberechtigung trat. Im Gründe genommen hat aber die Mehrzahl der Juden den tolerierten Juden innerlich noch nicht Überwunden, und die nichtjüdische Gesellschaft sieht im Juden fast ausnahmslos noch den Geduldeten. Es inus; jedem Ehrcnjudcii die Schamrote ins Antlitz treiben, so oft er diese Wahrnehmung gerade bei angeblichen Judensreundcn macht, die ihm gönnerhaft auf die Schultern klopfen, die ihm die Mischehe als Mittel und Weg zur völligen Eindeutschung aneiitpfehlen, die ihm anraten, sich tunlichst unsichtbar zu machen, um nicht — selbstverständlich bei den anderen! — Anstoß zu erregen. Das gilt nicht mir von her gesellschaftlichen Einstellung zum Inden, das gilt in mindestens ebenso ernstem Ausinaß von der E i n st e l l u n g der ch r i st l i ch e n Theologie zum Judentum. Es wird cniwcder in der Neligionsgcschichte als quautitä negligeable wie von W o b b e r m i n ganz übergangen oder von oben herab als rückständig oder überwunden abgetan. Es gehört eben sittlicher Mut und kernfeste Neligiosität dazu, sich in die religiöse Empfindlings- und Gedankenwelt eines fremden Lckeimtiiisscs ciiizusühlen und ihr gegenüber die Objektivität der Gerechtigkeit zu ivahren. Es ist eine der stärksten Aenßeruugen überragender C h n r a k t e r g r v s, e, wenn der Talmud im Streite der Schuten Hillets und Schammnis die Stellung einninnnt: Diese wie jene sind Worte des lebendigen Gottes. Bon dieseni Standpunkt ans darf das soeben erschienene Werk des Stuttgarter Stadtpfarrers a. D. Eduard Lamport er: „Das Judentum in seiner kultnr- und rcligionsgcschichtlischcn Erscheinung'") als sittliche Tat bezeichnet tverdcn. In ihm stellt ein . Protestantischer Theologe ans Grund eingehender Studien fest, was das Judentum im Lause von drei Jahrtausenden der Menschheit an kiitturcllen lind religiösen Werten übereignet hat. Bieljährige Beschäftigung mit den jüdischen Quellen hat in ihm die Ueberzcugung gefestigt, daß der Antisemitismus sachlich und sittlich eine Schmach sondergleichen ist. Aber er hat auch den Mut, gegenüber der verhängnisvolle» Teilnahm- und Tatenlosigkeit des spruchberechtigten Christentums der Wahrheit die Ehre zu geben und sein Zeugnis frei und stolz nuszi,sprechen. Er tvendet sich in seinem Buche nicht nur an die Kreise, die in diesem Kampfe ums Recht bisher völlig versagt haben, sondern an die breiten Schichten des deutschen Christentums. Mit frommem Idealismus glaubte er an den guten Geist und Kern im deutschen Christentum. Er kann und will es nicht glauben, daß dieses so verdorben ist, daß es die Stimme der Wahrheit nicht mehr versteht. ES muß dabei geradezli erschüttern, wenn der christliche Theologe von dem frommen Bedürfnis spricht, „durch sein Werk etwas zur Sühne des an den, Judentum seit sieben Jahrhunderten ans dentschem Baden begangenen Unrechts beiz,»tragen". Der Leser spürt überall in denl Buche den Herzschlag dieses sittlichen Wollens, dieser inneren Frömmigkeit. Schon um dieses frommen Willens wegen darf sein Werk als eine Tat gekennzeichnet tverdcn. Nicht allein seine ausgezeichnete Widerlegung der Nassentheorie, nicht seine mustergültige geschichtsphilosophische Darstcllmig der Geschichte, der Kultur und der Religion des Judentums, nicht sein wissenschaftlich einwandfreier Nachweis der engen Beziehungen der christlichen Religion zitili Judentum, auch nicht seine knappe und tiefgründige Darlegung des Wesens und der Sitteulehrs des Talmuds geben diesem« Werk seine Größe. Sein Höhepunkt ist seine Einstellung zur Religion des Judentums. Lam parier geht Mets.von dem Grundsatz aus, daß „tvahre Religion nie etwas Trennendes, sondern immer etwas Verbindendes bedeutet. Niemals darf Härte, Lieblosigkeit, Berachtung gegen den Ncbenmcnschen sich in den Deckmantel der Religion hüllen. Angehörige jpder Religion, die dies tmi, bereite» ihrem Glauben Unehre" (S. 48)/ SUoü diesem Grundsatz aus erkennt er der jüdischen Religion das volle Lebensrecht neben der christlichen zu. Es ist eine Offenbarung mannhafter Offenheit und aufrechter Frömmigkeit, tvenn Eduard Lampartcr ausspricht: „Das; anch der jüdischen Religion «eben der christliche» ei» göttliches Dasei,»örccht, eine besondere Gabe und Ausgabe im Geistesleben der Menschheit verliehen ist, kann nur engherziger KonsesstonnliSmuö lcngnen." „Dem Indent»»»» ist von der Vorfthnng die Besti»»»»nung zngclvicsc» worden, ein Zeuge >»nd