Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 7 (Juli 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2571117-2571131-2571138--169-2571473- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sf Voll den vier Gedanken der Malerei sind zwei tot, das heißt abgeschlossen, weil sie ihr Höchstes erreicht haben in einer Zeit, die nie wiederkvmmen kann. Zwei aber sind lebend geblieben, werden weiter gedacht, sind vollendet worden mW wirken in die Gegenwart hinaus. Und ein Fortscher dieser beiden Gedanken, einer der wenigen, in dein sich die Gedanken zu einer Einheit verschmolzen haben, — die Erd- und Wirklichkeitsliebc Hollands, seine phrasenlvse Andacht vor der Natur und die aristokratische Hingegebcnheit an den Zauber eines Malhandwerks, das keine andere Bescligung kennt, als die Gesänge des Lichts nachzusingen . . . einer der wenigen, der würdig und stark genug ist, diese beiden Gedanken fvrtznsehen und zu variieren, war: Mar Liebermann. Wenn man heute sein Werk überschaut — und mir ist wohl alles Wichtige davon durch den Augenschein bekannt geworden seit den drei Jahrzehnten, da es mich zuerst als eine der größten Ossenbarungen der heutigen Kunst fesselte —, so begreift man nicht, >vie cs einst so angefeindet werden konnte. Geiviß, cs ist modern, neuartig, cs verblüffte in einer Zeit, die anders s a h und anders malte. Aber es tvirkt doch ganz und gar a l t m e i st e r l i ch, ist verbunden mit jener Tradition, die die Museen pflegen. Es ist kein Zufall, daß Liebcrmaun zu Zeiten, da ihn die Tageskritik noch hart mitnahm, alle seine Freunde unter den MuMmsdirektvren hatte; und zwar nicht unter denen, die die modernen Abteilungen der Galerien leiteten — die keinen erst später! —, sondern bei denen, deren Interesse vor der Kunst des 19. Jahrhunderts eigentlich aufhörte. Ja selbst unter Archäologen, die überhaupt in der Kunst längst verklungener Zeiten lebten, hatte er Verehrer. Das sind die Leute die — außerhalb weniger Berufsgenossen! — zuerst für ihn eintmtcn, weil sic bewußt oder unbewußt den Zusammenhang und die Aehnlichkeit der Qualität fühlten, mit jenen groben Künstlern vergangener Tage, denen sie die Arbeit ihres Daseins gewidmet hatten. Eins aber hat mich stets an Liebermann in Erstaunen gesetzt: die unerhörte Zielbewußtheit seines Weges. Und dann die Entwicklung bis zum heutigen Tag ohne Rückschläge. Er tritt als fertiger Könner auf. Bon seinem frühesten Werk sagt Menzel: Man sollte es ihm um die Ohren schlagen. Ein junger Mensch von 26 Jahren hätte nicht so viel Talent zu haben. Und von diesem Werk an hat er vielleicht im Lauf von 55 Jahren einmal Dinge geschaffen, die nicht ganz auf der Höhe sind — jedes künstlerische Schaffen, ob es nun der Malerei, der Wortknnst oder der Musik gilt, verlaust in Wellenbewegungen, mit Wellenhöhen und Wellentiefen! —, aber n i e hat er Nebensächliches oder Gleichgültiges geschaffen, und n i e sich wiederholt. Und so stimmt für ihn, was Menzel damals nicht wußte, jener wundervolle Aphorismus, den ich so oft ans Liebermanns Munde hörte: „Mit 26 Jahren Talent haben, das ist keene Kunst, aber mit 62 Jahren Talent haben, det ist Kunst!" Oder, um es regelrechter auszndrückcn: nur die wenigen ganz Großen haben jene Kraft, in ihrer Begabung durchzuhalten; der persönlichsten Linie ihres Jchs treu zu bleiben; und ihr Wesen, immer weiter fortschreitend, in einer Reihe von Werken zu vollenden. Wo aber kommt dieses Wesen her? In seinem Urgrund wird solche Frage stets unbeantwortet bleiben. Genies sind oft sehr frühzeitig reif, und noch frühzeitiger haben sie ihr unveränderbares Ich. Sie sind eine Transformation ihrer Umgebung, ihrer Zeiistimmilng, ein Produkt ihrer Rasse und ihrer Erbmasse. Sie machen einen gewissen Weg, schmiegen sich dem und jenem an, der und jener beeinflußt sie. Aber — sie suchen sich unbewußt nur jene, die in ihrem Wesen konform sind. So ungefähr, wie die moderne Psychologie annimmt, daß wir nur das erleben, was in uns liegt; und daß wir nur mit den Menschen und Schicksalen zusammentreffen und sie lebensbestimmend sein lassen, die eben zu u n s gehören, während wir an tausend anderen Dingen und Menschen reibungslos und unbeeinslußbar vorübergehen. Also: Liebermann ist Jude, er ist Berliner, er ist Preuße mit märkischen: Einschlag, Sein ganzes Wesen ist deshalb prädestiniert für eine phrasenlose, sich vor Gefühl und Ueberschwang fürchtende, klar und sachliche Kunst, die etlvas nüchtern ist, aber von vorzüglicher handwerklicher Grundlage. Diese Kunst hat nie viele Meister hervorgebracht. Aber eine perennierende Kette starker Begabungen, denen alle eine gewisse Frostigkeit eigen ist, unter der sie die Echtheit und Stärke ihres Gefühles verbergen, Kleist-Naturen unter dm