Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Madchenhandel-MnschenschmWel-OAjudenftage. Der Reisebericht öes Herrn Regierungsrats Dr. Ruiröt. rAtif der Londoner Konferenz eur Bekämpfung des Mädchenhandels wurde vom „Deutschen Nalionalkomltee zur Bekämpfung des Mädchenhandels" ein Bericht über die Grenzbereisung nach Deutsch- und Polnisch-Obcrschlcsicn verteilt, der sich in einseitiger, von Voreingenommenheit nicht freier Tendenz speziell mit der Ostjudeneinwanderung nach Deutschland befasst. Diese Tatsache ist uns bereits seil Wochen bekannt; wir hielten uns aber nicht für berechtigt, sie früher der OeffentlichUeit zu übergeben, ah bis wir in der Lage waren, jede einzelne Anschuldigung beweiskräftig en widerlegen. Im folgenden geschieht das von genauen Kennern des Tatsachenmaterials sowie von amtlicher Stelle. Vas flrbeiterfürsorgeamt Serlin gibt zum öericht öes Deutschen Natlonalkomitees zur Sekänipfung öes Mädchenhandels folgende offizielle Erklärung ab: Der Bericht des Deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels über die Bereisung von Deutsch, und Polnisch- Obcrschlesien in der Zeit vom LZ. bis SO. November 1926, der die Erage des Mädchenhandels kaum erwähnt, sowie die aus diese Reise izugnehinendcn Stellen des Jahresberichtes des Deutschen Nationalkomitees für das Geschäftsjahr 1926 sind dem Arbeitersürforgeamt .seit längerer Zeit bekannt. Eine eingehende Prüfung dieses Reise- Berichtes ergab: 1. daß der Bericht im wesentlichen aus falschen Boraussetzungeir beruht. Die statistischen Unterlagen, die die Behauptungen dcS Berichtes bekräftigen sollten, entbehren jeder Sachkenntnis und jeder Grundlage. Die gebrachten Zahlen sind mit Ausnahme der der Denkschrift des Rerchsministers des Innern entnommenen Erfindungender antisemitischen Presse« usden Jahren 192 2 und 19 28. 2. Der Teil des Berichtes, der den sogenannten Menschenschmiiggelprozchen in Deutfch-Oberschlesien gewidmet ist, enthält nichts, was nicht bereits in den Jahre 1923 und 1924 anläßlich der in Beuthen stattyefundenen Prozesse der breitesten Oeffentlichkcit bekannt war. Es ist schon an anderer Stelle darauf hingewiesen worden, daß gerade die Arbeitersürsorgestelle Beuthen wesentlich zur Bekämpfung des Me lisch en schm u ggels in Oberschlesien beigetragen hat. Die geschilderten Ereignisse liegen säst vier Jahre zurück und entbehren jeglick)er Aktualität. Der Berichterstatter ist dabei von dem Vorwurf nicht srcizusprechen, daß er als Grundlage für seine Behauptungen ossenbar ausschließlich antisemitische Pressenotizen verwandt hat. 3. Was den gegen die Arbeitersürsorgestelle Breslau erhobenen Vorwurf betrisst, so sei hier ein Schreiben deS Herrn Oberpräsiden-!cn für Schlesien an die Jüdische Arbeitersürsorgestelle in Breslau beigegeben: „Aus Ihr Gesuch vom 22. Juni 1924 bescheinige ich Ihnen gern, daß ich im Lause der letzten Jahre mehrfach Gelegenheit hatte, Ihre Tätigkeit kennenzulernen. Hierbei hatte ich stets den Eindruck. daß Sie ernstlich bemüht sind, den Be Hürden bei der Durchführung ihrer Ausgaben behilflich zu sein. Mich hat hierbei besonders die objektive Berichterstattung angenehm berührt; ebenso datz Bestreben, die mit den hiesigen Verhältnissen nicht vertrauten jüdisck/en Ausländer in günstiger Weise zu beeinflussen. Aus Ihren mir neuerdings abschriftlich übersandten Berichten vom 23. Januar 1923 und 7. Mai 1923 habe ich entnommen, aber auch von anderer Seite habe ich gehört, daß Sie mit Erfolg bemüht waren, die Neuoinivanderung einzudämmen und die Abwanderung so zu fördern, das; die Zahl der noch in Schlesien befindlichen Ostjuden stark zusammeng-schmolzen ist." 4. Soweit der Bericht sich mit den Verhältnissen in Breslau inr Jahre 1926 beschäftigt, sind seine Angaben nach Rückfrage beim Herrn Polizeipräsidenten in Breslau von diesem alS falsch bezeichnet. Eine weitere Widerlegung erübrigt sich daher. 6. Da die Reise des Vertreters des Deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels aus Grund eines Erlasses des Herrn Ministers des Innern vom 23. Mai 1925 möglich wurde, hat das Arbciterfürsoraeamt den Herrn Minister des Innern auf die unrichtige und das deutsche Ansehen im Ausland schädigende Berichterstattung des Herrn Dr. Kundt aufmerksam gemacht und darum ersucht, auch amtlich den Bericht des Deutschen Nationalkomitces einer Prüfung zu unterziehen. Vom Ergebnis dieser Prüfung wird daS Arbeitersürforgeamt die Ocffcntlichkcit noch unterrichten. Dr. §elix Goldmann (Leipzig) schreibt: Der „Siebente Kongreß zur Unterdrückung dos Handels mit Frauen und Kindern", der vom 28. Juni bis zum I. Juli in London stattfand, der auch von einer ganzen Anzahl jüdischer Delegierter besucht war, widmete sich ernster Arbeit. Und