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Central-Verein-Zeitung · 1928-02-01 · Heft 2 (Februar 1928) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1928
Issue
Heft 2 (Februar 1928)
Date
1928-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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10 Wendigkeit, bah die Jugend tüchtig, menschlich, fleißig werden must, insbesondere viel mehr bedeutet als alle Strafen, die auf das Gegenteil gesetzt werden. Und an denen fehlt' es wahrlich nicht. Lehrer sein, heißt nicht nur Wissen einpauken, heißt vor allein erziehen: erziehen zur Tüchtigkeit, zur Menschlichkeit. Immer wenn ein Junge entgleist, immer wenn eine Strafe n o t w e n d i g s ch e i n t, immer wenn üble Gesinnung in der Schule sich bemerkbar macht, frage i ch mi ch , ob ich ni ch t selber daran schuld bin. Jeder wirkliche Erzieher müßte die Pädagogik des Herzens haben, wenn er vor sich selber bestehen soll. Die alte Pädagogik süßte viel zu sehr ans dem Verstand. Sic glaubte, durch Belohnungen und Strafen hiimnssühren und abschrccken zu können. Wir haben das nicht mir in der Pädagogik verlernt; auch im Strafrecht stehen die Dislüssiviien über den Sinn der Strafe heute nicht ohne Ursache im Vordergrund. Es ist ein Zug der Zeit, die in ihrem Glauben an den Individualismus durch die Ereignisse mächtig crsehüttert worden ist, nicht im Einzelwesen Schuld oder Verdienst suchen, sondern einen Teil davon ans Faktoren zu (hieben, deren Einslutz er ansgesctzt ist. Mit anderen Worten: ein Wesen ans den Eindrücken heraus zu entwickeln, die ans seine Seele gewirkt haben. Diese vertiefte Anschauung vom Wesen des Menschen bringt auch eine nnendlich größere Verantwortung aller derer mit sich, die überhaupt ans andere Menschen Einfluß gewinnen wollen. Zu ihnen gehören nicht nur Lehrer, sondern auch Juristen, Mediziner, Theologen. Ein Lehrer, der wirklich Erzieher sein will, kann nur dann sein Werk vollenden. >ven» er, alle konfessionelle Engigkeit verlassend, seinen Schüler» lediglich als Mensch gegenttbertritt. Dann aber wird es niemals zu Aciißernngen oder Taten kommen, die solcher Menschlichkeit widersprechen. Der Lehrer, der einen Schüler oder eine Schnlergruppe beschimpft oder verächtlich macht, weil sie einer andere» Konfession angehören, ist kein Erzieher mehr. Er verstößt gegen das elementare Gebot innerer Gerechtigkeit. Professor Dr. Paul Hlldcbrandt. Kürzlich ereimieic sich felgende typische kleine Begebenheit: Unser achtjähriger Bub kam in eine neue Volksschule. Tie Klasse bestand bis diihi» aus nur evangelischen Schülern. In der ersten NeligwnSsinnde des neuen Schuljahres fehlt unser Lohn. Alan kennt Len „Neuen" ' noch nicht, hat aber, wie gegen alles Neue, Mißtraue». Man weiß nicl>t, ist er Jude oder Katholik. Co versolgt inan ihn aus Len, Heimivcg mit Rufen: ,.Ind-KatI,olik!. Ind-Kathvlil!" Halte er sich in Anzug oder Haartracht wesenllich von den andern nnlecTlr.de» — es wäre ein ebenso starker Grund zum Hänseln und Höhnen gewesen. Das beweist ». n. die kleine Episode, die ich vor wenigen Tagen bei Schnlschlnß einer höheren Schule beobachtete: Eine johlende Schar Zehn- bis Zwvljjährigcr »»,schwirrte einen langhaarigen Blondkopf. Sie höhnten und verlachten ihn, sie zerrten ihn am langen buschigen Haar aus den, Bode» herum. Ter fliichlcle weinend und »'ehrlos auf eine Treppe — unfähig, diesen, Ansturm irgendwie zu begegnen. I» der Schule wird alles verhöhnt und verspottet, waS sich irgend,vie als be'onders hernnebevl. Was weiß das kleine Cchul» niüdchc», der Lcl>»lbnb von kvnscssionellcn Gegensätzen, von Antiscmilinnusk ES bemerkt nur an ganz ünsterlichen Tingen, daß da ein „Anderer" dazivischcn sitzt, der z. B. den allgemeinen