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Central-Verein-Zeitung · 1927-09-01 · Heft 9 (September 1927) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 9 (September 1927)
Date
1927-09-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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71 Düische Zormkräfte an -eutschem Kulturgut. Gelegentlich der Borarbeileu zu meinem Buch über die „Deutsche Rassen angst" wandte ich mich au einen sehr jungen, aber namentlich aus guellcnlundiichem Gebiet sehr lenniniSkeichen Historiker mit dem Vorschlag, n» der Sammlung von alten Dokumenten, wie ich sie im zweiten Kapilel verwertete, nützuarliciten. Dazu »uiszte er über die Grundidee des Buches unterrichte! werden. Er lehnte die Mitarbeit indessen leidenschnstlich ab. In seinem Brief hieß es unter anderem: „Was wir brauchen, ist im Gegenteil ein Buch, das den Titel tragen mnßle: .Die Vollmacht über den Juden.' Es mühte ein Hohes! ied des deutschen nationalen Willens sein . . . Mit der Vollmacht über den Inden mähte jeder nationale Heilungsprozeh ansangen. Denn der Jude, mit dem wir weder Schicksal noch Gesinnrnig je gemein lyrtlen, ist ein sremder und heimnendcr Zersctzungskeiin in unserem Bvllskörpcr. Die reinsten Deutschen erkennen es. aber die Masse folgt nur träge und bleibt lan. Man mnh ihr die Gedanken heih »rochen. Wer Ohren hat zu hören, der hörci! . . ■ Ich konnte dem jungen Freunde antnwrtcn, dah sein Schreiben seine eigene Theorie auf dns nierkivürdigste und vollloinmenste widerlege. Denn in den wenige» Sätzen seines Schreibens bedient er sich zweimal, und zwar an de» nachdrücklichsien Stellen, spezifisch jüdischer, der Bibel cntnonunencr Wendungen: des bildlickstm Ausbruchs vom „Hohenlied" und des überaus vhrcnsälligen, ansclstiulickpcindriuglichen Rufes: „Wer Ohren hat zu hören, der höre." Er verwende also, psychologisch gesprochen, gerade in den Augenblicken, in denen er eine sprachliche Steigerung, eine besonders heihe, mitreihende Wcrbelrast seines Sprechens ausbieien tvill, jüdische Formen. Der ganze Brief sei ersichtlich eine ganz spontane, gefühlsgeborene Willensäuheriing — und dah gerade ans w spontaner Gestthlsausivallmig heraus jüdische Formen sprachsteigernd und sprachgipscind sich cinstcllcn, da8 zeige shinpiomalisch, wie sehr in seinem psychischen Zentrum eine Berührung nicht nur, sondern eine Synthese aus deutscher uud jüdischer Fvrmgcbmig und Formkrast unbewußt sich vollzogen habe — so unbeiviiht zwar ruid dock) so fest, dah diese Farmen selbst in einem Asse kt gegen den Juden schlechthin seinen Ausdruck gestalte». Unsere Zeit sieht nicht psychologisch. Sie hat nicht Muhe dazu. Ihr bleibt mir so viel Muhe, in rohen- Typen zu sehen — und dazu allzuost in alten, übcrnvmmeiicn Typen. Dies ist der Grund, weshalb die geistige Welt keinen reineil, klaren Raum mehr bildet, sondern mit den druckenden Wolken der Mißverständnisse, der Vorurteile. der Berscinmigen immer mehr sich erfüllt. Und doch zerfallen von der einfachen und mivoreigenommenen psychologiscl^n Ausdeutung eines alltäglichen Erlebnisses wie des oben skizzierten ganze Wälle rasscntheoretischer Konstruktionen und völkischer Dogmen. Man hat ost und eindringlich dargesirllt, tvie bereit und fähig und geöffnet der druische Geist sich erwiesen hat, hellenische und römische Kulturgüter in sich anszunehmen und Produktiv in kulturelles Eigenleben umzusetzc». Daraus beruht die