Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 5 (Mai 1928)
- Date
- 1928-05-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Humanität! Von «niverfiMproseffor Sn W. Stintei (Gießen). Wenn man vvn den Ausschreitungen gegen Israeliten in Oesterreich, Rumänien uüd leider auch in Deutschland (Grnberschändungen usw.) liest, so konnte man glauben, das Jahrhundert der'Ausklärung sei vergeblich gcivesen, und Leute wie Voltaire, Mendelssohn,' Lcssing, Herder und .Kant hätten umsonst gelebt. Kant schrieb: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus feiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seimS Verstandes ohne Leitung eines anderen Ui bedienen. Selbstverschuldet ist diese Ilnmuudigleit, wenn die Ursache derselbe» nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Einschließung und des MuteS liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen z» bedienen." Fichte sah in der Geistcsträghcit das schlimmste Lasier. Unter den angegebenen Gesichtspunkten mnst umn die große Masse unserer Antisemiten und Rasfenthevretiker unter Unmündige rechnen, die ihre Unmündigkeit selbst verschuldet haben,'weil sie denltrüge sind. Gustav F r e y t a g hat iu seinen „Bildern attS deutscher Vergangenheit" berichtet, wie schon im Mittelalter die Juden die Prügelknaben des deutschen Volkes abgeben mußten: sei es, daß eine Mißernte ins Land kam, Krieg oder Pest — die Juden sollten schuld sein'. Nicht viel komplizierter, nicht viel geistreicher sind die Gedankengäiige der Mehrzahl unserer heutigen Antisemiten. Mit diesen nun haben wir es hier nicht zu tun. Wir (vollen vielmehr Zusehen, woher es kommt, daß das Erbgut des Anfklärnngszcitalters, die gegenseitige Achtung und Humanität, so vernachlässigt wird. Wir sageir absichtlich: „gegenseitige Achtung" und nicht: „Toleranz"; denn tolerieren — dulden muß man Fehler und Schwächen; unsere Klassiker aber wollten, daß sich die Religionen, resp. ihre Anhänger, gegenseitig A ch t u n g zollten. Freilich, wollte man die aufgeworfene Frage restlos zu beantworten suchen, so inüßte man weit tiefer in Geschichte und System der Kultur eindringen, als das hier möglich ist. Man müßte also z. B. auf die Entstehung der Nationalstaaten eingehen, die sich (nicht nur was Deutschland angeht) mit einer Blut- und Eiscnpolitik im 19. Jahrhundert vollzogen hat; man müßte überdies die Entwicklung der Wirtschaft und der Wissenschaft ins Auge fassen, indem der werdende Kapitalismus die Klassengegensätze verschärft, die Volkseinheiten in sich selbst zerstört und zerrissen hat, während die Naturwissenschaft den Kampf ums Dasein als eine allgemeine Erscheinung in der Natur darstcllte. So lernten die einzelnen, wie die Völker, den Selbsterhaltungstrieb, den Machttrieb als eine Grundkraft des Lebens ansehen; und es ist schon von hier ans verständlich, daß inan dem Ideal der Humanität in so weitem Maße untreu ivurde. Auch die Wissenschaft der Geschichte und des Staates schien, im Bemühen, das wirkliche Geschehen zu begreifen, dahin geführt zu werden, wenigstens für den Staat und die Politik den „heiligen Egoismus" anzuerkenncn. Auf solchem Geistesboden konnten dann die Rassenthcvrien eines G o - b in eau wuchern,-nachdem ohnehin die Romantiker am Beginn des 19. Jahrhunderts schon dein Individualismus des Genies (als Erben der Sturm- und Drangpcrivde und selbst der Renaissance) das Wort geredet hatten. Natürlich auch, daß die Auswirkungen solcher Lehren sich auch auf dem Gebiete der Religion geltend machten. Die Judenfeindschast kann nicht ohne Rücksicht auf alle die angedeuteten Erscheinungen verstanden werden. Uns nun interessieren hier mehr die Momente, die in der augenblicklichen, zeitgenössischen Kultur unseres Volkes angetroffen werden, und die zu dem Fortwnchern der Giftpflanzen der Judmfemdschaft und der Inhumanität beitragen und dieses Fortwuchern einigermaßen begreiflich machen. Dazu gilt es nun aber zuerst, den Alllisemitis>nus (nicht historisch, sondern systematisch) in seiner Wurzel, ohne Rücksicht aus die Zeitlage, zu verstehen. Es sind aber offenbar z >veiMvtive, die man im Ant i semit i8 iu u§ leicht auseinan d e r h a l t e n kann: das Na sseiim o ti v und das religiöse. In dem Aberglauben an die lieber- oder Unterlegenheit, oder wohl gar auch an die Unwnndelbarkeit der Rasse steckt mythologischer Seele n g la ub e. Man weiß, wie bei primitiven' Völkern die Seele mit dem Blute identifiziert wird — daher Blutrache, Blntssreimdschaft. Die erste und älteste Gemeinschaft unter