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Central-Verein-Zeitung · 1927-10-01 · Heft 10 (Oktober 1927) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 10 (Oktober 1927)
Date
1927-10-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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78 ^llc Iuöen geht es an! Ein beitrag zur Scha'chtfeage von Rabbiner Dr. Lehmann (Serlin). Bei dem Kampfe, der zurzeit um die Frage des Schlichtens geführt wird, dürste cs für unsere Leser von Bedeutung sein, eine Stimme von dem äußersten linken Flügel des religiösen Judentums zu dieser Frage zu hören. Die Schristlcitung. Eine der selbstverständlichsten Forderungen der Humanität ist Vermeidung der Roheit auch gegenüber dem Tiere. Einmal, lveil solches Verhalten den Menschen überhaupt verroht, und dann, lveil das Tier, der dem Menschen am nächsten stehende nichtmenschliche Organismus, zweifellos Schmerzempsindungen hat, wenn wir auch den Grad derselben nicht feststetleu können. Alle Knlturreligionen tragen dieser humanen Forderung Rechnung und empfinden ihre Vernachlässigung als Kulturdesckt. Daher kann es uns nicht gleichgültig sein, wie inan in dieser Hinsicht vom Judentum denkt. Da hören wir von scharfen Angriffen, von schweren Vorwürfen. Sie richten chch vor allem gegen die rituellen Vorschriften beim Schlachten der Tiere. Das brauchte uns liberalen Juden scheinbar nicht zu berühren, die >vir in diesen Vorschriften nur Reste alter Opserriten scheu, die für uns erledigt sind. Aber lvir können es nicht zulasfen, daß man mit offenbarem Unrecht eine große Zahl unserer Glaubensbrüder einer Verletzung der Humanität beschuldigt und damit das Judentum überhaupt zu treffen fucTjt. Unsere Glaubcnsbrüder, die das Nitnalgesetz als unbedingte religiöse Verpflichtung anerkennen, sollen wissen, daß lvir ihnen, unter voller Wahrung unseres religiösen Standpunktes, dein auch sie Achtung bezeugen müssen, zur Seite stehen, wenn ihnen Unrecht geschieht und wenn man sie an der freien Ausübung ihrer religiösen Pflichten irgendwie behindert. Und unser Eintreten für sie ist um so notlvendiger, als man ihre eigene Verteidigung als befangen ansehen muß, während inan »ns, bei unserer ablehnenden Stellung diesen Ritualvorschriftcn gegenüber, die Objektivität nicht abstreitcn kann, wenn wir vom ethischen Standpunkt aus zu dieser Frage Stellung nehmen. Wie steht es mit dem Tierschutz im Judentum? Schon unter den sogenannten sieben noachidischen Geboten, den Grundfvrderungen der Humanität, die nach der Ansicht des Judentums für alle Menschenkinder gelten, ist eines, das die Grausamkeit gegen die Tiere verbietet. Welch humaner Geist spricht aus dem Worte des fünften Buches Moses: „Du darfst nicht ruhig mit ansehen, wie der Esel deines Bruders oder sein Ochs auf dem Wege stürzen. Du darfst dich nicht beiseite drücken, sondern du mußt ihm helfen, sie auszurichten." Und wie aus dem entsprechenden Gebot im zweiten Buche Moses hervorgeht, gilt das selbst dem Ochsen und Esel des feindlichen Besitzers gegenüber. Dem Tier sollte unter allen Umständen schnell aus seiner Not geholfen iverden. Achnliehen Geist atmet das Gebot im fünften Buche Moses: „Wenn du ein Vogelnest vor dir findest aus dem Wege, an irgendeinem Baum oder auf der Erde, Junge oder Eier, und die Mutter sitzt auf den Jungen oder auf den Eiern, so sollst du nicht die Mutter samt den Jungen nehmen. Weit fortscheuchen sollst du die Mutter, dann magst du die Jungen dir nehmen — auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebest." Das rst derselbe Zusatz, wie bei der Verehrung von Vater und Mutter im fünften Gebote. Der große Lehrer Maimonides sagt ausdrücklich, daß der Grund dieses