Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2571117-2571144-2571147--241-2571552- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1$ Wen kann es da wundcrnebincn, das; sie vielleicht allzu Sin eine Hoffnung verfiel, die romantisch ihr ein besseres ein in irgendeinem anderen Lande im rosigen Lichte der Verklärung exscheinen lies;, von einem Dasein, unbeschwert von den Hemmungen nur um der Abstammung willen, gegründet auf eigener Erde, und die obendrein auch noch den Anschein einer wirtschaftlichen Verankerung erhielt. Dieser Traum wurde uni so allgemeiner, als er, sehr geschickt politischen Zielen des britischen Reiches dienstbar gemacht, noch eine Art amtlicher Bestätigung erhielt, einer Bestätigung für noch einem., kleinen Nationalismus, für noch ein Natiönchen unter Hunderten der allzu kleinen Natiduchen, für noch ein kleines Sprachgebiet unter Hunderten der allzu kleinen Sprachgebiete — wer in solch einer kleinen Sprache arbeitet, der bleibt in Tausenden von Fällen der Kenntnis der großen Masse entzogen. Ueber die Kleinsprachen ist die Entwicklung der Weltwirtschaft ja längst hinweggeglitten, drei Viertel deS Wirtschaftsverkehrs auf Erden wickeln sich in einer einzigen Sprache ab, in der englischen nämlich. Ob die Möglichkeit einer kleinasiatischeic Svnderexistcnz gegeben ist oder nicht, ich urteile an dieser Stelle nicht darüber. — Als ich Walther Rathenau eiumal nach seiner Meinung über dieses Experiment fragte, sagte er: „Ob es gelingt, ich zweifle daran, aber eines ist sicher: Wenn sie dort pflügen, so wird es mit silbernen Pflügen geschehen." — Ich spreche keine Meinung über eine Verwirklichung aus, auch leine solche über die Frage des Seinsollens, über die Frage, ob es denn überhaupt ein erstrebenswertes Ziel für den Juden darstcllt. fv wie er in den letzten zwei Jahrtausenden gelvvrden ist, in Massen zur Handarbeit auf den Acker zurückzukehren, wo gleichzeitig die Mehrheit der übrigen Rationen . vorerst von der Landarbeit wegzieht; wo nur die am gnnstig- . sten gelegenen Landstriche in gar nicht allzu ferner Zeit der menschlichen Versorgung dienen lverden, wahrscheinlich sogar unter Aufgabe eines Teils des jetzt schon bebauten Landes. — Aber wer die Zahl dessen sich ansieht, >vas unter enormen Opfern schließlich an wirklicher Besiedlung erreicht worden ist; wer aus dem Buch des Herrn Dr. Wiener dre Tatsache sieht, daß die ganze landwirtschaftliche Kolonisation in Palästina bis jetzt insgesamt 30 000 jüdische Meiischen erfaßt hat, während vor dem Weltkriege und vor der enormen Agitation etwa 20 000 ohnehin schon diesen ungemein schwer zu bearbeitenden Boden bebauten, der mutz doch sagen: Das sind von der lebenden jüdischen Menschheit noch lange nicht eins vom Tausend. Wir vermehren uns aber insgesamt immer noch nach Abzug der Todesfälle über die Geburten jedes Jahr um mehrmals eins vom Tausend — eine Heimstätte solcher Art mag eine Hoffnung für ein fernes Ziel, vielleicht auch dann em Rückhalt für Verfolgte werden, wenn England seine schützende Hand darüber halten >vill, aber eine Lösung der wirtschaftlichen Judenfrage in der Welt, der wirtschaftlichen Judennot im Osten Europas, int breiten Indengürtel des Ansiedlungsrayons, müßte schon ganz anders aicsschen. Wenn überhaupt, so liegt in solchem Berslich