Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1927)
- Date
- 1927-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Wieder der gelbe Fleck? „Frieden sür Israel!" Mit dieser von Wohlwollen triefender" Devise sandte der englische Schriftsteller Hilaire B elloc etwa vor einem Jahre ein in scheinheiligem Tone der Judenfreundschaft abgesaßtes, in Wahrheit aber von Haß und Verfolgungssucht strotzendes Buch in die Welt hinaus. das eine Klarstellung der Judenfrage und einen Weg zu .hrer Lösung zu zeigen versprach. Nachdem die Wirkung der „Weisen von Zion" anscheinend abzuflauen beginnt, hielt man es für notig, einen neuen Schlager auf den antisemitischen Kriegsschauplatz Deutschlands zu werfen, und so ist es vor wenigen Tagest in deutscher Uebersetzung erschienen'). Zwar ist das Buch in England ohne jede Beachtung geblieben, doch darf angenommen werden, das; völkische Kreise in unsercin Lande begeistert nach diesem fetten Happen greifen werden. Und da es dnrch die Eigentümlichkeit seiner Form eine gewisse Gefahr darstellt, seien unsere Freunde von vornherein aus das traurige Machwerk hingcwiescn. Man mag den „Weisen von Zion" vvrwerfcn, ivas man will, in einem Punkte gebührt dem Buche Anerstmnmg. C-s ist klar und eindeutig, es ist trotz seiner sachlichen Berlvgenheit insofern ehrlich, als es sagt, was es will. Belloc geht einen anderen Weg. Er fließt über von Beteuerungen, daß man die Juden gerecht und anständig behandeln müsse, er macht sich scheinbar über die unentwegten Antisemiten lustig, er widmet sein Buch seiner jüdischen Sekretärin, zn der, wie er betont, seine Familie und er „immer in tiefer Schuld der Dankbarkeit stehen werden". Er verlangt immer wieder Klarheit und Wahrheit und fordert, das; mau das Recht der Juden achten müsse! Aber trotz alledem gibt es keine Beschuldigung aus dem antisemitischen Arsenal, die er nicht mit einigen Vorbehalten für berechtigt hält, in recht unverblümter Weise droht er immer wieder mit dem Pogrom, und seine Lösung der Judenfrage fordert von den Juden, das; sie sich auf der ganzen Erde als ein internationales Volk betrachten sollen, das inmitten der anderen Nationen als ein Fremdkörper anerkannt und behandelt wird. Es ist geradezu unglaublich, was Belloc in dein nicht umfangreichen Buche den Juden alles vorwirft, wobei er den Begriff des Judentums rein abstammungsmäßig nimmt und demgemäß auch fromm christliche Judenstämmlinge — oder Leute, die er dafür hält, weil sie ihm aus irgendeinem Grunde nicht gefallen — zu den Juden rechnet. Sie sind international, und sic treiben immer internationale Politik, sie beherrschen mit ihrem Einfluß die Weltfinanz, sie sind die eigentlichen Drahtzieher bei jedem Unglück in der Weltgeschichte! Die ganze Judenschaft ist lediglich eine organisierte internationale Mache! „Tic" Juden nehmen falsche Namen an, geben sich nicht zu erkennen, verheimlichen ihre Herkunft, um desto ungestörter herrschen zu können. Sie sind anmaßend und fühlen sich allen anderen gegenüber als die Ueberlegenen, sie haben die wichtigsten Produktionen monopolisiert und haben dadurch, zumal die armen betrogenen Nichtjuden davon nichts merken, während des^Krieges eine ganz unheilvolle Rolle gespielt, sie sind die einzigen Schuldigen am Bolschewismus, der eine furchtbare, blutige Rache am zaristischen Rußland darstellt, sie besitzen neben der finanziellen auch die soziale Macht, sie haben die Kontrolle über das Leben Europas und Amerikas in ihrer Hand, wollen aber selber nicht kontrolliert werden, sie beherrschen die Preffe, den Handel, ihr Ideal ist lediglich der Kommunismus (!), der Jude ist der geborene Wucherer! Und, daß man dem Buche nicht etwa den Borwurf mache, daß es nicht ganz modern sei, bringt es auch die allerneuesten Sensationen. Der Jude, der ja an sich kommunistisch denkt und wirkst ist in seiner Habgier auch Kapitalist. Da aber Belloc anscheinend nicht entgangen ist, daß es auch außerhalb der jüdischen Machtsphäre Kapitalismus gibt, scheidet er — treu Hitler folgend — zwischen dem niederträchtigen, wucherischen, blutsaugerischen jüdischen Leih kapitalismus und dem Produktiven, edlen, segenspendenden. welterlösenden, arischen W e r k kapitalismus, eine groteske Trennung, die bekanntlich den Nationalökonomen bisher ganz unbekannt geblieben ist. Und ganz modern mutet es an, wenn er auch, wie Ludendorff, die Freimaurerei für vollkommen verjudet und unter jüdischer Oberherrschaft stehend erllärt. Zur Abrundung des Bildes sei noch hinzuü- *> * Pon Hi Iaire Brlrve. Urbersetzuna und Nachwort r Haeüer. Verlag Josef