Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 7 (Juli 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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I waren die jüdischen „Wettfinanziers"? Von Dr. Richard Lewinsohn. Großkapital und Judentum ei» und dasselbe? Beherrschen piden die Welt, weil sic b;e Träger des Großkapitals sind? Diese pn,.bic heute de» Augelpmilt des internationalen Antiseinitisinns n, werden auch von denjenigen Antisemiten, die sich ihr Ätetier i schwerer machen, genivljnlich daraufhin bejaht, das; inan knrzcridic NTimcn einiger prominenter jüdischer Bankiers in den ver- ^encn Ländern ancinanderreiht und so die These von der „jüdijFinanzhcrrschaft" zu „beweisen" sucht, TaS Verfahren ist gewiß ^äußerster Primitivität, aber man muß zngeben, daß cs auch ^erig ist, gegen diese unbewiesene Bchaiiptrnig den EegenbeireiS ähren. Tenn die antisemitische These ist so komplex und ireiljeisig. daß inan in exakter Weise eigentlich nie mehr als einen den Aiisselmitt anS dem gesamten Gebiet, eine Teilansicht des zen Weltivirtschaftsbildes erfassen kann. deshalb war cs für alle, die cut der sachliche» Nachprüfung der isemitischen These ein Interesse haben, ein glücklicher Zufall, daß gn diesem Jahr ans zwei großen internationalen Wirtschastskvnnzcn kurz hintereinander einmal Gelegenheit bot, die führenden ch'cter^des Großkapitals ans aller Herren Ländern einmal in irm social versammelt zu sehen und sie unter dem Kenn- „jiidisch oder nichtjüdisch" Revue passieren zu lassen, vier lichte »ran nun nicht mehr „geheimen Fäden" naehgngehen, die nach Anffassmig der Antisemiten von den dreihundert Großen der Ischen Weltfinanz gesponnen und fest in der Hand gehalten werden, hatte man die „Fadenspinner" und „Fadeiihaller" össentlicki beigen und konnte einwandfrei die Probe anss Erempel Yen. — Wie ist sie ausgefallen? Zunächst die erste und weltpolitisch bedeutendere der beiden Ber- Mtungen: die vom Völkerbund einbernfenc I n t e r » a t i v n a l e ir t s ch n f t S k o n f e r e » z , die iin Nlai dieses Fahre» in de» Mien des Völlerbimdes in Genf tagte. Annähernd zweihundert »gierte ans rund fünfzig verschiedenen Staaten nahmen daran , dazu uocl>^etwa sechshundert sachverständige. Unter den Telettcn und «achverständigen befanden sich etwa dreißig Gcwcrkistsvcrtrcter und über hundert aktive Beamte ans den Wirtschaftsartemcnts und Gesaiidtsci,asten der verschiedenen Staaten, die auch ginn großen Teil ihrem früheren Wirkungskreis und ihren önlichen Beziehungen nael; dem Großkapital nahostehen. Ferner tm einige Tutzcnd Landivirtschaftsvcrtretcr hiiizugezogen ivvrden schließlich einige Telegicrie der Gciivssciischastsbeivegimg. Der t, also die große Mehrheit der Konferenzteilnehmer, waren ,8 g c s P r v ch eiie Vertreter des Großkapital s. sthvn äußerlich konnte man in dem Bilde der Genfer Plcnarammlungen tvahrnehincn, loic selten unter den Teilnehmern der vereng ein jüdischer Typus war. Aber dieser Physiognomische druck konnte natürlich täuschen, gumal in einer Versammlung, in stso verschiedene Völker »nd Nassen dicht nebeneinander saßen, sin eine Durchsicht der aiiitlicheii Tcilnehincrliste ergab denselben sund. Jn^dcr deutschen D e l e g a t i v n befand sich unter den gierten sachverständigen kein ei n z i g c r Jude. In der dzösischen Delegation, die ziffernmäßig die größte war, weil die Knzosen an die fünfzig Experten mitgebracht hatte», befand sich ler den Delegierten ebenfalls kein einziger, unter den Sachvergbigcn c i n Jude. In der englischen Delegation war weder unter k, Delegierten noch unter den sachverständigen ein Jude. Unter |fünf Delegierten und zehn Sachverständigen