Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1927)
- Date
- 1927-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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jufl“ der Werwölfe vor einigen Wochen in Potsdam mit ansah, .beobachten mußte, wie diese wirklichen Kinder dahimnarschierten Iti dem Zeichen von schwarzen Fahnen mit Totenköpsen und Bein- ,chen, wer die ernst einstudierten. Gesichter sah, der mußte sich mit necken fragen, wie cs möglich ist, das; Eltern ihr eigen Fleisch j Blut auf solch gefährlichen Pfaden wandeln lassen. Hier handelt es sich nicht nur »in de» Mißbrauch urteilsloser gend, sondern darüber hinaus um eine Vergiftung und Bergung, die unser Vaterland noch teuer zu stehen kommen kann, esc Zugend war schulpflichtig, Tie alle hatten an dem Sonnabend, _ dem diese Maskerade aufgeführt wurde, Schulunterricht, Ich wgc: Wer hat die Kinder beurlaubt? Wie verantworten es Schnl- >jtcr und Lehrer, das; solche Tinge geschehen? Hat die Vorgesetzte »Horde von diesen Vorgängen Kenntnis erhalten? Erziehung zur Niedrigkeit und Gemeinheit darf nicht in ein iystiun gebracht werden, Kinder, die mit diesem Gift infiziert ' , sinken viel leichter als Erwachsene, die gegen solche Einflüsse 'her innnit» sind, Kinderpnradies, wo bist du geblieben? shr Völkischen, vergeht nicht, daß es ei» Wort gibt, welches heißt: ßumniii (lobetur n-veranHa puero — Tcm Kinde ist man die Dchste Ehrsnrehl schuldig". Vielleicht überlegt ihr einmal, lvcshalb gilt, »nd iveshalb es gerade jetzt besonderen Sinn und jcsste Bedeutung hat. Wenn es euch wahrhaft ernst ist mit der Jt)rfurcl)t vor den Kindern als den Trägern der deutschen Zukunft And den Träger» derchvu euch so gerühmten Reinheit und sittlichen tziiese, dann zielst die Schlüsse daraus, eriveist den Kindern diese hohe ^hriurcht und lasst sie aus euren , , , kindischen spielen, die euch g. d e n K i n d c r u a b e r G e f a h r — weil Entsittlichung Rothenburg ob -er Tauber. Aus (Gegenwart «ns Bergangcnheit. Sü,vn laugst harte nst de» lebhancu Wunsch, das alte RoNieubarg, die Ttadt des Bieram Rothenburg und der blutgetränkten jutmdien Gechultte, rimmil kennenziilernen, An einem schonen Septeinber- >ah ich meine» Wnuseh erfüllt. Ter schmucke Bahnhof, -die gradlinige, aller,wrige Bahnlwntraßo nnt ihren Villen harten noch etivas Moderne-:-, Aber gleich denn ersten Toreinqaug grüßte das Mitlelalter, das volle, rem erhaltene N!:ttelaltcr, Torhau-:, Graben, Etadtmaner. dann nn Znncrcn schnralc Slraßcn mit niedlichen vand- Ivcrkcrhailschcn, bunten Zuiiftabzeichcn, Fciistergicdeln, Fcnstcrgittern, ensleruische». dann in der 'JJitttc der Stadt hohe und vornehme Patrizierhauser, im Stile bald der Gotik, bald der Renaiisance, bald ,st des Barock:, Zmpomerend der Niarliplai; »nt dein wunderbaren, im 'ü ibcsten Renaissancestil anigcfuhneu R'athause, scheinbar dem Brennpunkte ides Siadibildes, der Ltadtgeichnhrc und des heute gewaltig flutenden Kremdeuverkchrs. Mick, durstete cs gewaltig, die £ u e l I e n, d e r s ü d i s ch c n © e* ch i ch t e auszusuchcii. eie sollen, so sagte mir der freundliche fraelitiscbe Lehrer Lisfgens, in der Hauptsache noch in den »Archiven zn Rothenburg imd Nürnberg ruhen, ivo sie einer kundigen Hand und emcr geübten Feder warten! Tech einige £ueilcn sind zu ehe», fie fuhren eme lebendige Sprache. Tie Steine der Toten reden zu uns, am Burgivalle draußen vor der