Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-04-01 · Heft 4 (April 1927) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 4 (April 1927)
Date
1927-04-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/2571117-2571131-2571135--143-2571444
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2- Erkundigungen cingczogcn. aus denen sich einwandsrei ergab, das, seit Begründung dieser Behörde solche vdcr ähnliche Fälle dort nicht vorgekommen sind. Ein zweiter Fall morijtc im August 1920 die Runde durch die gesamie Presse, Es handeli sich hierbei um die nngcbliihe Ernwrdung eines junge,i Mädchens in c i n f m Marschaner Vorort durch drei junge Leute, unter denen sich auch der Sohn eines Rabbiners befunden haben sollte. Diese Nachricht stauo, soweit uns bekannt, in folgenden Blättern: „Der Stürmer", Nr, 89 vom September 1920, „Neu-Ul», er Anzeiger" Nr, 74 vom 29, August 1920, „Münchener Völkischer Beobachter" Nr, 197 vom 27, August 192», „General-Anzeiger für die O b e r p s a I z und Bayerischen Wald" Nr, 199 vom 28, August 1926. „Schivnndorfer Tngblatt" Nr, 198. „Deutsches Tageblatt" Nr, 216 vom 14, September 1920, „Der Nalionai-S ozialist sür die Ostmark" vom 8, Oktober 1920. Auch in diesem Fakte habe:, wir an Ort und Stelle sosort Nachsorschungcn anstctten lasse». In W a r s d) n » war von dieser Angelegenheit weder bei der Polizeibehörde noch bei einem Gericht irgend etwas bekannt. Selbst die gcnantttk» Namen der angeblichen Mörder wäre»» srei erfunden. Ein dritter Fall ereignete sich in Dobrzyn an der Grenze der früheren Provinz Wcfkprcußcii bei Gvllnp, Tort tvurde ein Zigoimerkind, wie sich nachträglich heransstcllte, von Zigeunern selbst ermordet, Die Schuld hieran wurde den Inden hi die Schuhe geschoben. Infolgedessen lau, es zu schweren Ausschreitungen, bei denen eine große Anzahl vom Inden mehr vdcr weniger s ch w er verwundet Iv n r d e. Diese Nachricht ging elwnsiills durch die gesamte in- und anslniidische Presse, Bon völtischen Zeitungen nennen »vir ». n. svlgeudc: „D enIschcs Tageblatt" vom 14, September 1920 und „Mecklenburger Warte" vom 14, September 1926, Zn diesen beiden Fällen schreibt uns der Klub der poln i scheu Sc j in -A b ge or dne t en unter Bezngnahuie aus die offiziöse Zeitschrift „R epp euer Chronik", daß au de» Fällen lein wahres Wort sei, Tie offiziöse „Rep Pen er Chronik" gibt folgenden Bericht, den wir in der Uebersetznng eines gerichtlich vereidigten Dolmetschers hier iviedcrgcgebcn: „In, Lichte der Wahrheit, Die Angelegenheit des angeblichen Nitnalniordes an dem vierjährigen Zigeuner»,ädchcn Lucia Gon,an in Dobrzyn an der Drcwenz, die dank der Presse Ponnnerellens nicht mir in, Inland?, sondern auch im Anslmidc tveit bekannt geivorden ist, ist endgültig durch die UiitersnchnngSbchörden am 10. dieses Mvnaiz nnsgcklürt worden. Der energische Unicrsinaisamvalt, Herr Syski, hat die Exhumierung der Lei,che des bereits auf den, Friedhof in Golnb begrabenen Kindes zur Ergänzung der Sektion angevrdiiek, Als Zciigen bei der Ausgrabung und Sezier,»,g waren anwesend: drei Nedaltcure von Ponimerellcr Blättern, und zwar von, „Glos Aabrzrski", „Zicmia Michalvwska" und „Slowo Pomorskic", der Vertreter des Krcisrichtcrs in Golnb, Gcrichtsnssessvr Naslynsli, der Bcrircter des Bürgermeisters der Stadt Golnb, Bürgermeister der Stadt Dobrzyn, Trabczynski, Tr, EiSzcivski