Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Totensehändung. Vier neue Friedhofsschändungen - Die Sühne für Essingen und Lüneburg, - Ein Nationalsozialist stört die Konstanzer Volkstrauerfeier. Kürzlich haben wir in der „C. V.-Zrituug" die Hoffnung ausgesprochen, das; die Flut der FriedhosSschitndmtgcn im Abebbcn bcgriffe» fei. Leider scheinen wir uns in diesem Optimismus getauscht zu haben, denn säst täglich wurden uns in der letzten Woche neue Untaten verrohter Menschen ans jüdischen |trici>f)öfen gemeldet. So wurde ans dem Israelitischen Fricdhos in Mefchcrlvicsen bet Hildbnrghnnsen ain 9. März sestgestellt, das; 12 lgrabdcnkmiilcr böswillig ningeivorsen wurden. Wie wir erfahren, sind die Steine nicht beschädigt, sondern cs hat den Anschein, als ob sic sorgfältig »ach hinten »mgclegt worden seien. Aon den Tätern kehlt jede Spur. Der Gcmeindevorstand Gleicherwiesen sowie der Vorstand der Israelitischen Kultusgrmeinde hoben in cinew Ausruf 20» Mark Belohnung für die Aussindnng der Täter ansgelobt. Wenige Tage vorher, >vohl zwischen den, 4. und fl. März, wurden ans dem alten, außerhalb des Ortes gelegene» jüdischen Friedhof iit Vclvert bei Elberfeld fünf Grabsteine geivaltsam inngeworfen und teilweise zertrümmert. Auch hier keine Spur von den Tätern. Ein nlchtjüdischer Spaziergänger bemerkte die Verwüstung mtf dein Fried- Hof und meldete sie einem unserer Mitglieder. Tie Polizei in Velbert und in Elberfeld hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Täter zu ermitteln. Es wurden 800 Mark Belohnrnig für ihre Feststellung ansgesetzt. Eine dritte Friedhofsschandung »vird uns aus P a t t e n s c n (Leine) bei Hannover gemeldet. In den, 8 Kilometer von dort gelegenen Dorfe Gestopft in dem jetzt nur noch eine einzige jüdische Familie lebt, find ans dem jüdischen Friedhof Grabsteine liwgeworfen nnd zerschlagen worden. Die „Nene Deister Zeitung", das K r e i 8 b l a t t des Kreises Springer, bencerlt zn dem Gestorser Frevel: „Hoffentlich gelingt es der Polizei, die Täter anssindig zn machen und der gerechten Strafe für solch empörendes Werk zuzusnhre». Anscheinend hmidelt es sich um die Saat gewisser Richtungen, jedenfalls ein Bild der tiefen unsittlichen Moral gewisser Kreise, sich an toten Gegenstände», an mit Ehrfurcht zn betretenden Orten zu vergreisen." Verspätet wird bekannt, das; etwa am 23. Mürz ans denn israelitischen Friedhof in 8'ilenvors bei Aachen eine Anzahl Leichensteine auf den Gräbern unigrivorfe» und zum Teil aus deur Boden hcrausgegraben worbe» ist. Auch die Anpflanzungen ans den Gräbern sind teilweise herausgerisscn »,,V mnhcrgeworfen ivorden. Da die Tat erst verspätet durch Friedhossbesiicher entdeckt worden ist, ist die Fahndungnach den Tätern besonders schwer, Die Synagogengemeinde Rachen hat 800 Mark Belohnung für die Ergreifung der Täter ansgesetzt. Die „Aachener Post" weist in ihrem Bericht vom 23. März darauf hin, das; ähnliche Grabschändungen vor einigen Jahren auch ans dem katholischen Friedhof in Eilendorf erfolgt seien, so das; man nicht wisse, ob cm politisches Attentat oder ein - gewöhnlicher Roheitsakt vorliege. — Hoffentlich werden die Täter und - damit auch die Motive znr Tat bald sestgestellt. Schnelle Vergeltung hat die Friedhossschnndnng in (ssstngen gesunden, die wir in Nr. 9 der „C. P.