Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-03-01 · Heft 3 (März 1927) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 3 (März 1927)
Date
1927-03-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2571117-2571131-2571134--137-2571437
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

24 Das Naturgefühl bei öen JuSen. Wie eng die Juden einst zur Zeit der Selbständigkeit ine eigenen Lande mit der Natur verwachsen tvarcn — cs konnte ja nicht anders fein —, zeigt solgendc kurze Blutenlese aus der Bibel, größtenteils ans einem vor genau s ü n s z i g Jahren erschienenen Werke des Kunsthistorikers und Freiheitskämpfers auS dem „tollen Jahr" 1848, Gottfried Kinkel, geschöpft. Die Schrift tragt den Titel: „Kunstgeschichtliches Mosaik", unter Ivclchem man kamu tiefere Einblicke in das biblische Judentum erivarten durste. Aber dem schönhcitsfreudigen Kinkel erschlossen sich auch die Naturschonheiten der Bibel wie selten einem Kenner der Heiligen Schrift. Er beginnt den betressendeu Abschnitt mit dem allgemeinen Satz: „Das BerständniS der Natur wird überhaupt erst möglich, tvenn sich der Geist aus ihr herauslost, mit Bewußtsein aus sie eingestellt hat", um dann mit Bezugnahme ans unsere Voreltern wie folgt svrtzufahren: „So begegnen 'wir schon früh bei den Hebräern, denen ihr Monotheismus jene Befreiung aus dem Natnrlevcn gestattet, einem Iandsck)astlichen Sinn, den auch die größten hellenischen Dichter vermissen lassen." Gleich mit bestimmter Bezeichnung einer Umgebung des Paradieses fängt die hebräische Menschheitsgeschichte an. Abrahams Lebe» als Künstler und Hirtcnkvnig, die Szenen am Nil, das reizende Idyll von Ruth, ein Bild so erschütternd wie Hagars mütterliche Verzweiflung bei dem verschmachtenden Sohn, wo haben wir denn bei Homer eine Stelle, wo die Landschaften so wesentlich, so mithandelnd ßÄ Leben seine. Figuren cingreifen, ihre Handlungen und Handlungsweise bedingten? Die zarten Begegnungen von Mann und Weib, wie die Rebekkas und Eliesers, woraus die eheliche Verbindung mit Isaak hcrvorgeht, werden am Brunnen neu angeknüpft. Moses schaut von den Höhen des Ostjordanlandes die Pracht Kanaans, unter sich den Palmenhain Jerichos, die schwarzen Felsknppen von Judäa, iveiterhi» aber die blauen Schluchten des Waldgebirges und im Norden den einen schimmernden Punkt, den ewigen Schnee des Libanon — eben die Landschaft ist hier das Bedeutende, das Ergreifendste in der ganzen Szene. Der stärkste Reiz in der Erzählung beruht daraus, daß der Sterbende sie nur noch sehen, nicht betreten soll. Kennt doch Jesaja schon den gespenstige» Spuk der Wüste, dessen Ahnung die Karawane im Däminerlicht des sinkenden Abends übcrsällt. Der Monotheist nähert sich eben in bestimmter Weise der Natur als betrachtender Mensch, indem sie ihm als Krone, als Werk und Preis ihres Schöpfers ersännt. Werke, wie der 103. und 104. Psalm, wie die energischen <Ähilderungen der Riescnsteine und die glänzenden der meteorologischen Phänomene am Schlüsse des Hiob kennt daS klassische Altertuul nicht. Dieses bleibt vielmehr in der atomistischen Naturbetrachtung befangen. Jede einzelne Natnrscite hat ihren eigenen Gott, daher die massenhaften Naturgvttheiten (Najnden, Orenden, Dcjaden). Man blieb deshalb in der bildenden Kunst, in den Andentungen des Symbolischen stecken. Die monotheistische Religion entfernte diese einzelnen Gvtterersck)eimmgen mi8_ der Natur, aber sie verleiht der Natur dafür rin höheres Leben, weil sie dieselbe als einen Ab- und Ausdruck zugleich des schaffenden Geistes ansicht. Elwnso feinsinnig tvie im Lapidarstil wird auch Jaco Kampf