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Central-Verein-Zeitung · 1927-10-01 · Heft 10 (Oktober 1927) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 10 (Oktober 1927)
Date
1927-10-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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MiW Imker in der deutschen Wlvsovhie. Von Prof. Tr. E. v. 'Aster (Gietzen). c Geschichte der Philosophie ist die Geschichte des grübelnden und pnbcn, R'ätscl suchenden und Rätsel lösenden Ntciischengeistes. In Lngsachen, mit Leite» und Kulturen sich wmidclnden Formen und Kleidungen treten sic ihm entgegen, in vielerlei Sprachen werden destellt und sind doch im Grunde immer dieselben ewigen Probleme ß-Seins und der Wahrheit, des höchsten Gnies und Sinnes mciisäi- Taseins, des Woher und Wohin der grusie» Weit und unseres , kleinen Feh. Und insbesondere ist von der Geschichte unserer dländisch-neiizeitlichcu Kultur die Philosophie unabtrennbar — diese sslvsophie, die, im einzelnen sich vietn.ch verzweigend und in eine ille von streitenden Richtnngen anseinandergehend, doch ohne drei sieinsaine Onellcn bis znin heutigen Tage undenkbar mim': ohne die 'Hielt der Grieche», ohne die formende und gestaltende Kraft iiiischen Sprache und ohne die religiöse Gedautcnivelt der Bibel. Bibel — mir brauchen nur dies eine Wort zu nennen, mn dennmg zu zeigen, die das Judentum für die Ent- , der abeiidlaiidischcn Volker besitzt. Sie ist ja in ihrheit das Buch der Bücher, an dem der Geist aller dieser Völker Fcmer^Kindheit des Wien »nd das Teilten lernte »nd ,z» dem der se Geiit immer wieder grübelnd, wehend, deutend znrückkehrt. Und t hier em Nu-dcnllllng nibitclH'n Geistes als eine Quelle am Anfang : abendländischen Geiüeseiitivicllung steht, so ist auch die weitere schichte ihrer Nnltur „nd im beionderen der abendländischen Phi lohtigc Bolle spielt die indische Philose nd damit als Bedingung der e ivare aus der Geschichte^ der ' und christlicher Wisienicliast, istvielismus an das Abendland stotelücheu Gochscholastik, Und icren Philosophie die Perivuliehkeu >,no oie retzrc cp icnkeii k ,■’,!! ieiner Leu als Pantheist und „Atheist" urchtec, feiert der einsame jüdische Tenker im Gang seine glanzende iferstehnng mu die Wende des 18. und II). Jal>rliunderls. seit Goethe, Fichte, Schelling, Schleiermacber — wie diese Namen 'igen, vor alle», in der deutsche» Philosophie lind im bei in der deiitsclikn Nmnantit. «o stehen wir mit dein Namen i schon bei dem Thema: die Vedentung jüdischer Leistungen deutsche Philosophie. Es gibt, das sei znuachsk betont, keine spezifisch jüdische Philosophie .dein «imte, das; bom indische» Geist ctiva eine bestimmte philvihischc!1!ichtl,iig oder Tenkweise bewnderS läge, er für sie sozusagen idestiniert märe, ihr gar „rassenmästjg" verhaftet sei. Am wenigsten t das für den „M a l e r i a l i s in u den Lberslüchtichkeit nnd kenntuis in Bausch nnd Logen dem „I d c a l i § m u s" entgegen« llt, um dann die Geschichte der deutschen Kultur in den Mythos vom mpj zivische» dem jüdiselieu sNaierialismns und deutschen Idealismus : verwandeln. Tic Glanizeit der materiatisiischc» Theorie iällt bei vierziger und jünsziger Fahre, nach dem Zusammenbruch l Hegelianismus, in die Zeit, da der mächtig sich entwickelnden itnrivisscnschaft keine ebenbürtige Philosophie zur Seite stand. (Ihre vphcten sind Ludivig Fcnerbach, Büchner. Carl Vogt, Moleschott, iter denen sich kein Jude besindet.i Vielinchr finden wir in t allen philosophischen Richtungen, die in Tentschland überhaupt ctreien sind^anch Tenker jüdischer Abstammung an mehr oder minder Peutsamer «teile, als Mitarbeiter in der grosicn Schar derer, die I die reine Gedankenarbeit und -Problematik zum Lcbensbcrus tvählt haben. k Natürlich finden wir bei, manchen von ihnen spezifisch jüdisches, ligut — bei