Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Treibt Sport! / Von Jakob Leder,nann (Berlin), Oberarzt Dr. Carl Fried (Worms), Alfred Herz (Ludwigshafen), Studienrat Dr. Rabat» (Berlin). Fakob Leöennann (Berlin) schreibt: ülodj Abschassung der allgemeinen Wehrpflicht ist auch in Dentschlnnd der Sport Bolkssnche aeivordcu. Man braucht Ijcute nicht mehr über den Zweck und das Ziel sportlicher Ausübung viel zu sage», der Sport hat seinen Sicgcszug angetreten, er macht durch sich selbst Propaganda, er wirbt für sich selbst. Sportliche Veranstaltungen sind meist von Volksmnsscn iwerfüllt, hervorragende Sportler lvcrden durch die Behörden der Stadt, des Landes, ja sogar des Reiches geehrt; das trifft auch ans mittlere sportliche Begabungen zu, >vie ans den Boxer H a h in mm, der daS E h r e n b n r g e r r cch t der Stadt München verliehen erhielt. Der Reichspräsident iaht sich die Größen unseres Sports in besonderen Audienzen Vörstetten und kein hervorragender Wissenschaftler kann sich an den Ehrungen und an der Popularität messen, die einem Nnrmi, einem Dempsch, einem Peltzer gezollt wurden. Auch ivir Inden haben Spvrtgröße», die den olympischen Lorbeer crlämpsten »nd den Beifnll der Wett snnden, aiis imseren Reihen gestellt. A b r a h a m s, ein englischer Jude, wurde nuf der Olympiade 1924 Erster im 109-Meter-Laus, der Filme Kap, der jetzt für Bar Kochbn sBerti») startet, belegte aiis der langen Strecke ans derselben Olympiade einen ziveiten Platz, Benny Leonard, der kmistreichste Boxer der Welt, war mibe, strittener Weltmeister in seiner Klasse u. n. tu. Trotzdem ist die Sportbewegung unter uns Juden leider nicht von derselben hinrctßenden Kraft wie unter unseren nichtiüdischen Volksgenossen. Würde man heute eine Statistik über die Beteiligung der Konfessionen am Sportbetrieb niifstellen, sie ivürde in. E. nach zeigen, das; wir Inden noch imiiier einen über das Mah des natürlichen Zahlenverhältnisscs hinaiisaehenden geringeren Anteil stellen als die beiden anderen große,i Konsessionen. Das ist, voransgescht, das; der allgemeine, statistisch nicht erhärtete, aber von Fachtentcii gleichfalls so beurteilte Eindruck stinunt, im Hinblick auf die dcmographische Struktur der deutschen jüdischen Gesamtheit zu beklage». Einseilige Berufs, schichtung nach der koinmerziellcn und der geistigen Seite hin, säst ausschließliehe Bevölkerimgsverteiliiiig aus die großen Städte machen den Sport mit seinen segensreichen Körper »nd Ehnraktcr bildenden Ncöglichkeiten z» einem »otivendigcu Ansglcichsmitiel. Degenerative Entwicklunaserscheimmgen geistiger uuö physischer Art können durch eine eindringlichere sportliche Masseuübung bis zu eine», gewissen Grad kompensiert iverden. F ü r d a s I » d e n t» in i st die k v r p e r - l i che Ertüchtigung seiner Jugend bis zu einem Grade eine Lebensfrage. Frage,; Ivir nun nach den Gründen, die die Eutivicklung der sportlichen Lcibesübnng unter uns Juden hemmen, so stoßen ivir aus Probleme, die nicht leicht zu bewältigen sind. Der Neichsbund jüdischer Frontsoldaten hat lange Zeit mit diese» Fragen Kamps geführt, bis sich Wege heranskristallisierten, um der Sportidee ihr siegreiches Eindringen in die jüdischen Massen z» sichern. Zunächst iniist eine groß zugige allgemeine Propaganda sür den sportlichen Gedanken, die tief in alle jüdische Kreise vordringei, sollte, endgültig Anskiärniig schassen über manches in mtfcrcu .Kreisen häufig nustauchende Mißverständnis und Vorurteil und