Menschen ist die tierische Blutsverwandtschaft. Die Familie, das Geschlecht, der Stamm, erst viel später auch das Volk — das sind die Einheiten und Gemeinschaften, durch die auch dem Primitiven Menschen ein Vorbcgrisf der Einheit der Menschheit zuteil ivird. Wenn mm die Killtilr fortgeschritten ist, die Geschlechter, Stämme und Völker sich längst mannigfach vermischt haben und imKultnrbeivnßtsein die Idee der Menschheit aufzutauchen beginnt, so verschwinden die Vorstellungen und Ideale der Primitiven Zeiten ja keineswegs. Wie die Griechengvttcr vvnr christlichen Mittelalter durchaus nicht in ihrer Existenz bezweifelt, sondern nur für Teufel erklärt wurden; oder wie aus den Dämonen des Altertums unsere Gespenster geworden sind; so Verivandelt sich zwar der Blut-Aberglaube ans höheren Kulturstufen, aber er Verschivindet nicht. Mit naiver Selbstüberhebung setzt man die Bl u ts geinei n sch as t, in die man hereingeboren i st, a b s o l u t als d i e b e st e, h ö ch st e, e i n - zige, als den ivahren Ausdruck der Menschheit. Die so denken, haben freilich die höchste und wertvollste Entwicklung der Menschheit nicht begriffen. Der Staat ist cs, der in seinem Begriff der Mythologie des Blutes ein Ende macht und ihre primitive Einheit durch eine höhere, rein geistige Einheit der Kultur ersetzt. Dies kann hier nicht iveiter ausgeführt werden?) Dagegen, gilt es zu erkennen, daß der Antisemitismus, sofern er sich als Rassenproblem gibt, ein typisches Schulbeispiel des mythologischen Blutaberglaubms ist. Daß man trotz Lamarck und Darwin noch an die Konstanz der Rassenarten glaubt, mag als eine der logischen Ungeheuerlichkeiten der Lehren der Rassentheorie dahingestellt bleiben; aber sogar, wenn ivir den Rassentheoretikern die Existenz einer rein „arischen" und einer anderen rein „semitischen" Rasse zugäben, hätten sie nicht eben viel gewonnen. Der Kulturbegriff des Staates hat nie und nirgends vor der Rasse haltgeinacht der Staat ist ein sittlicher Begriff, und die Bestimmung des Menschen ans Erden wird nicht von der Biologie oder gar Anatomie, sondern von der Ethik ansgemacht. Wäre es selbst so, daß unsere jüdischen Mitbürger rassenmäßig von uns, den Nicht-Juden oder Ariern, verschieden sind — es gibt aber gar keine „reinen" Rassen mehr und hat sie in historischen Zeiten wohl kaum gegeben —, so steht nicht die Frage so: bist du Arier oder nicht?, sondern: bist du ein guter Staatsbürger oder nicht? Ge - h ö r st d u d e r K u l t n r und d e m R e ch t dieses deutschen Staates mit ganzem Herzen, und w i l l i g an? Wer diese Frage bejaht, der ist Deuts ch e r; wer sie verneint, er mag noch so stolz auf sein Ariertum sein, ist kein Deutscher. Aber damit man uns nicht mißverstehe: Dieser Staat ist, wie es im Begriff des Staates liegt, nicht ein absolutes, starres Gebilde, sondern ein methodischer Weg zur Idee der Menschheit. Es ist daher die sittliche Pflicht aller Staatsbürger, an der sittlichen Fortentwicklung des Staates mitzuwirken: und es gibt gar kein törichteres Wort als das Wort: Politik verdirbt den Charakter. Wenn sich also der R a s s e n -Antisemitismus als ein Rückfall in. mythologisch-primitive Denkart enthüllt, so steht es nicht viel besser mit dem religiösen Antisemitismus. Tie Klassiker der deutschen Philosophie haben uns längst belehrt, daß alle Neligionen Wege zu Gvll sind. Gerade in dieser Hinsicht täte es not, daß wir wieder beim 18. Jahrhundert in die Schule gingen. Lessi ugs „Nathan der Weise" hat das Problem in seiner ganzen Tiefe erfaßt und die einzig mögliche Lösung dargeboten. Daß man das heute nicht mehr weiß, kommt zum größten Teil daher, daß die offiziellen Vertreter des Christentums, die Theologen, nicht von dem Gedanken losfoutmen, das Christentum sei die ei ne a bs olu te Religion, die Religion schlechthin. Man sieht die Eigenart anderer Neligionen kaum, oder man würdigt sie nur als „Vorstufen", „Vorbereitungen", höchstens als „Ergänzungen" des Christentums. Hier kann nur die Einsicht Helsen, das; die Religion der Propheten gerade so gut ein reiner -Menschenweg zu Gott ist wie jede andere. Gegenseitige Achtung muß die Grundlage des religiösen Lebens sein, f o ft i ft e i n menschenwürdiges Nebeneinander der Konfessionen il i ch t z u ermögliche n. Aber über die gegenseitige Achtung hinaus muß e8 möglich sein, daß sich die Deutschen, welchem Glauben, ivclehcr Religion sie angehören, zu einer geisti- ') Vcrgl. dazu H. C o h c n: „Elhik des reinen Willens", und W. S? i n Ic l; .Der HumaniiiilsgedlNiic".