Spinoza lüszt sich der Einfluß der jüdischen Philohen des Mittelalters und der Renaissance (Leone Ebreo) seststellcn; wsc s Äc e n d e l s s v h n hängt in seiner Art am Glauben der Väter 0 sucht <>vie andere, christliche, Tenker im Christentum) in der jüdi-!N die reinite Form der Vcrininstreligion; bei Hermann Cohen |tt man stark den Geist, ja das Pathos der alitestamentlichen Pro» 'in. Aber dieses "Sich-geltcnd-Machen jüdischer Tradition ist eine e geistiger Bceinslussnng und Erziehung, nicht des Blutes und der i. Es gibt keine jüdische Philosophie in Tentschland, sondern nur Uche Tenker in der Entwicklung der deutschen Philosophie, hier und Ms sächpferische Geister und Bahnbrecher, dann ivicdcr als methoe Fvrtsetzer nnd Anhänger einer begonnenen Richtung, sine der charakteristischsten Erscheinungen der bcutfdjen Aufklärung Wn „edelsten Vertreter" nennt ihn Eduard Zeller) ist Moses Andelssohn, der Freund Lessings und Kants. Ein warm» Wer, kluger und seiner Tenker, ein amnutiger und geschmackvoller Mststcller („Wenn die Muse der Philosophie sich eine Sprache Wen würde, so ivürde sie die Sprache Mendelssohns wählen", sagt W, getragen von dem überzeugten Glauben an die natürliche Horche der menschlichen Interessen und an die schöpserische Kraft der Ainst, verkörpert er uns so recht das Wesen, freilich mich die Wen der Aufklärung, — Kants Wendung zur Kritik der Verminst, ^Zerstörung, der überkommenen Metaphhsik der Gottes- und Mblichkeitsbeweise sicht er mit Bestürzung, Trauer und Unbehagen. Mt dem letzten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts gewinnt die Dsche Philosophie ihre herrschende Stellung im deutschen Gcisteswird Kants Vernunstkritik der Ausgangspunkt einer neuen philo« Entivicklung. Popularisierende Schüler und Verehrer, .lk». ' v“ . R,1 . ''■'“«»»»s Fichtess «iure vr» «ocuaiierii L"' °u- K°nt Zu yichte. von der Vernunstkritik zur Wissenschaftsl mubersuhren. spielt eme wchtige Rolle, «ne der merkwürdlgttM Perionlichkeiten aus der Geschichte der Philosophie: der polnische- Juve -n io m oit JJiütmun.. Aus erbärmlichen VechAtniffen-arbeitet “ >y*1 u^Eer erschütternden Schicksalen empor, seine Lebensbeschreibung esselte Goethe so , art, dcis; n den Verfasser nach Weimar ziehen Sft“' ^n grübelnder, bohrender Denkarbeit setzt er sich, der als Erwachsener niiter gropten «chivlerigkeiten die Kenntnis des Deutschen und Laievmjchcir. der Atathematik und der Hauptwerke der Philosophie fich-a«. geeignet hatte, m einer «christ mit dem Grundgedanken Kants aus«' einander, nnd Kant selbst, dem er die Arbeit einsendet urteilt: Niemand Von allen Gegnern habe ihn in der Hauptfrage so wohl verstanden, und cs möchten wohl auch ivenige zu diesen tiefen- Unter« juchungc» ,v viel «charssinn besitzen wie Salomvn Maimon Semespateren «ihriftcu, vor allem der „Versuch einer neuen Logik", stellen, wie schon getagt, eine wichtige Etappe in der Entwicklung des konstrul» tiven ^Idealismus dar: Maimon tat den cntidjeibenbcn Schritt, in dem Fichte sein Nachfolger wurde, sagt der beste' lebende Kenner der Maiiiwnschm Philosophie <F. Kuntze). Aus der Schule Herbarts gehen die beiden Freunde M. Lazarus und H. Stein tha l hervor, ersterer der Verfasser des seinerzeit viel gelesenen, seinsinnigen und liebenswürdigen, populär gehaltenen „Leben der «eele", letzterer namentlich ans dem Gebiete der 'Sprachphilosophievon Bedeutung. Ein besonderes Verdienst haben sich beide durch die von ihnen hermisgegebene «seit 18891 „Zeitschrift für Völkerpshchologie' erworben, »nt der sie für ein bis dahin kaum in Angriff genommenes Gebiet ein Organ schufen. Tie Mitte des 19. Jahrhunderts bringt dann nach der Auslösung der Hegel scheu «chule das betamile Versiegen des philosophischen Interesses, die Herrschait des Malerialisnins, bis in den sechziger und siebziger Jahren das