Kösel u. Friedrich Pustet, München. rüstnng ist nur ii Punkt komme! r absoluten Belloc fast ent-k n'henchell, denn so " 'vir noch zmmcl - nnöglich verleimen, uig und des gelben zu einen! wirk- -lmhinegeietzgevung iviH'i't er auch prakbefondere Gerichtsnd von Inden mit u< sich aunehmen nnd er kennt gefügt, daß er den Juden vorwirft, sie beschimpfe,^. Christentum, hielten es sür eine Narrheit, und sie nufctgL religiösen Vorstellungen ihrer Umgebung für ihren ges-x lichen Vorteil aus. Nichts fehlt aus dem GeisstsschahgU „Weisen von Zion", nur die Untergrundbahnschächst, |P denen aus die bösen Juden bekanntlich die modernen Grü städte in die Luft zu sprengen gedenken, seien für eine bO, leicht erforderlich werdende Neuauflage zur HinzusüqunÄ ernstcstens empfohlen. " -ja Wie nun auf der Grundlage solche,! Denkens der LvsungM versuch für die Judcnfrage aiissicht, ist nicht schwer zu errate« Bellvc verlangt etwas wie den „gelben Fleck"! Und daN, fast wörtlich! Gewiß braucht der Jude, der in der SiraßmD bahn fährt oder ein Glas Bier trinkst nicht sofort als solcher' erkannt zu werden, aber sobald er geschichtlich, sozial, Politisch,': religiös, wissenschaftlich, künstlerisch mit seiner Umgcbima m tim hat, mit!; er als Jude kenntlich sein! Die"' Juden müssen, das ist immer wieder seiner Weisheit lestter Schluß, als ein f r e m d ii a t i o n a l e s Element 'i!i> ' fannt und anerkannt werden, und insbesondere mirß ans dem Namen eines Menschen zu entnehmen sein, ob er Jude ist oder nicht. Irgendwelche gesetzliche Maßnahmen ' ’ ' nnng dieser Tatsache rüstet ab. Aber die En unwissend er ~ ans dien in allen historischen Tim das; eine solche Politik den Flecks, des sozialen Ghettos, schließ!Ui l i cl] e „ G helto nnd zu einer scharfen Au logisch führen muß. Und in Wahrheit so tisch den Beginn der Entrechtung, indem er barkeit für Streitigkeiten unter Juden m Nichtjudeu für angebracht hält. Settßrm einer solchen geistigen Einstellung doch müßte, daß Belloc an den Z i v u i ü e n 11 keine reine Freude hat. Er ist eben Engiä demnach unsere deutschen Ideologien mit ihren Sorgen nicht. Für ihn ist der Zionisums lediglich eine Macht, die England politisch in Abenteuer und Koste» stürzt, und der Atisbau Palästinas ist ihm nur ein neuer Beweis sür die überragende Macht des Judentums. Klatztins natiouale Theorien kennt er noch nicht, und er weif; darum auch nicht, daß seine. Meinungen über das Wesen des Judentums und die Wege ' zur Lösung der Schwierigkeiten im zeitgenössischen nationaljüdischen Schrifttum bedenklich ähnliche Parallelen haben. Eine bezeichnende Kritik übt bereits der llebersetzer Theodor Ha ecke r in seinem Nachivvrt aus, vbivohl man ihn wahrhaftig nicht als Freund der Juden ansehen kann. Bezüglich der Anschauungen Bellocs über manche deutsche Angelegenheiten wirft er ihm „I gn or a n vor als „F r n ch t ei ner g e w i s s e n andauernde n K r i e g s - u n d H aß' Psychose, die ans dem Herze n "E u r o p a s g e r! ein Ghetto machen würde". Das Urteil ist für allesH Teile des Buches so ausgezeichnet, daß ihm kein Wort hinzuT^ gefügt zn werden brauchte. Wenn der llebersetzer von jüdisches" Dingen auch nur halb so viel verstünde wie von deutschen^ würde er seine kritische Meinung über das Ganze des Buch" ausdehnen können. In einem Punkte hat er, der offenbar t Kenner der Bibel ist, es getan, hat den geradezu Hahne büchenen Unsinn Belloes ml absurdum geführt und gezeigt daß die religiöse Lehre des Judentums nicht kvmmnnistiW ist, sondern das; sic das Privateigentum kennt nnd schütz? Ebenso betont er, daß das angebliche besondere Ueberlegr^ heitsgefühl der Inden eine Einbildung ist, daß alle Gemeij schäften so denken wie die Inden. Aber leider kennt er wed die Geschichte noch das Wesen des nachbiblischen JudentumA so daß ihm die Fülle der faustdicken, auffallenden Jrrtümw Bellocs, bei denen es oft schwer ist, ihm den guten GlauW zuzuerkennen, keinen Anlaß zur Kritik gibt. Im ganzen aW hat er in seinem kritischen Nachwort das Rechte gesehen, weM er das gefährlichste nnd bedrohlichste Uebel der heutigknM im i r r e g e l e i t e t e n N a t i o n a l i s m n s sieht. Nur? kennt er, daß Bellocs Buch selber ein Produkt diesesü geleiteten, beschränkten Nationalismus ist, der in dev, geschiehst alles Bestehende wegen der Tatsache seiner Ex für gut und erhaltenswert hält, der keine sittliche WeW mit dem Endziel eines auf Verständnis und Gerechtigke gründenden Friedens kennt. , I fcta Sachlich das Buch von Belloc im einzelnen J legen, ist darum nicht erforderlich, weil es gehst"'