Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Wirtschaftsprobleme über eine sehr große Zahl von Handelszweige«! in einigen wird man ■ eine Abnahme ihres Einflusses konstatieren können, so vor allem im Echrvtthcmdel. im landwirtschaftlichen Handei, auch wahrscl)einiich im Eisciihnndel. Bei nirdcrc» ivird man nnch von einer Zunahme sprechen können. So scheint es mir, dass in dem Handel mit B r a n n k o h l e, nnch im sonstigen Kohlenhandel, eher eine Zunahme sestzustellen ist. Im Handel mit Brennstoffen iibrrhauht. Erdöl und Benzin n. dgl„ weiter in einigen der neuen Handelszweige ivie Radio und Haushalt- Maschinen, lind zweifellos liegt auch eine gewisse Zunahme der jüdischen Beschäftigten in denjenigen Geiverbeziveigen vor, die ans dem Handel heraus in die Industrie hineingewachsen sind, lote es bei der Konfektion offensichtlich der Fall ist, bei der Möbelherstellung, und bei einigen anderen neuerdings zur Industrie übergehenden Zweigen. Etw 16000 Juden waren früher im öffentliche» Dienst und in den freien Berufen (Aerzte, Rechtsanwälte,. Dabei liegt wohl ziemlich sicher eine Vermehrung vor. An einer Stelle aber auch eine Verminderung! denn da8 alte Heer hatte an jüdischen Beamten, Offizieren und ähnlichen ihrer 2000, die neue Reichswehr, die ein Siebentel des alten Esfcktivbestandes hat, nicht etwa ein Siebentel davon, sondern noch nicht ein Hundertstel, nämlich nur zwölf. An einer Stelle ist die Zahl sicher gewaltig gefunken: vor 20 Jahren zählte man beinahe 37 000 jüdische Rentner. Die Zahl ist sicher erheblich herabgegangcn, vielleicht ist darum die Zahl derjenigen, die in Anstalten versorgt werden müssen, und die damals 16000 betrug, recht beträchtlich in die Höhe gegangen. Nach einer anderen Richtung hm lregt wahrscheinlich eine gewisse Veränderung vor: Anders als die sonstigen Erwerbstätigen null der jüdische Erwerbstätige selbständig fein. Während von allen anderen Erwerbstätigen in Industrie und Handel noch nicht ein Fünftel selbständig ivar, war cs von den Inden die Hälfte. Da wird mit dein Vordringen von Warenhaus und Masscnfilialbetrieben sich sicherlich vieles verändert haben. Der größte Teil der lübischen Erwerbstätigen i st heute sicherlich in der Stellung des Unselbständigen, gehört seiner sozialen Stellung nnch zu der Gruppe des Arbeitnehincrtnms, und dem wird man in der ganzen Anschauungsweise. die man an solcher Stelle wie hier zu bilden hat, zweifellos mehr Rechnung tragen müssen, als das bisher der Fall gewesen ist. So etwa sieht die wirtschaftliche Grundlage des jüdischen Bolksteils in Deutschland aus. Eine Schlußfolgerung ergibt sich daraus mit Plastischer Deutlichkeit: Wir find auf Gedeih und Verderb mit dem Wohlergehen der vcutscku'n Wirtschaft, insbesondere der deutschen produktive» Wirtschaft, aufs innigste verbunden. Je günstiger ihre Entwicklung im ganzen, desto breiter und sicherer der L e b e n s b v d e n für n l l e n nd i nS b e - sondere gerade auch für den jüdischen Volkst e i l, der an dem neu cn An f ba u sein g n t Tei l mi t. gearbeitet hat. Bon höchster Wichtigkeit ist es für alle dielenigcn, die in der Vorarbeitniigsindnstrie, im Hanoel und den freien Bernsen tätig sind, die Entwicklung im ganzen zu beobachten und jede Bewegung nach zweifacher Richtung zn Prüfen: 1. Wie dient sie der deutschen Wirtschaft als Ganzes. Auch wenn irgendein Teil des jüdischen Stammes von dieser Entwicklung zuerst ungünstig berührt Ivird, so dient die Steigerung v n,, ---.'r'1eröffnet zugleich neue „eit, die wir haben, auch ... e kommen. 