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Central-Verein-Zeitung · 1928-07-01 · Heft 7 (Juli 1928) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1928
Issue
Heft 7 (Juli 1928)
Date
1928-07-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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70 «christliche Gelehrte über -as Judentum. N. Travers Herford: „Pharisäer". Das geschichtliche Judentum, dessen Lehre in der rabbinischen Literatur und vvr allem im Talmud lüedergelcgt ist, verdankt seine Entwicklung und Erhaltung den Führern und Lehrern, die unter der Bezeichnung Pharisäer bekannt sind. Zwischen der religiösen Ausfassung des rabbiiüscheu und pharisäischen Judentums besteht lein Unterschied. — Aus die bekannte» Stellen des „Neuen Testaments", in denen den „Pharisäern und Schristgclehrten" Hemkzclci vorgewvrfcn wird, ist cs M'ückznsührcn, das, die Bezeichnung „Pharisäer" in den allgemeinen Sprachgebrauch als ein S ch i in p s >v o r t cingcgangcn ist, das mit „Heuchler" gleichbedeutend verwendet wird. — Dicsenr f c st g e >v u r z e l t e n Gebrauch entgegcnznt re ten und die Wahrheit über die Pharisäer zu ver- .breiten, ist iveit nichr als ein Akt historischer Gerechtigkeit gegen die Träger dieses Namens; denn die Verurteilung der Pharisäer hat mit Nolivendigkcit eine Herabwürdigung des Judentums und seiner Bekenner zur Folge. In der Tat wird die jüdische Lehre von weiteftcu Kreisen der nichtjüdischcn Welt aus dem Gesichtspunkt des so mißverstandenen Pharisäismus beurteilt, rind in allen Schichten der literarischen Produktion findet dieselbe Gruiideinstellung ihren Niederschlag. In den Büchern nichtjiidischcr Forscher, die über den Verdacht absichtlicher oder gar böswilliger Entstellung erhaben sind, kleidet sich diese Auffassung in das Urteil, das Judentum sei in leb- 'losem Formalismus erstarrt und von der Hohe prophetischer Neliflioii zu einem Ritnalshstcin hcrabgesuiiken. Diese Ausstellungen vergröbern sich in den Niederungen antisemitischer Demagogie zu gehässigen Verunglimpfungen: die jüdische Lehre sei ohne Sittlichkeit, gesühlstvtcnd, abergläubisch, heuchlerisch — kurz „Pharisäisch". Dieser Verkennung und Unkenntnis ist nur schwer lviznkvmmen. Die jüdische» Forscher, die das Judentum ans seinen Quellen kennen. werden nicht gelesen oder als besangen nbgclehnt. Die nichtjüdischen Gelehrten untersuchen und betrachten natnrgemäß das Judentum nur als Bvrstns« des Christentums, um zu zeigen, ivclche Mängel der jüdischen Lehre die Reaktion des Chmstentums hervorrics. Aus diesem Gesichtswinkel heraiis kann niemals das Wesen des Judentnnis ersaht werden. Es koinnrt hinzu, daß — leider — eine gründliche Beherrschung der jüdischen Literatur selten zu finden ist; man stützt seine Kenntnis des Judentums rind seiner Geschichte im wesentlichen ans die ncutestnmentliche Darstellung, ans die Apvkalhptik und aus Jofephus; die rabbinischen Quellen zog man entweder gar nicht heran oder man benutzte Darstellungen ans zweiter oder dritter Hand. „Das Ergebnis ist das, was eintrctcn mutz, tvenn der Blinde den Blinden führt." Obwohl die Juden inmitten der Nichtjndcn leben rind obwohl die jüdischen Qnellenschrijten ohne A u 8 11 a h m e der wissenschaftlichen Forschung zugänglich sind, konnte sich so der große Irrtum fcstsetzc» und durch die Jahrhunderte sortpflanzen, ohne daß die Inden von sich ans das Mißverständnis zu beseitigen vermochten. Bei der Wichtigkeit, die einer wahren Kenntnis des Judentums auch jür die Praxis des Tages zukommt, und bei der geschilderten Schwierigkeit, die einer Verbreitung der Wahrheit im 'Wege steht, kommt den Arbeiten des ch r i st l i ch e n Theologen und Forschers R. Travers Herford eine besondere