Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1928-06-01 · Heft 6 (Juni 1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1928
Issue
Heft 6 (Juni 1928)
Date
1928-06-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2571117-2571144-2571150--268-2571582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

58 Nousseans „Euülc", dessen Lektüre Knut 25 Jahre früher seine strenge Lageseinierlnng vergessen lies,. ,,O Genüssen! Gewissen! göttlicher Jiistiickt, unsterbliche himmlische Stimme; sicherer fführe'r ciiu-3 »mvlssenden und dejchränttcn, inlelligcntcn und freien Wesens" — diese pathetische Pcrsanisizierung Hut in Kants von dcmskkkben- Ethos wie Rousseau beseelten Gemüt selbst stilistisch nachgewirkt. Mit all dem ist aber das Einströmeii Rmisseanschrn Geistes in die Gedankenwelt Kants bei weitem nicht erschöpft. Es ist noch der Bedeutung zu gedenken, die 'Rousseaus geschichts- und kulturphilosophischen Ideen vom Ursprung, Gang und Ziel der Weltgeschichte' und seine ihn als großen rcchtSphilvsophischen Denker legitimierende Gesellschasts- und Staatslehre für Kant gewonnen hat. Hier ist es bemerkenswert, daß noch der 62jährige .Kant in seinem Anssah „Mntmasilicher Ansang des Menschengeschlechts" das gesamte kulturgeschichtliche Werk Rousseaus von seinen ersten Anfängen an zu rechtfertigen, „die oft gemißdeuteten, den« Scheine nach einander widersprechenden Behauptungen des berühmten I. I. R-oussean unter sich und mit der Beriinnft i» Einstimmung (zu) bringen" sucht. Rousseau, so sagt Kant, zeige i» seinen erste» Schriften „ganz richtig den unvermeidliche» Widerstreit der Kultur mit der Natur des menschlichen Geschlechts, als einer physischen Gattung, in welcher jedes Individuum seine Bestiiumnng ganz erreichen sollte; in einem „Emile" aber, seinem „Gesellschaftlichen Kontrakte" und anderen Sllpüften sucht er wieder das schwere Problem auszulösen: wie die Kultur sortgehrn müsse, um die Anlagen der Menschheit, als einer sittliche» Gattung, zu ihrer Bcstinmiung gehörig zu entwickeln, „so daß diese jener «18 Raturgattnng nicht mehr widerstreite". Bei dieser Auffassung bestcht ein wesentlicher Einklang Wischen de» Problemen und Lösungssätzen Kants und Rousseaus. Allerdings hat Kant schon durch die Idee einer vermöge der antagonistischen Kräfte der menschlichen Natur selbst schließlich herbeiznführenden innerlich und äußerlich vollkommenen Staatsverfassiing einen großen, gerade in unseren Tagen in seiner Bedeutsamkeit sichtbaren Schritt über Rousseau hinaus getan, wogegen er mit ihm wieder in der systematischen Rechts- und Staatslehre in bezug aus die gedankliche Konstruktion des Gesellschaftsvertrags und die For> derung der Herrschaft eines den Gesamtwillen verwirklichenden und damit Gerechtigkeit und Freiheit gewährleistenden Gesetzes übcreinkommt. Die Durchtrünkung und Befruchtung der deutschen Philosophie und Literatur durch den Geist Rousseaus geht aber weit über Kant und über die Bewegung des Sturm und Drangs hinaus. Wie weit sein Einsluß in der Blütezeit deutscher Philosophie und Dichtung sich erstreckt, welche Lehren von den verschiedenen Denkern ausgenommen, umgebildct, bekämpft und bewahrt werden, . kann man.aus dem Werk von F e st e r „Rousseau und die deutsche Geschichtsphilosophie" (I89V) erkennen. Lesfings, Herders, Schillers, FichteS, Schellings, Fr. Schlegels, Schopenhauers, Hcrbarts. Krauses, Hegels und W. v. Humboldts Verhältnis zu Rousseau werden hier untere Von ihnen möge nur Fichte hervorgehoben werden, der, in m leidenschaftlichen Ungestüm Rousseaus Wesensart viel ähnlicher als Kant, zuerst ganz im Banne der Schriften Rousseaus