eine Hoffnung in einer recht fernen Zeit, in einet Zeit, die weit auch über die Lebensdauer der kommenden Generation in ganz ferne Zukunft reicht und von der schon eins fraglich erscheint: Ob die Verwirklichung einer solchen Kleinexistenz eines politischen Sonderwesens überhaupt in der Linie derjenigen Bahn liegt, die, wenn wir es recht sehen, die Menschhcitseutwicklung eben jetzt einzuschlagen begonnen hat. Wir wissen nicht, ob, wenn diese Entwicklung lveitergeht, dieses Hosfnungsziel unserer Jugend von gestern überhaupt noch wünschenswert ist. Die Gedankenwelt, in die diese Jugend eingespounen worden ist, hat die Mauern der Abschließung, die von außen gegen sie errichtet lvnxden, von innen heraus sehr bedenklich verstärkt. Sie hat eine gewollte Abschließung in der Vorstellungswclt dieser Jugend errichtet, eine selbstgeschaffene geistige Ghettomauer, die noch nachwirkt, wo oie Anlässe der Inflationszeit geringer werden, wo die Spannungen an vielen Stellen fraglos wieder Nachlassen. Sie sieht Wesensu il t e r s ch i e d e, w o h v ch st e n s Erziehung s.u nterschiede ihr die n i ch t j ü d i s ch e Umwelt e n t - fremdet hatten; sie hält für blutmäßia verankerte Weltanschauung, w a s h v ch st e n 8 iu s l at; o i; i st; f ch e G e i d a u s ch a u u n g w a r. Vor allem aber hat man sie nicht gelehrt, die Wirklichkeit zck sehen, in der wir leben, die Wirtschaft, in die unser wirkliches Dasein eingebettet ist, und die eben jetzt erstaunliche Wandlungen vollzieht. Man lehrt sie sticht die deutsche Wirtschaft zu sehen, die europäische Wirtschaft, und in bt'efer^ Prof. Dr. Julius Hirsch: wieder die wirklichen Existenzgrundlagen der ganz bveiten f.risse des jüdischen Stammes, die wirkliche Wirtschaft dieses tammes, dev in dieser curopäisch-amerikanischen Allgemeinheit wichtige Funktionen seit anderthalb Jahrhunderten in zunehmendem Maße übernommen hat. Denn auch dieses Schlagwort sollte unter uns einmal ein Ende nehmen, als ob die übrigen Stämme der Nationen, unter denen die Juden als Staatsbürger wohnen und als Wirtschafter arbeiten, irgend so etwas tute „Mirtsvölker" darstellten, bei denen >vir zu Gast wären, und >vo wir vielleicht noch, so geht ja die Vorstellung weiter, für diese Gaftfreuudschaft zu zahlen hätten — wenn nicht gar die Redensart von; parasitären Charakter der Arbeit, die die meisten von uns leisten, in unseren eigenen Reihen zustimmend nachgesprochen lvird. Alle ernsthafte Wirtschaftslehre lehnt es heute aufs entschiedenste ab, den Handel, die Warenverinittlung als parasitär zu bezeichnen. Der Warenvertrieb ist genau so ein Stück der Produktion, wie es der Transport ist, oder die Versicherung, oder die Schaffung der Maschine für die Herstellung, und vorerst wird, soweit unser Blick reicht, diese Aufgabe nn ganzen der Weltlvirtschaft noch immer wichtiger, wächst sogar im Verhältnis zu der Warenmenge zwangläufig die Zahl derer, die zur Verteilung notwendig sind, schneller als die Zahl derer, die zur Herstellung erfordert werden. Wenn aber in dieser Gruppe, in die jeder überall beliebig eintreten kann, der Jude einen stärkeren Prozentsatz darstellt, so ist es eben deswegen, weil er in der Konkurrenz sich hat behaupten können, weil er für die Gesamtheit den besseren Dienst, wie die Amerikaner das nennen, den höheren