Bedeutung zu, oic weit über den Nahmen der Religionswissenschaft hinausreicht. — Herford (geboren 1860 in Manchester) ist ein gründlicher Kenner des Judentums: im Verlaus von mehr als vierzig Jahren hat er sich eine tiefe und selbständige Kenntnis der rabbinischen Quellen erworben, die es ihm ermöglicht, daß weite Meer des Talmuds und der rabbinischen Literatur souverän zil beherrschen — in der strengsten Bedeutung dieses Wortes- Allen seinen Schriften ist anzumerken, daß er keine fremden Krücken braucht, daß er an der Quelle selbst schöpfen kaitn. Herford hat keine apologetischen oder polemischen Absichten; er will nur der wissenschaftlichen Wahrheit dienen und das pharisäisch-talmudische Judentum ans Grund der legitimen, primären Quellen von innen her darlegen — so, >v i e cs in Wahrheit i st —, „mit all seinen Idealen und Ueberzeugungen, aber auch mit seinen Grenzen und Fehlern". Durch diesen Willen zur Wahrheit, durch seine große Warum ich nicht Antisemit bin Ein einfacher christlicher Handwerker-, ans Breslau sandte uns unausgcsordcrt nachstehenden Brief. Die Schrisllcitung. Breslau, 29. April 192S. An die Schriftleitung der ,,C. V.-Zeitung“. Schon lange wollte ich mir dieses vom Herzen schreiben, aber immer wieder bin ich davon abgelommc». Auf allgemeinen Wunsch meiner Freunde, warum ich mich fiit die Zudensrago so warm einsctze, will ich kurz und klar meine Meinung Vorträgen: Ich stamme aus Süddeutschland, an meiner Wiege!var nicht Reichtum Pate gestanden, sondern es gab gar manchmal — ach so wenig zu essen. Meine Eltern mußten schwer kämpfen, denn wenn wir alle am Tische waren, so haben acht hungrige Mäuler eisersüchtig nach der großen Schüssel geschaut. Nie habe ich «in Frühstück mit zur Schule bekommen. Doch eines Tages kam ich mit sremdcn Schulkindern zusammen, die aber nicht tu dieselbe Schule gingen >vio ich, sondern noch etliche Straßen weiter gehen mußten. Wie ich dann ersahren habe, waren cs Judentindcr, die auch zur Schule mußten. Wieder tras ich mit ihnen zusammen, da plötzlich drehte sich ein Mädchen nach mir um und sprach mich an mit den Worten: „Bist du krank? Was fehlt dir?" Ich mußte wohl nicht gut ausgcschcii haben, denn in meinem Ringen knurrte und bellte es. Im Nu war ich von allen Seiten umringt und alle, wie aus Kommando, packten ihr Frühstück ans, uni mit mit zu teilen. Bevor ich mich von meinem Schreck erholt hatte, waren sie wie der Blitz verschwunden. 'Wer war glücklicher als ich, ich kam mir schon als Bielfraß vor, als ich zur Freistunde alles ansgczchrt halte. Ich tveiß nicht, wie es tnm, aber das eine stand seft, die fremden Kinder hatten cs stets so eingerichtet, daß sie immer mit mir zusammenkamcn. Wir wurde» mit der Zeit auch sehr gute Freunde, hauptsäch- - lich mit armen Zungen. Als ich eines Tages wieder von der Schule nach Hause ging, stieß ich aus einen Hausen Schulkinder, die einen großen Lärm machien. Aus einmal ein Geschrei! Ich erkannte sofort meinen Freund, er schlug sich wie ein Löwe, aber es >varen doch so viele. Böller Wut über die große Feigheit, daß so viele über einen hcrstiirzten, packte ich »reine Schiescriasel »rnd zcrtrümmcrte sie mit voller Wucht aus dem Nächststehendcn, daß der Tafelrahmen an feinem Hals hängen blieb. Ich hatte nun schon vier Angreifer vv» meinem Freund erledigt, mit der letzten Kraft stürzte ich von neuem hinein, jetzt bekamen die anderen Angst und kiesen davon; mein Freund war frei! Ans dem Kampfplatz blieben fünf zertrümmerte Schiefertafeln; mein Freund kam mit einigen Beuten und Hautabschürfungen davon. Warum «ud weshalb ist der Streit entstanden? DaS alte Märchen: Christus ist von einem Juden verrate» worden! So wird in der Kinderseelc Verwirrung