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Central-Verein-Zeitung · 1928-05-01 · Heft 5 (Mai 1928) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1928
Issue
Heft 5 (Mai 1928)
Date
1928-05-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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S4 Menschheit. Z««m zehnten Todestage von Hernrann Cohen. Bon Rabbiner Dr. Löwenstannü (Spaudan). Jede große Persönlichkeit prägt in ihrem Lein und Denken eine einzige Idee in allen ihren Ausstrahlungen nu§. An ihr ist sie orientiert. sie ist ihr Blickpunkt und Richtungs-Weiser. Hermann Cohens leitender Gedanke ist die Menschheit. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als den ethischen ttnioersnlisinns. Wahre Sittlichkeit ist nur in der Gemeinschaft, ja allein in der letzten und umsassendste» Allheit, in der Menschheit, zu verwirklichen. Der einzelne hat seinen Wert und seine Würde nur durch die Menschheit. Das Individuum empfangt seine Bedeutung nur in der Art und in dem Maste, wie cs die Menschheit in sich repräsentiert und darstellt. Es ist ihr Symbol und ihr Träger. Mit dieser höchste» Idee, die identisch ist mit der Sittlichkeit überhaupt, sind wir ans die Zukunft verwiesen. Niemals lvar die Bollenduiig des ethischen Gedankens in der Bergnngenheit je erreicht. Die Religionen der Antike träumten vom goldenen Zeitalter, in dein die sittliche Harmonie unter bm Menschen gewonnen war. Hier bedeutete die Geschichte ein Abgleiten von der Höhe, weil das Ideal bereits hinter den Menschen lag. Ans diesem Boden konnte die Mciisrhheitsidce nicht reisen. Sittlichkeit darf nicht in der Vergangenheit liegen, sondern ihr Wesen ist mit der Zukunft verknüpft. So ist sic erst im Bereiche der Lebensnnsicht znm Durchbruch gekommen, die auf dem Gedanken vom einzige» Gott gegründet ist. Die Prophetcn Israels sind ihre Schöpfer. Gott verkündet nicht, was er selbst ist, sondern was der Mensch ift; er verkündet, was gut ist: Recht »nd Gerechtigkeit zu üben. Damit ist die Sittlichkeit zur Aufgabe hingcstellt für die ganze Zukunft des Menschengeschlechts. Hier ist der Gedanke der Ewigkeit mit eingcschlvssen. Die Menschheit ist unvergänglich, weil ihr Weg »nd ihr Ziel ewig ist. Sie darf ni» Z» Ende kommen mit ihrer sittlichen Arbeit, »nt ihrer Arbeit an der Sittlichkeit. Ewigkeit ist dann kein Begriff des Mylhvs. sondern ununterbrochener, unendlicher Fortgang inr Schassen des Guten. Dieses Fortschreiten ruht in der Hoffnung, daß die Ausgabe der Menschheit sich in immer stärkerer Schönheit entfalte, und in bcm zuversichtlichen Glauben, das, die sittliche Wcltvrdmmg ans Erden zur Ansreisnng kommen werde. Kein Weltgericht jenseits des irdischen Lebens hat das Menschcngeschlecht zn erwarte», sondern die Weltgeschichte ist dieses Weltgericht, das die Menschheit sich selbst hier bereitet durch die Enüvirllung zur ethischen Höhe oder durch das hinabgleiten zn den Niederungen dcS rein Biologisch- Menschlichen. Dieser Weg zum Abgrund geht durch die Auffassung, dast die Rasse das allein Wert- und Richtunggebende ist, daß der Kampf ums Dasein auch die Geschichte der Menschheit erfüllt, dast die materialistische Lebens- und Geschichtsauffassung die einzige und ganze Wahrheit ist. Wohl ist der Staat das natnrnoiivcndigc und sittliche Heber» gangsglicd vom Menschen zur Menschheit. In ihnr realisiert sich die ethische Idee durch das Recht, das gleichsam die Mathematik der Ethik ist. Wohl ist er selbständig mid sich selbst beherrschend, d. h. souverän. Aber cs gibt auch ei» Völkerrecht, das dem Staat die Menschheit als seine eigene moralische Verwirklichung Vorhalt. Er must sich nnsweiten znm Staaten- und Völkerbund,' so wahr als der Mensch