deutsche Kulturkrast. dah sie vor den klassischen Knlturformen nicht ratlos, blind, zngeschlosseu stand, sondern ihnen durchaus gewachsen ioor. Diese deutsck^ Knlinrkras! zog eben die fertigen Uassischen Kultursornien in ihre drängende und schöpferische Eigenbeivegung hinein, nutzte sie, band sie an den eigelieu biologische» Wcrdcdrang und wertete sic, ein höchst produitiver Vorgang, in deutsche Kulturgüter um. Der Deutsche ist mit Recht stolz auf diesen Anteil an oer Antike. Allein was nun geschehen sollte, ist eine eindringliche Psychologische und gcistesgeschichtliche Analyse, die in ihrem Ergebnis ai.sde'clt, wie iveit die deuisckte Kuliurkras! die s p e z i s! s ch j ü d i s ch e n Kultur kr äste, insonderheit die ethischen und religiösen, in ihre Eigenbeivegimg hineingezvgen hat. und welche formenden und sm'tentwickrliiden Werte dabei die jüdischen Kulturkräsle ans den deutschen Geist überstrahlt haben. Der Weg von dem grimmen, unerlösten Hagen des Nibelungenliedes Zum Armen Heinrich, der erlöst wird, und zum Hochbild ParzijalS, der sich selbst erlöst — das ist ein seltsamer, vielverschluugener Weg, ans dem sich die Vermählung uralter g e r m a n i sche r Religion und Ethik mit der klassischen jüdischen Erlvsungsidee vollzogen hat. Wir freuen uns an Wolframs Parzisal, und gern tvird er von denen, die am stolzesten aus ihr Deutschtum sind, als ein deutsche? sittliches Symbol aufgestellt. Er ist es. Und doch mühte Adolf Bartels ihn aus der Geschichte der deutschen Literatur verweisen. Denn im Parzisal ist germanische Ethik und jlldiich-christliche Neligivsitäk zu unlöslicher organischer Synthese ver» Hunden, wie in den Figuren des Mamberger Domes römisches und deutsches Formgefühk. Hier wie da ist die Synthese schöpferisch gewesen. Hier wie da ha! sie klassische deutsche Werke gezeugt. I» diesem engen Nahmen ist nicht Mehr möglich als Andent II n g n n d S ch a t k e n r i tz. Allein, da wir von der Sprache ausglnaen. darf nock) einmal an das Buch erinnert werde», da? Nietzsche einmal das beste deutsche Buch nennt: Luther? Bibel. Erinnern wir uns jenes Urteils Nictzschvs: „Gegen Luthers Bibel gehalten, ist fast alles übrige nur Literatur' — ein Ding, das nicht in Deutschland geivnchsen ist und darum auch nicht in deutsche Herzen hineinwnchs und -wächst, >oie es die Bibel getan hat." Was aber bedeutet dies, daß das größte deutsche Sprachlunstwerk zugleich das klassische jüdische Buch ist? Was bedeutet cs. daß eben dieser Rassische jüdische Geist in die stärkste bcvitfdjc Sprachsorm sich prägen ließ und so geprägt in die dcntschc» Herzen hmeinwachsen konnte? Es bedeutet doch wohl, daß jener shmpiomntische Brief, den >vir oben betrachteten, nicht eben recht hat, >vcnn er behauptet, der Deutsche habe weder Schicksal nock) Gesinnung je mit dem jüdischen Geiste gemein gehabt. Es bedeutet vielmehr, daß die klassische Leistung des jüdischen Geistes eine produktive Energie in der deutschen Kuliureuiwickumg gewesen ist. Und es bedeutet, daß der Antisemitismus nicht durch deutsche Art und deutsche Geistesgeschühte begründet wird, sondern daß die Analyse des geistigen Werdens Deiitschlnnds ihm jede Möglichkeit d e r N c ch t s e r! i g n ii g c n t z i e h!. An der Sammlung der klassischen Dvlnmenle des Judentums hat sich die Epraclie, die Kraft, die Leidenschaft Luthers entzündet. Dns allen Abtönungen Geöffnete seiner Sprache, sein Rhythmus und die Magic seines Rhhthinus', der große Schritt, das Hochgewachsene seiner Sprache, dieses aus dem Urquell der Volkssprache Schöpfende — und doch ivieder über der All'.agssprache wie aus, Bergen Hinschreiteude feines Stils ist deutschen Ursprungs. 