Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 4 (April 1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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30 frau Sr. Uiüemloiff splicht? Dr. Mathilde Lndendorss, gcb. v. Kemnitz, hält in allen Teilen Deutschlands judc»seindliche Vortrüge, die natürlich um des Namens der Rcdnerin willen anherordentlich stark besticht sind. Unter dem Mantel der Wissenschaftlichkeit spricht sie von „Nasse" imb „Tnlmnd" u. a. m. In Hannover stellte sie neulich germanisches und jüdische Eher echt in einer daS Judenlimi herabsetzenden Weise gegenüber. Zn diesem Bortrage, der in der „Niederdeutschen Zeitung" ausführlich besprochen ist, schreibt uns ans unsere Bitte Rabbiner Dr. Cfchelbacher svüsselöorf): Frau Dr. Lndendorss, bclannt durch die Schriften, die sie als Nervcnärztiii unter ihrem Mädchennnmcil N! n t h i l d e v. Kemnitz veröffentlicht hat, hat in Hannover einen Vortrag über „Das Weib und seine Bestimiming" gehalten. Mit grossem Stolz schildert sie hier die Stellung, die daS Weib bei den Germanen gehabt habe. Aber eine reine, von Hast und Groll befreite Freude an der eigenen Vergangenheit ist dem Bölkischcu nicht möglich. Die beglückende Erinnerung an seine Väter ist bei ihm immer'mit aufgeregter Verlästerung, mit gehässiger Verzerrung anderer Art verbunden. Nur auf andere scheltend, kann er sich des eigenen Besitzes freuen. Diesem Schicksal ist auch Frau Ludcudorss nicht entgangen. Das germanische Wesen hat sich nn Laufe seiner Geschichte nicht rein ans sich heraus entfaltet, sondern in gewaltigem Ausmaß srcmden Geist in sich ausgenommen und nach ihm sich geformt. Es erfuhr und erfahrt die stärkste» Eiiiivirkmige» und innerlichen Veränderungen durch das Ehristcntimi, unter dessen Hülle aber auch durch unsere hebräische Bibel, mithin auch durch die Thora, durch jüdische Frömmigkeit. Diese Enttvicklung der gcrinanischcn Seele und ihrer Schöpfungen ist der tiefe Schmerz deS Völkische». Er jammert darüber und slncht heute »och Kml dem Grosse», der dem Ehristentmn den endgültigen Sieg bei den deutschen Stämme» gebracht hat. Auch Frau Dr. Lndendorss kämpft erbittert gegen die „Lüge, das; aus dem Osten alles Licht der .Uultitr gekommen sei". Sie stellt das Judentum als den Verderber der echten deutschen Art hin. als den bösen Geist, dem das germanische Weib seine angebliche Entwürdigung verdanke. Aber mit dieser Bchmiptung verstößt sie gröblich gegen die historische Wahrheit. „Es besteht » ach j ü d i s che in Sy n a g o gc n g es e tz heute noch die Ungeheuerlichkeit, das; in dem Augenblick, in dein das gesetzlich mündige Mädchen sich cmschiclt. durch Eheschlusr sich dein höchsten lind heiligsten Bcruso — der Mutterschaft — zu ivcihcn. es vom Staate ciiliiiüiidigt ivird, ähnlich dem Geisteskranken und dem notorischen Säufer." Dieser Satz mit seiner bösartigen Karikierimg iliisereS deutschen Rechts und seiner grotesken Entstelliing eines natürlichen lind berechtigten Gesetzes ist i» seiner Uinvahrhaftigkcit selber schon die beste Widerlegung von Frau Dr. Lndendorss. Dem, er ist sachlich durchaus ilnrichtig. „Dieses llligeheuerliche, iindeutsche Gesetz" ist in Wirklichkeit echtes, nrdcutsches Recht. Das Bild von der rechtlichen Stellung des WcibeS bei den Germanen aber, das Frau Dr. Ludeudorsf ciltivirft, ist 31,111 guten Teile reine Phantasie, das Wunschbild einer Vergangenheit, ivie sie sie gerne hätte, ivie sic aber nie gcivescn ist. Zum Erlvcis berufen wir »ns aus den bcsugtesten Richter, auf Jakob Grimm, den grossen deutschen Mann, dessen