des Staates nicht der mir nationale, sonder» der Mensch der Menschheit ist. Dieser ethische Internationalismus führt znm Weltfrieden, der das höchste Ziel aller Weltpolitik sein must, weil die Sittlichkeit der Friede ist. Die Harmonie im StnatSlebe» und im Leben der Nationen kann mir anf der Griindlage der sozialen Gerechtigkeit hcrgcstcllt tverden. die in jedem Menschen die Menschheit sieht, im Fremdling de» Vertreter des Menschentums niiler den Böllern achlcl und der Rasse das Urteil über oen Vollwert des einzelnen verivehrt. Es gibt mir eine Sittlichkeit, darum nur eine Menschheit, deren Ertösiing die Aufgabe des heiligen, ciuzigeii Gottes ist. So ist die Idee der Menschlichkeit im tiessten Grunde eine religiöse Idee, orientiert an der Geschichte, losgelöst von der reinen Nntnrhaftigkeit. In diesem erhabenen Gedanken liegt die Einheit des Menschengeschlechts, der liiiendlichc Eiitivicklnngsgnng zum Ideal des Guten, die Froheit sittliche» Schaffens, die ethische Znknnftshoffinmg, die Solidarität alles Menschentums, sich ausivirkend im Weltfrieden und Völkerbund. Prophetische Ideen sind es, die Hermann Cohen an diesem zentralen Punkt seiner Weltansicht darluctct, Gedanken eines Propheten, der Ewigkeitswerte neu begründet und Ankunft kündet. Er hat den Begriss der Menschheit ivicdcr in seine rechtmäßige Stelle für die Kultur des Jndividmims und der Völker eingesetzt, indem er die Grundstimmnng der deutschen Klassik mit dem prophetischen Messianismus des Judentums verband und zur Einheit brachte. Er knüpfte an die hehrsten Traditionen des dcntschcn Geistes an: an Lcssing, der die „Erziehung dcS Menschengeschlechts" schrieb, an Herder, dessen reifstes Werk die ..Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" sind, an Kant, dessen Begründung der Sittlichkeit vom Menschheitsgedanken genährt ist und dessen kategorischer Imperativ fordert: „Achte die Menschheit in deiner Person, um in der Person eines jeden andern." Und Cohen ging auf die Entdeckung der Menschheitsidce durch die Propheten Israels zurück und wies mit allein Nachdruck auf de» llrgcdaukc» des ethischen Monotheismüs hi», and bcm die wahre Humanität folgt. So erscheint er niich in der Wurzel »iid im Ziel seines Denkens als der deutsche Jude, als der treue Diener am Geiste des Deutschtums n»d Judentums. jener beiden Kullurinachte, denen er sein Philvsophenleben geweiht hat. Cohen hat in klarer Erkenntnis um Ewiges gerungen. Darum mujj ihm die Zukunft gehören. Erinnerungen aus meiner Schulzeit. Von Paul Bellavdi, Rektor i. R. yjtcinc Schulzeit — ein langer, weiter Raum, der 64 Jahre umspannt: 14 Jahre als Lernender, 50 als Lehrender, und heut, da ich längst das „Pntriarchenalter" erreicht habe, tanchcii noch inniicr, farbenfroh und deutlich, die Erinnerungen an jenes raummid zeitlose Kiiiderphantasicrcich ans, an die köstlick)e Jungenzeit zu Ansaug der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die Zeit, da man in der kleinen, aber wchrhasten Stadt Ncis.se in Oberschlcsicn Straßen und Häuser noch durch Oellampe» erleuchtete, als es dort tvcder Kino noch Auto, weder elektrisch Licht noch GaS, ja kaum eine Eisenbahn gab »nd die schmal nneinandcrgereihtcn barocken Gicbelbante» und Altvatcrhänser mit ihren engen Höscu sich noch abschlvssen gegen alles lärmende Leben. Damals, von 1851 bis 1856, besuchte ich die Neisscr Stadtschule. Ein tiefes Erleben war damals die Begegnung mit Joseph von Eiche»dorff, dem „letzten Ritter der Romantik^, der von 1855 bis 1857 in Neissc lebte und dort starb. Ich bin Ivohl der letzte »och Lebende, der sich seiner väterlichen Frcnndschnsl erfreuen, ihn öfters ans seinen Spazierwegen begleiten und ihm seine herrliche» Bolkslieber