Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Dem „Eisenhammer" ins Stammbuch! Eine Front Vev Anstiittdigen. Wir hoben an dieser Stelle schon häufig ans die allen Regeln des Anstandes widersprechende Kainpseswcise nationalsozialistischer Presseorgane wie „Stürmer", „Eisenhammer" n. o, m. hingewiescn, Jetzt lesen wir in dem in N c n st n d t o, d. H n n r d t erscheinenden „Pfälzischen Kicrier", einem Blatte, das infolge seiner rechts gerichtete» politischen Einsicllnng sicherlich nurf) beiit« als n n p a r 1 c i i s che r Zen ge gelten wird, denen unser Urteil Parteiisch erscheinen mag, die nachstehende Kritik nber den Pirinascnscr „Eisenhammer": „Ter Prvzcst, den, Bürger »leister Tr, Foclhubcr gegen Verlast and Schristleitmig des Blattes „Eisenhammer' und gegen dessen Hintermänner angestrengt hatte, ist nach viertägiger^ Vrrhnndlnitg glücklich beendet, In der Tat bedeutet cs ein Glück, das; die Gerichlsvcrhaiidkrliig rascher znni 'Abschlust gebracht iverden kvnnlc, als inan nach dein Verlauf der ersten Tage vermutet hatte; jede Stunde, »in die sie gelürzt werden konnte, war ein ('u'imnif, denn eS bereitete Ekel, hvren und sehen jn inüfsen, mit welchem Aiisacbot von Heuchelei n»v Siiedertracht die Ehre eines Mannes in den Kot zu zerren versucht wurde» der der Vertreter unserer Stadt ist und somit auch deren Würde mit) 'Ansehen nach nns-.cn hin Zu ivahren hat. Mittelbar galt der Prvzeh als» auch der Ehre Vvn Neustadt n.d. Haardt. Ev grvsten Abscheu aber 'das Treiben seiger Drahtzieher eriverkt hat, das eine Ente hatte die Gerichtsverhandlung doch, das; sie hinein» leuchtete In daö Tunkel zweiselhnftcr Ehrenmänner, die Vorgaben, der Wahrheit und dem Deutschtum r» diene», deren Streben aber nur dahin acht, Skandal »u machen »m ievcn Preis, und aus dem Skandal Gewinn z» ziehen. Tie anständigen, ihrer hohen Psiicht der Verantwortlichkeit bewußten Vertreter der Presse lehnen cs mit Entrüstung ab, daß sich die Aiigeklaglc» Hes; und Förster als Verleger und Echristieiter bezeichnen, ans ivetche Titel allein Aiänncr Anspruch haben, die nicht nur eine ansreichende Vvrbil-dnng, Schulung n»'d Ersahrling besihc», sondern auch ein hohes Mas, von Selbstzucht mit» (Siwissenhasligleit, die sich in jcdcr Stunde ihres schweren und ernste», aber gerade darnur so hehren Bernss selbst Nccheiischast ablcgen für ihr Tun und Lasten, Mer solche Eigenschasten nicht besitzt, taugt nicht z» dem 'Amte eines Vertreters und Leiters der üssen'.liehen Meinung, dem bleibe 'das Heiligtum einer Redaltivnsstube verschlossen. Leider aber gibt es Leute, die da meinen, wenn sie einigermaßen schreiben tonnen, so hätten sic schon 'daS Zeug zu einem „Zcitmigsschrcibcr". Ls ist «dem als Zengen vor den Frankenthaler Gcrichlshvs geladenen Leiter des Verbandes sür Vollsvildimg, Hartm.mn, der der Vorsitze,,de des Psälzisrhei, Presscvcreins ist, zu danke», dast er die Gelegenheit seiner 'Aussage ergrisf, uni das unverantwortliche Treiben der Angeklagte» zu geitzeln und einer» dicken Strich zu ziehen zwischen ihnen und den Annehürigen der anständigen Presse. Wir wollen keine auch nur Kutzerliche Gemeinschast habe» mit Ehrabschneidern und verbitten es nns, dasz Leute solcher Art sich unsere Brrusstitel anniahe». Tie Freude