-Zriinng" mctdeten, Tie Täter, Schneidergcselle Willi Dörr und der 17jährige Landwirtssohn Einil H n ck, wurden zu 10 bzw. 6 Wochen Gefängnis verurteilt. Der Antrag des Staatsanwalts hatte aus 8 bzw. 2 Monate Gefängnis gelautet, da, wie der Staatsanwalt seststellte, eine besonders rohe Tat Vorgelegen hat. Trotzdem wurde Dörr die Untersuchungshaft angerechnet lind Huck bedingter Strafaufschub in Aussicht gestellt; ein erstaunlich müdes Urteil! Auch die Lüneburger Syuagogenstiirmer, über deren Heldentaten wir im Noveinber v. I. berichteten, standen ain 9. März tun' dein Richter. Die fünf Angeklagten fuchtelt ans jede mögliche Art und Weise zu kneifen. Stach zweistündiger Brrhandlung hielt der Staatsanwalt die Anklagerede, in der er betonte, daß das Attentat kein Dummerjungenstreich sei, sondern wohlvorbereitet, und das; die Art der Ausführung n i e d r i g st e G e s i >; n >t n g verrate. Er beantragte lvegcn Sachbeschädigung, Beleidigung und Hailssriedvnsbruch gegen zwei der Burschet; 10 und 7 Monate nnd gegen drei wegen Beihilfe je 4 Monate Gefängnis. Der Vertreter der Rcbenklägerin ging näher ans die Ideologie dieser Burschen und der Nationalsozialistischen Partei ein und beantragte nochAberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte. DnS Gericht verurteilte nach langer Beratung zwei der Angeklagten zu 6 Monaten und 5 Monaten l Woche, zwei andere zn je 2 Monaten Gefängnis. Einer der Uebeltäter mußte trotz schwerer Bedenken freigesprvcheit werden. Bei der Feier des Bolksiraneriags in Konstanz ereignete sich ein Zwischeirfall, der um so bedauerlicher ist, als er zeigt, wie ntich ln Südbavcn der Hitler-Geist Unruhe nnd Ztvieiracht sät. Der Bolksbinid deutscher KricgsgriMrsürsorge E. V. veranstaltet« eine öffentliche Gedenkfeier für die Gefallencit des Weltkrieges, bei der nach mnstkalischen Vorträgen und einer Ansprache des Bürgcrmeistkrs Knapp BezirMnbbiner Dr. Chane die Gedächtnisrede halten sollte. Als Dr. Chone das Podiunt betrat, herrschte in dem - Sank, der mit Andächtigen nnd Trauernden angesüllt war, feierliche Stille. Da rief plötzlich eine Siimme: „Wir protestieren, daß ein Fremdrasstgcr in dieser Versarmnlnng eine Rode halt." Der Störenfried lvnrde als ein 22jichriger, stellungsloser BuchlMdler nnS Berlin, Mitglied der Hitler-Gruppe, sestgestellt. Er war, wie der „Volksfrcnnd" fcststcllt, acht Iahte alt, als der Krieg ansbrnch — nnd als alle d i e ohne Unterschied der Konfession für ihr Vaterland in den Krieg zogen, denen diese Feierstunde gelten sollte. . Dr. Chone konnte dann seine Rede unter feierlichster Stille der Versnitntilmig halten. Die gesamte badische Presse verurteiltden StürnngSvsrfnch dieses „Helden". In einem Aussatz „Totenschändimg" weist die der Bolkspnrtci nahestehende „Konstanzer Zeitung" ans den geistigen Zusammenhang zwischen der Hetze der nationalsozialistischen Abgeordneten, der Schändung jüdischer Gräber und auch dieser geistigen Tvtenschändnng bei dem Avtlstrauertnge iit Konstanz hin. Sie schreibt: „Cs ist erst ein paar Tage her, da fdjlcttbcrtc der nationalst'.lialistischc Abgeordnete Dr. Frick von der Tribüne des Reichstags herab seine maßlosen Angriffe gegen Erzberger