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Central-Verein-Zeitung · 1928-01-01 · Heft 1 (Januar 1928) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1928
Issue
Heft 1 (Januar 1928)
Date
1928-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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liegeirde Arbeit gewinnt man dagegen die Ueberzeugung. daß in der Thora dieser Rcchtszweig — soweit die Stellung der Fremden in ac kommt — außerordentlich bevorzugt wird. Es ist das Vert Guttmanns, nachgcwicscn zu haben, daß diese Bevorzugung tief im Wesen der Thora begründet ist. Hauptsächlich deswegen, und nicht nur wegen seiner rcchtsgeschichtlichen Darstellung, verdient das Buch die" weiteste Verbreitung in jüdischen wie in christlichen Kreisen. Nach diesem Buch führt uns das Fremd enre ch t mitten in das I n n er ste de 3' § ci Ii g tu m § , das die Thora der Menschheit zu offenbaren b?- st i in m t i st. Denn die religiöse Grundlage des F-remdenrechts ist der Gedanke von der Einheit deS Menschengeschlechtes u n d der Gleichwertigkeit aller M c n sch e n k i n d er , und dieser Gedanke ist die Kehrseite des Gedankens von der Einzigkeit Gottes, in dessen Ebenbilde sie alle geschaffen sind. „Die sorgfältige Aufbewahrung von allgemeinen Stammcstafeln, die mit dem inneren Volksleben nichts zu tun haben, sind als Beweisstück des Glaubens an die Einheit des Menschengeschlechts von besonderer Bedeutung." Daraus ergibt sich zunächst als Folge: „Die Nrosscnbarnng ergeht schon an den ersten Menschen, an Adam. Tie zweite Ossenbarung, in der Gott mit den Menschen einen Bund schließt und ihnen seinen Willen kund tut, wird Noah zuteil, und zwar nach der Sintflut, also zu einer Zeit, da Noah die ganze Menschheit repräsentiert. Aus diesen Vundesschluß legt die jüdische Traditionsliteratur das größte Gewicht, weil er, wie sie nnsdrtteklich betont, der ganzen Menschheit gilt und für alle Zeiten bestehen müsse." Wie sehr dieser Gedanke der Brennpunkt der ganzen religiösen Gedankenwelt ist, erkennt man daraus, daß es kaum eine lebenswichtige Frage des Judentums gibt, die bei Guttmanu von hier aus nicht ihre Beleuchtung findet. Er geht zunächst von der Tatsache aus, daß es zwei göttliche Offenbarungen gibt, von denen die eine, an die ganze Menschheit ergangen, nur Pflichten allgemein menschlichreligiöser Art enthalt, während die andere, für Israel allein bestimmt, Liesen Pflichten einen Inbegriff von R i t u a l v o r s ch r i f t c n hinzusügt. Er untersucht sodann das Wesen der Ritualvorschristen und führt sie auf ein religiöses Erlebnis zurück, das sie symbolisch festhalten. Daraus ergibt sich ihr konfessioneller Charakter, ihre naturgegebene Gebundenheit an ein bestmuntes Volk. „Es geht nicht gut au, Nichtisraclttcn die Feier des Auszuges aus Aegypten als Kult auferlegen zu wollen. Sie werden dem Erlebnis verständnislos gegenübcrstchen, da ihnen hierzu das wichtigste, die geschichtliche Gemeinschaft, fehlt. Der kultische Anschluß ist keine Frage des bloßen Glaubens oder Nichtglaubens. Der Nichtisraelit mag die biblische Erzählung nicht minder glaubhast entgcgennehmen wie der Israelit selbst, aber als Erlebnis steht sie ihm fern, sie ist, wie alles Geschichtliche, pariikularistisch." Wegen dieses seines partikularistischen Charakters darf man aber dem Kulte für die Vergangenheit oder Gegenwart der Religion keinen geringeren Wert beimessen. Tenn „der Kult ist der Baum, der seine Wurzeln in den geheimen Schoß des Bodens senkt: der unsichtbar aus der Tiefe seine Kräfte zieht, die Morattchren sind die Früchte des Baunies. Tie innere Zusammengehörigkeit beider wird niemand leugnen, und doch ist ihre Natur grundverschieden. Der Banin hat nun einmal seine organische Sonderexistenz, sein inneres geschlossenes Leben; er versinnbildlicht gleichsam die partikularistische Seite des Rcligionslebens, den Kult Tie Morallehren sind gleichsam die Früchte, die wohl am Baume hangen, ihm ihre Entstehung zu danken haben, die aber vom Baume doch verschieden sind; vor allem aber teilen sie mit dem Baum die bodenständige starre Gebundenheit nicht. Ja. die Früchte erfüllen ihren Zweck auch dann, und dann erst recht, wenn sie, losgelöst vom Baume, dem Gemeingebrauch zugesührt werden." Für den Israeliten fließen Kult und Moral in eins zusammen, beide fließen aus derselben Duelle und sind für ihn göttlich, heilig. Für den N i ch t israeliten sind dagegen Kultvorschristeu nicht offenbart, für ihn gelten kraft der Ossenbarung an Noah nur die Moralgcsetze, deren Erfüllung ihm die ewige Seligkeit verbürgt. So kommt Guttmann auf die Idee des ethischen Uni- Vers a l i s m u s, in dem er, gestützt auf