'Aber das Bild, das Symbol, die unerhörte Farbigkeit und die hieratische Geweihtheit seiner Sprackp: hat er aus dem Alien Testament, Nicht nur in feiner Bibelübersetzung. Unter seinen Händen werde» die Bücher der Propheten und der Psalmen de»tsck)e Lieder. Nach zehn Jahren schon sind diese Lieder deutsche Volkslieder gewesen — und heute sind sie immer noch Volkslieder, die in zahllosen Weudnugeu des mühevolle» Alltags symbolisch erklingen. Ans der Sprache Luthers steht Hans Sachs. Steht Goethe. Steht Fichte, Steht Nietzsche. _ Sie sind nicht schlechtere Deutschst?, weil Geist und Wort des Niesen Luther am klassischen Werk des Jiidciikunis schöpferisch entzündet wurde. Dr. Michael Miiller-Glaudins. »Gftö-rutsches Judentum." einer Familie, von Her m a n n Enlitz-Bcrlag. Stvlp. K n r h i g. Als kulturgeschichtliche Bausteine sind solche Chroniken sehr begrüßenswert; man sollte, wie cs die G e s c l l scha s t s ü r jüdische Fa mi l i eu f o r schuu g erstrebt, allgemein in unseren Kreisen daran gehen, derartige Familicngcschichicn zn schassen. Die Kurtzigsche Chronik ist 'ahn weit m ehr als die Geschichte einer Fnuiilic. Schon die merkwürdigen Schicksale mancher Familimniitglicdcr, ivie das Alexanders, der Bischof von Jcrnsalem. oder Paul Rciminnus, der Finnnzminisicr des Königs Kalakaua von Hawai ivnrde, erwecke» allgemeines Interesse. Die Schilderungen, die Knrhig Von dem Schasse» seines Vaters als Jiiduflriepivnier in einer ländlichen Stadt Posens gibt, sind wertvolle Dokumente der Vcdeutnug jüdischen Wirkens in der Ostmark. Was der Dersasscr von den Erfolgen und Rückschlägen erzählt, die sein Vater beim Ausbau der ostmärlischcn Oel- und Zichorienindustrie erlebte, ist ineuschlich und kulturgeschichtlich gleich interessant. Auch die Kunst fand in der Familie ihre Stätte. Berühmte Namen steigen aus, die dort Entdeckung ihrer Künstlerschaft oder Förderung -ihres Strebcns fanden. Mit Rech! ha! Kurtziq auch die Anckdolen, die in seiner Familie entstanden sind, der Gefahr des Bergessenwcrdens entrissen. Eine innige Liebe zur Heimat beseelt das Werk, von dem das „Düsseldorfer Tageblatt" sagt, es sei geeignet, deutschen F a »i j l i e n g e i st wieder z n e r m e ck e n. Das Buch hat einen bemerkenswerte» Widerhall in sührenden n! cht j ü d i sche n Kreisen gefunden. Man hat in ihm einen Schlüssel zn dem wenig vekcmntcn und deshalb so stark verkannten jüdischen Wesen gesehen. „Was wissen wir von diesen ostischen Menschen," meint Gustav Frenssen. Und der Geheime Adinirnliiätsrni Koch schreib!: „Es wäre von hohem Wert, wenn solche Ucberliefernngen und Erinnerungen der Oessentlichkeii anvertraut würden. Trägt doch die Schuld an den unerfreulichen politischen Zuständen die Tatsache, daß wir einander nicht kennen imd ans dieser Unkenntnis heraus ciimuder alles Mögliche jui trauen. Unsere jüdischen Volksgenossen sollten dem Verfasser dankbar sein, daß er .den anderen' diesen Einblick in das jüdische Gemüts- und Geistesleben »erstattete." Solche Aeußerungen sind uns nur eine Bestätigung für die Notwendigkeit unserer Aufklärungsarbeit, Kenntnis von Juden und Judentum zn ver» breijeik, Rei*

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