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Central-Verein-Zeitung · 1927-09-01 · Heft 9 (September 1927) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 9 (September 1927)
Date
1927-09-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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70 iiihlHufdjaftcn, alS mit losen Massen zu tun zu haben, so förderten sie den Ausbau »nd die Entwicklung der autonomen jüdischen Gemeinden. Im Satire lööl limtbe durch König Sigismund August das jüdische Gememdrwrscn gesetzlich geregelt. Die Inden crliicllen eine wciigcliende Gcnieindcniilvnomie. Jede Ortsduisi batte ein Kabul (Gemcinde), die Miigiicder wählten nach einer bestimmten WMvrdnung die Gcmcmdealtestcn und „imnnimi vvto et ennscimn" ihre Rabbiner und Richter, die nicht nur alle Kragen rein religiöser Natur, sondern auch alle zivilrechtlichen Stteiligkeileu zu entscheiden hatte». Den, Staate gegenüber vertrat der Kabul die cinzetiicn Juden. In der ziveiten Halste des 16. J«brbundcrts bildete cs sich als ständige Einrichtung heraus, das! die Gemeinden der einzelne» Provinzen regelmäßig über gemeinsame Fragen berieten und eine Körpcrschast bildeien, die „nnnü" (Versammlung) genannt wurde. Ter Regierung gegenüber vertrat die Inden der Shnditns Eencratis, der in den Erlassen des Königs auch „J u d;i u s g u i i n i> a 1 a t i a nostra rcsidct genannt wird. Dieser „rvaad" crtvarb sich in der ganzen Jndcnheil eine liochangesehene Stcllmig. Mit Ansragc» über religiöse Gcgciiftundc ivnndie inan sich an ihn aus fernen Landern. El, ristlichc Kanslente aris dein Auslände baten »in seine Beihilse in Ctreitigieiteii mit pvlnisd,cn Inden. Co loar diese ganze jüdische Gemcindcorganisntion eine der Stützen der staatlichen Ordnung. Kaiserin Katharina II. Hatto 1776 de» Juden in der an Rußland gefallenen Provinz „die alte» Freiheiten" garantiert. Aber cs lag nicht im Geiste russischer Regierung, iliren Ilnicrianen, besonders Ivcnn sic tuden waren, so viel Sclbsinndigleit zn gestatten. Daher ivnrdcn i» den ahrcn 178<i und 1765 die Täiigieit der Gemeinden aus die geistlichen und fiskalischen Angelegenheiten beschränkt. Im Jahre 1801 wurden die Rabbiuate von den Kahalverwalinngeii getrennt. Erstcre hatten ausschließlich über die religiösen Angelegenheiten zu wachen, ivährcnd die lehleren für den regelmäßigen Einlauf der Jndcnstcnern veranlwvrtlich Ivaren. Ten Eherein anznweiiden, lvar ihnen nntcrsagl. Dies war eine Nachahmung der Jude n Politik Joses s II., die dahin strebte, die Juden mit der nichtjüdischcn Bevölkernng zu verschmelzen und sie in deren soziale Organisation ciliziireihen. Bon da ab ging das Streben der russischen Regierung dahin, die Inden zu „munizipalisieren", ihren „Separniismns" zu zerstören, sie durd, allerlei Zloangsmittel von außen her in die nichtjüdische Gesellsckinst aufgehen zu lassen. Tic Arbeit an der Nnssisizicrimg erreichte unter Nikolaus I. den Gipfel der Grausamkeit und Absurdität^). Alles sollte den Juden den Mert der russischen Kultur tlarinachen und sie bewegen, ihren „Scpnralisnius" auszugebei, und in der russischen Gesellschaft auszugehen. Im Jahre 1811 erließ er einen Ilkas, wonach „die Juden in den Städten und den Weilern unter die Jurisdiktion der allgemeinen Verwaltung zu stellen lvarcn und die Kahals ausgchoben lvcrden sollien". In ganz Westeuropa lvar dies eine Folge der pvllkvmnienen Eleichstelluug der Juden in bürgerlicher, politischer und rechtlicher Hinsicht. Aber Nikolaus erhielt die ganze Rechtlosigkeit der Juden ausrecht, sonne ihre So n d e r st c u c t n n n Geld und Blut. Natürlich mußte ein Rudiment der jüdischen Gemeindcverwaliung bestehen bleiben, dessen sich die Staatsbehörde Z» diese»! dvppellcn Zwecke bediente. Tic jüdische Gemeinde lvurdc also zu ei n c r Rckrntensängerin und St e u c r c xe kn t o r in erniedrigt. Sie wurde ein Gcacnstand der Verachtung und des Hasses von seiten der indischen Massen. Das sindct seine» kchärsstcn Ausdruck in den Schrisicn der jüdischen und hebräische» Sillenschildcrer jener Zeit, die sürchterliche Anklage gegen den Knhal desivegen erheben. Tic Rabbiner entschieden natürlich nack, lvie vor in