vor allein über die für die jüdische Jugend itnb damit für die jüdische Zukunft unbedingte Notwendigkeit, Leibes- Übungen zu treiben. Dieser Propaganda muß die jüdische Presse »weiter entgegenkommen als bisher. Das Flugblatt und der sportliche Werbeabend müsse» ihr in ansgedehntesteiii Maste dienen. Aber Propaganda allein bleibt negativ, wenn man nicht zugleich die Möglichkeit schasst, die aiisgestrente Saat zum Nusblühen z» bringen. Es must also der Weg gesunden iverden, ans dein die jüdische Jugend zu körperlicher Uebung gelangt, unb hier erheben sich zwei strittige Probleme: Soll die körperliche Ertüchtigung der jüd is che » I u ge nd im koufcssioii e l l a b g e g r c n z t e ii jüdische» Sportverein erfolgen, oder ist der paritätische Verein, der alle Konfessionen vereint, die gegebene Plattform hierfür?, ' lieber diese Frage ist ein Teil der jüdischen Jugend zur Tngcsordiiimg übergegaiigcn. Er hat jüdische Sporwereine in großer Zahl (c'ilua 150) gegründet, teils ans jüdisch-iintiviialcn Gründen (zionistische Gruppen), teils uns der Erkenntnis heraus, daß durch die jüdischen Sportvereine das jüdische Sclbstbcwnßtseiii und die jüdische Eigenart in wirksamster Weise gefordert iverden, teils aber auch ans vorliegenden nötigende» Zwaiigsverhäitmsien heraus. — Man sicht zum großen Teil im jüdischen lLportverein eine künstlich aiifgerichtcte Tremimigswand zivische» jübifcljcir und nichtjüdischen Sportgenossen und sürchtet, daß sich ans einer Trennung der Leiber solch eine der Geister entwickeln werde. Eine sicherlich gewichiige Arglikuentatioii. Man t ft n n unseres E r achtens Existeuzberechtignng jüdischer Sportvereine a nur dort verneinen, wo wirklich die gesa jüdische Jugend durch die paritätischen S p o vereine ersaßt werden kann; mau muß sie aver dort b e j a h e n, w o G r ü n d e maßgeblich w i r k e n, d i e dieses unbedingt zu erstrebende Ziel zu verhind e r n versuchen. Von diesen Gründe» ist nicht die antisemitischer Strömlingen ivcgeii verwehrte Eiiitrittsinvglichkeit die häufigste und ausschlaggebendste, sondern vielmehr die Tatsache, daß viele jüdische Knaben 'und Mädchen dem sie nnsnehiueiiden paritätischen Sportverein deSivegen die Gefolgschaft versagen, weil sie sich körperlich nicht gleichivertig sühlen und die Scheu vor einer Miiiderleistnng sie seelisch bedrückt. Hier kann der jüdische Sportverein stcllemvcise vorbereitende Arbeit leisten und die durch ihn zur sportlichen Dervollkomnmnng gebrachten jüdischen Sportler cventuest später den Paritätischen Sportvereiiren znfnhren. Ob tatsächlich der jüdische Sportverein von jener trennenden Bedeutung ist, die man ihm zumistt, mochten wir aus langer Ersnhrnng bezweifeln. Sport ernsthaft betreiben, heißt auch sportlich ernsthaft kämpfen, und der K a nr p f f ö r d e r t d a s B e r st ä n d n i s f ü r e i ii a n d e r, w e ck t kameradschaftliche Gefühle schönster Art, fördert die Achtung vor d er Lei stn ng u nd v erb i nd e t miteinander. Uebereinstimmcnd »iclden das alle Gruppen, und der jüdische Boxklnb Mnccabi in Berlin oder der jüdische Turnverein Bar-Kochba Kassel im Neichsbund jüdischer Frontsoldaten haben unendlich viel für Le» jüdischen Gedanken geleistet. Dazu kommt, das; den jüdischen Sportler ein heiliger Impuls beivegt: er kämpft nicht nur um den Siegespreis, für den vielleicht ein Kranz oder ein Becher der äußere Ausdruck ist, sondern er >ve i s; sich eins mit jener kleinen u in str i t t e n c n S ch a r, d i e s e i t e i n