Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom deutschen Theater. Von Julius Bab. Zu den völkischen Legenden, die so unablässig und so laut vo>> getragen werden, das; sogar die Inden sie vielfach glauben, gehört die Behauptung, dass das deutsche Theater gänzlich „verjudct" sei, das; eigentlich als Spieler und Leiter dort nur noch Juden zu finden seien. Diese Behauptung ivird in der Regel gestützt durch eine Anzahl jüdischer, oft auch nur jüdisch klingender Rainen, die naturgemäß einen ganz erdrückenden Eindruck machen, solange man nicht mit ihnen zugleich die sehr viel größere Zahl der nichtjlldischcn Namen nennt. Wenn man sich aber, statt in bequemer Laune ZusallSeindrncke zu verallgemeinern, in dem harten Bereich der Tatsachen nmsieht, 'so ergibt sich ein ganz anderes Bild. Zunächst, was die Schauspieler betrisst, so ist in der großen unentbehrlichen Masse der kleinen Leute, des schauspielerischen Proletariats, der Anteil der Juden überraschend gering — ivas wahrscheinlich mit ihrer stärkeren Fähigkeit znr Selbstkritik und der daraus folgenden Möglichkeit ziisninmcnhäiigt, sich von einer aussichtslosen Existenz abzulösen. Verhältnismäßig groß ist die Zahl jüdischer Schauspieler im Mittelstand — dort, >vo es sich um die Chnrgcnspicler der ersten Bühnen oder iim erste Kräfte mittlerer Bühnen i>n Reich handelt. Aber in jener Oberschicht, auf die e? ja eigentlich ankommt, die allein die ivirlsamc Gestalt zeitgenössischer Schauspielkunst Prägt (denn alle schwächere Schauspielkunst ist ja sehr bald nur Nachahmung der prominenten!), in dieser Oberschicht ist der Anteil der Juden sehr viel kleiner, als man im allgemciiien aiinimmt. Da der Begriff des „Prominenten" ja nicht scharf abzugrcnzcn ist, und man auch nicht das Reckst hat, in zwetselhastcn Fällen nach dem Stammbaum zu fragen, ist cs natürlich schwer, hier genaue Zahlen zu geben. Aber nach ziemlich gründlicher Neberlegnng glaube ich sagen zu können, daß unter den führenden delitschen Schauspielern kaum ein Drittel (unter den Schauspiclerinucn vielleicht etwas mehr) jüdischer Herkunft ist. Wenn also die zahlenmäßigen Vorstellungen des Anteils der jüdischen Schauspieler an den deutschen Bühnen sehr eingeschränkt .werden müssen, so bleibt dennoch niilcugbar, daß au der Entivickliiug 'der deutschen Schar,spiekknust seit drei Generationen jüdische Künstler einen sehr wesentlichen Anieil haben. Vom Standpunkt der deutschen Kultur aus aber kann in keinem Falle behauptet werden, daß von diesen Künstlern jemals spezifisch „jüdische" Entwicklungen inauguriert worden sind. Sie standen immer in einer Bewegung, die als Ausdruck des Zei tb e dü r f n i s s c 8 vom Leben der ganzen Nation gefordert wird, und die von Inden »nd Nichtjudeu gleichmäßig getragen wurde. Als das Wiener Burgtheaicr durch seine letzte große Zeit vorbildlicher Schauspielkunst die Abschieds- Höhe des noch unproblematischen Bürgertums verklärte, standen neben den Inden Sonnenthal und Lewinsky „urgcrmanische" Künstler, wie Baumeister und Krastel. Als mit dem Beginn der inneren Revolution der Naturalismus auch in der Schanspielkiiiist auskam, war der Jude Emanuel Reicher Bahnbrecher und : aUcrfünbcr, aber ganz unjüdische Schnnspioler, ivie Rittner und die Else Lehmann, Vollender