riinellen -und chcrechtkicheu Tinge», aber die jahrhuiidcvtallc Uebung, ihre Rcchisstrciliglcilen vor die Rabbiner zu bringen, konnte man dcir Inden über Nacht nicht austrcibe». In Oesterreich erhielt sich der rabvinische Gerichtshof (Bcth-Din) noch lange nach der Eniauzipaiic»,. Mit der Thronbesteigung 'Alexanders II. schien die granendollc Aera Nikolaus I. auch für die Juden ei» Ende Zn nchincn. Allein ans die Zeit der liberalen Resormcn (Baucrnbesrciung, Seinstwcvcrfassuug und andere) kam, infolge eines wahnsinnige» 'Attentates, eine Periode ärgster Rcaltio»: natürlich tobte sie sich am schlimnrsien gegen die Juden aus. Wilna regierte damals Michael Murnlvjew, „der Heuler", den der Zar als Generalgonverncur hingeschickt hatte, um nach dein polnischen Aufstand die Russisizierung nrit der grausamsten Rnckuchlslos,gleit dnrchzusühreu. Die Burcaukratie ergab sich mit Wonne dcur Kamps für die Russisizierung, gegen den „jüdischen 'Aberglauben und Sepnralismns". Nun kam ein gelauster Jude, der cs doch wisse» nnißie, und verriet in grundgelehrten Anssührimgcn die geheime Quelle dieser beiden rmansrvltbaren llebel. Wie sollte sie da nicht ausurcrksam lauschen? Vergebens lviescn jüdisdic Cchrisisteller, u. a. der berühmte Leon Lclvnnda, aus die ossenbare Unwissenheit Brasnmns hin und ans seine Verkennung der historischen Rolle, die der Kahal splelle. Die Bnreaulratcn, die lei» selbständiges Urteil hatten, „glaubicn" dem Denunzianten. Jakob Vrasninn lvar in seiner frühen Jugend mit Mühe de» Nachstcllnngc» der Schergen seiner Gemeinde entgangen, die ihn linier die nikolaistischen Soldaten stecken wollten. Sei» Haß richicie sich merkwürdigerweise nicht gegen die Macht, die die jüdische Gemeinde so entwürdigt hatte, sondern — gegen die jüdische Gemeinde. E i» Gutes batte seine Schandschrist doch: sie regte ernste Männer an, die Dokumente jüdischen Ecmeindclcbens zu sammeln und zu erforschen. Der christliche Professor M. B i e r s ch a d s k i hat als erster in dieser Richtung Bahnbrechendes geleistet und den Grund z» dem Forschungsgebiet gelegt, ans dem die Arbeiten noch lange nicht abgeschlossen sind. Einige Jahre daraus lvar Brafmans Pasquill total vergessen. Die Juden hatten bald angcsangen, die russischen Schulen aller Kategorien zu fülle,i und auch in allen anderen Beziehungen ihren „Separatismus" so gründlich abzulegc», daß cs der russische» Burcaukratie zu viel wurde, und sic aus Mittel sann, diese» „Separatismus" »,jeder anslebcn zu lassen. Sie fand bekanntlich, das; Pogrome, Austreibungen, Mnigesctze, Numerus vlausus die beste» Nüttel dazu waren . . . Nun wird — wenn der Ankündigung die Tat folgt — der Verschollene von den Toten auferstehen und gewürdigt werden, in deutschen! Gewände vor ein europäisches Publikum zu treten, cingeführt von einem leibhaftigen Universitäts-Professor. In früheren Zeiten übersetzte man auS dcni Russischen ins Deutsche Schöpfungen der führenden Geister. Den Antisemiten war es Vorbehalten, russische Hintertreppenliteratur ins deutsche =) Man vergleiche Benjamin Segel: „Die russtschen Juden unter Nikolaus l. im „Morgen", Jahrgang 8, Heft 3. Philo-Berlag, Berlin. Publikum elnzuführen. De» Anfang machte inan mit den „Protokollen der Weisen von Zion", nun folgt das „Buch vom Kahal". Aber es fehlt ein Mittelglied. Der Geist, den Brafman geweckt hatte, wehte nämlich noch manches Jahr und erweckte einen neuen Propheten namens Hippolyt L u t o st a n s k i. „lieber den Gebrauch von Christenblnt bei den Juden ' verfaßte er eine Schrift und 1879 ein zweibändiges Werk „Der Talmud und die Juden". Dieser Schmöker, mit dem verglichen die um diese Zeit entstandenen Schriften von August Rohling wahre Fundgruben echter Gelehrsamkeit sind, geriet alsbald in Vergessenheit. Aber C. Butrui kündigte 1907 eine Nenausgabe davon an, und zwar in seinem Buch „Wragi roda tschelowjetscheskewo" (Feinde des Menschengeschlechtes), welches die andere Ausgabe der „Protokolle" enthält und das u. a. ermöglicht hat, deren Herkunft und Entstehnngszeit genau zu fixieren'). Man sicht also den wahren Zufanlmeuhang zwischen den Werken von Rilus und Brafman. «Küv «ettrmg des Srrdeutrrms itt