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Central-Verein-Zeitung · 1927-04-01 · Heft 4 (April 1927) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 4 (April 1927)
Date
1927-04-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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31 Das NeEI, sich alS Deutsche r« fühlen. Vvn Hermann Bahr München). Vorwort der Tchristlcitiiiitz. Wir ticrüffentUcTien mit besonderer Stellte die so lebcnssnsch gesclniebeiikii Gedanken und Eriimcrnnac» einer Persönliclilcii vom Range Hermann B a l> r 3 über Juden tmb Judentum. Es ist für imscicn Leserkreis überaus werivvll, zu ersehen, wie sich einem Beobachter lute Hermann Bahr die jüdischen Fragen, insbesondere die innerjüdischcn Gegensätze, darstclien. Die Eüilnsisolgcrnngen Hermann Bahrs veranlassen uns zu der selbstverständlicher, Festslellungr ilnsere Zugehörigkeit zum deutschen Volke ist fite unS nicht eine Frage des Werdens, sondern des Sei n s. — Es lväre dringend erwünscht, das; die deutliche und bilterernsle Anklage Hermann B-rhrs gegen die Jahre hindurch so häusig propagierte „Z w e i v a t e r l ä n d e r - T l, e v r ie" in jenen Kreisen Beachtung sände, die allzuoft die von uns längst erkannten, imvci ineidlichen Wirkungen einer solchen Selbsteulrouizelung im deutschen In meiner Vaterstadt, dem srenndlichcn Linz an der Dona», gab es, als ich ein Kind tvar, einen einzigen Inden. Er hatte die Brüctenmant in Pacht und überdies noch einen roten Bart, und iven es verdroß, beim Passieren über den Strom in die Tasche nach den, schutdigen Obolus greisen zu inüsscn, der rächte sich, über den roten Judas murrend. Doch mein Pater verwies mir das, cs >var ein eifriger Liberaler, nud zu de» Grundsätzen dcS österreichischen Altlibcralisnius gehörte die Tnldsamkeit gegen alle Bckcuuiuisse, die sich bisweilen fast zu einer gewissen Vorliebe für die Inden steigerte, zuiual in Orten, >vo es keine gab. Dieser österreichische Liberalismus meinte sich überdies vor allem zmn Kampfe gegen die „Klerikalen" berufen, und die paar Inden in den Landstädten schienen ihm lviilkvmmene Bundesgenossen, sie galten als Muster freier Gesinnung und nachahmenswerter Betriebsamkeit. Ans dem Linzer Ghinnasiuni hatten wir in meiner Klasse einen einzigen jüdischen Kameraden, er fiel nicht auf, er war uns gleichgültig. Im Oberghinnasiiiin zu Laizbnrg hatten wir keinen jüdische» Mitschüler, aber dafür einen getauften Inden znm Direktor, eine» milde», wenn auch etlvas überängstliche» Herrn. Bon allen, Antisemitismns unberührt, ja, nicht einmal ahnend, das; es derlei gab, kam ich an die Wiener Universität und trat, von Jugend ans'sehr deutsch gesinnt »nd nun noch Vvn der nationalen Erregung aller österreichischen Deutschen, die sich eben damals von den Slawen bedroht z» fühle» begannen, ersaht, einer Burschenschaft bei, die sich bald darauf, dem Beispiele der anderen folgend, für nntiscnlitisch erklärte. Mir junge» Fuchse wurden gar nicht erst befragt, >vir sahen noch nicht im Konvent, ivir hatten nicht »litznstiinmen, lvir hätten übrigens natürlich zngcstimmt, denn cs gehörte damals eben dazu. Das erste Opfer war Theodor Hcrzl, der, bisher wohlgcliticn, ja schon durch seine hohe Gestalt, seinen Geist und die Kühnheit seines gern etwas diktatorischen Wesens lMvorragend, nun eines Tages lakonisch verständigt ivnrde, sich als entlassen zu betrachten. Dieser Beschluß des Konvents war ans Antrag eines Inden erfolgt, eines hinreißend begabten, aber fast dämonisch von einem wilden 'Drange, stets in allen Dingen »naushaltsam bis zu», Aenhcrsteu z» gehen und unerbittlich alle Folgen bis ans Ende zu ziehen, gedrängte», von allen Kameraden mit solcher Ehrfurcht bewniidcrten, so herzlich geliebten Jünglings, daß sie seiner Forderung, sich antisemitisch zu erklären, mir unter dem ausdrücklichen Borbehalt znstinnnte», ihn