Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ßvfenin'ii und objektiv«» AnSdcnteii der Tatsachen radikal gehindert haben. Und damit ist auch sachlich daS Wesentliche gesagt. Nur um P a ß v c r g e h e » handelt es sich, und nicht u m Mädchenhandel! Herr Dr. Kundt muß selbst zugcben, dich fci»c_ Best ra f» » g wegen Mädchenhandels in D c n t s ch! a n d e r I o l g t i st I Und bei den siins Fällen, in denen ihm ans polnischer Seite aktenmäßig Bestrafungen wegen Mädchenhandels nachgewiescn nwrden lind, verschweigt er leider die Namen! Oder paßten diese nicht in sein System? Herr Dr. Kundt klammert sich daran, das? „du nicht unbeträchtlicher Leit der Echmnggelfälle auch weibliche Personen, darunter auch alleinreisende Mädchen, betraf". Er schließt daraus, „Laß dies des öfteren zu unsittlichen Zivcckcn geschah'. Soweit Jüdinnen in Betracht kommen, ist der Schluß sehr iveit hcrgehvlt und sel>r leichtfertig! Ohne bestreiten zu wolle»., daß Einzcliälte dieser Art möglich lind, liegt es doch meist umgekehrt! Bei der entsetzlichen jüdischen Armut in Osteuropa, bei der Arbeitslosigkeit ans allen Gebieten, fürchten jüdische Mädchen der Prostitution anheiinzusalkeu rind wenden sich ins Ausland, um fiel) ehrlich durch ihrer Hände Arbeit z» ernähren. Da mm die Paßkosten in Pvlcir ganz ungeheuer hoch sind, kommen sie heimlich über die Grenze. Mir sind in meiner Fürsvrgetätigkcit schon sehr viele Fülle dieser Art begegnet, und man dark sagen, daß sehr oft die illegale Grenzüberschreitung eine Fluchs vor der U»sittl i chkoit bedeutet! Dem Den! scheu Ratio n a l k o m i t e e u n d s e i n e m S e k r e t ä r k a u u aber der Vorwurf nicht erspart werde». Dinge vor den Internationalen Kongreß gebracht zu haben, die in i t s e i n e n A n s g a b e n n i ch t d a 8 a l l e r g e r i n g st e z n tun haben, mit Dinge, die Mißstim m n n g gegen die Inden, insbesondere die Ostjnden, erregen mußten. Dw jüdischen Teilnehmer am Kongreß haben in London nicht in aller Oessentlichkcit gegen das unerhörte Vorgehen des Deutsche» Naiionatkmnitces zur Bekämpfung des Mädchenhandels Stellung genommen. Im Bewnßtscin, daß die Beleuchtung einer solchen judcnfeindlichen Gesinnung für deren Träger eine Schande bedeutet, haben sie im höheren Interesse der Ehre des deutschen Namens vor dem i n i e r n a t i o n n l e ii Forum und den Vertretern des Auslands geschwiegen. Sofort nach ihrer Rückkehr haben sie die jüdischen Organisationen in Deutschland veranlaßt, alle crsvrderiicheii Schritte zu unternehmen, und es ist gewiß nichts versäumt worden, waS zur Ansklärima des Falles und zur Richtigstellung bei den verantwortlichen Stellen dienen kann. Wir hoffen. daß diese mmwchr zur Rechenschaft gezogen werden. Im folgenden widerlegt eine durch ihre amtliche Stellung mit dem Tatsachenmaterial besonders vertraute Persönlichkeit den öericht im einzelnen r Schon tu der Einführung zu dem Bericht des Herrn Dr. Kund«! über seine Reise vom 23. bis 30. Novcmler 1020 wird daraus hmgewiesen, daß die ., „hnaiplsächlich über die Grenze drängenden Qstiuden, getrieben von der Rot ihrer Heimatländer, und In der Hoffnung, in Tcntschland Geschosst zu machen, daS Mittel der Bestechung „im Zwecke des illegale» Greii;übertr!t-tS in jeder Form anznwendcn verstanden und viele, teilweise neu eingestellte Beamte l» den schwere» Jnslalivnszeilen diesen Versuchungen unterlegen sind." „ Der Berichterstatter hat also wohl etwas von der Rot der Juden in ihren Heimatländern gehört, aber trotzdem sind sie für ihn nur »ach DeiiNchland gekommen, um hier Geschäfte zu machen. Von den os!jüdischen Arbeitern im Ruhrgebict, den osijüdischcn Landarbeitern in der Uckermark, den vstjüdischrn Schuhmachern und Schneider» in den Städten hat er nichts gehört. Aber sclbstvcrstündlich ist es für ihn. daß „die Ostjnden" durch