Wächter des reinen Monotheismus, des Glaubens an den einigen und einzigen Schöpfer und Erhalter aller Dinge zu sei». Das! der MonothciSttinö in der christlichen Kirche nicht immer vertvahrt gewesen ist, zeigt ein Blick in ihre Dognicngcschichte. Die andere Providenticlle Ausgabe des Judentums besteht darin, das ethische Elcincnt in den» geistigen Gottcsglauben z» betonen und z»» wahren. Zu den „nvcrbriichlichen Bestandteilen seiner religiösen Gedankenwelt gehört anch die Vorstellung von der stttlichen Selbständigkeit des Menschen, von den» Eigenwert seines frommen Handelns >»nd der starke Akzent, der anf die Fähigkeit des inenschlichen Willens zun, Gnten gelegt wird. Wir sehen hierin ein berechtigtes Gegengewicht gegen die Gefahr des Ouietisinus, eines die stttliche Willenskraft des Menschen lähmende» Bauens nnd Sichverlassens auf die alles wirkende Gnade Gottes, gegen eine Gefahr, welcher so manche Erschcinungsformen christlicher Frönimigkcit unterlegen sind." „Biele Christen gehe» an den Synagogen der Juden in der Meinung vorüber, datz hier einer zur Mu»nie ausgetrockneten Religion gedient werde. Aber die Ergebnisse der neuzeiilichen Religionswissenschaft machen es uns zur Pflicht, neben den» ttberzeugungsvollen Festnnd Werthalten des eigenen Glaubens anznerkenyen, dast der religiöse Genius anch auszcrhalb des Ehristentnrns edle Blüten nnd Früchte gezeitigt hat." Stadtrabbiner Dr. Rieger (Stnttgart). karr Play. Eine vorbildliche Lebensregel anch für Nichtenglönder. Wir entnehmen dem in der Frankfurter Soziotätsdruckerei 3927 erschienenen Buch, „Fair Play, Sport, Spiel nnd Geist in England", des sein beobachtenden Journalisten Rudolf Kircher nachstehende Ausführungen, die von jedem Bolk nnd von jeder Geneeinschast als der beste Weg zum harmonischen Zusammenleben beherzigt werden sollten. Die Schristleitung. Fair Play ist ein Inbegriff von Werten. In diesen zwei Worten ist alles gesammelt, was die englische Erziehung und die englische Lebensauffassung für erstrebenswert und für erreichbar halten. Die Worte sind unübersetzbar nnd eS wäre sinnlos, sie in einer knappen Formel zu interpretieren. Es gibt Dinge, deren Wert in ihrer Undcfinierbarkcit nnd llnbestimmtheit liegt. I» den Begriff Fair Play läßt sich unendlich viel hineindeuten. hineinfühlen, und je umfassender >vir ihn zu verstehen vermöge», desto näher konnnen >vir seiner Bedeutung als Richtpunkt, als Ideal, als Lebensphilosophie, als soziale Weisheit. Jeder Sportsmann, jeder Soldat, jeder Politiker, jeder Staatsmann, jeder Journalist, jeder Unternehmer, jeder Arbeiter, — wer immer es sei, die Mahnung, das Programm, das in diesen zwei Worten liegt, könnte nusreichen, seiner ganzen Arbeit Inhalt und Sinn zu geben. Fair Play regelt die Bczichnng zum Nächsten, und zwar die Beziehung gerade in den Dingen, wo die Prüfung beginnt: in Konkurrenz und Kampf, im Wettbewerb und im Affekt. Fair Play gebietet, den Nächsten zu achten und im Gegner den Menschen und Spielkameraden zu sehen. Schon der kleinste englische Junge lernt, daß es unwürdig ist, den Schtvächcren zu vergewaltigen nnd gemein, den besiegten Gegner zu mißhandeln. Daß die Rolle des Siegers nicht immer leicht ist, hat die englische Nation freilich in neuester Zeit an sich selber erfahren. Gleichviel: Fairness gilt den Engländern als eine der nobelsten Pflichten, und der Wille zu dieser Tugend ist stark genug, den englischen Sinn immer wieder in diese Richtung zu lenken, ivie groß auch die Ablcnknng zuweilen sein »nag. Nicht Gutmütigkeit ist die Triebkraft, sondern der aus dem Spielplatz gekrästigte Instinkt für das Billige. Was »nan oft mit Neid die englische Begabung für die Politik nennt, ist zumeist nichts anderes als das natürliche Walten dieser natürlichen Instinkte. Wenn auch nach heftigen Schwankungen, ist es iiymer wieder diese Regung, die den Engländer treibt, in letzter Stunde die Konzessionen zu machen, die nötig sind, um dem Pommoli 8ense zum Sieg zu verhelfen. Fair Play ist darum auch die Grundlage dieses vielgerühinten Pommau Lensa des englischen Volkes. So ist der Sport der größte Lehrmeister dieser Nation. Verlag n. Schriistlelümg: Lonlralverein deutsch. Staatsbürger jüd. Glaubens e.V., Berlin SW 68, Lindenstratze 13. Ftir die Schriftl. verantw.: i. V. Dr. A I f r ed Wiener. Berlin 81V 68. Druck von R n d o l s Masse, Berlin SW 19. ') Lcopold-Klod-Verlag. Gotha.