ans den Bereinigten Griten von Nordamerika ivar allein der Direktor der staatlichen ^delsabtcilung, Julius Klein, jüdischer Abstammnng. In der enischen Delegation befand sich kein einziger Jude, in der japani- I Delegation natürlich ebenfalls keiner, und auch innerhalb der ßen belgischen Delegation gab es keinen Mann jüdischer Herknnst. blich verhielt cs sich mit der „Berjudnng" in den kleineren Delemien der Genfer Weltwirlschastskonserenz. Lediglich in der V j e t r n s s i s ch e n Delegation, die aber selbst Antisemiten von % wohl nicht als Vertreter des Finanzkapitals betrachten, war, Wstens unter dem Begleitpersonal, der jüdische Einschlag stärker, ft den fünf Hanptdelegierten befand sich aber mich bei den Nassen rin Jude (Sokolnikvfs). Demnach wird man, ohne völlige Bering der Wahrheit, auch nicht gut behaupte» können, wie es tat- 'dj aber jetzt schvn wieder in dentschnativnalen und völkischen er» geschieht, daß die antiprotektionistische», frcihändlcrischen Uh l ü s s e von G c n f von der jüdische» Hochfinanz und vom Yen Händlcrgcist diktiert worden seien.!>e Genfer Weltwirtschaftskonferenz ist allenthalben als ein Dt p a r l a m e n t angesehen ivvrden, dessen Znsmnmenselmng Mtsächliehen Machtverhältnissen und Grnppicrnngeii innerhalb Weltwirtschaft im wesentlichen entsprach, Nur zwei Einwände sich vielleicht dagegen machen: einmal, daß jeder Staat den siuh auf dieselbe Zahl, nämlich ans fünf Delegierte, hatte, was Praktisch tedentungslos war, weil cs ja in Gens nicht ans Mcchrlbstimnnmgcn anknm. Und der zweite Emivand: daß namentlich Amerika die g a » z großen Bankiers fehlten. Man Genf selbst die WeliivirtschastSkonferenz scherzweise ,.Io pnrle- ,53; ment des anciens" genannt, weil so viel alte Minister, Botschafter und andere Würdenträger a. D. dort versammelt waren, während die aktivsten Privatwirtschastlcr offenbar nicht glaubten, das Opfer an Zeit bringen zu können, um drei Wochen lang in Genf über Fragen der Gcsamtwirtschast zu beraten. Tiefer Einwand aber lässt sich nicht gegen die zweite große Wirt-' schaslslonferenz dieses Jahres erheben: gegen den Kongreß der' I n t c r n n t i v n a l c n H a n d c l 8 k a in m e r, der unmittelbar nach Genf, Ende Juni und Anfang Juli, in Stockholm tagte. Die Znsaminensebung der Stockholmer Tagung war. nicht so abgewogen wie die des Genfer Parlaments, die Zahl der Delegierten nicht fixiert, dazu kam, daß in der Internat! vnalen Handelskammer ohnehin Finanz- und Handelskapital stärker vertreten sind als das Industriekapital. ' Ta für aber nahmen an der Stockholmer Tagung nun auch wirklich aus allen grosstapitalislischen Ländern die hervorragendsten Führer!cil. während die Lnndwirtschaft, die Genossenschaste» „nd die Geloerkschaite» diesem .»reise nicht nngehoren, das angeblich so „werjudcte" G r v ß kapital war also hier „u n t e r s i ch". Aber auch in Stockholm war von einem jüdischen Einfluß oder gar von einem jüdischen Ilebergcwicht nicht allzuviel zu spüren. Tie hervorragendsten Vertreter des amerikanischen Großkapitals, der Ehrenpräsident der Internationalen Handelskammer, Willis H. B v v t h. der Vizepräsident der Gliarancki Trust Gvmpany, »nd der Präsident der ameritaniichen Gruppe, Diven D. F v n n g von der General Eleetrie Gompanp, sind kstichtsuden. ebenso wie die große Mehrzahl der anderen amerikanischen Kongressteilnehmer. Tie englische, die sraiizösisehc und die italienische Abteilung der Internationalen Handeislamincr sind fast volltvinmen ..jndenrein", »nd nur in der deutschen Gruppe führt ein Mann jüdischer Abstammung den Vorsitz, der Berliner Handelslammerpräsitent Franz v. Mendel sahn, dessen Familie sich