mit dem engelhaften Wesen vor Anbruch der Morgenröte geschildert. Die Sonne ging ans und er ging grüßend vorüber. Wie tvesenilich greift die Landschaft voll erhabene» Charakters m die Ereignisse am Zinn: ei», tvie Moses, in der einsamen Trist der Wüste die Schafe weidend, an dem aufrageuden Horeb den Dorncnbusch ansflaminen sicht, noch inehr aber bei der Verkündigung der zehn Gebote inmitten der Berge, Th-ftrr und Wüsten, der flammende, rauchende, wankende Sinai, tvährend die Täler ringscun vom bebenden Volke angesüllt sind. Endlich ivic Moses, vom Berge herabsteigend, die Israeliten in der Niederung um daS goldene Kcrlb tanzen sieht und im Zorn die steinerne Tafel am Felsen zcrtriimmert. Das Buch der Richter n»d die beiden Bücher der Könige flehen in bezug ans landschaftliche Szenen, namentlich -in, Leben Davids, den ittns Büchern Ai v s e 8’ nicht nach. Wie sehr unsere Vorfahren mit der Natur lebten, deren Herrlichkeit sie als daS SchöpsungSwerk Gottes mit Geist und Herz umfaßten, lehren auch die zahllosen, der Natur, besonders der Landschaft entliehenen Gleichnisse bei den Propheten als heiligen Sängern der Natur (z. B. schon im 1. Psalm). Den Höhepunkt erklimmt aber diese Bildersprache im Hohen Lied. Der Freund ivird mit dein hüpfenden Hirsch oder jungen Reh vergliche». Bon den unzähligen Belegstellen noch weitere anznsühren, verbietet der Rarem. Nur eine soll hier noch Platz finden, der in das Hohe Lied eingestreute Frühlingssang, welcher sich getrost den vielgerühnrten drei Frtthlingslicdern des Horaz und Walter von der Vvgelweides „Unter der Linden, Tanderader" ebenbürtig a» die Seite stellen kann, ja ihnen sogar an Wucht deS Ausdruckes, bilderreicher Sprache und Stiminungsgehalt überlegen ist. „Sich, vorüber ist der Muter, dahin der Neqen. Die M'rmloin zeigen sich am Boden, Es nahet des Gesanges Zeit. Die Turteltaube läßt sich bünr, Der Feigenbaum zeigt seine Knospen schon. Tie Reben blichen und düsten: Ans, mvlne Traute, meine Holde, Komine doch, meine Taube in den Felsenriffen-, n der Klippe Schlucht, atz mid) selben dein Antlitz, Hören deine Stimni«: deine Stimme ist so süß, Dein AngesicU so lieblich." So geht die Naturstimmung allmählich, wie bei dem deutschen Minnesänger des Mittelalters, aber bei diesem in sinnlich vergröberter Form, in ein Liebeslied über. Warum ist es nun im Larisc der Jahrtausends mit dein Naturgefüllt der Juden ganz anders geworden? Nicht das Wesen unseres Stammes hat sich geändert, sondern die Berhältnisse. Als die Jttdcn schon längst nusgchvrt hatten, ein selbständiges Volk zu sein, zeitigten unser großen Dichter in Spanien, das leuchtende Dreigcftirn Gabirol, Jbn Ejra und Inda Halcvy, manclfe Blüte schöner Naturpoesic. Auch in Deutschland hat der Minnesänger Süßkind vom Trimbcrg in feiner Jugendzeit zarte und sinnige Blumen, die von seiner engen Verwachsenheit mit der Natur beredtes Zeugnis ablegen, cinporsprießen lassen. Später allerdings, als der Greis, tvie er tvchklngend berichtet, zu den Hosen der adligen Herren nicht mehr zugelassen wurde, da bekannt geworden war, daß er ein Jude sei. verstummte seine Leyer und demgemäß auch die Muse der Naturpocsie. Das lehrreiche Schicksal dieses Einzellebens gibt uns auf unsere oben aufgeworfene Frage genügenden Aufschluß. Die Juden des Mittelalters, von dem für uns so traurigen Abschnitt der Krerizzüge an, wo die Stannnesbrüder in das düstere Ghetto gebannt wurden, konnten zusammengepfercht in engen Gassen keinen Sinn mehr für die Natur haben. Im Gegenteil, sie ivnrde für sie, ivenn sie als Dorsgeher ihrem Erwerb nachgchen mutzten; ein Ort des Schreckens, da