selbst von den Wirkungen auszuschließcn, den» er habe Proben genug abgelegt, lein Jude zn fern; er gab nach, ans Liebe zur Burschenschaft, und erschoß sich bald daraus; das schien ihm vssenbar die einzige Lösung seiner inneren Bedrängnis. Indessen ivar ich »„, einer ans de», Tranerlommers der Wiener Ltndenienschast znn, Andenken Richard Wagners gchaltenen, angeblich nnpntriotischcn Rede von der Wiener Universität relegiert ivorden und ging zur Fortsetzung meiner Studien nach Ezernvivitz. Es gehörte damals dort z» den Uränchcn der nicht eben zahlreichen denischcn Studenten, beim Heiniweg Vvn der Kneipe Inden anziirempel». An dieser Sitte nahm auch ich zniveilen teil, und von einem meiner Opfer wurde mir einst mit den, Wnnderrabbi Vvn Sadagvra gedroht. Ich ivnßte gar nicht, ivcr das ivar, ich hatte nie von ihm gehört, Was man >»ir nun über ihn erzählte, reizte mich, und als ivir Iviedcr einmal beim Frühschoppen saßen und irgendwie das Gespräch ans ihn kam, siel mir ein, einmal mit eigene» dingen zn sehen, ivas für Wunder denn so ein Wundcrrabln eigentlich kan». Und schon ivar ein Wagen besorgt, den ivir reichlich init Weinflaschen versahen, und lachend, zechend, mit Peitsche;; knallend, jagten ivir durch den klaren Wintcrtng dahin. Es da,»inerte schon, als ivir beim Wnnderrabbi Vvrsnhren und, ein durch unser Geheul anfgeschrccktcs, blasses Jüngl wegschicbend, in die dunkle Stube drangen. Ein alter Mann erhob sich, höflich fragend, >vns die Herren Studenten wünschten. ,,Tcn Wnnderrabbi sehen!", gab ich zur Antwort. Er>erwiderte, sich leise mit offenen Armen neigend; „Bitte!" Und c8 begann ein tiefes Schweigen. .Mir ivar, als stünde das Alte Testament in Person vor mir. Er schwieg. Auch meine Gefährten schloicgen. Und es verdroß mich, daß auch ich schivicg. Der Redet unserer Trunkenheit ivar ans einmal weg. Ich dankte höflich, wir legten eine Gabe hin, er neigte das Haupt, und am liebsten hätte ich ihm die Hand geküßt. Es verdroß inich sehr, und ans der Heimfahrt tobten wir >vie die wilde Jagd dahin. Ich war i»8 Herz getroffen, der Rabbi hatte meinen Lebensnerv berührt; m c i n G e s ü h l s ü r g r o ß e F o r m. Seitdem gelang es mir, ivic oft ich cs auch iioch versuchte, nie ivicder, ein richtiger Antisemit zn sein; (Snmicnuuj an den Wnnderrabbi kommt mir immer dazivischeu. Ich ging dann nach Berlin, um Nationalökonomie bei Adolf Wagner und Gustav Sch in oller zn hören. Es ivar ei» großer A»gr»l>lick: B i s in n r cf ivar eben daran, die kaiserliche Botschaft vvn 1881 auSzndenten und nnszndeh»en durch die Forderung einiger Tropfen soziale» Ocls, ivovon er sich einen leichteren Gang der Stantsinaschliie versprach. Er mahnte den Bürger a» die Drohung Friedrichs des Großen; ,,.1o serai Ie roi des gueux.“ Dns ivar das Stichwort für die nene Jugend, die, dein Bürgertiiin ciitstmiiiiiend, bürgerlicher Gesinnung »nn innner mehr entwuchs. Sie samnielte sich im Verein deutscher Studenten, und ein junger Neserendnr, der Leiter ihrer Zeitschrift „Kysshäuser", gab der nenen Gesinmmg den Namen „Naiionnlsvzial". Ter Referendar hieß W o l s g n ii g H e i n e, wir lernten einander bald kenne» und wurden Freunde fürs ganze Leben. Jener Verein deutscher Stndente» hatte zunächst einen antiscinitische» Beisatz, ivir versäninten selten eine Rede Stvcker 8. zn dem sich ja auch mein verehrter Lehrer Adolf W n g n e r eine Zcitlnng hielt, aber als dann Nationalsozial in Auflösinig geriet, indem cs sich immer mehr vom Sozialen schied »nd dafür dns Naiiviialo, vom Sozialen losgelöst, ins Nationalistischs steigerte, schlugen wir uns zur Gegenseite, wir bewahrte» nicht bloß unseren Lvzialismns, ivir wurden, lote Jugend iininer gern »ach exlrenieii Eiitschcidnngcn drängt, Sozialdemokraten. So ivaren ivir genötigt, auch ans den Nest antisemitischer Stinnnnng in, Gemüt zu verzichten, ivir schwuren jn