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Central-Verein-Zeitung · 1927-05-01 · Heft 5 (Mai 1927) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 5 (Mai 1927)
Date
1927-05-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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3$ Gegenüber dieser ablehnenden Hallnng breiter und führender Schichten ist es für die Danzigcr Juden von ganz besonderer Wichtigkeit, sich nicht in ihrer Mitarbeit mn Danziger Kultnrlebe» berintrüchtige» z» taffen. D > e Sache des Deutschtums ist nicht zuletzt in D n n z i g in die Hände der deutsche » Juden gel egt. Denn ihnen füllt die Ausgabe zu, bei ihrer Acrnüttlung zivischcn Deutschen und Polen für dns Deutschtum zu >verbeu. Aus der einen Seite die in Danzig eingesessene» Inden, auf polnischer Seite diejenigen Inden, die im Mittelalter vor den Bcrsolgniigeu der staatlichen Mächte in dns damals gastfreie Polen flüchteten und dort treu ihr mittelalterliches Deutschtum belvahrteu. Sic bilden die Brücke von Ost nach West, sic bilden gleichzeitig dns ergänzende (Slement in der jüdische» Gemeinde Danzigs, deren Ausgabe darin besteht, mit den alten Danziger Inden und mit den zahlreich »ach Danzig abgelnanderten deutschen Inden ans Posen und Brvmberg jene neuen Znlvanderer ans Polen zu vcrschinelzcn, die in der Nachkriegszeit nach Danzig mit dem Wunsche kamen, hier eine nelic Heimat zu finden. Die Erfahrung lehrt, das; die deutschen Inden die Kraft besitzen, diese neuen Gcmeindcmitgliodcr der deutschen Kultur zu gewinne,, und sic im Lause weniger Generationen zu Mitarbeitern am deutschen Kulturleben zu machen. Mit dieser Arbeit der Assimilation, der Heranziehung von mißen hinznkommcndcr Inden zur deutschen Kultur, erfüllen die Danzigcr Juden eine außerordentlich bedeutsame Aufgabe im Interesse des dentscl)e» Jndentmns lvie des Deutschtums überhaupt. Hier ist eine lvichtige Pforte zur deutschen Welt, ,md von der Stnndhastigkeit der Männer und Frauen, die an dieser Pforte wachen, hängt es ab, ob wertvoller Zustrom oder schädliche Einflüsse ihren Einzug halte». Solange die Danziger Inden sich ihren Zusammenhang mit ihrer deutschen Heimat lebendig erhalten, werden sie für diese Aufgabe, der Anglcichung des Neuen an das eigene Kulturgut, mit Erfolg walten können. Deshalb ist es so wichtig und un crl äßlich. daß immer wieder Freunde aus dem Reich nach Danzig k vmmen und deiS Band mit den in Danzig in schwere r A n st e n a r b e i t st e h e n d c n M e n s ch e n i n n i g e r k n n p f c n. Dns ist die Bedeutung der Danzigcr C. V.-Tagnng für die Danziger Jude», deren sich die Gäste erinnern mögen, wenn sic durch die alten Gassen Danzigs, in seinen Wäldern und am Strande der Danziger Küste wandern. Dann ivird ihnen ans der Berührung mit diesem politisch von Deutschland getrennten und ihm innerlich verbimdene» Boden, wie dem Riesen des alten Mythos, neue Kraft erwachsen. Moses Mendelssohn in Berlin. Bon Dr. Kaeber, S t n d t a r ch i v d i r e k t o r der Stadt Berlin. Blntüberliefcrte Kräfte und Antriebe der äußeren Welt formen die historische Persönlichkeit. Aus dem armen kleine», von frühester Kindheit an durch einen strenge» Vater in die cngnmsch'.vssenc Welt talmndistischcr Gelehrsamkeit eingespvnnenen Desjaner Juden wäre nie der bedeutendste deutsche Popnlnrphilosvph seiner Zeit, nie der geistige Erneuerer seines Volkes geworden, hätte nicht in seiner Seele leidenschaftlichster Drang zu geistiger Erpansiv». verbunden mit seltener Reinheit des Herzens, gelebt, hätten nicht dem Bierzehnlührigen sich die Tore Berlins, des Mittelpunktes nvrddenischer Aufklärung, geöffnet. Als des