Gebotes Mitleid mit dem Tiere sei, da so der Schmerz des Muttertieres bei der Fortnahme und Tötung der Jungen vermieden wird. Und in gleichem Sinne deutet Philo das Gebot im dritten Buche Moses, daß man ein Tier und sein Junges nicht an einem Tage schlachten soll. Auch das Gebot, daß man das Böckchen nicht kochen soll in der Milch der Mutter, wie man dieses Wort las und eine Fülle eigenartiger ritueller Vorschriften ans ihm herleitcte, bedeutete nach einem berühmten jüdischen Bibelerktärer des Mittelalters ähnliches wie obiges Gebot, und in der Deutung „an der Milch der Mutter" dasselbe wie die Bestimmung im dritten Buche Moses, daß man das Junge in den ersten acht Tagen nicht von der säugenden Mutter fortnehmen solle. Humanen Geist atmet auch das Wort im fünften Buche Moses, das; man Ochs und Esel, die ungleichen Schritt haben, nicht vor denselben Pflug spannen soll, und daß man dem Ochsen das Maul nicht verbinden soll, wenn er drischt, um so dem Tiere nicht Qualen zu bereiten, indem man rhm die Nahrung, die es ständig vor sich hat, entzieht. Diese Schriftgeboie^ könnten als Beweise für die Humanität der Bibel dem Tiere gegenüber genügen. Doch müssen wir noch Hinweisen auf die bedeutsame Forderung im vierten Gebote des Zehnwortcs, im Sabbatgebote, daß der Segen des Ruhetages auch dein Tiere zugute kommen soll. Höchst bezeichnend für die Auffassung des Judentums aber ist auch der stete Hinweis der Bibel ans die Barmherzigkeit Gottes als Vorbild für den Menschen in seinem Verhalten gegen die Tiere. So Psalm 147: „Er gibt dem Vieh smn Futter, den jungen Raben, die da rufen", Psalm 145: „Aller Augen harren auf Dich und Du gibst ihnen ihre Speise zu ihrer Zeit; Du öffnest Deine Hand und sättigst alles Lebende in Gnade." Und ebenso Psalm 104 und Hiob 38. Und diese Gesinnung der Bibel geht in das ganze spätere Schrifttum über, wie schon die obigen Ausdeutungen der späteren Erklärer beweisen. Man bemüht sich schon, in versteckten Andeutungen der Schrift solch humane Forderungen zu entdecken. So schließt eines Satzes der Schrift die Forderung, daßn.r«, hilflose Haustier sorgen muß, ehe man sich selbst »!: wie zartfühlend ist eine Forderung, daß matt-eifern Enteneier zum Brüten unterlegen darf, um dem -MM, Qualen zu bereiten, wenn die Entlein nachher allere schwimmen. " ™ Bei dieser Einstellung des Judentums ist es völlig o»° daß die Humanität in den alten Opfer- und SchlachtriteM gelassen vuiic. Im Gegenteil, zur Ehrenrettung auch diesA» des Judentums und derer, denen sic vorbildlich blieben mfäi wir vor aller Welt feststellen, daß'>mr aus gen^ucher einzelnen Umstande diese Art der Tötung der Tiere nockM humanste halten. Wir tvissen, mit welcher Vorsicht zu äSert gangen werden muß, um jede Quälerei zu vermeiden undwlS Mißachtung dieser Vorschriften schon den Genuß des? möglich macht. Und die Tatsache, daß man einen besondc beamten mit diesem Amte betraut, nrag uns persönlich nodPfHI wegig erscheinen, hat aber zweifellos dazu beigctragcn, Noheits» die bei handwerksmäßiger Tötung nur zu lcichi sich Pinstellen M zu vermeiden. ' .-E, Darum scheu auch »vir liberale Jude», deuen ftcL Schlachtvorschriften in religiöser Hinsicht nichts bedeuten"?