stand — deren rechtsphilosophische Forderungen sein revolutionärer Radikalismus noch überbot — dann sich immer wieder kritisch mit ihm auseinandersetzte und schließlich in seiner späteren Philosophie unverkennbare Roussecmschc Grnndzüge beibehielt, denen er ledoch, dem energischen Charakter seiner Persönlichkeit und Lehre gemäß, eine aktivere, der Zukunst zugewendete Richtung gab. Außer dieser stolzen Reihe von Persönlichkeiten muß aber nochmals Goethe erwähnt werden, der nicht nur in seiner Jugend, sondern durch sein ganzes Leben hindurch Rousseaus Spuren gefolgt ist. Man braucht hier nicht den Zusammenhang des Erziehungsromans „Wilhelm Meister" mit Rousseaus „Emile", des Bekenntniswerks „Dichtung und Wahrheit" mit den „conkessions" hcranzuziehen; Goethes „Faust" allein legt ein überwältigendes Zeugnis ab. Die charakteristischen Ronsseauschen Motive ertönen hier — wie man mrt Recht betont hat — in einer großartigen Sinsonie. Man denke an Fausts tiefen Kulturpesstmisinus und sein Rückstreben zur Natur, an sein Glaubensbekenntnis, vor allem an den Sieg des Vertrauens aus die ursprünglich« Güte des Menschen und an den „höchsten Augenblick", in dem Faust das Vorgefühl genießt, aus freiem Grund mit freiem. Volk zu stehen. Wenn an einem Nousseau-Gedenktag die Bedeutung des Genfer Bürgers für den deutschen Geist in große» Zügen gezeichnet wird, so bedarf dies in Blättern, welche die Verbundenheit des Judentums mit dem deutschen Geist durch alle Anfechtungen vertreten, keiner Rechtfertigung. Unter deutschem G c i st aber verstehen wir die Menschheitsgedanken seiner großen Repräsentanten, deren größte die Rousseau- Verehrer Goethe und Kant sind. Dieser Geist Kants und Goethes stimmt im tiefsten überein mit dem Geist des prophctisthen Judentums wie mit dem Sinn aller wahren Religiosität. Mus ihnen allen tönt die unbedingte Forderung Nousseans, das Göttliche in jedem Menschen zu ehren und zu entfalte,, und gegen die widergöttlichcn Mächte zu schützen, die es immer von neuen« zn unterdrücken streben. Dr. Heinrich Levh (Ebcrswalde). Rousseau, btt Kummiit. Nousseans Stellung Mir Religion erkennt mau am besten ans den, „Glaubensbekenntnis des savoyischen Mkars", d«S er in seinem Erziehungsroman „Emile" mitteilt. Um sie historisch zu begreifen, »mß man zweierlei bedenken: erstens, daß er in seinen religiösen und Politischen Anschauungen der Erbe des Ratiirrechts und der Raturrerigion ish «md M-Bens, daß nod) zu seiner Zeih trotz des Wirkens der srnnEschell und deutschen Aufklärer, die GetMigkeit unter den KonstWMlW sehr Das Naturrecht «nid die MntnrrEgiou hüben, wenn man zu den Quellen auffteigcn will, ihren UrspruW in de« Aricchijcheu PhilvsophenschNlen der Kyniker, Stoiker und Epikuräer. Rmtsseaus Stellung zum Ratnrvecht wollen wir hier nicht weiter LMtersuche». Was die Naturreligion an geht, so war nach der Lehre der-Storker die menschliche Vernunft ein Test der göttlichen Dernunst sdek Pueunta), welche di« Welt durch dringt. In dieser Einheit der Wektvernnnst wurzelte für Kyniker und Stoiker die Einheit des Menschengeschlechts. Sie sind daher, politisch angesehen, die ersten Vertreter des Gedankens vom Weltstnat, und was die Religion betrifft, so >var natürlich für sie in jeder Religion ein Gemeinsames enthalten. Naturrccht und Naturrcligion feierten in der Renaissance Auferstehung. Wir dürfen hier den deutschen Kardinal von Cusa erwähnen, der im 15. Jahrhundert lebte und in seiner Schrift: „De pace el concordantia kicks!" den Standpunkt vertritt. Daß es in Wahvheit in der Welt nur eine Religion gäbe, daß alle Mensche» trotz der Berschicdcnheit ihrer Sitten