Kantors Mendel Sohn Moses 174;> durch das den znwandernden Inden allein erlaubte Rose.nlhaler Tor, dem geliebten Lehrer, dem zum Obcrrnbbiner in der Hauptstadt ernannten Rabbi Frankel, folgend, die preußische Residenz betrat, lag gewiß noch nicht wohlgeebiiet der Weg znm Ruhm vor seinen Füßen. Aber daß er schon im nächsten Jahre den entscheidenden Schritt ans der Enge erstarrter Uebcrliefening tun, daß er die dem fronunen Inden verbotene deutsche Sprache lernen, daß er von diesem Besitzinm ans sich den Zugang zu den Schätzen europäischer Bildung eröffnen, daß kr 1751) in dem Dernhardschen Hanse das Ende der sünsjiihrigrn Entbehrungen und die Mögtichteit der Entfaltnng finden konnte, alles das war doch nur i» Berlin denkbar. Nicht daß die Hauptstadt des philosophische» Königs das Dorado der Freiheit geivcscn wäre! War mich Lessings bitteres Wort überscharf zngespitzt, das Preußen das sklavischste Land Europas nannte — abgesehen von der Freiheit, Sottisen über die Religion zu sagen —, so war doch noch in dem Privileg des Jahres 1750 für die Berliner Inden von einer Lockerung der einschnürenden sozialen und politischen Fesseln nichts zu spüren. Allein die Tatsachen waren stärker als die Paragraphen des Regie,nents. So wenig Sympathie Friedrich II., hier seine», Vater gleich, für die Inden empfand, er brauchte sie für die Wirtschaftspolitik, die seine Hauptstadt zum Zentrum einer „»abhängige» Preußischen Industrie erheben sollte. In den, gewerblichen Grvßniiternchmer erwuchs dem Berliner Judentum eine neue soziale Schicht, die Reichinm mit von Staat und Gesellschaft geförderter und anerkannter Arbeit verband. Es ist kein Zufall, daß Mendelssohn im Hause des reichen Seidenfabrikanten Bernhard, eines Vertreters also der führenden Industrie des 18. Jahrhunderts, die materielle Basis seines Daseins fand, die ihn vom Hauslehrer über den Buchhalter znm Teilhaber der Firma einporschrcitcn ließ. Ei» Jahrzehnt des Ringens um geistige Celbstbesreinng lag hinter Mendelssohn, als ihn der universal gebildete, doch nicht z»»> Wirken ins Weite berufene jüdische Arzt Dr, Gvmpertz dem Main, bekannt machte, der die latenten Kräfte des seiner selbst »och nicht Sicheren entbinden sollte, Lcssing, der im gleichen Jahre 1729 geborene Protestantische Pastvrcnsohn ist es, der in dem Sohn des jüdischen Kantors „eine Ehre seiner Nation" erkennt, einen z,weiten Spinoza in ihm ahnt. Er führt, von gleichem Willen „ach M n h r h e i t gepeitscht, durch gleiche» Hang z u,n b e f I n g e l - ten Gespräch beglückt, fast gewaltsam de» zweiten durch die Bervsfentlichnng der „Philosophischen Gespräche" i» die deutsche Literatur ein. Er verbindet sich mit ihm zu geistiger Gemeinschaft und menschlicher Freundschaft, er stellt ihn als Gleichberechtigten in die geistigen Schlachten des Jahrhunderts. Im sollenden Jahre, 1755, bringt Lcssing den neuen Kampfgenosse,, z» Friedrich Nicolai, dem „och nicht zum Litcraturpapst abgcstempelten Haupt des geistigen Berlins der Aiifklürnngscpochc, in dessen „Bibliothek der schönen Wissenschaften" die nächsten Arbeiten des jungen Philosophen erscheinen. Die erste schöpferische Periode Mendelssohns ist angebrochen. Die früheste „literarische Großtat Berlins", die von Lessing gcschaffenen „Briefe, die neueste Literatur betreffen", sehen Mendelssohn an der Seite des kritischen Geistes der deutschen Literatur, sichre» ihn z„ den Problemen der Aesihetik. Erster Verkünder von An rkcs wegweisender Schrift über das Erhabene und Schöne, bleibt er sreilich als Philosoph gegenüber Kant nur ein Anreger, als literarischer Kritiker gegenüber Herder trotz mancher feinen Bemerkung zu stark vom