2. Welche Haltung kann der Jude in solchem Werden einnehmen. Wenn wir von der Entwicklung des jüdischen Bolksteils in Drnischland sprechen, so fragen wir zuerst, wohin tendiert Deutsch, lands Eiitwicklimg? Und gerade unserer Jugend muß man immer wieder ziirusen: Aus dieser Erde quellen deine Freuden und diese Sonne scheinet deinen Leiden! Entwicklung znergi uiigungig verngri iviro, zo der Massenkauskraft allen zugleich. Sie cri Mögllchkciten, die nach allen Beobachtungen, dem jüdischen BolkSleil durchaus zugute komnn Wie ist Deutschlands Wirtschaftslage und Wirtschaftseutwicklttttg? lieber Deutschlands Lage urteilt das Ausland ganz anders, als wir in Deutschland es selbst tim. Deutschlands Lage ist ganz gewiß nicht leicht. Aber noch viel weniger ist sie hossimngslos. Die dcut setze Wirtschaftsleistung der letzten vier Jahre nannte der frühere amerikanische Botschafter in Berlin, Honghton, vor drei Jahren „das beutfdje Wunder". Hub in der Tat. eine solche Leistung eines völlig niedergebrochenen Landes, das vor vier Jahren noch dicht am Rande des wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruches stand, hat die Welt bisher wohl noch nicht gesehen. Unsere Landwirtschaft schasst aus dem verkleinerten Boden schon lnnnahe ebensoviel >vic aus dem des größeren Reiches. Wenn das möglich war, so durch eine der Großtaten der chemischen Industrie, die Schaffung des künstlichen Stickstoffs, der uns verlorenen Bode» erseht ans deutscher Braunkohle mid deutscher Lust, imdz wir haben berechtigten Anlaß, mit Stolz zu vermerke», daß j ü d i s ch e Bi ä u ii e r ti n d solche jüdischen Stammes au dieser Großtat, aller Wissenschaft überhaupt, cntscheidciid beteiligt waren. Wir sehen, enorme Leistiiiigsstcigeriingen in unserer Industrie, Steigcriiiigcn, die im Bergbau die amerikanischen Leistungen, soweit Ersah menschlicizer Kraft durch iiicchaiiische ,ii> Betracht kommt, binnen wenigen Jahren schon beinahe erreichen, wir sehen den enormen Fortschritt der ElektrizitätSindustric, an deren Schassen jüdische Hände entscheidend m i t g e >v i r k t ° beit, wir sehen das eigenartige neue Werden im Handel, gewiß zur Besorgnis vieler Mittelstandskrcisc auch initcr den jüdischen Handeltreibenden, aber im ganzen doch zur iveitcren Erhöhung des deutschen Wirkungsgrades führend. Wir sehen den überraschend schnellen Wiederaufbau in unserem Geld- und Kreditwesen. Ich habe gerade daran sehr viel auszusetzen, und wenn man sich so bitterlich darüber beklagt, daß die öffentliche Hand gerade im Kreditgeschäft so stark vorgedrungen ist, so haben dir Beteiligten vielleicht doch einigen Anlaß zu fragen, ob nicht eine gewisse Ueverspnninmg der Kreditbedingungen dieser von ihnen so wenig crlvünschtcn Entivicklmig Vorschub geleistet hat, »nd der jltdische Kredilnchmer wird ihnen dabei wahrscheinlich Helsen, Wie aber st e h t d e r I ri d e i n d i e s e r n e n e n E n tiv i ck l u n g? Läuft sie nicht tciliveise sehr ernst und selbst bedenklich zu seinen Ungunsten? Bier Eiitwicklungsliiiieu nennt man gern, die hier dem Jude» schädlich geworden sind: Kartell, Konzern, össentlicher Betrieb und Rationalisierung. Man hielt das Kartell anfangs für judenseindlich. und es ist das auch, insoweit, als cs im Handel die Freiheit dcS Marktes einengt. Im übrigen aber habe ick in einer nachgerade langen Beobachtung nicht den Eindriick gehabt, daß jüdische Unternehmer etiva lartellseindlichcr wären als andere. Im Gegenteil. Ich halte die Uebertreibung des Kartellwesens in Deutschland nicht für ein Glück für Deutschland. Da sicht aber der jüdische Produzent und der jüdische Kvnsiimeiit ans gleicher Linie mit den anderen. Biel ernster ist die andere Entwicklung, diejenige zur Großunter n e h m n n g oder wie wir deutsch so schön sagen, zum Konzern, Er bringt notwendig zunächst einmal eine gewisse Verben m tuiig mit sich, eine Art Gleichmacherei der beschäftigten Menschen, und hier dringt