der neuen Kunst, Nnd noch am Ende brachte; biefe schauspielerische Epoche nebeneinander zwei schauspielerische Phänomene stärkster Art hervor: den Elemcntarjnden Schildkraui und den Deutschen reinsten Blutes Albert Bassormann. Und an der gcgemvärtigen Entwicklung haben neben so typisch „germanischen" Schauspielern, wie Kayhler, Steinrück, Klopfer, Janmngs, Werner Kraus, Juden, wie Kortner, Ernst Deutsch und der geniale P a l l e n b e r g, Anteil. Gleiche Bolksschicksale in gleicher Zeit lassen hier Juden und Wchtjuden um neue Ausdrucks,»vglichkeiten deutscher Schauspielkunst kämpfen. Nur vom jüdischen Standpunkt <n,S liegt ja ein wirtlich auffallendes Phänomen vor: beim aus dein Gebiet der Schauspielkunst haben es tatsächlich viel mehr Jude» zu erstklassigen Leistungen gebracht als im Bereich irgendeiner anderen Kunst, wo sic sich zwar jmit gleichem Eifer einsetzen, aber lehr viel seltener zu wirklich (schöpferischen. führenden Werken anssteigcn. Es gibt allerdings ein Muz besonderes Verhältnis des Judentums zur Schauspielkunst. Das (hat gar nichts mit der bei dieser Gelegenheit immer zitierten Kunst (Wischer; „Anpassung", R,Verstellung", „Beweglichkeit" zu tun; denn Schauspielkunst ist ja, im Gegensatz zum Vermnndlimgskunststück des Varietömenschen, keine Verstellung, sondern durchscheinende Wahrheit, immer neue Ausprägungs- Möglichkeit eines reichen Jchs. Aber mit der urtümlichen Ar! dieser Kunst, die noch den ganzen Menschen mit allen Organen ungeteilt ergreift und unmittelbar in ihren Dienst zwingt, dürste cs Zusammenhängen, daß künstlerisch befähigte Juden eher in der Schauspielkunst als in einer anderen zum höchsten Ziele kommen! -Zn: dieser Kunst ist die Gefahr viel geringer, der ihre intellektuell Aberstark entwickelte Art sonst so leicht erliegt: die Gefahr, ini Virtuystschen, im Spezialistentum eines einzelnen Organs zu erstarren. Der Schauspieler, der mit seiner ganzen Existenz arbeiten muß nnd dessen Rolle ein anderer, stärkerer, der Dramatiker, immer wieder in 'ein Ganzes zwingt, der Schauspieler kann sich glücklicherweise sehr viel schwerer als ein anderer Künstler von jenem dumpfen Gesamtgefühl entfernen, ans dem allein künstlerische Leistungen jeder Art wachsen, .: Anders, und wohl mehr mit den rein geschichtlichen Bedingungen zusammenhängend, unter denen die Juden erst vor kurzer Zeit in Reichspräsident v, Hindenhurg 80 Jahre alt! Mit Verehrung gedenken wir des SO. Geburtstages **nsei es Reichspräsidenten. Wir erblicken in ihm das Vorbild unbedingtester Pflichttreue, die bis zum letzten, ob im Glück oder im Unglück, die Vollendung der übernommenen Aufgaben durdiführt. Wir sehen in ihm den Geist der lleberparieilichkeit, der erkennt, wie die Zerrissenheit innerhalb des deutschen Volkes nur durch Ausgleidi der Gegensätze überwunden werden kann. Wir schätzen an ihm das Gefühl für Gerechtigkeit, der einem Jeden Deutsdien ohne Rücksicht auf Religion und Abstammung seinen Anieil am gemeinsamen Vaierlande sicherzustellen bestrebt ist. Wir kennen die grossen Sdiwierigkeiten, mit denen unser Reichspräsident zu redmen hat. Wir wissen, wie der Geist der Verhetzung auch an seine Türen pocht, um u. a. auch unsere berechtigten Forderungen an Staat und Gesellschaft zurückzudrängen