am Skandal beseelt aber nicht nur die Erreger und Urheber, sondern auch einen grosten Teil der Leser. Sknndalbläiter vom Schlag des „Eisenhammer" könnten nicht bestehen, wenn ste nicht Käufer fänden. Sv mancher aber, der cs mit höchster sittlicher Entrüstung weit Vvn sich wciscir würde, als Gesinnungsgenosse eines solchen Organs z» gellen, hat doch insgeheim seine Freude an dessen Inhalt, kann kan», das Erscheinen einer neuen Nummer erwarten, für die er bcrcilwilligst einen hohen Preis zahlt, und »innnt es mit Schadenfreude nns, wenn der liebe Nächste beruiiglimpst lvird. Solange solche Leute mit ihrem Gelbe derartige Pressereptile nähren, lvcvdcn diese in der Lage sei», ihr vergiftendes Wesen fmtzi,scheu. Wer darum als anständiger Mensch Gcimgtnuug darüber empsindet, dast in der Frankenthaler Gerichtsverhandlung die Wahrheit über die Lüge und Verleumdung gesiegt hat, der trage an seinem Teile dazu bei, das, das widerliche Otterngezücht ‘ " ' -S s° sich am V Mimikry Die falsche Fasfave der Banrälc. Wissen Sie, >vns Mimikry ist? Wir meinen natürlich nur die Bedeutung, die das Wort iit völkischen Blättern Hut, Tort besagt cs, daß der Jude eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit an die Gewohnheiten der ilunvett habe, und daß vor allen Tinge» der jüdische Schriststeller durch unverjänglich klingende Pseudonyme auf div christliche Unüvrlt einzmvirkcn hcniüht sei. Es ist Den völkischen Herrschaften ansicrurdentlich nnangenehin geivesen, als eS sich herausstellte, dast der berühmte Tr, Siegfried Penta Tnll niemand anderes lvar als der völkische Baurat Sch l i« p ma n n, und heute können >vir wieder nuf eilien Baurat Hinweisen, Herrn Ludwig Schniülling, Berlin kV 60, der unter dem Namen Otto G i l d e in e i st e r ein Buch geschrieben hat, „Judas Werdegang in vier Jahrtausende»", eines der übelsten Pamphlcle der Nachkriegszeit, Herr Cchmitlling wählte den Namen Gildcmeister, weil dieser in der h i st o r > s ch e n und vrientalist i scheu Wissensüzast seit langem einen guten Klang hat. Wessen man sich aber bei der Wissenschaftlichkeit des Herrn Cchmiilling versehe» kann, beweist ein kleines Intermezzo, dns sich kürzlich vor dem Amtsgericht Charlottcnbnrg ztvischen einem Berliner Amvalt und Herrn Schniülling abspieltc. Im Verlause seines Plädoyers S nämlich der Anwalt zu Herrn Schniülling, daß er kein fdjcv Zeuge sei, weil die Art seines Zitieren? mit den allgemeinen Anschauinigcn über Anstand nicht nbcrciiistinnne. Er bczlrwiste, ob Herr Schmiilling überhaupt die Werke von A p i v n, die in seinem Buch« gegen die Juden so sehr zitiert werden, im Urtext oder in der Uebcrscünng gelesen habe, Herr Bmirat Schmiilling siel promp darauf hinein, er Ijnbe die gesamien Werke von Apion zu Hanse, die könne inan bei ihm im Bücherschrank sehen. Darauf erklärte ihm der Rechtsanwalt, genau so wie diese Behauptung, ser seine übrige Zeugenaussage zu beivertcn; denn die Werke von Apion existierte» nicht und seien sämtlich verloren gegangen. Es existierten mir noch eiiizclnc Zitate von dritten Personen, loclche ans Apion zitiert hätten,- Erst Ban rat Schliepmnim, jetzt Baurat Schmiilling, Hoffentlich sind dns die einzigen „Einfälle", die diesen Herren znstußcn, Jni Interesse der