Stabt gegenüber dein Lapidasie z>ir Beschau ausgestellt wie eine steinerne Bhnlanr, wohl i Zahl, aus dciii 14. Zahrlinudcrt stauuncud, m der Schrift loch ausgezeichnet erhalten, charakteristisch mit der stereotypen Denduug: toiunwl, na fseho bcs-an eilen, allst, alef, selah. fie sind öDi'tl)!» gewandert, weck der alte Zudenfriedhos als Bau- ,elande benutzt ivordcit ist, Zin Lapidariuin selbst befinden sich auch wei Grabsteine, der eine mit inhaltsreichen, klagcgctrünktcm Utaph, der andere in Bruchstücken, scheinbar von eiiiem früheren!a>o kündend. Wie ich höre, will sic alle einmal Tr, Grumvald Wien) näher beschreiben. as ist das h i st arische Zndcutum Rvthcnburgs, das m oder n e :igt sich in der Form eines schönen Schiilhanses, in dein Kaiser llorimilian eiiimal eine Nacht gewohnt, eines darin gelegenen würdigen ietsnles rmd eines noch gut erhaltenen Fraucn'bades. Tie alten ';dcr sollen sich im früheren Zudentanzhaus an; weihen Turm beiden, das aber leider nicht zugänglich ist, — Von R. Meir Rothen- :rg, der großen Leuchte, zeugt kein Tenkmal, von seinem crgreisen- ,!n Klagelied: „Lelmali sorufo" kündet nur die Geschichte und der ^ische-beab! ,, Wehmutsvoll gedcltten wir im Geiste der vielen grausamen Versitzungen und Folterqualen, tvclche die Juden int 13. und 14. Jahrckndert dort zu erleiden hatten! — Aber auch heute ist dieser Geist Verfolgung noch nicht ausgestorbe»! Es gibt neuzeitliche Brunnentgiftung! To wenn in dem „Führer durch Rothenburg" (M, Weigel, irlag von Max Kloppenburg) zur Erklärung des histor,scheu „Schäscrnzes" eine Predigt des Herrn Archidiakomis Cehboth vom Jahre 177(1 i Schäscrtage angeführt wird, die damals geradezu vergiftend Ivirkeu ißte und auf die heutigen Leser die gleiche Wirkung ausübcn muß.!er wird in breiter Ausführlichkeit erzählt, daß zwei Juden den Nonnen Herterich" vergiftet haben, ihr Gespräch über diesen Anschlag °Mg aber von einem vorübergehenden Tchäser belauscht und ein lerer Prozeß am kaiserlichen Hose gegen sie^angestrcngt ivurde, srn milder Ausgang sie noch zu einer größeren «churkentat ermutigt hatte. Sie wollten an einem Charfreitag, an dem die ganze Bürgerschaft nach Detwang wegen Umbau der eigenen Kirche gehen mußte, dw Stadt überrumpeln, die Stadttore besetzen, alle Zurnckbleibenden nicdermachen, die Heimkehrmden überfallen, und die Stadt in ihren Besitz bringen. Derselbe Lchüfer hätte den Plan entdeckt, der in einer geheimen großen Versammlung der vornehmeren Juden und Rabbiner (!) der Stadt ausgesonncn worden sei. So sei die Stadt gerettet worden und als Strafe wären die Juden massakriert, verjagt und ins Gefängnis geworfen lvorden. Wozu die breite Ausführlichkeit von ly, Seiten? Wohl, um, den Eindruck gründlicher Geschichtsforschung zu machen? - Ich fürchte, das; das leitende Motiv moderne antisemitische Brunnenvergch t n ng ist, ivelchc die wunderbare Errettung der «tadt als göttliche LÜhne für jüdische Verbrecher feiert. Sie sollte in einer Nenaujlage unbedingt ausgemerzt werden, denn aus dem „Führer" wird sonst ein „Verführer ‘, da: Wasser des „Herterichbronncns" wird ' ei» „Wasser der Versuchung"! vier zeigt sich die gebieterische Notwcndigkeit einer gründlichen quellemuaßigen Geschichissvrschung! Rabbiner De. Kroner (Lbcrdors-Bopfingcn). jftgo Maltzan. Ern notwenvigcr Nachruf. Wie viele von seine» zahlreichen Bellmnten und von den Tausenden, die ihn nur „aus der