alltestamentarischcr Vorname allein schon Zeugnis für die Bedeutung deS Judentums für die deutsche Vergaiigcnhcit ablcgt. „In viele» stücken gilt das wcib weniger als der >»„„>!, zuweilen hat cs auch größere gniist. DaS neugeborcuc kind wird höher geachtet, ivenn es ein lnnbe, geringer, ivenn cs ein Mädchen ist. Im altcrtmiic iviirdon mädchen häusiger ausgesctzt, als knaben." Sv beginnt er die Schilderung der Lage des Weibes bei den Germane» in seine» klassischen „Deutschen Ncchtsaltcrtümcrn" (4. Auslage, Leipzig 4899, S. 567). Eme Menge von Beispielen, die er weiterhin gibt, bestätigt durchweg die Feststellung: „In vielen Stücken gilt das Weib weniger als der Mann." Die Unmüiidigkeit der Ehefrau im Speziellen aber beruht nicht, wie Frau Dr. Ludendorff mibegrcislichcttveise behauptet, auf dem ..jüdischen Synagogenrecht", sondern ist auf deutschem Bvdeu gewachsen, altes germanisches Gesetz. „Aller ihrer besuguissc nngcachtet ist die f rnn dein manne unlergeorduct und steht 'in seiner Vormundschaft" ertlärt Grimm (2. 017). „Kein Wcib in unserem Lande darf nach seinem Ermessen innndig lebe» sin sohminnctm vivere), sonder» sie müssen immer unter der Eeivnlt ihrer Männer oder des Königs leben" sagt der berühmte Satz eines hervorragenden altdeutsche» Gesetzbuches, des langobardische» Edictiiin Nothari. „Der Mann ist der Vormund seines WcibeS, sobald eS ihm angetrmict ist" gebietet der Sachsenspiegel, daS bomehinste unter den deutschen Rcchtsbüchern des Mittelalters. In diesem Punkte besteht völlige Harmonie zwischen dem germanische», dem römischen und dem jüdischen Eherechte. Das von Frau Dr. Lndendorss bcscholtcnc „jüdische Shnngogcngesetz" enthüllt sich als cchtbnrtigcr deutscher NechtSgrundsatz, erslossen aus germanischer Seele. Unter diesen llmstäiidcu erübrigt sich eine eingehende Darstellung des Rechtes der Fra» im Jndentnm. Gewiß ist hier so ivcnig ivie i>» gerinn,»scheu Rechte die Frau dem Manne gleichgestellt. Aber so viel Freiheit Ivie nur in irgendeiner alten Gesetzgebung ist ihr im Judentum gewährt. „Als Mann und als Weib hat Gott sie geschaffen, und dann erst nannte er ihre» Namen gemeinsarn .Mensch'", sagt die Thora. Dies ist der Boden, aus dem die alljüdische Gesetzgebung das Rech! der Frau ciilivickelt und durchgesührt hat. In diesem einen Falle haben >vir uns bemüht, den Jrrtümern von Frau Mathilde Lndendorss sachlich cntgcgeiiZutrelcn. Daß das auf die Dauer nicht möglich ist, da ihre Bchnuptmigen auch von den blutigsten Laie» nicht ernst genommen Iverdcn können, beweisen einige „Gedanken" aus einem Vorträge, den sie am 28. März im Friedrich-Wilhelnr-Ghumasium, Kochstraße in Berlin, hielt. Einbenifer dieses Vortrages wac das „Deutsche Wochenblatt". Frau Mathilde Lndendorss äußerte u. a.: Man solle den Kinder» 11 i ch t vom Altvater Jacob erzählen, der mit Betrug gegen seinen eigenen Vater vorgegniigcu sei, sondern von den itorbtfdjcn Helden, ivie Siegfried. 1914 sei eine Erhebung durch das Volk gegangen) e r st als unsere Helden den Krieg außerhalb der Grenzen gctrngen haben, hielt es der Jude zu> sainm en mit bcm Freimaurer sü r an der Zeit, die Weltherrschaft a n f z u r i ch t e n. Der Krieg iv a r von den Inden angesetzt, sie waren sich ihres Glückes sicher, da 1914, zu samin e»g ezä h l t, 15 betrage, was 111 ihrer Sprache „Jehova" bedeute: daher Hütten sic aus seine Unterstützung gerechnet. Allerdings haben sie sich getauscht, die Entscheidnng ist noch nicht gefallen. Die Krise b e st e h t, daran ändert nnch der Völkerbund nichts, der ja w 0h l nach P n l ä st i 11 a verlegt w e r d en