Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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23 Paul Nathan. Erste Gedanken bei seinem Tode am IS. März 1927. Weist nach einem französischen Worte der Stil des Menschen Art ans, so verraten Pas Heim, in dem er seine Tage verbringt, die Tinge, mit denen er sich umgibt, noch schärfer seine Lebenslinie. Das alte Berliner Patrizierhans in der Mtonaer Strafte, das Paul Nathan die letzten fünfzehn Jahre bewohnte, hatten erlesener Geschmack, edler Kunstsinn und eine Fülle bedeutsamer Erinnerungen zu einem harmonischen Ganzen gestaltet, das jedem Besucher die überragende geistige ruid politische Bedeutung des einzigen Bewohners unabsichtlich znirug. Bilder, Zeichnungen, Bildhauerlverkc Menzels und Liebermanns, Gabriel v. Maxens und Strucks, Klingers und Mennicrs weihten die Räume. Die feine Büste Ludwig Bambergers überschaute mit klugem und mildem Mick die erhebende Weite eines mächtigen Bibliothekzinrmers. Die roten Lederbände der Gesamtausgaben französischer Klassiker, einst in Ludwig Bambergers Bibliothek, die schlicht gebundenen Werke der englischen Nationalökonoinen, die umfangreiche Sammlung französischer Literatur, der gesainte Satz der Wochenschrift „Die Nation", in denen Theodor Barth nnd Paul N a t h a n mit einem Kranz ausgezeichneter Mitarbeiter Mustergültiges an politischer, literarischer und künstlerischer Publizistik niedergelcgt hatten, zierten es; griechische Vasen, merkwürdig keck gestaltete antike Köpfe, hier ein Hvlzgeschirr ans Island, dort ein orientalischer Neiseschreibtisch wurden bei der Fülle der Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, die jedes freie Plätzchen bedeckten, leicht übersehen. Zahlreiche Photographien füllten Wände und Tische. Neben den sich stets mehrenden Bildern von Angehörigen nnd treuesten Freunden wiesen andere die vielen und festen Fäden auf, die Pani Nathan mit maßgebenden Männern und Fvaneu des letzten halben Jahrhunderts verbaudeu. Virchow und Mommscn hängen da. Karl Schräder, Heinrich Rickert, Karl Aldenhoven, wiederholt Theodor Barth. Jakob Schiff, der verstorbene amerikanische großzügige Förderer jüdischer Hilfsarbeit, nnd noch viele andere. Einige Photographien anfpeitschciider russischer Pogrowschreckuisse wollte der Hausherr nicht entfernenlassen. — Ein kalter Schauer weht heute durch die hohen Räume. T-er ihnen Leben und Sinn gab, der sie mit seinem Geist erfüllte, schlummert nebenan friedlich in die Unendlichkeit. Das ist das Heim eines Grandseigneurs, eines weitgereisten Diplomaten der alten Schule, schloß der kluge Besucher, auch wenn er den Bewohner noch nicht kannte. So >var es. Ritterlichkeit, anfrich-te Liebenswürdigkeit, unbedingte Zuverlässigkeit, vollendete Akkuratesse, Eleganz des Wortes, Feiiigeschlissenheit der Unterhaltung, großzügige Gastlichkeit anderen gegenüber, für sich selbst aber von einer schlichten, fast kargen Lebensführung. In Lagen, wo es hart auf hart zu gehen drohte, — in solche Lagen geriet er ans dem Balkan, in Kleinasien, in Palästina — war er von stärkster Kaltblütigkeit und unerschütterlichem Gleichmut. Und dann diese uns Jüngere beschämende Kenntnis des nationalvkouomischen, geschichtlichen, politischen führenden deutschen und ausländischen Schrifttums, nicht minder der schönen Literatur; stets bereit, seine Rede mit Zitaten ans erster Hand — französische liebte er bezeichnenderweise — zu . beleben. Er war ein Diplomat, er >var ein echter Politiker. Keiner der viel zu vielen, die große Reden löslichen. Einer der seltenen jüdischen Deutschen, der nnisterhaft die Taktik des politischen Kampfes beherrschte, der, um sein Ziel zu erreichen, alle Kleinkampfmittcl der Politik glänzend einzusehen verstand, bis das Ziel erreicht war. Bei allem entschiedenen Auftreten besaß er ein verbindliches Entgegenkommen, eine Ruhe und Sachlichkeit, die ihn bei seinen vielen Unterhandlungen mit Herrschern, Ministern und Politikern Erfolge bescherten. Nur einmal bebte sein Zorndurch eine Unterredung. Das war, als im Jahre 1913 die gefährliche Entwicklung der jüdisch-palästinischen Schulen ihn im