freilich schon in der vierten Generation nicht mehr zum jüdischen Glauben belennt. Also auch in Ttoelholm ivüren die Verteidiger des wirychastlich bearündelen Annscmitismiis nicht auf ihre Nechnung gekommen. Tie große Parade der lapitalistischen Weltorganisation hat sich, ebenso wie das Wir!schaslsparlament des Böllerbnudes, zu einem nn zw e i d en t i g en B e we i s e geg en bi e a n k iiemitis ch e T l> c s e gestaltet. Denjenigen, die, überzeugt durch aniisemitisclie ..Argumente", bis her an die „Berjudnng" der WeUivir! schal! geglaubt lmben, müßte nach den Erlahrnngeii' von Gens und Stockholm doch eine andere Erkenntnis dämmern. Der Prästöent von Mexiko. Nntattp.lichc Mittel im religiösen Kampfe. A. M. In M c r i f o, dem klassischen Lande der Revolutionen, haben die Bestrebungen ans Trennung von Staat und Kirche zu einem K a m p s ge g cn bic katholi s ch e K : r d) e geführt,^ der Erscheinnngssorincn angenommen hat, wie man sie ans Chroniken und Eeschichtswcrken, die die Zeiten der Religionskriege in Europa schildern, i» Erinnerung hat. Es bedeutest keine Einmischung in die inneren Bcrhnltuisie eines fremden Staates, ivenn nur auch in dielen Blättern unserem Bedauern darüber Ausdruck geben, daß in einem großen und blühenden Lande ganze Klassen von Menschen um ihres Glaubens willen Gegenstand schärfster Verfolgung sind. Mehr alS die meisten Blatter hat auch ivohl dieses Organ die innere Berechtigung zu einer solchen Acußernug: denn seit seinem Bestehen gilt sein Kampf a 11 e n Berfoi g u » g c n, o i e lU c n s ch c n u m ihre s Glaubens willen erleiden müssen, lind unsere Haltung gegenüber den mexikanischen Vorgängen wird auch dadurch in keiner Weise schwankend, und unsere Ileberzengung von der Notwendigkeit der Glaubensireiheit wird auch dadurch nicht ins Wanken gebracht, daß in katholischen Blättern Deuischtands, und zwar teilweise in sehr angesehenen und iveitvcrbrciiekeii Zeitungen, die merkivürdigc Version auftancht, Präsident E a l l es, auf dessen Initiative die Bekämpfung der katholischen Kirche in so niigeincin scharfer Form vor sich gehe, sei Jude, sogar, was eine Steigerung bedeuten soll,, c i n g e >v a n d c r t e r O st j n d e. Tie Behaiiptnng wird wirklich, ernsthaft ausgestellt, und so sehr mau sie psychologisch auch verstehen, kann, ivcil es sich ja um einen beinahe durch Hebung gehcilrgten. Brauch handelt, dadurch die Berivorfeiiheit des Gegners zn ent-, schuldigen und seine womöglich ehrliche Meinung Zu diskreditieren, daß man ilfii znm Juden siempeit, so inipfvchologisch ist vs, Mittel des religiösen Hasses wiederum zur Abioehr eines Religionskampses zu verwenden. Nun trifft von Galles' Judeutmu nur eines zuihcr trügt neben seinen andere» Vornamen auch den: Elsas, und rme rege sitcportcrphaiitasie sieht in „En lies" eine raffinierte BuchstabciiauSivechslung von Elias. Die Herrschasten wissen nicht, daß der volle Name des übrigens katholischen Generals und jetzigen Präsidenlen lautet: P l n l a r c v Eli a s G alle s. Die Vorfahren des Präsidenten sollen ans Syrien in Mexiko eingewandert sein. ,Ans. der Tatsache altiestamentarischer Vornamen ans jüdische Herkunft zu schließen, dürfte ein recht begneines, aber ebenso unsicheres Mittel, sein. Denn die Vorliebe, Vornmnen ans dem .Kreise biblischer Pvr,-^ sonen z» ivählen, ist ja gerade in streng religiösen christlichen Ivrcisen iveit verbreitet. , ., »' Wenn die katholische Presse sich gegen in i t t e l a I t e r t l cq« Methoden der Belämpfmig der katholischen Kirche wehrt, so. die Berivriidliiig g l e i ch s a l l s mittelalterlicher Mittel hierbei wenig' geeignet sein, den Gegner moralisch ins Nnrccht zu setzen.