Verstand beherrscht. Aber seine Gespräche, seine „Briese über die Empsindnngcn" (1757) und der an sie cmkiiüpsende Briefwechsel über die Tragödie mit dem nach Leipzig übcrgesiedelten Freunde lege» den Kci», znm Lnokoon in Lcssings revolutionäre Seele. Die Wendung zur Aesihetik bleibt eine vornbergehenide Erscheinung in Mendelssohns produktiver Arbeit. Sei» Blut und die am tnlinndislischen Stndimn genährte Liebe zur Spekulation führe» ihn bald zur Nt e t a p h y s i k zurück. Bon der englischen Pilosophie, von Locke »nd Shastesbnrh befrnchiet, wird er durch die Verbindung verstnndesklarcn Denkens mit anmnligcr Darstellungslnnst, er. der Jude, zum w c i t c st w i r k c n d e „ deutschen B c r k ü » d e r der Philosophie eines L e i b n i z und Wolfs. Kein eigentlich origineller, schöpferischer Kopf, sammelt er die philosophischen Erkenntnisse seines Zeitalters, um sic in sclbstgeprngter Form znm geistigen Besitz der Gebildeten zu machen. Im Jahre 1708 erhalt Mendelssvhn mit seiner Arbeit über „Die Evidenz der metaphysischen Wissenschaften" den ersten Preis der Berliner Akademie für die Lösung der von ihr ansgeschriebenen Ansgäbe. Sie ist der Auftakt zu seinen Hanptschriften, zn dem „Phädon", zu dem am stärksten in die Znkuiist weisenden „Jerusalem oder über religiöse Macht und Inden" »nd zu dem Buch seiner letzten Tage, den „Morgenstunden". In ihnen allen offenbart sich die innige Berblindcnhcit ihres Verfassers mit dem geistigen Antlitz des Berlin seiner Zeit. Der Verteidigung des Deismus, der natürlichen Theologie Wolffs mit ihrer Anerkcminng der Unsterblichkeit der Seele und des Daseins Gottes, sind „Phädon" und „Morgenstunden" gewidmet. Und indem er, ohne verschwommen zu werden, mit der Kunst des echten Schriftstellers und mit der Wanne des religiösen Herzens den trockenen Paragraphen des philosophischen Systems Leben einhancht, wird er die vielleicht wirksamste Ursache dafür, daß im gebildeten Deutschland des 18. Jahrhunderts nicht der französische Materialismus, sondern der cnglisch-dentsche Deismus den Sieg behauptet. Dem großen Gedanken der Toleranz, nusgesührt bis in seine letzte» Kvnsegnenzen, bis zur Treimmig von Staat und Kirche „nd bis zur Leugnung jeder kirchlichen Zwangsgcwalt gelten die zwei Bände seines „Jerusalem", die „Verkündigung einer großen, obzwar langsam bevorstehenden »nd sortrückenden Reform", wie Kant dem Autor schreibt. Alle diese Werke ft,chtcn das Ohr jede? Gebildeten, gleich welcher Religio,,, Ivelchen Stammes. Doch wollte Mendelssohn deshalb keineswegs Kosmopolit sein, er wollte Deutscher sein, cr schrieb deutsch und beklagte bei den herrschenden Klassen ihre „unglückliche Liebe für die französische Sprache", wenn cr auch, >vic jeder gebildete Berliner, Wert auf die Kenntnisse des Französischen legte; cr »ahm »ach deutscher Art einen Familieiniamcn an. Aber er wollte gleichwohl Jude bleiben. Die lvcnig geschmackvollen Bckehrungsvcrsnche Lavaters wies er mit ruhiger Bestimmtheit zurück. Dem Gedanken, seine Glaubensgenossen zu deutschen I n d e n z » erziehen, galten s e i n e U e b e r - setz» »gen der fünf Bücher Moses, der Psalmen und d es H o h c n L i e d es. Durch sie wie durch den persönlichen Einslnß in seine,» geselligen Hanse in der Spandaner Straße 68 gab er das Beispiel, wie man Jude bleiben und doch der deutschen Kultur sich hingcbcn könne. Das „Jnif i Berlin", das er seinen, Namen ans dem Titelblatt einer „Phädon"-Uebersetzung znfügte, war doch nicht so sehr Reklame, wie der sonst wohlwollende Erich Schmidt meint, sondern die kurze Formel eines Lcbensprogramms. Es zeigt

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