ungerichtet. Warum, so frage ich, mutz das fein? Warum nicht: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst? Hier wird noch sehr viel gesündigt. Ich bin sehr viel mit Jude» zusammen gekommen, Noch nie habe ich einen Unterschied zwischen Andersdenkenden bei „ihnen" herausgcsundc». Sollte auch die Religion hier eine Moll« spielen? Das wäre traurig! Oder aber, daß der Jude an der Spitze der Finanzen mit dem große» Gcldsack steht? Auch das ist ein Märchen, schon tausendmal widerlegt! Oder aber, er ist ein Wucherer im großen ganzen? Ebenfalls nicht stichhaltig. Oder aber, lvill er die Macht an sich reißen? Auch hier schleir die Tatsachen. Warum ist der Jude so gehaßt? Warum die Verfolgungen aus der einen Seite und die größte Wertschätzung auf der andere»? Durch meinen Verkehr mit den „gehabten Juden" von Jugend aris kann ich mir ein Urteil erlauben. Der Jude ist eine gntinütige Natur, ein fleißiger, arbeitsamer Mitbürger, der jeden leben läßt. Er ist in jeder Hinsicht zuvorkommend, nicht streitsüchtig, kein brutaler Mensch. In meinem Beruf bin ich sehr viel mit den „bestgehaßten Juden" znsammengekommeii. Nie habe ich etwas an den Juden entdecken können, was mich abgcstoßen hätte. Ich bin durch Deutschland krcuz und qncr gekommen, in Bayern, Baden, Württemberg, Preußen, Sachsen, Rheinland, Westfalen, jetzt hat mich die Kricgswclle nach Schlesien verschlage», llcbcrall haben di« „verhaßten Juden" auf mich einen guten Eindruck gemacht. Nirgends haben Mißstimmigkeiten aus Anlaß einer Auseinandersetzung statigefundcn. Nur hier in Breslau, und zwar nach dem Kriege, waren an die Ecken der Häuser sehr viel Nnstnn und Gehässigkeiten mit allen möglichen Schreibutensilien geschmiert. DaS hat anf mich wie ein Faustschlag gewirkt. So recht bubenhast, so recht rückständig. Das' kennzeichnet so nianche Menschen, die noch nicht unter den „verhaßten Juden" verkehrt und. gearbeitet haben. (Sie keimen die Juden bloß vom Hörensagen; gewöhnlich werden si« auch ganz falsch unterrichtet.) Daß cs bloß Gehässigkeit und Unverstand ist, was sic da gesagt haben. Tiefer Abscheu mutz jeden gesunden Menschenverstand empören, wenn man von den Grabschändungen liest, die immer und immer wieder Vorkommen. Nicht einmal vor den Toten wird haltgemachtl Und wir rühmen uns, an der Spitze der Zivilisation zu marschieren? Wir sind noch sehr weit davon entserntl Was ächtet nun den Juden? Nichts, rein gar nichts, was rins über „ihn" empören könnte. V v r u r t e i l e , weiter nichts. Was einige UiNvisscnde vorgnatschen, das kauen die Dummen nach. Wenn man gewisse Radaublättcr einmal zur Hand nimmt (ich ziehe erst immer Fausthandschuhe an), so kann man sich eines Lächelns nicht crlvehren. Hämische Bemerkungen, kleinliche Wortklaubereien, Niedcrschreicn der gegnerischen Ansichten, das sind Kampfmethoden unfähiger und lächerlicher „Gernegroße". Fort mit diesen unwürdigen Methoden. In den meisten Fällen pflegt sich hinter solchen gehässigen Artikeln ja auch nur der Neid, Unfähigkeit und die Sucht, trotz dieser Minnscigcnfchafkcn etwas Bedeutendes zu scheinen, kurz: geistige Hohlheit zu verbergen. Ich richte an alle die öringende Bitte, im Interesse der Sache und im Interesse des Ansehens der viel gepriesenen Zivilisation, die Fragen so, wie es sich gehört, sachlich zu behandeln. Den« vor allem durch Austausch der gegenseitigen Erfahrungen kann man de», Wahren und Richtigen näherkommen. Nur so kann Aufklärung, nur so kann Licht in diese Finsternis getragen werde»!') A. Deuber (Breslau). ') Zur Beruhigung der erregten Gemitter: Unaufgefordert von irgendeinem .reichen Juden" habe ich meine Gedanken hier nicdergelegt. Der Verfasser.

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