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Central-Verein-Zeitung · 1928-02-01 · Heft 2 (Februar 1928) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1928
Issue
Heft 2 (Februar 1928)
Date
1928-02-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ly 4 '1 Der Weg des Lentralvmins. Unsere haupiversammlung 1S2S. Vom II. bis 13. Februar versammelten sich in Berlin fast 400 Delegierte des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens n»S allen Teilen Deutschlands zu der alle zwei Jahre stattfindendcu großen Haiiptversamnilnng. Der Syndikus des Vereins. Dr. Alfred Wiener, erstattete einen umfassenden Geschäftsbericht. der die Notwendigkeit der Aufklärung über das wahre Wesen dcS Judentums bei den christ.- lichen Mitbürgern eindringlich begründete. Nach der Erledigung der üblichen formalen Oblicgenheiteir der Hauptversammlung wie Finanzbericht, Satzungsänderungen, Borstandswahlen und dergleiclsen zeichnete Staatssekretär a. D. Professor Julius Hirsch die Wirtschastsprvbleme der deutschen Juden iin Rahmen der Gesaintproblemc der deutschen Wirtschaft. Er bewies die unlösbare Berbundenheit des ittdischen Bevölkernngstcilcs mit dem Deutschtum auch in den Fragen der Wirtschaft und ermahnte die deutschen Juden, durch Steigerung ihrer Leistungen dem Vaterlandc zu dienen urxb durch Höchstleistungen allen Boykottbestrebungen entgegenzuwirken. Den Mittelpunkt der Beratungen bildeten die Verhandlungen des dritten Tages, die sich mit der Frage, ob der Centralverein ein Abwehrverein oder ein GestinningSverein sei, befaßten. In grundlegenden Ausführungen zeigte der Direktor des Ccntralvereins, Dr. Ludwig Holländer, dm Weg des Centralvereins. Er führte etwa aus: Die Themastellung „Abwehrverein oder EcsiiiiiungZvcreiii" sei ungenau, da an sich ein Abweyrverein durchaus Gesiimiingsverein sein könne. Sie sei gewählt worden, weil ina» mit dieser Gegenüberstellung einen gewissen Vorstellungskomplcx verbinde, von dem man bei der Betrachtung nusziigchcn habe. Es handele sich darum, ob unsere Ausgabe lediglich diejenige politische Tätigkeit sein solle, die notwendig ist, um gegenwärtige oder zukünftige Eingriffe auf die gesetzlich scstgelegie Gleichberechtigung der Juden abziiwchre», das heißt Aendcrungm oder Verletzungen der Verfassung eutgegcnzutreten, oder ob sie darin bestehen solle, tief cinzudriiigen in die deutsche Volksseele und auf dem Wege der Durchdringung der deutscheu Volksseele durch die Verwirklichung unserer Ideale die große deutsche Aolksgemcinschast und damit den Frieden im decitjchen Datcrlande herzustcllen. Die Frage müsse nach folgenden Gesichts- Punkte» erörtert ivcrden: 1. Was lehrt die Entwicklungsgeschichte des (F. 93.? 2, Welches ist der genaue Inhalt des Problems, insbesondere: wie ist politische Tätigkeit ohne jede' Stellungnahme zu den Grundfragen unserer Gesinnung möglich? Aus der Entwicklungsgeschichte des E. V. gehe hervor, daß der C V. ohne jede wertlose Beteuerung aus die »nboirrte Pflege deutstl-er Gesinnung von jeher entscheidenden Wert gelegt habe. Die zweite Frage sei zu bejahen in bezug aus Angriffe elementarer Art gegen a) die verfassungsmäßige Gleichberechtigung, b) die Sicherheit des jüdischen Lebens. Eine darüber hinauSgehendc Tätigkeit fei ohne Erörterung vorhandener Gesinniiugsprvblcme nicht inögtich, well