Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 6 (Juni 1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Monatsausgabe Jml IH2S 'orymiües turtTutotttura.. ....thmmmmnmmm» SlMUsvüryerjiwiMttvvllMvrns^ ÄU^errvöine Zeitung des Oudentums?um IR. Todestage ven Sem SmmeS RMeau Bon Sr. SeinriO Lev» WerswaW und AntverMSproMr Sr. W. Kinkel Mßeni und der deutsche GM. Mit Jean Jacques Rousseau schied vor I6V Jahre» einer der grasten Genien aus dem Leben, deren gewaltig hinreißende Wirkung auf die besten und sührcnden Geister der Mcusch-- heit aus den Tiefen eines leidenschaftlich betvegten Gemüts, eines gesühldurchwogteii Herzens entspringt. Aus diesen Tiefen brechen geistige Kräfte hervor, die sich mit elementarer Macht gegen das oberflächlich gewordene, verderbte Leben einer Epoche kehren um an seine Stelle ein echtes, reines, gerechtes und freies Menschentum zu setzen. Es ist die Forderung einer radikale» llnuvertung geltender Werte, wie Nietzsche — in der romantischen, sehnsüchtigen Ausgewühltheit seiner Seele Rousseau verwandt — sic gefordert und maßlos zur Formel der Umwertung aller Werte gesteigert hat; aber während Nietzsches aristokratisches Ideal sich in einer Elite von harten Ucbcrmenschen verkörpert, wendet Rousseau seine innigste Liebe allen Menschen, und gerade den Schwachen und Unterdrückten zu. Aus dem Aufruhr der Nousseauschen Seele ertönt innerhalb einer Gesellschaft, der seine gefühldurchgltihtc Welt fremd gegenüberstcht, die innere Stimme des Gewissens, die ihren Appell an alle anderen Gewisse» richtet. Was au Gaben in Rousseau schlummert, wird durch sein Gefühl und Gewissen erweckt: so wird er der große Schriftsteller, der Dichter, Philosoph und Prophet, dessen Werke gleiche Gefühle/ gleiche ethische Gesinnung ans anderen Geistern hcrvörlockcn bder in ihnen bestärken, und dessen ethische, soziale, pädagogische, gcschichtsphilosophisck-e Gedanken von den größten Denkern ergriffen und fruchtbar sortgcbildct werden. Wer nicht seinen Blick durch nationalistische Vorurteile künstlich eingeengt hat, wird sich nicht wunder», daß Rousseau mit seinen aufrüttelndcn Anklagen n»d Mahnungen auch in Deutschland stärksten Widerhall fand. Es ist in der Tat unmöglich, die Rousscausche Gesinnung, die leidenschaftliche Sehnsucht nach der Natur und allem Natürlichen wie den Kampf gegen die Unterdrückung der Naturtriebe, gegen alle Berkunstelnug und Verfeinerung, gegen die Knechtung edler Seelen durch die herrschenden Klassen in der Bewegung dcS „Sturm und Drang" zu verkennen: alle diese Nousscmischen Züge finden wir nicht weniger ansgesprochen als bei den Lenz und Klingcr, bei den jugendlichen Heroen unserer Dickitung, Goethe und Schiller. Wenn in Schillers Pathos, zum Beispiel in den „Räubern" und in „Kabale und Liebe", Rousseaus empörte Auflehnung gegen das Zeitalter noch heftiger und greifbarer als in des jungen Goethe Briefe» und im „Eötz" widerklingt, so ist doch diese Rousseau-Stinnnung Goethes jedem Kenner so offenbar und in Goethes eigenen Bekenntnissen so unzweideutig nicdcrgelegt, daß sic keines Nachweises bedarf. Rousseaus Naturgefühl aber erreicht seine höchste und herrlichste Steigerung in Goethes „Wertster", der auch in seiner Anlage ohne Rousseaus „Nouvclle Hölviie" unmöglich gewesen wäre. Doch gerade wen» man den Einfluß Rousseaus aus den Gefühlsüberschwang dieser jugendliche» Dichter betrachtet, erscheint