soll. Daran ändert auch die Unterstützung des Judentums durch hohe Stnatsbcanite nichts, ivie z. B. durch den preußischen Kultusminister, der bei seiner Einiveihungsrcdc gesagt habe: Wir arbeiten mit Freuden sür das Judentnni. Der Zeitpunkt sei hoffentlich nicht mehr fern, Ivo der preußische Kultiisininister erkläre» Ivird: Wir arbeiten mit Freuden an der glorreichen Zukmist des dentschen Volkes . . . Für diesen Vortrag dankten e»va 1000 deutsche Männer mid Frauen mit Heilrusen ans das Ehepaar Lildcudorff. Difficile est irani non scribcrc! Keinm Schritt gegen die „trete Religivnsiibmg". Eine Erklärung des Bundeskmzlers Seipel. Angesichts der Gefahr eines Schn chtberbotesin Bayern fürchteten die jüdischen Kreise Oesterreichs, daß die dortigen Antisemiten dem Beispiel ihrer bayerischen Gesinnungsgenossen folgen könnten. Eine Abordnung der Agudas Jisroel in Wien nahm daher kürzlich Veranlassung, beim Bundeskanzler Seipel ihre Besorgnisse dnrzulcgen. Der Bundeskanzler ließ sich genau über die Angelegenheit informieren und machte der Abordnung gegenüber keinen Hehl ans seiner Meinung, die die schüchtgegnerischeii Bcstrcblmgcn vorbehaltlos bcrnrteilt. lieber diesen Empfang mürbe folgende aintliche Mitteilung anSgegeben: „Der Bundeskanzler empfing kürzlich eine Abordnung des Vorstandes der Agudas Jisroel, bestehend aus den Herren Rabbiner Dr. P. Kolm, Woks Pappcicheim, Rabbiner Dr. Pollak, Kvinmerzialrat Sirginund Bmidi, die den Bundeskanzler von der Besorgnis der ö st erreich i s ch c n Jndcnschast in Kciininis setzte, dah die schächtgcnncrischen Bestrebungen in Bayern aus Oesterreich übergrciscn könnten. Der Sprecher der Abordnung, Rabbiner Tr. Kohn, ivics besonders ans den neuen dentschen S t r a sg e s e tz c n t w u r f hin. der im Zuge der Nechtsangleichung auch sür Oesterreich von Bedeutung werden kan». Testen Tierschutzparagraph könnte eventuell von s ch ä ch t arg n e r is ch e r Seite sür eine Propaganda vcrivendct werde». Der Bundeskanzler erklärte, das; ihm von derartigen Bestrebungen in Oesterreich nichts bekannt sei. Sicherlich wcrve von Staats wegen nichts unternommen werden, was der vcrsallungsmäbia gewährleisteten freien Religio «öiibnng widerspricht und ansterdem einem von den Inden als biblisches Gebot betrachteten Brauch den Makel der Grausamkeit ausdrlilkon Würde. Er glaube aber, das; auch in der Bevölkerung selbst, mindestens tu der katholischen Bevölkerung, nicht die Tendcn, besteht, den Angehörigen jüdischen Glaubens d as Schächten unmöglich z» machen. Der Bundeskanzler wird bei der eudgjjltlgcn Fällung des neuen Strafgesetzbuches sür Oesterreich «nd Deutschland auf diesen tt m ft a n d bedacht fei it." Der Jndenberg in Arnölvalde. Eincn sehr wertvollen Beitrag zue Hcnnatsgeschichte der deutschen Juden liefert ein Aussatz: „Der Jndenberg", den wir in dein „Ostlandbotcn" kürzlich lasen. Bet AriiSwnlde gibt cs einen sogenannten Jndenberg. „Dieser wird" — so heißt cs in dem Aufsatz —, „zwar urkundlich erst 1445 al4 „Jodenbcrg" erwähnt, doch ist cS nicht zweifelhaft, daß er diesen Namen schon seit der Gründung bo» Arnswnlde führt. 1321 befand sich hier nicht nur eine Synagoge, sonder» auch ein Friedhof, zu dessen Vergrößerung dir jüdische Gemeinde ein Ackerstück vo» Ist? Quadratrutcn aiikaufen mußte. Nach einer Urkunde vom 7. November 1321, die sich im Staatsarchiv zu Königsberg i. Pr. befindet und von der die Arnswaldcr jüdische Gemeinde eine Abschrift in deutscher lieber» sctzimg besitzt, ist anzuiiehmeii. daß der jüdische Friedhos sich schon damals auf dem Jndenberg befunden hat."