Kern traf und ein Werk, dem er viele heiße Stundenseiner Lebensarbeit besliuunt hatte, leichtfertig bedroht zu sein schien. Da löste ein olympischer Zorn sein« Spannung. Das Inden tum lveiß noch! nicht, was dieser Mann ihm für Dienste geleistet hat. Seine Schriften deuten diese Leistungen nur an. Kiew 1912/13. Das Schicksal des unschuldigen Beilis ist von der zaristischen Regierung anscheinend entschieden. Paul Nathan läßt nicht locker. Leo Mohkin, Bernhard Kahn sind unermüdliche, gewandte Helfer. Dem albernen Gutachten des Nervenarztes, Professors Sikorski, das aus „Ritualmvrd" hinauslies, wird eine untadelige Sammlung von Gutachten erster nichtjüdischer Fachautoritäten entgegengestellt. Sie fällt für Sikorski vernichtend ans. Eine Erklärung der führenden Geister Deutschlands gegen den Wahn des Ritualmordes erscheint. Beglaubigte Abschriften wichtiger päpstlicher Bullen müssen ans der vatikanischen Bibliothek beschafft und — das weit Schwierigere — ungefährdet den Kiewer Verteidigern, die russischen Grenzen passierend, zngestellt werden-. Es gelingt auch das. Jubel und Glück in Kiew, als Beilis endlich als unschuldig bcfititbeit-, als wieder einmal die jüdische Lehre von dem eklen Vorwürfe, Christcublut zu fordern, gereinigt war. Wer hat damals Paul Nathan gefeiert? Empfindungen und Gefühle zwang er in sich hinein. Das leuchtende S ch n l w e r k des H i l f s v e r e i n s der deutschen Juden im Orient, vor allem in Palästina, James Sinwns, Bernhard Kahns und vor allem seine Lebensarbeit, zertrat der Allvernichter Krieg. Im Heiligen Lande sollte 1914 das Technikum in Haifa eröffnet werden und den planmäßigen Aufbau, der vom Kindergarten an einsetzte, krönen. Welche Gefühle haben wohl diesen Mann durchwvgt, als er klar die erschütternde deutsche Niederlage erkannte? Selten kam ein Mort über seine Lippen. Die Initiative des Fünsundsechzigjährigen, sein Bedürfnis, zu helfen- und seine einzigartigen Erfahrungen nicht brachliegen zu lassen, trieben ihn wieder aus den Plan. Großzügige Siedlungspläne in Rußland wurden entworfen, Verbindungen angeknüpft. Seine letzte größere Schrift ans seiner gepflegten Feder gilt dem Problem, an dem er ein Leben lang geschaffen: „Dem Problem der Ostjuden". Keine grauen Theorien birgt sie, nein, praktische Hilfsvorschlüge zur wahren Linderung der entsetzlichen Not. Heute steigt wehmütige Freude ans, daß auch seine letzte große Reise nach Sowjetrnßland gerichtet war, um mitzuberaten, wie die traurige Lage der Juden im Osten entscheidend zu bessern sei. Herzlich und vcrehrungsvoll wurde er überall ausgenommen. Am 25. April wollten wir alle seinen 7 0. Geburtstag feiern. Eine Festnummer dieser Zeitung wurde vorbereitet. Als er hörte, was wir planten, war er beschämt; Wir sollten von jeder Festnummer, von jeder Feier ablassen. Die Festnuuuner wird zur Gedenknununer werden. Große öffentliche Ehrungen sind ihm selten zngefallen. Er suchte ihnen zu entgehen. Der 70? Geburtstag, der 25. April, sollte ein allgemeiner Freudcutag werden. Der 15. März ist dafür zum Trauertag geworden. Wer wagt es, die Vorsehung zu tadeln? Schweres Siechtum, das er nicht mehr erkannte, hätte den Feuergeist getroffen. In dem Vorwort zu den „E r i n :i e r u n g e n" ■ feine? Meisters und Freundes Ludwig B a m b e r g e r schreibt P a u l N a t h a n : „Wie wissenschaftliche Erkenntnis und reiche Erfahrungen, die wechsclvolle und großangelegte Verhältnisse lieferten, zusammenschossen nnd sich harmonisch verbanden; ivie diese Individualität von den feinsten künstlerischen Reizen des Lebens noch mehr als von der Kunst angezogen und erzogen wurde, um dann im persönlichen Verkehr, als Schriftsteller und als Redner mit solchen künstlerischen und weltmännischen Reizen ausgestattet, zu wirken; und wie dieses Leben trotz seiner heiteren Genußsreudigkeit ltnb seiner Vorurteilsfrei heit im tiefsten Innern auf sachlichen Ernst, ans echt menschliche Anteilnahme und auf Liebe zum Vaterlande, zu moderner Humanität und Freiheit gestimmt blieb — das zeigen die Erinnerungen." Damit hat Paul Nathan seinen eigenen Nachruf geschrieben. Alfred Wiener.