und Rathenau. Es vergeht im Wallvt-Bcm kaum ein Tag den nicht Irgendein völkischer Redner zn eitler maßlosen Jndcnhehe mißbraucht. Totcnschäudnnn »inv Bolksbcrhetzuug, sie wachsen a>ts demselben Geist« der Uuknlinr nnd Nnvnldsamkrtt, der heute die ganze antlscuiitische Bewegung und Ihre Presse kennzeichnet'). Die völkische» Edelinge wollen die verhaßten ,Fremd- '"»twigen' treffen und schänden dabei den deutschen Namen, e d e u t s ch e Ehre.... Man drnks an die Pogrome von Nastätten, inan denke an die Friedhosschändnngcn voit Essingen, wo zwei Burschen, 17- und ISjährig, 4L Grabsteine umwallen und teilweise zerstörten. Man kvnnie diese Liste deutscher Erniedrigung, denischcr Bloßstellung vor der ganzen gesiiieten Kntturwelt leider säst endlos fvrtsvhen. Wir schämen uns und schließen lieber. Wer aber jetzt nicht wenigstens warnend seine Stimme erhebt vor die sc r geistigen Verirrung, die den Namen der Nation nnd des Volkes prostituiert, der macht sich mitschuldig. Die Führer der Bewegung mag inan mit vrrdiritter Verachtung und Nichtachtung behandeln, aber um der Versührten willen mutz mau reden, damit sie das Zerrbild des Rationalen, das ihnen vvraegaukelt wird, in seiner ganzen leigen Erbärmlichkeit erkennen. Es ist ein Dolchstotz in den Rücken des schwer ringenden deutschen Volkes, wenn von selten der völkische», Desperados immer wieder die Bolksgemcinschaft saboiiert und der deutsche Name besudelt »ud im Auslände dlskreditlert wird. Wie können wir Im Namen dcZ Rechts und der Gerechtigkeit da8 Wcltgewisien anruson gegen die Vergewaltigung der deutschen Minderheiten im Ausland, wenn >»ir tm eigenen Lande Volksgenossen gleicher Sprache und Kultur zn Stantsbiirgern minderen Rechts hsrabdriicken lassen. . . ." 12000 jüdische Gefallene. Zn der „Deutschen Zeitung" wurde kürzlich in einem offenen Brief ntt die „C. B.-Zcitung" die Zahl der 12 000 jüdischen Gssallenen angezweisett. Unter dem Eindntck dieser Behattptung, die wir an anderer Stell«! nachdrücklich widerlegt haben, teilt uns Major a. D. chansf (Rathenow) folgende Krlcgscrittnertingen mit. . Die Sch ri s tke i t un g. Int Tntllcricngurtcn zu Paris, unweit des lleinen Trinniphboqcns für den großen Napoleon, mahnt Las Denkmal LLon G a m - bcttas mit der Inschrift: „Nicht davon reden, stets daran denken" die Franzosen an die einst verlorenen und mm znrüekgewoitnenen Provinzen Elsas; nnd Lothringen. Ein tvürdiges Denkmal für einen Patrioten Frankreichs, dcr, als der kaiserliche Staat rühmlos versank, mit betvtmdcrungswllrdige.r Tatkraft den Widerstand gegen die siegreich vordringenden Dentschcn organisierte. — Ein Jude in Frankreich! Disraeli, langjähriger Premiernitinstcr Ihrer großbritannischen Mnjcsiät Victoria, Atitglieder des Oberhauses, Lord of Bcaconssield, einer der größten Staatsmätuier Englands, der sich um die Machtstellung seines Vaterlandes nnfterbliche Verdienste erivorbcn hat: Ein Jude in England! Wilhelm. ll. lies, das H e r n e - D e n k m a l ans dem Park deS Achilleivn ans Korfu entfernen, die Stadt Düsseldorf wehrte sieh noch nach dem Kriege, ihrem größten Sohn ein Denkmal zn errichten. Fern der Heimat steht es, in Paris ans dem Montmartre, und die, *) Fettdruck und Sperrungen von uns. Die Schriftlellnug.