Service leistet. Das große Ziel, das wir uns stellen müssen, heißt vielleicht in gar nicht ferner Zeit: Erhöhung unseres Wirkungsgrades, Erhöhung dieses wirtschäftlichen Dienstes an der Allgemeinheit durch Steigerung unserer Leistungskraft; das ist ein deutsches Ziel, zu dem Deutschland durch seine ganze Lage ohne hu; gezwungen ist. Es ist ein deutsches Ziel, in dessen Durchführung die Kraft keines Bürgers entbehrt werden kann, und in den; die besonderen Fähigkeiten eines jeden Stammes wirksam eingesetzt werde;; sollen. Ich frage nun: „Ans welchen Grundlagen beruht die Wirtschaft des jüdischen Stammes in Dentschland?" Die jüdische Bevölkerung in Deutschland macht nicht mehr ganz ein Prozent ans, durch die Gebietsabtretungen hat der jüdische Volkstcil Deutschlands mehr verloren als die andere,, Bekenntnisse. Wahrend die anderen etwa acht Prozent verloren haben, ist von der jüdischen Bevölkerung ein Satz von etwa 12 Prozent verlorcngegangen. Soweit man konsessionsmätzig zählt, ist noch eine andere Verminderung der Zahl der Juden in Deutschland im Gange. Ungefähr ein Viertel aller Ehen jüdischer Menschen in Deutschland sind Mischehen. Und die Kinder solcher Ehen werden zum jüdischen Stamm hernach gewöhn- sich nicht mehr gezählt. Dazu kommt die große Wanderbewegung, die in Deutschland selbst mit dem jüdischen Stamm vor sich geht; die letzte Zählung zeigte »ns das erstaunliche Ergebnis, daß beinahe ein Drittel aller lebende» Juden i» Deutschland in Berlin sind. Etwas nwhr als diese Zahl wohnt in den anderen deutschen Groß, städten, das letzte Drittel m Mittel- und Kleinstädten, ein offenbar stets sich vermindernder Rest aus dem Lande. In ganz Snddentschland wohnen bei weitem nicht so viel Juden wie in der Stadt Berlin. Ihre Zahl hat sich dort gegenüber der Vorkriegszeit vermindert, in den vier Staaten Süddentschlands von 117 000 auf 104 000, während wir in Berlin beinahe 173 000 zählen. Und min die Existenzgrundlage in der Wirtschaft. Mindestens die Hälfte aller Juden in Deutschland ist heute noch erwerbstätig in Handel und Bankwesen. Daliei inacht. das Bankwesen weniger ans, als man sich gewöhnlich vorstcllt. Vor dem Kriege waren es etwa 5000 Menschen, jetzt hat sich die Zahl der Beschäftigten dort zwar ungemein stark erhöht. Mitte 1925 zählte man weit mehr als das Doppelte. Aber die Zahl der jüdischen Menschen ist sicher nicht im gleichen Verhältnisse gestiegen. Wir wissen nicht genau, wieviel, ich möchte annehmen, daß es nur etliche, wahrscheinlich nur wenige tausend sind, die zusätzlich hinzukamen. Im Handel waren vor dein Weltkriege ungefähr 120 000 beschäftigt, die Zahl der Personen, die im Handel beschäftigt waren, hat sich allgemein um etwa 55 Prozent im verbliebenen Deutschland vermehrt. Wie 3 der Anteil der Judeik dabei verändert hat, wissen wir iviederirm st. Aber unsere Beobachtungen zeigen, das; eine I o starke Zunahme sicher nicht stattgefunden hat. Eine Schätzung von Landsbcrg besagt, daß nach seiner Meinung bei der Textilindustrie und beim Textrlhandel 80 000 jüdische Inhaber seien, davon 15 0V» bis 25 000 Inhaber von Textilgeschästen in Groß-Berlin. Ich möchte annehmen, daß auf die Textilbranche mindestens zwei Fünftel der ganze» im -Hautzel tätigen jüdischen Deutschen entfallen. Ter Rest verteilt sich chlbMhebj