Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 6 (Juni 1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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besinnlicher Betrachtung unserer Stellung tm deutschen Leben aufgrrusen hnb-eu. Ter deutsche Jude gehört als solcher keiner Politischen Partei nie Wir. die wir uns weltanschauungsgemäh zur unlüs. baren Verbindung von Deutschtum und Judentum bekennen, haben cs stets nbgelehnt, uns an einer jüdsiclM Partei im deutschpolitischen Leben zu beteiligen. Mir dilrsen es uns zum Ruhme rechnen, daß dieser Gedanken ns d e >k t s ch e m B o d e n bisher niemals e r n it l i ch auch nur in Erwägung gezogen worden i st. Wir sind in allen Parteien vertreten, die sich nicht zum Antisemitismus bekennen. Ans rheinischem^'Boden muh jeder, der guten Willens ist, das Verständnis dafür ausbringcn, das; die als L e b r n s p r i n z i P von uns betonte unlösliche Verbindung von De»tsehtun> und Judentum nicht ein Wort der Taltik, nicht eine erdachte Parole, sondern eine Lebcnsnotwendigkcit darsicllt. Lvir sind Deutsche, weil wir nicht anders können. Diese Verbundenheit ist unsere LrbcnSqnellc, die Leben gibt, weil sie Leben ist. Ich habe oft schon daran erinnert, daß gerade von rheinischem Boden vor- Jahrhunderten Inden »ach dem Osten gewandert üud, Juden, die hier unter schwersten Verfolgungen gelitten hatten und denen die Freiheit im Osten zugcsagt worden ist. Als die Jude» von Worms gen Osten zogen, ließen diese gcguälteii Inden, die unter schwerster Verfolgung ihre deutsche Heimat verließen, sich in dein Ucbersiedlungsabkommen noch z»sichern, daß der Nückscl>assuug ihrer Leichen ans deutschen Boden keinerlei Schwierigkeiten seitens der östlichen Machtgeber bereitet werden dürfe. Schwere Kränkungen, die »ns, da wir nach rursercr ganzen Lehre ein Volk des Rechtes sind, auss schwerste treffen mußten, sind »ns nicht erspart geblieben und bleiben u»Z auch zurzeit nicht erspart. Aber niemals haben wir einzelne Deutsche oder Gruppen von Deutschen mit unserem deutschen Vaterlande identifiziert. Nur so ist es uns möglich gewesen, daß wir allen Verfolgungen gegenüber niemals eine Verbitterung haben anfkammen lasten, und daß wir aller Verfolgungen ungeachtet nus lebensvoll an positiver Arbeit im Dienste unseres Vaterlandes beteiligen. Eine Arie aus Rtvzarts „II r« pssiors' von Haust Book, Koloratursängerin an der Kölner Oper, mit vollendeter Kunst vorgetragen, ließ die Geister sich sammeln für die Festrede „Der deutsche Jude ans deutscher Erde", zu der danach Rechtsainvalt Or. Bruno Well Stellvertreter des Vorsitzenden des Centralvereins, das Wort nahm. Seine Ausführungen können hier nur in kurzer Zusammenfassung wiedergegeben werden: Die Behandlung des Themas: „Der deutsche Jude aus deutscher Erde" hat zur Voraussetzung, daß die Stellung des Deutschen ganz allgemein aus deutscher Erde untersucht werden muß. Auch.für einen Zeitraum von nur wenigen Jahrhunderten läßt sich die ständige Wandlung sowohl des Landes wie der Menschen seststellen. Für die Zeit um Christi Geburt stnd wir für unsere Kenntniste Germaniens und der Germane» auf rein römische Quellen angewiesen. Noch um 250 n. Ehr. ist der Rhein die westliche, die Donau die südlich Grenze des germanischen Landes. Alle die großen Städte an der Donau und am tlchein von Köln Wer Koblenz und Trier herunter nach Metz und Straßburg, von Augsburg bis Wien sind römische Gründungen. Hm 500 tu. Ehr. ist Italien, Frankreich