cs sich darum handle, einen tieferen Einblick in die Volksseele zu gewinnen lind die Stellung des jüdischen Deutschen im Gesamtvolk maßgebend zu beeinflussen. Denn man müsse darüber klar sein, daß zwei große KomPlcM zn unterscheiden sind: 1. Die Stellung der Staatsgewalt in formaler und materieller Beziehung zu de» Juden in bezug aus die Ausführung der b e it c h e n d e n Gesetze und Verordnungen. Nach dieser Richtung hin sei sehr vieles erreicht, 2. Die stt m m n ii gsge mä ße Einstellung des Gesa in t v o l k e s ebenso >vie seiner Teile in bezug aus die Wertigkeit des jüdischen Deutschen im Staats- und Bolksganzen. Hier sei noch beinahe alles zu erledigen. Diese Frage setze eine Beantwortung der Frage: „Was bin ich?" voraus. „Wie ftcl>e ich zu den LebcnSsragen von Volk und Staat?" Hier sei mir eines möglich: ich bekenne mich als Teil des GosnmtvolkeS, erkläre, daß ich stammesgemäß von ihm geschieden, stammcS- und religionsgemäß eine eigene Grundlage bejitze, daß ich aber diese Bcilch'edcnheit als ' für den Ausbau der gesamten Zukunft für unerheblich erachte, und daß ich für mich und meine jüdische Gemeinschaft eine Jventität der Zukunft mit meinem Gesamtvotk für unbedingt und notwendig gegeben nnsehe. Nach einem Ueberblick über verschiedene literarische Erscheinungen der Emnuzipaliviisgeschiehie der deutschen Juden in verschiedenen Landern stellt Dr. Holländer fest, daß überall die Beibehaltung der Religion als Voraussetzung der Emanzipation empfunden ivnrde. Im Gegenteil, Bvranssetznng der Emanzipaiivn sei überall die Aufgabe der jüdische» Nationalität geioescn. Aber wir müssen miS davor hüten, anzunehmen, daß der Vcgriss Elauben?« bekemitiiis den Gesamtinhalt dcS Judentmns erschöpfe. Die Gleichung Judcniiim gleich Glaubensbekenntnis stimme nicht. Das Judentum sei eine außerordenllich komplizierte, aus Gvund verschiedenartigster geschichtlicher Einwirkungen in seinen einzelnen Gliedern schillernde Gemeinschaft. Wer dnS Judentum erhalten wolle und wer für das Judentum cintreten ivvlle, müsse sich zunächst einmal über seine grundlegende Einstellung und seine gcsühlsniäßige Struktur a!8 Jude im klaren sein. Wer auf Grund seiner persönlichen Einstellung die aus uralter Zeit stammenden Vvlkskräfte dcs Judentums lebendig halten wolle, gehe seinen Weg als Nntionaljude. Sein Judentum aber sei scharf getrennt vo» der Auffassung desjenigen Inden, der sich als »mosliches Glied de? deutschen Volkes ühle. Wenn ich den Judenhaß bekämpfen will, muß ich mich enb cheiden, ob ich ihn bciämpjeu will als Nationaljudc oder als im i c s st e n deutsch bewußter Jude. Wer sich als innerlich dem Deutschtuni bcrbnndencr Volksgenosse fühle, müsse jede Bestrebung zur Ausstoßung ans dem deutschen V o l k e als feindselige Bestrebung anscheii. Für »inen solchen Juden sei eine sogenannte »enirnle Abwehrorganisation unmögtich. Eie sei aber auch munöglich für die Nationaljudc». Auf die Franc: Welches ist »User inneres Verhältnis zur deutschen Volksseele und welches ist ihr Verhältnis zu uns, gebe cS nur eine Antwort: entweder im Sinne des deutsch fühlenden Inden oder in» Sinne des Nationaliuden; Kompromisse in diesen innersten Gefühls- und Gcwissensfragen gebe es nicht. Es sei auch unmöglich, eine Organisation auszubauen und zu erhalten, die beiden Prinzipien gerecht