um so erstaunlicher seine Wirkung auf einen vorsichtig abwügenden Denker, auf den größten deutschen Philosophen: Kant, Keine stärkeren Gegensätze als die beiden Persönlichkeiten, deren Eharnktere sich in ihren Lebensläufen Uudcrspicgcln! Rousseau, ohne die Gunst der Erziehung durch die dazu Berufenen herangewachsc». durch die Ueberfiille und Berletzlichkeit des Gefühls im Leben haltlos, in Abenteuer», Demütigungen und Erhebungen, Licbesirrungen und »cntzückungcn von Ort zu Ort getrieben, er, dem es nicht gelingen konnte, sein Leben und seine tiefsten Sehnsüchte in Einklang zu setzen, was hat er gemeinsam mit dem streng Pietistisch erzogenen, nach festen Grundsätzen stetig sein Leben gestaltenden, »in seines Werkes willen sich nie von der Vaterstadt entfernende», "on der Liebe zum anderen Geschlecht so gut wie unberührten Denker, bei dem wir die Harmonie zwischen seiner Lebensführung und seinen ethischen Forderungen bewundern! Und dennoch ist gerade die maßgebende Bedeutung Rousseaus für Kants philosophische Entwicklung und für die endgültige Gestalt seiner Philosophie unumstößlich sicher und klar bekundet. Bon Kants eigener Hand haben wir eine Aufzeichnung, die seine Uetzerzeugung von der umwälzenden Bedeutung Rousseaus für seinen eigenen Werdegang kundgibt: „Ich bin selbst aus Neigung ein Forscher, Ich suhle den ganzen Durst nach Erkenntnis und die begierige Unruhe, darin weiter zu kommen, oder auch die Zufriedenheit bei jedem Fortschritte, Es war eine Zeit, da ich glaubte, dieses alles könnte die Ehre der Menschheit machen, und ich verachtete den Pöbel, der von nichts Iveiß. Rousseau hat mich zurecht gebracht. Dieser verblendende Borzug verschwindet, ich lerne die Menschen verehren und würde mich viel unnützer finden als die gemeinen Arbeiter, wenn ich nicht glaubte, daß diese Betrachtung allen übrigen einen Wert erteilen könne, die Rechte der Menschheit wicderherzustellen." Kaut drang durch allen berückenden Glanz der Nousseauschen Sprache, vor dessen Zauber er sich durch immer wiederholte Lektüre schützen mußte, zu dem innersten kostbaren Kern des Menschen Noussean und seiner Lehre vor: zu ihrem ethischen Gehalt. Der schlichte Satz, der Kants ethische Grundansicht zusninnwnfaßt: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außerhalb derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille" — dieser Satz wird zwar von Kant in seinem großen kritischen Lehrgebäude erst philosophisch tief begründet und zu vollendeter ethischer Klarheit erhoben; die entscheidende Bcrlegnng des Schwerpunktes der Wertung menschlichen Tuns und menschlicher Werke aber von dem blendenden Schein äußerer Anerkennung und äußerer Erfolge in die Innerlichkeit der Gesinnung, die hier ausgesprochen wird, hat Rousscan in Kants langem Entwicklnngsgniig herbeigcsührt. Vielleicht darf man statt eines ausgedehnten Beweises noch ein eindrucksvolleres Symptom dieser Wirkung Rousseaus auf - Kant angeführt werden: die berühmte Stelle der „Kritik der praktischen Verminst", an ivelchcr Kant die Pflicht mit einer ungewöhnlichen Feierlichkeit apostrophiert: „Pflicht! du erhabener großer Name, der dn nichts Beliebtes, was Einschineichelinig bei sich'fuhrt, in dir fassest . . hat ganz unverkennbar ihr Vorbild in -......AUS DEM INHALT—« ..■■»■ . n Festtag in Köh. — Neue Fälle unserer Rechtsschutztätigkeit. ■— Was ist Antisemitismus? JT-—.....n—.. ..— ..