« de»» Toben u»d Treiben der Gegner dieser Methoden das Bestreben, de» Tierschuh zu sördcrn, sondern nur jener inhumanen Versuche, gegen Juden und Judentum gehässiger Weise vorzugchcn. Will man Nvhcitsnkte beseitigen, wir könnten dies, ganz andere Gebiete nnfweisen, wo der Tatbestand ganz klar zuW liegt. Wer wüßte nicht, welche Grausamkeit die Jagd der Tiere mW sich bringt! Dieses Oetzen und Jagen der Tiere i» dauernder Sobclf angst bis zur Erschöpsnng, die furchtbaren Verwundungen und Ve» stünimelungen bei nicht sofort bewirkter Tötung. Warum fdjteii man nicht über die Roheiten bei der raffinierten Tötung der Tier« zur Herrichtung bestimmter Speisen? Warum lintevmmmt man nicht große Aktionen wegen der Arrsrottnng ganzer Bogeiarten, nur um eitle Menschenkinder mit Federpntz zu schmücken? Von (Smj heilen in gewissen Gegenden will ich nicht reden. Sie sind zu witzr »värtig, um sie anfznzählen. Wer aber bei uns ans dem Lande sö-H genannte Schlachtefeste erlebt hat, der lau» Zeit jenies Lebens diese^ schrecklichen Eindrücke nicht los werden. Ja. die Tatsache eines' Schlachtfestes spricht zur Genüge, ganz abgesehen von der Art derI Tötung. Wer im Sinne des Judentums handelt, wird nicht nur selbst all solche Roheiten vermeiden, sondern wird auch seine fiinbei von frühester Jugend an nach dieser Richtung beeinflussen und alle« im Kinde unterdrücke», was in seine» Trieben und Anlagen das" verlocken könnte. Gerade schonende Behandlung der Tiere ist a eignet, das Kindesgemüt zu verfeinern. Wer Kinder beobachteftm der reinen Freudch die sie am Tierlebcn haben, in der liebevoll^ Fürsorge für ihre Lieblingstiere, in der gegenseitigen rührenden AlD hänglichkeit und Treue, — der weiß, welche E rzi eh in, gsm öglichkeiteN sich hier bieten. Vor allem ist hier ein Weg gegeben, die NaturlieW im Kinde zu stärken, den Sinn für das Schöne in ihm zu n und so sein Seelenleben zu bereichern und zu vertiefen. Un. Gefühle des Mitleids, des Erbarmens, der Fürsorge werden, einmal geweckt, nicht auf die Tierwelt beschränkt bleiben, sondern zu alA gemein-sittlichen Empfindungen erstarken. Darum sollten wir stetH tief in die Seele des Kindes schreiben die echt jüdische Mahnung W frommen Spruchdichtcrs der Bibel: „Der Gerechte erbarmt sich seinÄ Viehes, aber das Herz der Frevler ist grausam!" „Lin vollbürtiger, wahrer unü tiefer; üeutscher Patriot." Gerhart Hauptmann über Walther Rathenau.ü Der 60. Geburtstag Walther Rathenaus vereig seine Freunde und Verehrer zu Gedenkfeiern in Freienwalde.j Berlin. Im Plenarsaale des Reichswirtschastsrates, in den Walther-Rathenau-Stiftung geladen hatte, hielt G e r h a r t H as mann eine Gedenkrede auf seinen toten Freund, aus der wü gcnde Sätze wiedergebcn: „Ich habe gebeten, die wenigen Worte meines Nachrufes am^ dieser Feier sagen zu dürfen. Sie sollen, so habe ich mir vorgeieff in ein schlichics Bekenntnis ausklingcn. Da ich Gott sei Dank am, der Bereiche der groben Berbissenheit unseres össentlichen Lebens, bin ich zwar durch das Wissen davon schmerzlich berührt, aber u# durch sie in meinem Urteil. Walther Rathenau >var ein Vollöl wahrer und tiefer deutscher PatrioHwenn cs je einen gegeben hat. Die Tatsache seines lebenswichtigen WirkenZ im Kriege ist. Sein vcrzweiseltcr, wenn auch nutzloser Ruf nach dem letzten bleibt rührend und unvergeblich. Ein an sich unkriegerischer SU«? im Augenblick naher Verzweiflung kriegerisch. Es war Ins unpopulärster Augenblick. Ich würde denken, das seien Iptew? sachcn. Wer aber, wie ich, mit Walther Rathenau Nächte hu Kummer und Sorgen das deutsche Schicksal erwogen hat, oi Sprache dieser Tatsachen nicht, um zu erfahren, wie dieser Faser seines Wesens, seines Herzens, mit dem Wohl und - Vaterlandes verbunden gcivesen ist. Ich habe ihn unter gesehen, die ihm sein eigenes Leben lvertlos machten, als sich,; Horizont mehr und mehr verdüsterte. Wenn er mich bann?™' nachdem ich, mit dem Aufgebot meines ganzen Optimismus' nungsvvller zu stimmen vermochte, ist dieser mein DpiM"' für lange Zeit gleichsam gelähmt gewesen. Walther ich, war ein vollbürtiger. wahrer und tiefer deutsch" einen gegeben hat ..."

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