werde. Niemals werde es gelingen, ohne Entscheidung der Frage: Nationaldeütsch oder jüdischnational? diese undedingte Fühlungnahme mit der deutschen Bolksserle und damit die Durchsetzung wahrer Gleichberechtigung zu erreichen. Eine innerjüdischc TiSknssion über die Grundlagen des Judentums müsse geführt werden, um die Unterlage zu politischem Handeln zu gewinnen. Unbedingt müsse aber die Auseinandersetzung in vornehmster und sachlichster Weise geführt werden. Falsch sei e8, de» Nativnaljnden warmes Interesse für dentfche Eniwicklimg abznsprechen. Alle müßten für eine ivürdige »nd von vornchincm Verständnis für Personen getragene Erörterung innerjüdischer Gegensätze Sorge tragen. So sei es bedauerlich, daß der Zivnistcnsnhrcr Jacobsohn i» der „Jüdische» Zeitung für Ostdeutschland" Wiener als Fälscher bezeichnet stabe. Es sei im ticsste» Maße bedauerlich, daß solche Entgleisungen da? üdische Lebm vergiften. Solche und ähnliche Vorkommnisse aber eien nebensächlich, wir wollen gar nicht auf sic cingehen, jo taktlos, o unjttdisch und so undcutsch sic auch immer seien. Wir sind ei» G e s i n n u n g s v e r e i n. Aber ein Gefinnungsvcrciii, der in zweifelhaften Dingen Freiheit Schluss des Anfsaties: „Lehrer, Mütter und Schäler.11 Der jüdische Schüler fällt auf. Er ist oft intelligenter oder liebenswürdiger, strebsamer oder ausgeschlossener, ungeschickter oder seiger, lccrwöhnter oder listiger als sein christlicher Kamerad und wird von diesem »in solcher Eigenschastcii willen gehaßt oder verachtet. Selbst Lehrer geben den anziehenden oder abstoßenden Wirkungen dieser Berhnltniigsweisen »ach, ja sie übertragen die einmal erlebten auf jüdische Schüler spaterer Klassen, kommen selten zu einer Erforschung der Ursachen jüdischer Eigenschaften, im aUgcmeincii und des ihnen anvcrtrauten jüdischen Schülers im besonderen, wodurch allein sie heilen und Helsen könnten. Der Mensch sähst sich in der Gemeinschaft mit anderen um so unsickiecer, je ausfälliger er ist. Aufgabe muß Fein, den jüdischen Schüler zur U n a u s s ä l l i g k c i t z u erziehen, aber auch die Verbundenheit mit den tiefsten Worten seines Judentums in ihm zu erwecken, woraus ihm Festigkeit und kilusgangsbasiS zum vergkelchenden Verstellen fremder Anschauungen wird. Diese Ausgabe muß, solange der Jugendliche nicht in der Lage ist, sich die dazu nötigen Bedingungen selbst zu schaffe», durch das Elternhaus und den Religionsunterricht erfüllt ivcrden: hier muß der junge Jude lernen, sich in seiner historischen Gewordcnhcit zu erkemieu und zu Iritisiercu — aus den lebendigen Beziehungen zu den Mitgliedern des gleichen Stammes, aus den schriftlichen Quellen jüdischen Lebens. Je mehr Halt er hier gewinnt, um so ivcniger ivird er es später nötig haben, sich in der gemischten Gesellschaft ■}\t behaupten: et wird ruhiger, entspannter und dcmwch jüdischer sein könne». Der jüdische Schüler, der in einer gemischten Schulgemeinschast gelebt hat, weiß, daß der lebendige, edle jüdische Mensch wohl in der Lage ist, Vorurteile zu zersprengen und sich Achtung zu gewinnen. Es gilt, die besten Werte dcs Judentums in den jüdischen Schülern zu erwecken und sie hinauszuschicken in die Welt, nicht als Verteidiger, sondern als Träger ihres GlanbenS! Hilde Ephraim.

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