Religionsunterricht nicht beincht oder an einigen Schultagen sehlt, weil da ein jüdischer Feiertag ist. Tiefes Anderssein ist cs wesentlich, ,vnZ da? junge Schulkind als ickeidcud, als Vorivurf, empfindet. Tiesem „AniiseiniiisnmS" ist mit Berui nstgrimdcn oder mit erziehlichen Maßnahmen von seiten der Schule Immi zu begegnen — es sei denn mit dem Bakel dos Lehrers. Bon leiten des Lindes gibt eS nur das Argu,ncnt der Faust, Hat der B„v erst einmal gezeigt, deiß er sich nicht fürchtet und heulend davonläuft, iveun er gehöhnt wird, sondern-daß er scst drcinschiagen kann, so tritt an Stelle der Aechtang Achtung, zum mindesten aber eine Scheu, mit dein Betref enden, dessen körperliche lleberlcgenheik man zu spüren bekam, wieder ailzubindcu. Ter erste Sieg, den er in einer Rauferei dnvonträgt, macht ihn den Kameraden ebeinverlig. — Schwerer schon hat es das lleinc Alädchen. Hier ist das taktvolle Eingreifen des Lehrers osl vonnöten, um dem Kinde Qualvolles zu ersparen, dlber auch hier führt Selbst,vchr zu Selbstachtung und zu Klassenachiuiig. Und merlt die Kiniie gar, daß Höhne» und Schmähen dem jüdischen Kinde nichts anhabe», daß es sie ganz ignoriert, so hört bald von selbst die Klasse damit ans. Unsere größere,, Kinder leiden meist sehiverer unier den Nadelstichen ihrer Mischüicr — leider manchmal auch ihrer Lehrer. Hier tauchen andere und neue Arien des Antisemitismus aus; und anders wird auch die Reaktion sein. Da ist der offene Antisemitismus mit Schmähungen, Anwürfen, Beschuldigungen. Ihm kann ein von Zuhause gut unterrichtetes Kind mit Gegenargumenten. erfolgreich, begegne», beregnen vor allem durch die Tatsache, einer gute» Erziehung:. Zurückhcckiung, Einfachheit, Bescheidenheit, Anstand. Eine andere, nieist viel schwerer zu ertragende Art deS Antisemitismus ist der gesellschaftliche Boylolt. der Ausschluß von jedweder Gemeinschaft bei Spiel und Kameradschaft. Gar bitter, kommt c8 unser» Kindern oft an, die sich harmlos offen hingeben, eisige Zurückweisung ,md Zurücksetzung zu erfahre». Aber unter Leitung des Elternhauses werden sie «ml, darüber himvegkommcn, und die Werte, die da8 Elternhaus ihnen gibt, werden den etwaigen Schmerz über oefeUfrijaftlidjor» Boykott vielfach nnswiegon. Vielleichl ist e.8 ein wenn,auch tragisches Mittel, das unsere Kinder bewahrt,, lediglich in Vergnügungen und Geselligkeit auszugehen. . Auch hier übrigens meidet mn» nicht immer nur den Inden — man meidet den Menschen ans einem andern KreiS. Gerade im gescllschasilichcn Lebe» ist ja das Sircben, die Kaste, dm Klügcl, die Parteislcunde zusammenzulnden, größer als irgendwo sonst. Co werden ja auch die Töchter und Söhne hoher christlicher Beamten aus ersten Familien gesellschastlich gemieden, weil der Vater Demokrat oder gar Sozialdemokrat ist. Am vcrhängnisvvllsicn ist der Anlisemiiismns des Lchrcrs. Ter Geist, mit dein er die Klasse vcrgislei, trifft die Seele des jüdisck)cii Kindes miss fchiverste. Wer erfahren Hai, welchen Nachdruck dag Wort des Lehrers, vor allen, beim jungen Schulkind, hat (sein Dikiuui ist vfi maßgebender als das des Valors — und sei er selbst Professor!), der kann crnicssc», ivie lies und unausrottbar das vorbedachte und unbedachte Wort des Lehrers über Juden und Ilidentum naehwirit. Welches Elfi wird hier in die Seele des Kindes geiräuseiti Sein Leben lang kann er diese Urteile nicht uichr.lvswerdcn, die sich oft in Minderwertigkeitsgefühle umsehen, die schwere Fehler und Untugenden in, gut veranlagten Kinde hcryvrrusc» können: verzehrender Ehrgeiz, eine Sucht, sich hervvrzulun, und manches. Unliebsame sonst sind die Reaktion. Seine seeliche und körperliche Entwicklung kann gehemmt werden, und die Bezieh,„igcn zwischen Juden und Christen können für