e m I a h r t a n s e n d u n d i ä n g e r i n Deutschland ihren Kampf n in Recht u nd Anerkennung führt; er kämpft zu seinem Teil in diesem J!nm Pf e ini t. Was »ns not tut. ist nicht die ängstliche Beivahrimg vor der Möglichkeit einer trennenden Tendenz. Was itnS not tut, ist vielmehr die Erfassung aller I n g e n d l i ch e n für die Sache der Lcibesübung i m I n te r es se d e r E r h a lt u n g des Judentums. Selbstverständlich sollte man nach Möglichkeit trennende Tendenzen mildern oder gar unterdrücken. Es ist unseres Erachtens verfehlt, einen jüdischen Sportverband zu gründen. Das zu tiiii, hieße die Abtrennung, heißt ein Ziel völkischer Verbände, wenn auch ungewollt, bis z» einem gewissen Grade fördern. Vielmehr muß Aufgabe der leitenden Instanzen des jüdischen Sportlebcns sein, Llampsmvglichkeiten mit paritätischen Vereinen für die bestehende» jüdischen Sportgrnppen z» schaffen »nd das durch den Kampf hcrvorgernfeiie Moment dauernd ivach zu halten. Das Ziel der E r f a s s u n g aller in»ß das erste maßgeblichste sein, lins Inden fehlt auch das jüdische S P o r t p n b l i k»in. Erstaunlich »nd ärgerlich ist die Verständnislosigkeit, der »mir hier begegnet. Auch hier muß Propaganda und Beispiel erst den Boden bereiten. Die jüdischen Sportvereine sind nur zum Teil ans staatliche Unterstützungen angewiesen, ihr Wachstum ist abhängig von der Hilfe, die man ihnen angedeihcn lassen wird. Hier erwächst, wie Jnstizrat So» neu seid im „Schild" Nr. II, 1926, Zeitschrift des Reichsblindes jüdischer Frontsoldaten, überzcilgeiid darlcgte, den Gemeiiiden eine hohe und nnchtige Aufgabe. In großen Gemeinden müßte ein ähnliches Amt gegründet iverden, ivie es das Stndtamt für Leibes- Übungen sür die Gesanilheit der Sportler darstcllt. Man äußere nicht Vedenkcn, daß hier wieder eine Institution mit abtreiincndeii Momenten geschaffen wird. Die Verhältnisse und Vorbedingi,ngeu sind sür die jüdische Jugend besonderer Art und müssen durch besondere Institutionen behandelt und gefördert iverden. Dr. Felix A. Th eil Haber hat es unseres Wissens zmn ersten Male ausgesprochen, das; ein Sportplatz drei K r a n ke n h ä u s e r erspare. Die Ausgabe, die sür den Turn- und Sportverein von seiten der Gemeinde geleistet werden würde, würde sich wieder cmbringcn durch die Ersparnisse im Wohlfahrts» und Krankcnpslegewesen. Alle gute» Kräfte des Jnde»t»ms müßten der sportlichen Bewegung hinreißende Kraft verleihen, die heule überall gültig ist. Es geht nicht nur um die Sache eiiics engeren Kreises, nicht nur um die Sache einer besonderen Bewegung, es geht »m die Sache der Ingeiid nnd der Znkinist imd damit schließlich um die Erhaltung ' des Judentums. Oberarzt Dr. Earl Zrieö (Worms) schreibt: Es gibt sicher Leute, die ineinen, der C, V. hätie Wichtigeres zu tun, als sich um diese Angelegeirheit zu kümmern. Das; das C. V.-Blait der Diskussion über die Sportsrage seine Spalten geöffnet hat, halte ich jedoch sür ein glückliches Zeichen dafür, daß die Leitung den Geist der Zeit und das, ivas den jungen jüdischen Deutschen nottiit, erkennt. Die ersten Anssätze, die über den Gegenstand hier erschienen sind, stellen die Frage: „Wo sollen wir Sport treiben?", uub beantworten sie griindsützlich verschieden. Im Neichsbund jüdischer Frontsoldaten, der in seinen Reihen Mitglieder fast aller deutschen polis tischen Parteien »nd tvvhl aller jüdischen Nichtliiigen zahlt, konnte die Frage, wo >vir Sport treiben Zolle», von Wichtigkeit sein un>