KirAand." Unter der Uebcrschrist „Für Rettung des Judentums in Rußland" verbreitet die „Jta" in ihrem Bulletin vom 27. August das Rcsumv eines Leitartikels von Dr. Ernst S i in on im Frankfurter „Jüdischen Wochenblatt", worin die westeuropäischen Juden ausgesordert werden, die lüdische Kolonisation in Rußland mir unter der Bedingung zu unterstützen, das; die Sowjetregierung ihre Politik in bezug aus die jüdische Religion und den hebräischen Unterricht ändern wird. „Das Kokomsativnswcrk der Svmjetbchörden in Südrußland und der Krim", schreibt Dr. Simon, „verdient die moralische und nuri) die materielle Unterstützung der Wcltjudenheit, aber nicht die bedingungslose Unterstützung. Vielmehr sollen die vcrantlvortlichcn Führer der Judcnhcit i» Unterhandlungen mit der Sowjetrcgicrung treten und als Gegenleistung für jede Hilfe die Freiheit der religiösen und kulturellen Entwicklung verlangen." Hierzu wird uns von bestinsormicrter Seile geschrieben: „Bekanntlich hat in den letzten Jahren die auf mechanische Kominniilsicning der Wirtschaft hinzielende Politik der Sowjetregiernng eine erhebliche Milderung erfahren. Aus dem Gebiete des geistigen Lebens ldes Schulwesens u. dgl.) hingegen ist eine Einschränkung der Diktatur noch immer nicht zu verspüren. Wohl haben die religiösen Verfolgungen, lvie der Feldzug gegen die Kirche, längst ausgehvri; der christliche ebenso wie der jüdische Gottesdienst ist sreigegebe». Ans dom Gebiete der Jugouderzichimg jedoch herrscht noch immer die loimnmiistische Doktrin. Offenbar läßt sich in der Schule viel leichter erperimcnticre» als i» der Fabrik ... .< Diese Frage ist indessen eine allgemeine russische, und es mutet komisch an, ivcnn man, lvie Herr Tr. Simon, in dein Verbot dcZ jüdische» Neligiviisuiiterrichts eine besondere „Judenpolitik" erblickt. Tie nutisemitischc Behauptung, ivvnnch die bolschewistische antireligiöse Politik die jüdische Religion v e r s ch r> n t hätte, i st, w i c sie de r Ei ng e w c i h t c w c i st, g r u n d fa ls ch. Ebenso unzutreffend ist anderseits die Annahme, das; die jüdische Religion eine strengere Behandlung als andere Religionen erfährt. Rach Lage der Dinge sind A u s n ah m c u zugunsten der jüdischen Religion unmöglich. Sie würden auch unter den gegebenen Lcrhältnijsen sür das allgemeine Wohl dcS russischen Judentums wenig förderlich sein. Wer jedoch eine erfolgreiche Intervention zugunsten der jüdischen Religion für möglich hält, müßte überlegen, ob man nicht dein russischen Juden damit schließlich einen Bärendienst er- Herr Dr. Simon weist auf die jüngst erfolgte Kundgebung dctz griechisch-orthodoxen Patriarchats hin, worin es der Sowsetregicrimg -gegenüber strengste Loyalität verspricht und die Geistlichen ziir Ausgabe jeglicher politischer Opposition ansfordcrt. Herr Dr. Simon spricht hierbei die Vermutung aus, daß die Sowjetregiernng dem Patriarchat eine Gegenleistung versprochen hätte, nämlich eine Al>- schivnchnng der antireligiösen Propaganda ». dgl. Gesetzt nun, daß diese Vermutung zuträse, waS solgt daraus? Doch nichts anderes, als lvas Herr Dr. Simon selbst ciusführi: „Acndcrt sich aber die gesamte ReUgionSPvlitik in Rußland, so muß sich auch das Verhalten gegenüber den Jude» ändern." Die Ausführungen des Herrn Dr. Simon sind insofern richtig, als die Repräsentanten der jüdischen B c r c i n i a u n - gen in jeder den Verhältnissen Rechnung tragenden Form auf eine A e n d e r u n g der allgemeinen russischen R e l i g i o n s P o l i t i k nach M ö gll i ch k c i t hinzuwirken haben. Jedenfalls ist die analoge Anwendung de? Begriffes „Gegcnlcistnng" in diesem Zusammenhang nicht ani Platze. Die Hilfe der JOINT, deS ORT und der 1CA gilt einzig den russischen I n b e n. ‘ , Die jüdische Kolonisation ist eine der wirksamsten Maßnahmen, wirtschaftlich haltlose jüdische Massen vor dem Untergänge zu retten. Wie kann mau angesichts dieser Tatsache Forderungen stellen, die zn dcr Kouseguenz führen: Da die Sowjetregiernng dem russischen Inden keine Gewissensfreiheit gib!, wollen wir dem russischen Inden keine materielle Hilft gewähren!" ... i Zion", Berlin,

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