Spanien, zwei Drittel des damaligen kulturellen Europas in germanischen Händen, mit einer Ausnahme — von Deutschland. Noch unter Karl dem Großen geht der germanische Herrsehrstsbereich nicht über Saale und Elbe hinares. Der Osten ist erst im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert zu Deutschland gekommen. Auch der deutsche Mensch der Zeit des Ta er tu s ist weder kulturell noch bluts» mäßig der gleiche wie der Mensch der karolingischen Epoche. Um die Jahrkausendwende kündet sich mit den vielen neuen Städten, mit dein beginnenden Drang nach außereuropäischen Unternehmungen, mit der Intensivierung des religiösen Lebens eine neue Epoche an. Demgegenüber ist während' aller Perioden deutscher Geschichte die Anweseicheit der Juden in Deutschland nachweisbar. In Köln schon lange vor 32!, dem Jahr des Konstantrnischen Edikts, in Metz mit einem jüdisch gökwrenen Bischkf im Jahre 880. in Aachen mit dem Empfang des a»8 dem Orient heiinkehrenden Gesandten Isaak im Jahre 802. in Mainz mit einer ununterbrochenen Gräberreihe von 060 bis 1400 n. Ehr., in Köln im Jahre 1012 mit der Erbauung einer neuen Synagoge, in Sv eh er mit dem Brsthvs Rüdiger, der erklärt, der Glanz seiner Stavt werde durch den Einzug der Juden ans das Tausendfache gesteigert werden. Das erste Jahrtausend scheint, soweit wir Quellen deuten Wunen, durchaus friedliches Zusammenlebc» zwischen Christen und Juden gebracht zu haben. Bon etwa 1200 an folgt ein -halbes Jahrtausend schlimmer jüdischer Not und Verfolgungen und die jüdische Abteilung der „Pressa" gibt einen, erschütternden Ausschnitt aus Elend und Leid. Die beiden lctzken Jahrhunderte sahen den Emanzipationskamps der deutschen Juden, der theoretisch mit denr Gleichhcitsgejetz von 186g seinen Abschluß fand, praktisch aber bis in unsere Zeit gedauert hat. Wenn der Mensch in seinen geistigen Elementen aus Religion. Sprache. Kultur und Abstammung sich zusamiueusetzt, so liegt in keinem dieser Merkmale etwas beschlossen, das die Juden in der vollen Erfüllung ihrer nationalen Pflichten hindern könnte. Aber daS entscheidende subjektive Merkmal des menschlichen Bewußtseins und seines WiNens zeigen die innige und ««lösliche Verbundenheit der Juden mit Deutschland, daS seil zwei Jahrtausenden ihr Vaterland ist. Nationales Bewußtsein, in linscrcm Siime ist ein Produkt junger Entwicklung. Seit denr Dreißigjährigen Krieg gab es prenßrs-clM und sächsisches badisches und hessisches, aber kein deutsches Nationalgchühb E r st n a ch den nupoleonischeu Kriegen sängt das Volk, nicht die Fürsten, au, vom deutschen Land zu sprechen. Mit dem Gegensatz am Vortag der Versailler Kaiscrkrömnig, bei dem Wilhelm I. rein preußisch, der nachmalige Kaiser Friedrich HI. rein deutsch empfand, schließt die Epoche des Läuderuatioualisinus und beginnt die Hochspannung des deutschen Nativnalgesühls, an dem die deutschen Juden ihren reichlichen Anteil haben-. Das Tor, das den deutschen Inden durch den Zugang zu allen dentsche» Dingen aufgetan wurde, kam» nicht geschloffen werden. Der West geht für Inden und Christen nach der gleichen Richtung: Aufbau des Vaterlandes, Gemeinschaft aller Gutgesinnten, Beseitigung aller unnötige« AnSeinandcrsetzungen, Verringerung der. ««nötig angeschwollenrn Debatte tiber die sogenannte Juden» frage, ans denen einzelne politische Parteien ihr ganzes Parteiprogramm bilde» möchten. Eine immer stärker zum Ausdruck koinmende Begeisterung erabie Zuhörerschaft, als Dr. Weil