dann gar zu leicht das iinwirischasiliche politische Element ein; wo der Jude nur das gleiche leistet wie andere, da drängt man ihn mir allzu leicht und allzu gründlich hinaus. Das gilt nicht mir in Deutschland. Ich habe ähnliches auch in Amerika hier und da l>cobnchtet. und ich sehe mir c i n Mittel dagegen, daS allerdings beginnt auch immer allgemeiner angcwendet zu werden: Es ist die Einstellung der Menschen nach ihrer st a t i st i s ch n a ch z u p r ü s e n d e n L c i st u n g. Wo das möglich ist, da eröffnet sich wieder für die jüdische besondere Begabung ein neues Feld; in der A b s a tz o r g a n i s n t i v n der großen Konzerne habe ich von Antisemitismus viel weniger gesehen. Weit ernster ist die Entwicklung der Wirtschaft z n in ö s f e n t l i ch e » Betriebe hin. Es lväre unaufrichtig, wollte mau verschweigen, daß diese Entwicklung zwnnglaufig sich verstärkt. Der öffentliche Betrieb. die V c r b e a m t n n g sind aber t h p i s ch j u d e n f e i n d- 1 t ch; hier haben wir ja nicht einmal die Parität. Hier sind die „gesperrten Berufe" in solchen Massen vorhanden, daß die Kraßheit der Zahlen eigentlich schlagend wirken müßte. Ich nannte Ihnen vorhin schon die Heeresverwaltung, von 100000 Menschen nur 12 Juden, also nicht 1 vom Hundert, sondern erst 1 von 10 000. Die össentlichcn höheren Lehranstalten zählen unter ihren Schülern 2 Prozent, die jüdischen Oberlehrer 0,2 Prozent. Bei der weiblichen Jugend 4,7 Prozent der Schülerinnen und 0.4 Prozent der Lehrkräfte. Die Gegenwirkung liegt hier mir dann vor, wenn öffentliche Wirtschastsbetricbe private Formen annehmen und damii an die Stelle der bei uns ohnehin allziigroßen, im cillgemeinen Interesse unerfreulichen Lcistmigseinheitlichkeit im Bcamtcndasein und seiner uiüsormeii Entlohmingsweisc die Wertung der w i r k l i ch c n L e i st u n g cintritt. Und das ist auch bei allem, Ivns inan sonst darüber sagen mag, das Gute an oer Rationalisierung. Gewiß, sie beseitigt hie und da selbständige Existenzen. Aber auf die lange Dauer gehen die gn uzen Systeme daraus hinaus, den sachlich Tüchtigsten unter den für eine Leistung in Betracht kommenden immer w i e d e r h e r a u s z u a r b e i t e n und h er a i, szu heb en. Das sind Wirklichkeiten. Es wäre töricht, die große Gefahr der gesperrten Berufe zu gering zu veranschlagen, aber noch törichter wäre es, demgegenüber Mutlosigkeit zu empfinden »ud gar unserer jungen Generation durch allzu starke Herausstellung des Ungünstigen den Mut und die Hoffnung in der Arbeit für die Länder zu nehmen, die ihr Lcbensbodcn sind und sein werden. Wir müssen ihr sagen, daß all diese Schwierigkeiten da sind, daß aber auch eine Reihe hofsmmgssroher Momente in der Entwicklung liegen, und daß eines der bedeutsamsten dies ist, daß eine große, in schwerer Vergangenheit entwickelte Fähigkeit des Juden vorerst auf lange hinaus an Wert gewinnt: Das ist die b e s o n d e r e F ä h i g k e i t § u q e t ft i g komplizierten Arbeiten, die mit dem Voranschreiten der modernen Ricscnmaschincrie und Niesenorgnnisatiou mehr und mehr an Wert gewinnt. Das ist ferner die vorerst notwendig noch zuiiehinendc Luvte derer, die in der Verteilung mid Verwaltung der Waren im Produktionsprozeß nötig sind. Wir müssen ihr zeigen, daß eben jetzt für den mutigen Wirtschastsbeobachicr neue Möglichkeiten aiistrcten, lvie sie z. B. im Handel der Vereinigten Staaten mit überraschender Wucht und Großartigkeit sich entwickeln, und wir »u'issen ihr noch ein weiteres zeigen, daß wir nicht tatenlos, nicht plan- und ziellos der kommenden Entwick» l n n g g e g e ii ü b c r st e h e n , sondern den M n t haben, auch selbst Gestalter des jüdischen Schicksals in unserem H c i m a t l a n d e z n sein.