und uns in den Augen des Gesamtvolkes zu verleumden. Niemals, das wissen wir, wird der Reichspräsident diesen Stimmen Folge geben. Er sieht vor uns als eine Persönlichkeit, die, durchdrungen von der Heiligkeit ihrer Aufgaben, bis aufs letzte für das Wohl aller Bürger unseres Siaates eintreien wird. Gott sdnitze und erhalte unseren Reichspräsidenten J die europäische Kulturgemeinschast cingctrcten sind, anders steht es um die Gründe, die die Inden im besonderen Maße zum Mittlertum in den Künsten befähigen. Dazu gehört im Bereiche des Theaters ebenso wie der Thcatcrkriiiker auch der Organisator des Thenterwescns. der Direktor. Aus diesem Gebiet ist die jndcnscindliche Legende besonders stark und besonders unsinnig. Daß so gut wie alle Theater Deutschlands in jüdischen Händen sind, heißt da eine „ganz bekannte" Tatsache. Dabei steht fest, daß bis zur Revolution nenn Zehntel der künstlerisch ivichtigen deutschen Bühnen, als Stndttheatcr und Hosthcater, grundsätzlich für jüdische Leiter gesperrt waren, und an diese,n bösen Prinzip hat sich trotz einiger sichtbarer Ausnahmen bisher keineswegs sehr viel geändert. Natürlich wurden die jüdischen Talente, die es auf diesem Gebiet gab, zusammengedrängt ans die vcrbnltiüsmnßig kleine Zahl von Privattheatern, die es in Berlin nnd Wien und einigen anderen deutschen Großstädten gab. Diese waren und sind allerdings zu einem sehr erheblichen Teil in jüdischen Händen. Daß aber die Geschichte des deutschen Theaters im letzten Mcnschenalter wirklich sehr stark von jüdischen Bühnenleitern geformt worden ist, das hat nichts damit zu tun, daß den oft viel besser ansgestatteten, viel sorgloser arbeitenden großen Bühnen der Städte nnd Staaten diese viel kleinere Zahl der Privatthcatcr gegenüberstand. Das kommt beinahe ausschließlich daher, daß die Führung im deutschen Theaterwesen seit 1885 an eine einzige Berliner Privatbühne überging, daß das ,D e u t s ch e Theater' in Berlin dreimal, unter L'Arrongc, unter Otto Brahm, unter Max Reinhardt, den Stil deutschen Bühnemvescns bestiimnt hat. Diese drei Männer waren Inden, und inan konnte als vierten in der Reihe Leopold Jeßner nennen, der, jetzt allerdings an der Spitze der preußischen Staatstheater, zum Viertenmal einem gewandelten Zeitempfinden den geforderten Biihncnansdruck gibt. Dabei aber steht Jeßner, so wenig wie seine Borgünger, allein, er steht inmitten einer Zahl von Borläufern, Mitarbeitern nnd Nachahmern, die großenteils durchaus nicht Juden sind, nnd es erhellt, daß diese deutschen Inden als Theaterleiter keineswegs eine spezifisch jüdische Cache durchgesctzt haben, sondern daß sie mit einer besonderen Begabung (zu der auch ihre jüdische Herkunft einen Beitrag geliefert haben mag) einen Ausdruck geschaffen haben, der vom Geist und Wesen der Zeit dringend gefordert war. So haben sic mit den Thoaterformen, die sie entwickelten, zugleich dem notwendige» geistigen Wachstum der Nation Lust geschaffen und sind wohlverdient um die ungeteilt einheitlichen Interessen der deutschen Kultur, Verlag u. Schristlcltimg: Lenlralverein deutsch: StaatobÜrger jtid. Glauben» «.33., fcctin SW 08, Ltndenstratz- 13. Für d, Echriftlcit. veranlw.i Dr. Ludwig o l l «n b e r, Berlin SW 08, - Druck: R udolfMosse, Berlin SW 08.