vorsprcchen und -singen durste. Bon meinen Mitschülern ist mir Eduard Schnitzer, der spätere Em in Pas cha, in lebhafter Erinnerung, den S ch >ve i n s u r t h „die merkwürdigste und sympathischste Persönlichkeit ans der Zeit der Erforschung des schwarzen Erdteils" genannt hat — „einen K u l t u r a po ft c l in des Wortes v o l t ft e r Bede» tun g". Eduard Schnitzer war jüdischer Herkunst und hat daraus niemals ein Hehl gemacht. Sein Großvater, Oppelner, verheiraicte. seine Tochter inst dem jüdischen Bankier Schweitzer! nach dessen frühem Tode zog die Witwe nach Ncisse und ehelichte hier einen christlichen Möbclhändler Treff z, Der sechsjährige Eduard ivurde getauft, mid „Schweitzer" ivandelte sich in „Müntzer" um — wiederholt hat er mir die Tatsache seines Religions- »nd NamenswcchsclS mit ausrichtigcin Bebaue r n erzählt. Ich lernte ihn, der mir an Jahren und Wissen überlegen war, näher kennen und beivundern, als er einst in meiner Gcgcnwa rt ei» kleines Mädchen aus den h v ch g e h c n d e n F l n t c n d e s B i e l c b a ch c 8 in i t eigener Lebensgefahr rettete. Bo» der evangelischen Stadtschule ging Schnitze r dann anf das Neisscr Ghmnnsimn über, das er 1858 mit dem Zeugnis der Reife als einer der besten Scliülcr verließ, nnr Medizin »nd Naiiirwissenschasten zu studiere». Der Drang in die Ferne führte ihn in den Orient — im Jahre 18 91 siel der kühne Forscher in den i n n c r a s r i k n i, i s ch c n Wäldern. für ihn „ein Feld der Ehre", nach heldenmütigem Kampfe gegen eine Ucberzahl von Feinde». Seine Tochter Ferida fand spater eine Znfliicht bei einci» Verwandten ihres Vaters, namens Schibeitzer, hier in Berlin. Ich ivurde Lehrer und war 1867 bis 1871 an der evangelischen Stadtschule in Strehlen in Schlesien angcstelli. Unter den jungen Gymnasiasten, welche die Schulen in Breslau besuchten und daheim ihre Ferien verlebten, ist mir besonders einer im Gedächtnis geblieben: Paul Ehrlich, nachmals der Welt bekannt als einer der bedeutendsten Mediziner und Forscher des deutschen Volles. Ich kannte die Familie des Gymnasiasten Ehrlich näher! sein Großvater, ein kluger, hochbegabter Alaun, hatte mich besonders in sein Herz geschlossen, »nd sein Enkel Paul begleitete mich oft anf Ausflügen und botanischen Exkursionen — ick hatte, meine Freude an seinem Forschen »nd Experimentieren. Viel später sah ich ihn als weltberühmte „Exzellenz" ivicdcr. Auch er hat sein Judentum nie verleugnet. 44 Jahre stand ich im Berliner Schuldienst, 66 Jahre davon als Leiter einer großen Gcincindeschnle. Hnnderte von Kindern jüdischer Eltern sind von mir und meinen Mitarbeitern unterrichtet worden, nndnie hat cs beiderseits an jenem Takt gefehlt, der alle Unzntrnglichkeitcn vermeiden ließ. In den unteren Klassen kam es sehr oft vor, daß jüdische Kinder auch am evangelischen Religionsunterricht freiwillig und mit Genehmigung ihrer Eltern teilimhmen, nnd in der Zeit, als Berlin W an der Bülowstraße ein Ende hatte imb das israelitische Gotteshaus in der Lützowstrnszc noch nicht erbaut war (meine Sck)»le stand in der nahen Steinmctzstraße), lresnchtcn auch größere Knaben, bis zur ersten Klasse hin, den christlichen Neligionsrmtcrricht, besonders in den Halbsichren, in denen das Alte Testament behandelt wurde. Ich meine: in der Bibel, denr „Buche der Bücher", liegt die flammende Seele eines ganzen Volkes — Jakobs Traum und Hiobs heißes Grübeln, das Märchen des Kindes und der demütige Trost des Greises, alles, was der Mensch angesichts der unendlichen Größe und Weite des Lebens gefühlt »nd gedacht hat. Am Glauben ihrer Väter, i st keiner meiner jüdischen Schüler irre g e w o r d e n.

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