bildenden Künstlern. Man denke an Schadmv, an Chodowiecki, an Krüger und an Menzel. Und diese Linie ist auch eine der Grundlinien Mar Liebermanns. Wenn man zu ihn: kommt, empfangen uns an der Tür schon Menzelsche Zeichnungen! Er liebt SchM besitzt Krüger! Und Steffeck, der Pferdemaler, Krügers , war sein erster Lehrer. Und wenn auf den „Reite. Strand" die Pferde das Wundervolle und Unveral dieses Tieres in reiner Synthese haben, wenn man V, einigen Jahrzehnten mit Liobermann kauin über die Str gehen konnte, ohne daß er jedcin Reiter im Tiergarten naF so ist das immer noch eine Erbschaft von ehemals.? Iw seinem Atelier aber hängt eine frühe Kopie aus : 70a- Jahren, ein Ausschnitt aus einem der schönsten Bi! des Frans Hals. Und hier ist ihm zum crstemnal der B«, dcü bürgerlichen Bildnisses gegenüber der reprüsentaM .Kulisse des aristokratischen Bildes anfgegangen, und er h> ihn bis zmn heutigen Tage nie vergessen. Ein Maler d Frauen ist er nie geivesen. Ihm liegt das Vegetative der Frc. wohl, aber für all ihre Anmut, die Laune und den Esprit jhr^, Schönheit, für modische Grazie ist seine Kunst zu ernst. 3M aber ist er, von Hals kommend, „der" Maler der Männer J; worden; und zwar jener, die dem Leben im Zenit ihre Leistlingen stehen. Meist nicht mehr jung sind sic, oft soggschon alt. Der Maler solcher, die sieh, wie er, in konsequente; Linie gesteigert, entwickelt haben. Als er einen mir sehr nahe stehenden Herrn einst malte, jemand, der einen absonderliche, Weg imJstebcn genommen hatte, und, als Wissenschafter, er. wahrer r-elfmadcinan war, lud er mich ein, das Bild zu 6e*i trachten. „Wissen Sie," sagte er, ,.wa-s ich bei dem Bildnis rausbringcn wollte, so ungefähr das, ivas im Faust stetst: beit'! lieb ich, der Unmögliches begehrt". Und Männer solcher Art? sind der Typ, die Liebcrmanns Kunst am stärksten und einheit- >z tichstcn uns zu verdeutlichen vermag. Ich glaube, daß, wenn?' die Menschen des Frans Hals und Remdrandt heute leben' würden, sie nicht viel anders anssehen können, nur mvdisiz i e r t im Wechsel der Zeiten. Ein Mann, der einst eine Flotte" ausstattete, die nach Indien fuhr und nach Java, oder nach j China, ist im Eharattcr vielleicht gar nicht so weit entfernt;] von einem Geheimrat Rathenan, der die Weltfinna einer' AEG. ausbaute. Oder von einem Mann, der ans einem-. Nichts einer belanglosen Ansammlung verschiedenartiger.^ Kunstwerke eines der größten und übersichtlichsten Museen Welt schuf, wie Wilhelm Bode. Liebermnnn ist nie der Male der Fürsten und Generäle geivesen. Jenes Generalsbild der neuen Pinakothek in München steckt voller Ironie. Wohl?j aber war er stets der Maler der Bürgermeister und Stadt-" gewaltige». Genau so wie seine holländischen Ahnen.; Tann aber hängt in Liebermanns Atelier ein großer un-Z vollendeter Manet und eine Kopie von ihm nach dem Bildnis-, des englischen Schriftstellers Moore von Manet, jenes Freundes', und charmanten Sängers des Jmpressionistenkreises. UndZ der wundervolle Helle Manet, das Mohnblumen selb, eins Bild, das so licht und frisch ist, als ob ein Loch in die Wand; geschlagen wäre, durch das man in die Landschaft hinaus^ blickt, hängt unten in irgendeinem seiner Salons. Damit jedoch haben wir die ganzen Linien, die zu ihm führen: wir haben die preußische Traditivn, die von Schadvw, von Krüge Menzel, Steffeck zu ihm geht. Die der Sang seines Blutes " Wir haben die holländische Ueberliefernng, die Andacht und die Hingegebenheit an die Dinge, die sind, an die Welt, besteht, und die auch im Unscheinbarsten das Schönste uv Letzte ist, das wir kennen, schöner und reicher, als alles Gaule bild der Phantasie. Liebermann hat selbst das Bekenntnr geformt: „ein gemaltes Bund Spargel (er ist ja auch Besitzer des berühmten „Bund Spargel" von Manet) ka ebenso schön sein, wie alle Madonnen Raphaels." Und endlij als Letztes, eben von Velasquez herabsteigend über die grüß französischen Impressionisten fort (die eigentlich erst in d 90er Jahren begannen, seine Pallette zu lockern!): der Li.o gcsang, die Helligkeit und die Freudigkeit jener 2em bejahung, die doch etwas Südländisches hat, und, puritanischen Wesen des Holländers für das eine , graue Melancholie, wie sie im Wesen Josef Israels lebt, i bezeichnend ist wie ein Mangel an Ueberschwang ~ Letztes: das Weltmännische jener aristokratischen Malepp All das hat sich in Liebermann untrennbar mit Wesen amalgamiert, hat sich ganz in ihn eingeschmo ihn gemodelt und gesonnt, ohne daß sein Ich ze dar' Er ist n re der Maler einer Schule gewesen, er ist tn Liebermann gewesen, verwandt der großen Kunst er hak sich nie an Dinge verloren«, die außerha gabung «lagen. Und er ist durch diese kluge SeM geblieben, der er war, und geworden, der er rst.z)