Bestechung von Beamten die Grenze überschritten haben. Um diese Behauptungen z» erhärten, bringt der Berichterstatter eine Anmerkung, die hier wörtlich iviedergegebe» ivcrdcn Toll, weil sie charakteristisch für die leichtfertige Art ist, in der hier nui Zahlen operiert wiro, die längst als falsch widerlegt sind: „Nach der Denkschrift des RcichSministrnnmS des Inner,, an den Reichstag ans dem Jahre 1922 (Nrühsdrucksache Nr. -Ml, I. Wahlperiode 1920/22) sind tu den Jahren 1018—1920 mindestens fiO 000 Cfljnden nach Deutschland gekommen, Für das Jahr 1923 wurde vv» sachverständiger Seite ihre Gesamtzahl in Deutschland ans -100 000 angegebe», von denen mit Beginn der Währungsstabilisierung ein sehr erheblicher Teil indessen dem sinkenden Franken, nach, hanp,sächlich in der Richtung nach Belgien und Frankreich (etwa 300 00») und nach Uebcrsee (etiva 50000) weilerzogen. In Berücksichtigung der häufigen Wledercinreisen »nd dcS nie anshincnden ZustrisseS ans dom Osten dürste die Zahl von annähernd 1l«000 jetzt (1920) in Tcntschland dejindticher Ostjuden die rlchtige sein Tie Zahl der unangemeldet ini Jahre 1920 in Berlin ivvhnendcn Ostjnden winde damals von Polizeiamt-licher Seite mit 50- bis 70 000 angegeben. Das? der alleixvößte Teil dieser Zuwanderung über die grüne Grenze oder sonst mg dem Wege des Menschvnsämmggels unberechtigt geschieht, ist bekannt." Deinzusvkge sind also in den Jahren 1918 bis 1920 mindestens 80 000 Ostjnden nach Deutschland gctvmmen, in Berlin allein aber sollen nach einer Anstunft von „polizeinmtlicher Seite" im Jahre 1920 50 000 bis 70 000 Ostjudcii sich nnnngemewet brsnndcn haben. Es wird dem Verfasser dev Amnerkung schever satlen, den Beweis kür diese Polizeiamtliche Behauptung z» erbringen, denn abgesehen davon, daß sich dcmn sämtliche, nach der Dcntschrist de? Reichs- Ministers des Innern gezählten Ostjnden nnniigeincldct in Berlin besuiidcn haben niiissen. wird doch niemand ernsthaft behaupten wollen, daß eine so große Zahl Menschen bei den im Jahre 1920 ziemlich streng d u r chg e s» h r tc n Meldeo r s ch r I f t e n für Ausländer sich n n n n g e in e l d o t „ Berlin ans halte» konnte. Ans der glelcheii Höhe der Sachlemitnls steht auch die Behanptniytz von „sachverständiger" Seite, daß sich im Jahre 1920 400 000 Ostinden in Deutschland befunden haben. Davon sollen 300 000 nach Frankreich und Belgien gegangen sein. Rn» besinden sich nach Schätzungen der verschiedensten Seiten in Frankreich ungefähr 50 000 Ostjnden, in Belgien mir ein Bruchteil dieser Zahl. Wo sind also die anderen mindestens 225 000 Ostjnden hingelvmmcn? Lebe,, auch sie nnnngemeldet? Ein weiteres statistisches Kunststück ist die Behauptung. daß sich im Jahre 1926 in Dentfthiand nngesähr 100 000 Ostjnden befanden. Wie sieht diese Feststellung im Lichte des Ergebnisses der im Jahre 1925 stattgcfimdeneii Volkszählung aus? Ein vsscnbnr nnbcfnn^cucr Beurteiler, Rcgirrnngsi-at Dr. Karl Wagner (Berti,i), beruhtet darüber in der „Vossischen Zeitung" vom 7. August 1927: ..Ein in mehrfacher Hinsicht recht iuterelianlcs Bild ergibt die Entwicklung des jüdischen Vollsteilcs, Tie Gesamtzahl der Israeliten ist von 535000 aus 581000 oder um 29 000 gestiegen, DaS entspricht einer Zunahme »>» 5,5 Pivzcnt, beträgt also merklich weniger als die GcsmntbevöikcrnngSznnahme (8 Prozent). . . . Die Zahlen zeigen aber, daß daS Ausmaß der Zuwanderung von Ostjuden bisher osteubar überschätzt worden ist. Wenn mich bekannt war, daß ein Test der vstjüdstchen Einwanderer über die westlichen Grenzen Teutschlands wcitcrgewandcrt ist, so ist Pech die im Endeffekt auf Rechmmg der Zuwanderung zu setzende Verstärkung des jüdischen VvllSterlS unerwartet niedrig. Bei der Boiirtcilung dieser Frage wird übrigens vielfach übersehen, daß die jüdischen Zwvandcrer nicht mir miS Polen, Rußland und „Galizien", sondern vor allem wohl mich ans den abgetretenen Qslprvrinz:» deS Deutschen Rcülws stammen, die, wie bereits erwähnt, auch im übrigen das Hauptloniingent der außerordentlichen chlwaiidermig der Nachkrügsjnhre slelltrn. Ii» Verhältnis zur Gesamtbevolkermia haben die Juden ihren für 1010 sestgestclsten Anteil von 0,9 Prozent ungefähr behauptet." Negicrnngsrnt Wagner stellt mit Recht fest, daß ein Teil der jüdischen Zuwnnderer "nuS den abgetretenen Gebieten stammt, daß cs sich also hier mit D cu t s ch c h a n d c l t, dienus i h re r L i e b c zum Deutschtum ihre alte Heimat verlassen haben,- oder zählt Herr D r. Kundt auch diese Pioniere des D c n t s ch t n in s i m O st e n zu den eilige >v a n d e r t e n O st j n d e n? Den Hanptleil dieses Berichts — zlvei bolle Druckseitcii — ividmct der Berichtcrstallcr den sogenannten Menschenschmnggelprozesjen, die in den Jahren 1923 und 1924 in Oberschlesien stattgesunden haben, offenbar von dem Wahn befangen, daß der größte Teil der von ihm gezählten 400 000 Inden dank dieses Schmuggels Über die Grenze gekommen ist. Diese Behauptung entkräften am besten die Ansfnhruiigen, die Dr, Paul Nathan in diesen Blättern (Nr. 9 vom 23, Februar 1924) zur Frage des Menschcnschmuggcls machte: „Vor mir liegt ein Aktenstück, aus dem hervvegeht, daß bereits im September 1922 — also über sünsvicrtel Jahre vor dem Prozeß — die Pvliici in Benthen auf diesen Mcnschenschmnggel hiiigcwiescn werden ist. Don wem? Etiva von AiMemilen oder etwa von dem Herr» Olbgevrdncten Negenborn? — O. »rin! Wohl aber von der Zweigstelle de? Arbeiterfiirsorgennites der jüdiichcn Organikalloneii TeiiffchlaiidS in Benthen: also drnische Jude» haben die deutschen Behörden ans diese Gesehesverlctznngen aufmerllmii gemacht. Tie deutschen Juden verlangen von den Behörden, daß inan Juden wie jeden Menschen humurn behandelt, aber sie sühlen sich zugleich vcrpslichiot, ans Cesetzesverletzungcn mit dem Finger nachdrücklich hinzuweistn, gleichviel, wer die llcbcrtreiunge» begeht, eb Inden oder Christen." Hieraus ergibt sich, daß es gerade jüdische Stellen waren, die die Behörden zum Einschreiicn gegen die Kreiizschnniggler veranlaßt haben. Aber vielleicht ist Herr Tr. Nathan für Herrn Dr. Kundt nicht maßgeblich genug. Wir wollen also die Meinung der in den Menschenschmuggelhrozesscii die Antlage vertretenden Staatsanwaltschaft hören. In der Anklageschrift IV I 1092/23 findet sich folgender Absatz: „Es sei im übrigen hierbei erwähnt, daß aus den Angaben bcS Zeugen Kreutzbergcr (Geschäftsführer der Jüdischen LlebeitSsürsorgs Benthen) einwandfrei hervvrgeht, daß die Jüdische Arlwitenürlorgestelle in Benthen in Lbcrschksien sich jiändig bemüh! hat, den Btenscheiischmugglerir ihr Handwerk zu legen. Sie hat nicht nur die Obcrbehördcn ständig ans dem tausenden Über da? Anwesen der Men sch e nschn m ggler gehalten, sondern auch der örtlichen Poll;el In Benthen mehrfach Fingerzeige gegeben, die zur Ergreifung von Mcnscheiischnnigglern geführt halten, wenn nicht, was das Bersahren 9.1.007/23 der Staatsanwaltschast gegen LabuS und Genossen ergeben hat, ein Teil der Beulhcncr strinrinalpolizel mit den Menschcnschinugglern insofern gemeinsame Sache gemacht hätte, als sie arge» Entgelt über daß Treiben der Alcnschenschmugglcr lünwegsaheu," Was aber die Zahl der so über die Grenze geschmuggelten Personen betrifft, die jn nach Meinung des Dr. Kundt in die Himderttausende geht, so finden wir genaue dlngabrn hierüber in der Antwort, die der Herr R c i ch s in i n i ste r des Innern ans eine Anfrage dem Abgeordneten Graes (Thüringen) in dieser Sache erteilt hat, und die wir der „Deutschen Tageszeitung" vom 7. SNärz 1927 entnehmen: ES ist richtig, daß an der potinschZchlesischcn Grenze b!8 etwa Mitte vergangenen Jahres eine ziemlich starke ostjüdisch« Einwanderung