die große Schlußszene in Richard ..ncrs „Meistersinger" zitierte und seine Ausführungen mit dem Ausruf schloß: „W a ch ' a u f, c8 na he t g en den Ta g". Nicht eudeuwollcuder Beifall, in dem das Orchester'mit den triumphierenden Klängen der Ouvertüre aus den „Meistersingern" einstimmte. dankte ihm. Die Sehlußanspra-cl-e hielt der Vorsitzende der Ortsgruppe Köln des Cmtralvereins, Rechtsanwalt De. Heinrich 'Frank: Was hier heute zur Rede steht, ist nicht das juristische Bürgerrecht. sondern der Anspruch auf das kulturelle Beheimat sein des deutschen Juden der deutschen Nation. Heber dem Naturgrnnd von Boden und Volk wiegt sich die Blüte der Kultur. Auch eine nationale Kultur ist Niederschlag historischpolitischen Schicksals und jahrhundertelanger gemeinsamer Seelenerlebuisse, ist Einheit, kultureller Schicksalsgemeinschast. Kultur ist ein fließendes Gebilde, eine geistige Welt« fortwährende» Einwirkungen und Außeneinslüffen. Assimilationen, Entrechtungen uud Herübernahmen unterworfen, in der geistiger Besihsnnds sich ablagert und wiederum seelische Bindungen den Zusammenhang verdichten und. verstärken. Mid solcher Auffassung vom Wesen einer Kultur ist der Aspekt und Weg freigelegt. Ist ohne die Bibel, so fragen wir M jüdische Deutsche, die geistige Physiognomie Westeuropas überhaupt vorstellbar, lvar sie nicht der Quellgrund, aus dem der mächtigste Strom abendländischer und deutscher Kulturgeschichte entsprang? Und stnd eirdlich nicht Völkerverständigung, Weltbeglückung und soziale Gerechtigkeit die sittlichen Ideale jüdischer Propheten, aus der Verbmdüngsbrücke des Christentums zu uns herübergewachfene Werte, dieheut« mehr denn je nach diesem menschenmordenden Weltkriege dem sich in schwerer Krise windenden Europa zu seinem Wiederaufbau in erster Linie iwttun? Ist diese, unsere Kllktnraussafswig. richtig, Kultur also nicht gleich der Pflanze von natrrrhaft gewachsener Einheit. deren' gesamte Möglichkeiten bereits in der Wurzel enthalten find, dann wird man das Novalissch« Wort, daß Deutschsein immer zugleich mehr als nur dents ch-fein bedeute, zu würdigen wissen. Wir lehnen eS ab, mit modernem Geschichtspessimismus Kultur als Abstieg, Abfall, Zersetzungsshnrplom der Natur zu begreifen, diese Sündcnfallslehre weisen wir ebenso von uns. Wie lassen uns unseren durch drei Jahrtausende jüdisch-geschichtlicher Kontinuität bewährten Optimisnrus auch durch falsche moderne Propheten des Rückwärts nicht rauben und nicht schmälern. Der Glaube an die Sieghaftigkeii des Lebens wird recht behalten, und das Heil der Menschheit liegt nicht hinter, sondern vor uns. Darin aber liegt unser Wille zur Mitarbeit au einer wahren Volksgemeinschaft und unser unwandelbarer Glaube auf Entfaltung wahrer Hmnanitas »uv menschlicher Gleichachtung und Gleichwertung. Diesig fasten wir, meine jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen, in das Schlußgelöbnis kurz zusammen: „Im heiligen Dienst am deulsche» Volk und deutsches Kultur werden wir anläßlich der „Preffa" versammelten deutschen und rheinischen Juden auch in alle Zukunft, i« Willens-, Schicks« ks- «nd Knlturgemeinfchas«, in sittlicher, kultureller «nd geistiger Förderung heimatlich deutscher und rheinischer Erde unser Letztes «»d Höchstes hergeb««, weil Herz und Gefühl es uns so gebieten." Wie ein Mann erhob sich aus Franks Aufforderung die Festm» sammlung und die Töne des Deutschland-Liedes gaben der Kund» gebung lctzten Aufschwung und festlichen Ausklang.