und Gebräuche an einen Gott glauben. Sodann, müssen wir an den Franzosen Jean Lockin erinnern, der in seinem „Golomnum heplaplomeres“ eine LanP für die religiöse Toleranz gebrochen hat, indem er in einein fingierten Siebengespräch einen Katholiken, einen Lutheraner, einen Mohammedaner, einen Reformierten, eilte« skeptische» Helden, einen Juden und einen Vertreter der Raturreligion sich auf das von Gott dem Menschmherzen eingeschriebene Naturgesetz der Religion einigen läßt. Der cigenllichc Vater aber der niodernen Naturreligion i" ivelches isttcrt, allmächtig, allmeise; leitet und beschützt. Drittens, in. dieser Verehrung brsteU . . sächlich das Wesen der Religion. Sie kann aber nicht bestehen ohne tugendhaften Wandel und den damit verbundenen Abscheu vor dem Bösen. Viertens, es gibt eine Vergeltung des Lasters und der Tugend im Diesseits und im Jenseits. — Wir werden hören, >vie Rousseau diese Sätze fast wörtlich unterschreibt. Für das Aufkommen der Toleranz ist das Wirken der englischen Deisten (Toland, Tindal u. a.) sowie der französischen Materialisten (Lametltrie, Helvetius und Holbach), besonders aber des Deisten Voltaire natürlich auch von größter Bedeuding gewesen. Diese gingen sogar in Hinsicht aus die Toleranz noch weiter als die eigentlichen Vertreter der Raturreligion, insofern sie die. Duldung auch den Atheisten angedcihen lassen wollten; waren ja doch die Materialisten selbst zum größten Teil Atheistev. Herbert von Cherbury, ebenso aber auch Rousseau (im Oontrat sociale) wollen die Atheisten ausdrücklich von der Toleranz ausgenommen haben.. Den Materialisten gegenüber hat Rousseau-überhaupt eine durchaus ablehnende Stellung eingenommen. Was ihn m diesen besonders abstieß, war die rein verstandesmäßige, dogmatisch-rationalistische Einstellung gegenüber der Welt. Die besondere Note der Rousseauschen Religiosität liegt eben darin, daß für ihn Religion reine Herzens- und Gefühlssache ist. Das Gefühl ist zunächst der Richter über Gut unb Böse. Der Vikar lehrt: „Alles, von dem mir mein Gefühl sagt, daß es gut ist, ist auch wirklich aut; alüL was mein Gefühl schlecht nennt, ist schlecht. Der beste aller Gewissens» rätc ist das Gewissen . . „Die Tätigkeit des Gewissens äußert sich nicht in Urteilen, sondern in Empfindungen." Was mm das Herz Rousseau offenbart hat-, das find im wesentlichen die vier Sätze Herbert von Cberburys: „Ich glaube also, daß ei «Will« das Weltall bewegt nnd die Natrrr beseelt. Dies ist mein erstes Dogma oder mein erster MaribenSarMet." „Weist die bewegte Materie einen Willen nach, so deutet die nach bestimmten Gesetzen bewegte Materie aus einen Beistand hin. Dies ist mein zlvritrr Glaubensartikel." Ob die Welt erschaffen oder ewig ist, weiß er nicht zu sage«. Der dritte Glaubensartikel ist die Willen8treihert des Menschen und seine V er an twortlichkei t sv rLeine Tate«. Dazu kommt das Fort!eben der Seele nach dem Tode. CigentünÄch ist seine Vorstellung von den Strafen und Belohnungen im Jechetts: sie sollen lediglich in der Erinnerung an das, waS der Mensch in dieser Welt getan hat, bestehen. Gegenüber den einzelnen Dogmen der Kirche verhält sich der Vikar ablehnend, soweit sie der Verminst widersprochen. Mit der einzigen Ailsnahme der Meisten soll allen Menschen gegenüber Toleranz geübt werden: „Ich erblicke in allen einzelnen Religionen ebenso diele Heilanstalten, welche in jedem Lande eine gleichförmige Art üsientlicher Koücsvrr» eliruug vorschceiben, und welche alle im Klima, in "der Regiernngssorar jm Bolssgerst oder in sonst lokalen Ursachen Wurzel« können, so da»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.