formt ans Karl M a r x. Ich mußte dann von Berlin fort, »m daheim mein Frciwilligcnjahr nbzndienen, ging nach diesem zunächst ans ei» Jahr nach Paris, dann nach Spanien »nd Marokko, bis mich Arno Holz in di« Redaktion der von ihm init Brah m und S. Fischer begründete» „Freien Bühne für modernes Leben", die jetzt die „Nene Rundschau" heißt, berief. Am 1. Mai 1890 traf ich ivicder in Berlin ein, anderthalb Monate, nachdem der neue Herr den lästigen Bismarck in den Sachsrinvnld heimgeschiekt hatte. Ich erkannte mein Berlin nicht ivicder. Es Ivar nicht mehr dns alte. Nicht, daß es sich verändert hatte, wunderte mich, sondern daß es von seinem angestammten Wesen nichts mehr wissen, allen Sinn der Ileberliefernng nun durchaus verleugnen zn ivvllen schien. Mit der Zeit fand ich freilich mein geliebtes altes Berlin schon ivicder, aber gerade dort, wo es zu suchen mir am wenigsten eingefallen märe: bei Jude n, besonders aber bei I ü d i n » e n. Ich ivnrde gewahr, daß Juden, richtige Juden, ihrer Ueberlieferiing getreue Inden ein durchaus konservntibes Element sind; gewohnt, die Branche der Väter tre» zn hüten, immer aus der Hut vor Veränderungen, von denen sie nie wissen können, ob es nicht Bedrohungen sind, halten sie gern am gesicherten Alten beharrlich fest. Ich fand dns von Fontane bestätigt, einemunverdächtigen Zeugen, der, wen,, er auch fand, „daß eine rein nationale Entwicklung, ivie sie sich in manchen Teilen Skaiidinaviens findet, das Schönere wäre", sich dennoch der „Tatsache" nicht verschloß, „daß uns alle Freiheit und feinere Kultur hier in Berlin vorwiegend durch die reiche Jndenschast vermittelt wird", ja, daß „das gesellschaftlich höher potenzierte Berliner Leben iminer nur ein Juden-, ivill sagen JüdiiNienIcben gewesen ist". Ja, Fontane ging so ivcit, an den Inden einen „eigentümlichen Jdealzug" zu finden! Der Kreis voriichmer Jüdinnen, in dem ich damals verkehrte, hat mir das bestätigt, lind wie denn überhaupt in mir die Begabung mitz» lieben beträchtlich stärker ist als die Begabung mitz »hasse n, blieb ich seitdem von allen antifeinitischen Anwandlniige» geheilt. Ich kam ja bald daraus nach Wien zurück und lernte Schnitzler und B e e r - H o s s in a » », diese hohe n Beispiele reiner Menschlichkeit, kennen, achten und lieben. In den neunziger Jahren sprach Theodor Herzl, auS Paris heimgekehrt, ans dem Heimweg von seiner Redaktion gern bei mir in der Günthergasse vor, und wir gingen dnnn oft noch eine Stunde lang im Mniennbendsonnenschein um die leuchtende Votivkirche herum, das nnerschöpsliche Thema des Zionismus unermüdlich behandelnd. Ich fand ja den Zionismus zur Stärkung des jüdischen Selbstbewiißtseins ganz probat, ohne nur aber recht vorstellen zu könne», daß es den Inden mit der Auswanderung jemals ernst werden könnte, ivornnf er mir iminer von neuem wieder beteuerte, daß zmn Wesen, ja schon zn», bloßen Begrisse der Nation ein Bater- . land gehört. Ich erwiderte bann stets Vvn neuem: Sie sind doch nicht bloß 'Jude, Sie dichten deutsch und beweisen sich dadurch alS Deutscher. Oder war die N n h e l L e v i n, die Freundin Alexanders von der Marwitz, der Karvline Humboldt und des Fürsten von Ligne, leine Deutsche? Woraus er stets prompt erwiderte: Sie mag sich als Deutsche gesuhlt'haben, und von ihren Freunden mag dieses Gefühl auch anerkannt worden sein, aber damit ist noch nichts entschieden, denn iveiin ihr irgend je in and das Recht bestritt. sich eineDentsche zn nennen, hätte sie verst n m in e n ni ü s s e n. Wer aber erst schön »m Erlaubnis bitten muß, von den Deutschen aus Gnade zugelnssen zu werden, stets gewärtig, daß ihm das Recht dazu bestritten werden kann, ist kein Deiitjcher! Und kann denn überhaupt irgendein Mensch zwei Vaterländer haben? Der emderras de richcssc ist zn groß! Wer wählen

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