und Tr, Nieeznjcw aus Dobrzyn n, Drw., der Totengräber Mnzurliewicz aus Golnb und zwei Kommandanten der Staatspolizei, nämlich aus Briefen und Neppen, Die gerichlsärztliche Sezieriing tvurde vorgeiwinnien unter Mitwirkung der Sachverständigen: Professors Dr, GrzyN'v-Dabrvivsli, des Leiters der gcr!chismediziinsck)eu Abteilung in Warschau Dr, Lazarotvicz aus Warschau, des Leiters des Gesundheitsamtes der Wojivvd- ^chasi, des Kreisarztes von ©tiefen und des Dr. H, Marcinkvwsli aus Es fehlte nur Tr. Sasjan, demgegenüber sich die Presse Pommerellens mit ansdri'ultichen, Vorbehalt verhalten hat. Die Inaugenscheinnahme der Leiche des Kindes hat ergeben: Am linken Arnr zwei flache, ansgerisscne Vluiwnnden, die vom Schlagen mit einer am Ende mit einem Knote» versehenen Peitsche hcrrühren tonnen. An, Riiinpf lvurden alte, schon lange vor dem Tode durch Schläge nüt einem Riemen oder dergleichen entstandene Zeichen scstgesiellt. In den Därmen und in, Mage» wurde der normale Inhalt vorgefundcn. Das Platzen der Leber und eine innere Blutung war schon bei der ersten Sektion fcsjgeslellt worden. Wenn wir die obenerwähnten Feslstcllungen der gerichtsnrzlljchen Sezierung in Betracht ziehen und sie mit den Argumenten des Geistlichen Prasnajiis, des bekannten Sachverständigen im Beilisprozeß, vergleiche!,, so finden wir kein einziges Merkmal, welches auf den angeblichen Nitualinord schließen ließe. Durch die Untersuchung ist festgestellt, daß das Kind die Wunden ans dem Arme schon vor dem Tode gehabt hat, ivas andere mit der kleinen Lucia fpiclciide Kinder bestätigt haben, Tie alten Zeichen am Rumps konnten keinen Einslnß gehabt haben. Der Tod war also lediglich infolge Platzens der Leber und einer inneren Mutung eingetreten. Der Verdacht gegen den Bater der verstorbenen Lucia, daß er sie stark verprügelt hätte, hat sich als irrtümlich herausgestellt. Denn nach genauer Besichtigung des Zaunes und des Ortes, wo Lucia vorgesundm wurde, und nach Bcrnehnnmg der siebenjährigen Pestkowna in Anwesenheit ihrer Mutter wurde scstgesicllt. daß die llcine Llicia nach Heransklctiern aus den Zaun, der den jüdische» Friedhof umgibt, von diese», so imglückljch hcruntergesnllen sein muß, daß die Leber geplatzt ist. An dieser Stelle nüinlich sind außen an den, Maiierpfciler der Nmzäunnng Ziegel herauS» Seschlagen, aus der Innenseite ist die Umzäunung bedeutend öher und erreicht eine Höhe von 2,70 Meier. Denmach hat der unglückliche Sturz von dieser Höhe nach der Innenseite dcd Friedhofs leicht das Platzen der Leber des Kindes verursacht. Ob das Kind aus die Umzäunung des Friedhofes von außen hat hinaufkkettern können, wurde durch einen Versuch mit einem vierjährigen Kinde ansprobicri. Die Probe hatte ein positives Ergebnis. Flusberg also, der ans den Friedhof gekommen war, hat das Kind dort liegen sehen, und, da er gehört hatte, daß die Zigeuner ein Kind suchten, die Zigeuncrbandc persönlich davon verständigt. Hier traf ihn sofort der Vorwurf der Ermordung, und da er von einem Zigeuner einige Schläge erhielt, floh er in der Richtung der Stadt. Das war der Anlaß, die Inden des Kindermordes zu beschuldigen. Der unwissende und scusatioiislüsterne Pöbel machte daraus einen Nitualinord, ivas einige Poiinnercller Blätter so unbedacht ans. genomineu und glorifiziert habe». Im Hinblick aus die imwidertegbaren