sie zu fürchten hatten, mit Hunden von Haus und Hof gehetzt zu werden. Allnrählich erst konnte die Natur den Juden mit der Besserung der Verhältnisse ihre Schönheiten wieder erschließen. Wir haben und hatten sogar in den letzten Jahrzehnten an den Hochschulen wirkende Lehrer der Botanik jüdischen Glaubens oder rvenigstens jüdischen Stammes, wie den Breslauer Professor Ferdinand Cohn mit seinem' stanäarck wolle: „Das Leben der Pflanzen", Proskauer mit seinem vor einem Menfchenaltcr in Ilniversitä-tskreisen zu Exameiizweckcn viel benutzten „Kompendium der Botanik". Straßburger, Pringsheim sMitglied der Akademie der Wissenschaften) und andere. Allein Ausnahmen beweisen die Regel, auch sind die Genannten in erster Reihe Systematiker. Für uns jedoch handelt es sich in dieser Frage nicht um vereinzelte, tvenn auch noch so hervorragende Leistungen auf dem genannten Wissenszweige, sondern nur das Verständnis der grasten Massen für und liebevolle Versenkung in die Natur. Seitdem die Ghettoschranken gefallen sind, e8 jüdische Forschungsrcisende (Bainberi, Glaser), wie einst im Mittelalter den ersten Weltrehendcn Benjamin von Tudela gibt, namentlich seitdem säst jeder erwachsene moderne Jude durch das Reisen mit der Natur in mehr oder minder enge Berührung kommt und unsere jüdische Jugend beinahe ausnahmslos Sport treibt, hat dieses Problem ausgehört, für uns ein Problem zu sein. Nicht mehr entfremdet ist das Judentum der Natur, vielmehr wird sicherlich schon die nädjfte Generation dasselbe lebhafte Empsinden rncd denselben Natursinn tvie die christliche Umwelt und einst unsere Ahircn im Heiligen Lande nusweisen. Dr, Carl Pinn. Die sittliche Welt öes Judentums. l. Teil. „Die sittliche Welt der Heiligen Schrift." Von Prof. Dr. I. Ziegler. (Verlag von M- W. Kauf m a n n). Der Verfasser unternimmt es, in diesem Werke den sittlichen Gehalt des Judentums in seinen Quellen darzulegen. Der erste jetzt twrliegende Band beschäftigt sich mit der Heiligen Schrift. Der Verfasser verfolgt den Zweck, zu zeigen, daß die Bibel noch immer der Urquell unserer s i t t l i eh e n L e b e n s s ü h r n n g sei. Zu diesem Ztvccke hat er aus der Bibel Sentenzen, Thesen, Gedanken und Mahnungen, die eine sittliche Forderung enthalten, gesammelt. Er gliedert den Stofs in sechs Kapitel. Das erste Kapitel handelt von der Sendung Israels, das zweite von Israels Gottesidee, das dritte Kapitel behandelt das Verhältnis von Gott zu Mensch, das vierte das Verhältnis der Menschen untereinander, das fünfte das Verhältnis des Menschen dem Tier gegenüber; das sechste Kapitel endlich beschäftigt sich mit dem Frieden. Jedem Kapitel geht eine Vorbemerkung voraus, die den Inhalt dctz Kapitels zusammenfaßt und die Hauptbegriffe, die in ihm zur Behandlung kommen, hcransstellt. Säintliche Stellen ans der Bibel sind sotvohl im hebräischen Wortlaut als in deutscher Uebersetzung gegeben. An den hier vorliegenden ersten Teil sollen sich noch zwei wertere Teile anschließen, die den sittlichen Gehalt des Judentums „Vom Abschluß des Kanons bis Saodja" und „Die sittliche Welt des Judentums von Saadja bis Mendelsohn" behandeln sollen. Der Verfasser will durch sein Werk die Kenntnis der Mbel, ihres religiösen und sittlichen Inhalts und auch ihrer Sprache fördern. Diesen Bestrebungen ist der beste Fortgang zu wllnschelk. J. B. Verlag u. SdjtlftleUun«: Teutralverein deutsch. Staatsbürger füd. Glaubens c. 93., Berlin SW 68, Cintrenftrafie 13. Für d. Schriftleit, verantw.: Dr. Ludwig Holländer, Berlin SW 68. - Druck: RudvlfM ° ffe, Berlin SW 08.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.