er wäre harmonisch ohne jeden Mißton verlaufen, wenn nicht a c w i s s e d e u t s ch c Kreise mit aller Gewalt auch diesen Anlaß zu einem bedauerlichen j n d e >i s e i n d l i ch e n Ausfall benutzt hätten! Wenn nachträglich in aller Oessentlichkeir aus diese Dinge hingewiese» wird, so geschieht cZ in erster Reihe darum, mm sie beweisen, wie deutsche Stelle» das Ansehen Deutschlands und des deutschen Judentums vor dem Ausland hcrabwürdigen. An sich wurde auf dem ivichtigen Kongreß von allen Seiten die Mitarbeit von Juden tinb jüdischen Organisationen bei der BMmpsung der Kiitturschande deS Mädchenhandels freudig und dankbar anerkannt. Das klang sowohl aus den Sätzen, mit denen der Präsident des Kongresses, Lord Aberdeen, dem englischen Oberrabbiner Dr. Hertz das Wort zu einer begrüßenden Ansprache erteilte, als auch aus der Rede des Bischofs von London, der sich besonders anerkennend über die jüdischen Bemühungen äußerte. Nur beim Deutschen Nationalkomitee zur Bekam psungdes Mädchenhandels — einem eingetragenen Verein, also einer absolut privaten Körperschaft — schien man anderer Meinung zu sein, den» cS ereignete sich der folgende säst unglaubliche Vorfall. Während der Konferenz wurde der Jahresbericht des Deutschen Nationalkomitees verteilt. Ihm lag ein „Bericht über die G r e n z b e r e i s u n g n a ch D e u t s ch - und P o l n i s ch - O bersch l es; en vom 2 3. bis 39. November 1926" bei. Verfaßt ist er von dem Schriftführer des Nationalkomitees, dein RegLern n g 8 r a t D r. Kundt. Das Schriftstück ist zwar als „vertraulich" bezeichnet, wurde aber öffentlich für alle Anwesenden ausgelegt, so daß es jeder mitnehmen konnte! Es stellt den Versuch dar, gewisse Hrenzüberschreitungen und Paßvergehen von Ostjliden mit dem Mädchenhandel in Bczichiing zu bringen. Im Hinblick ans Form und Inhalt konnte maii in der Verbreitung dieses Dokuments, das lediglich jahrelang zurückliegende Ereignisse wieder ausrollt, den Versuch erblicken, den Kongreß im judenscindlichcn Sinne zu beeinslussen. . ■ < Was enthält nun dieser Bericht? Herr Negierungsrat Dr. Kundt hat eine Reise nach Oberschlesien gemacht, er hat dort erfahren — was gewiß ccktemnäßig feststeht —, daß in den letzten Jahren eine große Masse von Menschen — unter denen naturgemäß auch Juden waren — heimlich über die Grenze gekommen sind; cs ist ihm mitgetrilt worden, was gleichfalls unbestreitbar ist, daß ein gewisser Teil der Vermittler dieser unerlaubten Grenzübcrschrcitimgen Juden seien. Daraus zieht er zunächst die Folgerung, daß dieser Menschcnschmuggel ein typisch ostjttdisches Vergehen ist. und er schwelgt förmlich in der Aufzahlung von Namen wie Israel Futterhändler, Pinkus Roscnsast und Chain; Faibuschewicz. Sachlich beschuldigt er dann die jüdische Arbcitcrfürsorge und auch andere Inden in Deutschland sowie deutsche Beamte der Beihilfe zu diesem Vergehen, schließlich aber - und das ist das allcrschlimmste - unterstellt er aus Grund einer bloßen Vermutung, ohne auch nur die Spur eines Be wc i ses dafür zu haben, daß diese illegalen Grenzüberschreitungen »rit dem Mädchenhandel in Verbindung Da der Bericht weithin Aufsehen erregt »nd zu ausführlichen Auseinandersetzungen innerhalb der beteiligten jüdischen und allgemeinen Organisationen geführt hat, so seien hier in Kürze e i n i g e grundsätzliche Bemerkungen gemacht: Daß zunächst Juden an dem Delikt deS unerlaubten Grenzübertritts beteiligt sind, soll gar nicht bestritten werden. Sie machen eben einen sehr erheblichen Prozentsatz der polnischen Grenzbevölkerung aus, und sic haben unter größter wirtschaftlicher Not und politischen Verfolgungen ungeheuerlich zu leiden. Sie bilden aber dennoch nur einen kleinen Teil derer, die ohne Erlaubnis über die Grenze gekommen sind. Es sollte doch einmal nachgeprüft werden, wie viele Menschen aus den baltischen Provinzen aus die gleiche Weise das deutsche Reichsgebiet betreten haben. Dr. Kundt gibt ja selber zu, daß mit den „Sachsengä ng er n", unter denen sich keine Juden befinden, in den drei Jahren 1925—1927 etwa 29000 (I!) Leute ohne oronungsgeinäße Ausweise „über die Grenz« hercingebracht worden sind, «in in Deutschland unterzutauchen". Mese neunundzwanzigtausend — die Zahlen bis 1928 teilt der Verfasser nicht mit — sind ebensowenig Juden wie die oben erwähnten Balten. Und da kann Herr Dr. Kundt es wagen, von den „hauptsächlich über die Grenze drängenden Ostjudcn" zu reden? In Wahrheit kamen diese jährlich nur noch Hunoerten — heute sind es vielleicht noch nicht einmal so viele — über die Grenze, während man die Nichtjuden nach Tausenden zählen kann. Die Freude an den jüdisch klingenden Namen dürft« dem Berichterstatter einen Üblen Streich gespielt haben und ihm am