jien erwaeticnde Kantiindiuin eine Wniidlung cinleitct. Unter den Mannen, aber, die die „neiitamische" Bewegung geschaffen liaben, sind neben HelmliolN, Kuno Fisiher imd Friedrich Albert Lange zivei indische Namen an hervorragender Stelle zu nennen: Otto Liebinann mit seiner tcmpernlncntvvttcn Schrift „.ikant nnd die Epigonen", der spätere langjährige und erfolgreiche Lehrer an der Jenenser Universitäl, ,md Hermann G o l, e u , der Altmeister der „Marburger Schule", -«eine Werke — „Kants Theorie der Grsahrung", dann später die Darstellung der Kantischen Ethik und Aesthetik — lehrten uns Kants Philosophie von einer ganz neuen «eite her sehen, waren eine in ihrer Art geniale Neuichöpfiing der kritische» Philosophie aus ihrem Zentrum lierans, ans der Idee der wisieuichaftlichen Ätethode. Cohen war selbst in erster Linie Philosoph, nicht Historiker, so viel ihm Kant bedeutete, ein so langes, eindringendes, liebevolles Studium er auf ihn verwandt hatte, so war sein eigentliches Ziel doch das sachliche, freilich dasselbe, dem Kant selbst zngestrebt hatte: das philosophische Verständnis der menschlichen Kultur in ihren verschiedenen, im Wesen der einen menschlichen Vernmist zniammenhängcnden Seiten, der Wissenschnst, deni Recht, der Kunst, der Religion. So ist er nicht nur Kantianer, der aus die Worte des Pieijters schwört, er sucht in seinen eigenen Werken — der „Logik der reinen Erkenntnis", der „Ethik des reinen Willens" — vielinchr Kants Lehre von einer bestimmten Seite derselben aus weiterzubilden. Zu der schiveren nnd dunklen Schreibweise Cohens, zu der streng geradlinigen Methodik seines bohrenden Tcnkcns steht in eigentümlichem Gegensatz Georg SimniPl, der Aicisier des philosophischen Essais, der in überaus geistreichen «chriften Schopenhauer und Nietzsche, Goethe, Kant und Rembrnndt in eigenartig neue, stets fesselnde' Beleuchtung rückt, der die Tinge und Probleme nie von einer, sondern stets von mehreren '«eiten her betrachtet, aber cs doch kunstvoll versteht, diese von verschiedenen Punkten her gezogenen Linien zu einem BildeFics Gegenstandes z» einen. Sein Denken neigt znin Relativismus, zum «ubjcktivismus und Pshchologismus, das Interesse, das die Abhängigkeit der Gedanken und Werte vom Menschen nnd der Gesellschaft ihm einflößt, macht ihn zu einem der hervorragendsten Vertreter der jungen Disziplin der Soziologie. Von der jüngsten Vergangenheit kommen >vir endlich zu den noch Lebenden der unmittelbaren Gegenwart. Recht eigentlich im Mittelpunkt dieser philosophischen Gegenwart steht die Richtung der „Phänomenologie", der „Wesensschnn". Ter Begründer und das anerkannte Haupt dieser Schule aber ist Edmund H u s s e r l / dessen „Logische Untersuchungen" um die Jahrhnndcrtiven.de epochemachend wirkten. Cohen, Simmel, Husscrl — drei in der Richtung ihres Philosophierens grundverschiedene Tenker, die aber zugleich dies gemeinsam haben, daß sie nicht nur als «christsteller, sondern auch als Lehrer vom Katheder deutscher Universitäten eine ungemein starke Wirkung entfaltet haben. — Ter Schule der südwcstdentschcn Kantianer (Biiiidclband — Richert) steht der feinsinnige Aesthetikcr nnd Logiker Jonas Cohn nahe: unter den Psychologen unserer Zeit sieht an hervorragender Stelle William Stern in Hamburg, der psychologische Beobachter vor allem des Kindesalters, der aber mit seinem Werk „Person und Sackze" auch als Philosoph sich seinen Platz erobert hat. Julius Goldstein inDarmstadt, vonTroelisch zu den „imterrichtetstewund feinsten Köpfen unserer Gegenwarisphilosophie" gezählt, hat in der „Soziologie der Technik" sich ein eigenes Gebiet 'geschassen und mit seinen von tieferKenntnisder ausländischen Philosophie (James, Bergson) zeugenden Arbeiten gerade die deutsche Philosophie wertvoll bereichert.

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