Zeitung" kannten, möge» wohl gewusst haben, daß Ago Nialim» mit seinem vollen Namen Adolf Georg Otto v. Nt a l tz a „ , F r e, l, e r r u W a r t e n b c r g und P e n z l i n hieß? »nd wie gleichgültig wäre es denen, die es nicht rvußton, gewese», hatte man es ihnen gesagt, Ago Maltzan oder Ntaltzan sehiecht- Ilin genügte ihnen, Teim 'diesem Namen hat er durch seine Persönlichkeit und durch seine Leistung Vcdeistung und Prägung gegeben. Noch etwas anderes iverden die meisten nicht gnvnsst haben, Ter „Völkische Beobachter" stigi zur Ntcldung über das Ftugzeugungtück Schlei,; den Satz hinzu: „Wir trauern nicht um den Hnlbj >' d e Also dieser gescheite tind tüchtige Teutsche, denen plötzlicher Tod eine säst nicht auszufüllende Lücke hinterläßt, war „Halbjude", Seine Mutter nämlich, die im Frühjahr 1!)24 verstorbene Baronin Adelheid v, Ntaltzan, war ein Fraulein Bierbauu; aus Wie gleichgültig! werden die sagen, die nur auf den Mann, sein Können und seine Leistung sehen. Wie interessant! andere, die sich vielleicht bisher ivnnderten, woher dieser mecklenburgische Junker die geistige Lebendigkeit her hatte. Ob gleichgültig, ob interessant, es ist nicht gleichgültig und nicht einmal interessant, das; Deutschland das einzige Kulturland ist, wo cs diese Art blöden und schädlichen Antisemitismus gibt. Es stirbt cin Deutscher. Stirbt durch ein sinnloses Geschick, das das Vaterland eines Manucs beraubt, der ans wichtigsten; diplomatischen Posten B c st es, ja lln sch ä tz b a r es geleistet, Tie spontauen Nachrufe, die ans allen Teilen der Vereinigten Staaten und von alle» Kreisen ihrer Bevölkerung dem toten deutschen Botschafter gewidmet wurden, sind dafür Zeugen, Zn Berlin zerbricht man sich den Kopf, tuen man nach Washington schicken könnte. Zur rein menschlichen Trauer gesellt sich also neue staatliche Sorge, Ter völkische Tölpel aber muß seinen geifernden Spruch sagen. Und hätte man nicht tausend Beispiele, dieses eine, letzte, würde schon genüge», die Dummheit nicht nur, nein, den Schaden aufzu- ,zeigen, den blödes oder verbissenes Rassenvorurteil dein eigenen Vaterlande zufügt! Neulich besprach ich mit einem bekannten englischen Schriftsteller des Franzosen Andre Maurvis neue T i s r a e l i - Biographie, die man ins Teutsche übersetzt und die, französisch geistreich, ohne Emil Ludtvigs größere Tiese, den Mann und Staatsmann und sein Werk aus den; '„Ghettokomplex" zu erklären sucht. Ich äußerte Bedenken über die Nützlichkeit einer solchen llcbersetzung, >veil bei der törichten Einstellung eines Teiles unseres Volkes eine objektive Würdigung des Mannes aus diesen; Buch nicht zu erwarten sei, der Antisemitismus im Gegenteil sogar vermeinen wird, neue Argumente gefunden zu haben, „How stupid“, sagte Arnold Benuett. Der Engländer versteht uns darin nicht. Die Leistung, die seinem Lande nützt — und ans Disraelis geistig-politischer Leistung ruhte bis zur ersten „Imperial- Conference" nach dem Weltkrieg der Bau des britischen Imperiums —, die Leistung dankt er den; englischen Mann, gleich welcher Abstammung. Und n u r die Leistung imponiert den; Angelsachsen, Nicht, w;e dem Kontinentalen, dem Deutschen und Franzosen vorab, Geist und Geistreichigkeit schlechthin. In Paris und Berlin wäre der Romanschriftsteller Disracli wahrscheinlich in der Literatur stecken geblieben, Doch das gehört nicht eigentlich hierher. Oder doch? . . J Albrecht MontgelaS.