alle Zeilen verschüttet. iverdew Nicht nur die Schnlsrcudigkeit leidet so aufs tlcsste, Lebensfreude und Lebensmut können in jungen Jahren hier schon gebrochen werden, Geist und Seele geknickt. -Gar inancl-em aber kan» das Begegnen mit frühem Leid zum Segen werden. Uns Müttern liegt cg ob. hier dem .Kinde beizustchen, dnS Ente zu heben und zu fördern, durch vertiefte religiö e Erziehung Werte im jungen Menschen zu wecken, die ihn zum Besten seines Selbst hinführen. Grctel Goldstein (Tnrmstadt). Das Kind in seiner egozentrischen Nakuranlage. nimmt aus seiner Umgebung, was cS zu seiner Entwicklung braucht. Sw scheu ,vir auch noch die Schüler der GrundschuMassen in großer Haristlvsigleit sich gruppieren — nach äußeren Zufälligkeiten oder instinktiv nach Temperamenten — in ubergnellendenr Mitteilungsbedürsms oder ängstlicher Hilflosigkeit. Ausgeschlossen und einsnininelnd stehen die Kinder in ihren ersten Schuljahren all ihren Mitschüler» und Lehrern gegenüber; sie wissen, nichts von Konfessione» und anderen Scheidewänden in Kultur und Gesellschaft. Selbst der getrennte Religionsunterricht schasst nichts Trennendes. Wohl bcmerkt das Kind andere Lebenssornien der mit ihm lebenden Menschen: es sieht und. — — wundert sich; aber es wundert sich Uber einen ihm unbekannten jüdischen Ritus nicht anders als über irgendein ihn, fremdes Objekt. Je ausfälliger eine religiöse Form ist, um so eifriger wird der junge Mensch sie bestaune» und „aeh ihrem Sinn fragen, weil sie ihn, n c n ist!. lieberließe,nan nnbeeinsinht der Schlügen,einschast die gedankliche Allseinandersehiing mit der verschiedenartigen Vekenntniszngehörigkeit der Menschen und jeden, Schüler mit der religiösen Problematik, so würde cncse Auseinandersetzung wohl in der Spätpubertät jedes einzelnen erfolgen, und cs ist mit Sicherheit anznnehincn, daß es nie zu so radikalen Ausschreitungen der religiösen Mehrheit einer Klasse oder Schule gegen ihre jüdischen Mitglieder kommen würde, wie es henke leider zuweilen immer noch der Fall ist. Aber die Gesellschaft bereitet ihre Jugend schon frül^r auf einen Kampf vor, den sie selber führt. Schon in den El lernst ä „fern werde» Vorurteile verbreitet und Spannungen erzeugt, die eine Entwicklung der Kinder zu sachlicher und toleranter Haltung erschwere». Das jüdische Elternhaus, das mit seinem allzuhäusig religiös indifferenten Leben feinen Kinder» keinen echten religiösen Halt ,511 geben vermag, unterläßt cs doch nicht, jüdische Besonderheiten zu betone» und zu pflegen — selbst wo diese offensichtlich einmal als Waffen der Schwächeren enistanden sind. Die Lehrer stehen selten auf jener hohen Stufe tiberparteiischci, Wesens, ans der sie bei der Führung junger Menschen verschiedener Herknnst stehe» sollten. Bon allen Seiten dringen aufreizende Reden an die Jugend heran — und in der Zeit der Vorpubertät, ,vo jeder Junge schlagt, ohne zu wissen, was er vernichte» will, zünden solche Worte. Es kommt zunächst zu einer mehr äußeren altz inneren feindlichen Haltung, immerhin einer Haltung, die sich auf beiden Seiten festsche» kann und die Verständigung nun auch vom Schüler selbst aus erschwert. Nlit der stärkeren Verstandesentwicklung setzt dam, die kritische Beobachtung der Andersgläubigen ein. Zun, ersten Male merken die jungen Menschen, daß sie cs nicht »nr mit Menschen einer anderen Religion, sondern mich eines andere» Blutes zu tun haben. Die schon vorher, ohne zu wissen, was sie getan, beeinflußt durch,die Atmosphäre ihres Elternhauses oder int Dienste Politischer Organisationen, itn jüdischen Mitschüler das Mitglied der. „semitischen Nasse" beränipfcn, sie sehen plötzlich eine neue Gestalt vor sich: d enJuden!

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