eine große Reihe von Midrasch- und Talmudstellen, einen der Hauptpsciler sieht, ans denen das Judentum ruht. Der Verfasser kommt im Verlaufe seiner Darstellung häufig auf Dinge, die vom Hasse der Leidenschaft aus den stillen Gelehrtenstuben in den Lärm der politischen Gasse geschleift worden sind. Kein ehrlicher Wahrheitssucher wird die Gelegenheit ungenutzt lassen, sich Aufklärung aus diesem Buche zu holen, welches sich auf jedem Blatte als ein n u r der reinen Wissenschaft dienendes Werk legitimiert. Jeder gebildete Laie wird dieses Buch mit Verständnis lesen können, weil der Verfasser, der über dem Stoffe steht, wie heute recht selten jemand in Deutschland, jedem Gedanken einen leirlst faßlichen, in seiner Schlichtheit edlen Ausdruck zu geben vermag und den eigentlichen gelehrten Apparat zumeist in die Kellerräume der Fußnoten verbannt, die man übergehen kann, ohne den Zusammenhang zu stören. Ganz besonders aber wird der christliche WahrheitZ.'' sucher an diesem Werke nicht achtlos vorübergehen können. Er tvird hier an der Hand der einschlägigen Kirchenliteratur sehen, daß alle leichten und schweren Anklagen, die man in den letztenJahrhunderten gegen das Judentum geschleudert hat, wie Unglänbigkeit, Staatsfeindlichkeit, Haß gegen die Menschheit, Ritualmord, nichts anderes sind als schablonenhafte Nachahmung der Anklagen, die gegen das junge Christentum in niederträchtiger Weise von heidnischen Hetzern erhoben und mit g r o ß er Hartnäckigkeit Jahrhunderte hindurch aufrechterhalten worden sind. Nach dem Lesen des zwölften Abschnittes „Alte Schule und moderne Polemik" tvird er manche liebgewordene Denkgewohnheit ablegen, wenn er, um mir ein Beispiel herauszugreifen, die Ausführungen über den „Jüdischen Nachcgvtt" kcnnenlernen wird. Dem strengen Monotheisten ist es nicht möglich, Gott durch einseitige Attribute ju kennzeichnen. „Ein einziger Gott vereinigt notwendigerweise alle Attribute i» sich, die zur Aufklärung seines Wirkens in Natur und Geschichte erforderlich sind. Der gütige Bater und der strafende Richter in ü s sen sich in ihm harmonisch zusammen finden." Ter jüdische Nachegott ist — wie der Verfasser aus kirchlichen Schriften nachweist — ein Ausfluß des Dualismus, den die Gnostiker vertraten und den das legitime Christentum bis tief ins Mittelalter hinein bekämpft hat. Was aber das vorliegende Werk über alle ähnlichen weit emporhebt, ist der Scharfblick, mit welchem der Verfasser religionspsychologische Zusammenhänge erfaßt. Wenn nicht alles trügt, worden diese seine Ergebnisse eiserner Bestandteil der NcligionSpsychologie bleiben. Zwei Tatsachen bilden die Grundlage dieser Untersuchung: 1. Tie Offenbarung an die Gesamtmenschheit (Noah) enthält keine Kultvorschristeu. 2. Zinn Wesen einer Religion gehört begrisslich der Kult, wie uns die Geschichte eine Religion ohne Kult nicht vorführt. Er kommt zu dem Ergebnisse, daß es für die gesamte Menschheit wohl eine allgemein gültige Ethik, aber keinen allgemein gültigen Kult, sondern nur einen partikularistischen — wie er ihn nennt — geben kann. Der Apostel Paulus, der durch Aufhebung des Rrtualgesetzes eine von partikularistischen Elementen befreite Religion schassen wollte, in Wirklichkeit durch die Christuslehre Raum geschaffen habe für neue partikularische Elemente, erbringe den geschichtlichen Beweis für die notwendige Gebundenheit des Kultus an bestimmte Geiueiuschasten. In bezug aus die kultische Ausgestaltung der Neligivn muß die Lessingsehe Fabel von den drei Ringen berichtigt werden: Alle drei können echt sein. Von hoher Marte aus überschaut der Verfasser die blutigen Kümpfe innerhalb der christlichen Kirche um kultisch-dogmatische Dinge, bei denen alle Versuche, an Stelle des von der Thora offenbarten ethischen Universalisinus einen Kirchenuniversalismus zu sehen, endgültig gescheitert sind. Die Tatsache, daß es mehrere christliche Kirchen mit ganz verschiedenen Dogmen und Kulten gibt, redet eine zu eindringliche Sprache. Wenn Wahrheitsliebe größer ist als kirchenpartikularistischcr Stolz, wenn dieser sich nicht aufbäumt gegen den Gedanken, von einem Juden tiefere Einblicke in kirchengeschichtliche Zusammenhänge zu bekommen, dann wird das Buch dem in religiösen Gegensätzen gespaltenen deutschen Volk ein Segen sein; es wird ihm bringen, was ihm dringend nottut: religiöse Toleranz. Zur Aufklärung für Jedermann. Prof. Dr. Julius Goldstein Ratte und Vorrede von Pros. Lic. Heinrich Frick. Vierte erweiterte und umgearbeitete Auslage. Verlag Ernst Oldenburg. Zu beziehen auch durch philo Verlag und Buchhandlung G.m.b.H., Berlin 5V/CS, Lindenstraße NZ.

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