Beweise, wie die Unter» slichiing sie ergeben hat, verdient die Angelegenheit, die so viel Verwirrung verursacht hat, nur a»Zge!vscht zu werden. Es ist hcrvorziihcbe», daß die Zigeuner verhaftet »vorden sind ivcgcn Anschnldiginig, Unruhe »nicr der Bevölkerung von Dobrzyn und Golnb hervvrgcriisen zu haben, Herr ltiilcrstaatsanwalt Syski hat die bei der Settiv» anwesenden Redakteure der Ponimerellcr ’ ~ Blätter auf die Folge» des Artikels 263 des Strafgesetzbuches aufmerksam gemacht," I, Gratkowski, cyjfpicuJk. In, iLeptcinbcr 1920 tauchte in Danzig das Gerücht von einem Ritualmord aus. Im Hanse eines dortigen jüdischen Schlächters ivurde Haussuchung veranstaltet. Sie hat die Unhaltbarkeil der unsinnigen Beschuldigung ergeben. Die Prestestelld des Danzigcr Senats gab am 22. September 1926 über den Vorgang folgenden Bericht: „Am 24. September 1926 ging bei der Kriminalpolizei eine Anzeige ein, daß in den, Keller des Hauses Olim,er Straße 15/16 ein Knabe scsigehnlicn ,verdc. Es wurde an diese Behauptung in der Anzeige die Vermutung geknüpft, daß an den, Kinde ein Verbrechen verübt werden solle oder bereits verübt worden sei. Die Anzeige erschien zivnr reichlich abenteuerlich. Ta jedoch die Nachprüfung eingehender Anzeige» nicht den, freien Ermessen der Polizei überlassen bleibt, sondern ihre Pflicht ist, »vurde eine sofortige Nachprüsiuig der Angaben des Anzeigenden angeordnet. Im vorliegenden Falle erschien eine schnelle miitliche Aufklärung um so mehr angebracht, als das fragliche Haus von einem Schächter der hiesigen jüdischen Gemeinde, Eamolski, bewohnt und mit Sicherheit anziinehmen war, daß sich Gerüchte über einen Ritiialmord bilden würden, die bei >»a,igelnder amtlicher Ansklärung zu der in solchen Fällen üblichen Massenpsychose hatten führen müssen , . , An Masse,auSgüssen im Keller lvurden bei der Durchsuchung frische Blutspurc» vorgesunden, die einwandfrei als von Gcslügcl stammend scstgestcllt worden sind. Damit war die Angelegenheit siir die Polizei erledigt." In Herten n. d, Ruhr wurde ein Kind ermordet. Dieser traurige Vorfall wurde zivnr nicht in Tcutschlaiid, wohl aber in Oesterreich zu einer Riinalmordhetze benutz!. Der in Salzburg erscheinende völkische „G r v b i n n" vom 22. Oktober 1926 berichtete darüber. Der „Grobian" schreibt: „R i t n n l », o t b? Nach der Meldung einiger Blätter wurde in, Rnhrgcbiet der Sohn eines Bergmannes aus Herten im Walde ermordet aufgesundm, und zivar mit durchschnittener Kehle bis zur Wirbelsäule (Schächtschnitt), blutleer. Der Knabe ist Herten und Buer. Die Erklärung des Polizeipräsidenten : ,,Es besieht kein Verdaeht für einen sogenannten Ritutum» 1, Oktober mittags in Begleitung eines älteren Fremdlings im Hcricner Busch gesehen worden. Wird der Mörder auch ertappt — ist er Jude, so verläuft die Sache im Sand wie der ähnliche Knabcnmord bei Tivoli (Wien), die Ritnalmorde zu Tisza-Eszlar, Xanten, Polna, Damaskus und viele geschichtlich erwiesene andere, ivobci man stets andere Täler oder Motive vorschiebt, ohne die Untersuchung peinlich genau und restlos zu Ende zu sichren, danüt die Spur sich verlause," Ter Polizeipräsident in Recklinghausen hat unsere», Vertrauensmann in Vncr die Erklärung abgegeben, daß „ein Verdacht für einen sogenannten Nitualinord" nicht bestehe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.