Insassen der von ihnen gebauten Häuser wäre es z>l wünschen, dast deren Fassade beständiger ist als die schriftstellerische ihrer Erbauer. tliclons. politisches Erlebnis eines Angestellten. Von Fra«; Graf. Was ist das Fundament völkischer Ideologie? Diese Utopien, die im Fanatisnnis ihre seelischen Wurzel» haben, behaupte» sich tut Volke als vom deutschen Rcissebewußtscin inspiriert und aus der Ursprünglichleit der Volksseele geschöpft. Aber wie verhält sich in Wirklichkeit die Volksseele zun. Völkischen? Als im Jahre 1923 die Hitler-Vcwcgnng die Macht einer Prvvinznwde errang, sah man deutlich die Motive, die volkhafte Menschen in ihr Lager trieben. Ich war mir keiner Gefahr beivnßt, als ich damals eimvilligte, einen völkischen Kreis näher kennen zn lernen. Ich halte bis dahin jede politische Beteiligung grundsätzlich abgelehnt. Meine feste tteberzengnng war. ich durste m i ch n i ch t e h e r f ü r cine Bewegnng vcrpslichtcn » „ d einsetzcn, als nccht c r „ ft c pers ü n I i ch c Ans ch a u n n g e n n n d E r k c n n t n i s s e tn ich inncrlich zu einer Si ich tun g drängten. An zlvei Abenden saß ich >m» unter kindisch-jungen Leuten, die mn den Preis, Soldat spielen zu dürfen, auch einer anderen politisckM Lehre willig sich anvertraut hätten. Hier traf man auch die Burschen, die nie einen Lärm versäumten, und drmgemäs; einige Jahre zuvor als Roignrdisieii gedient Ijattcn. Und Rescrveleutnants waren da, die lvollten zeige», lvas sie an Politik und Idealismus im Qfsiz-ierlasino gelernt hallen. Abenteuerliche Gesellen entdeckten hier ihm vaterländische Gesinnung und junge Bürgersleute ihre abenteuerlichen Gelüste, Wahrheit hin — Lüge her, ein Feind lvird gesucht! Stellt man sich vor, dnßrnlle diese Typen lueder die Politik noch ihre politische Tätigkeit erucstnehmen können, daß sie jede tiefere Besinnung mit Wichtigtuerei ersticken, so erkennt man, in ivclch erschreckendem Zustand politischer Unzulänglichkeit und Znchtlvsigkeit so mancher wahlberechtigte Deutsche dahinlcbt. ' Wer ans Begeisterung ehrlich glaubte, in der Hitler-Bewegung Ideales anznstrcben und Gutes zu wirken, der verdankte seine Begeistern,igsjähigkcit sür Hitler einer militärischen Erziehung, die manchmal nur mittelbar erfolgt lvar, lvie z, B. bei Söhnen von AHtitärnnwäricrn. Ali ihrer Seile standen die Armen, die ihr Leben dem grausamen Selbstbetrug hingebcn, Sie kamen, angelvekt von der Selbstüberhebung der Richtung und deren primitiven Grundsätzen, Sie fucljtcii und fanden hier eine Solle, Tenn wer im Leidcnsgcfühl des Erniedrigten »nd Belcidigien dnhinsiechi, denn gibt die Sekte das tröstende Bcivußtsein, ctu Auserlvähltcr zn sein, als einziger unter vielen dazu bcruseii z» sei», den Weg der Wahrheit zu lvandkl». TaS altes plappert, schnarrt und schreit nun im sicberheißen Tunst hitziger Ranflnst und sentimentaler Kameradschaftlichkeit. — Ans lvelchem Tiefpunkt im geistigen All »ms; diese völkische Idee liegen, die so viel Flaches und Kümmerliches faszinierend an sich zieht? 'Und diese Bcivegnng lvill ein echter Ausdruck der deutschen Seele Und lvas tichcutct cs denn, wenn sulche Menschen eine Abneigung gegen jüdische Volksgenossen enipfinden? Es ist die Abneigung, die der träge Gewohnheitsmensch gegen alles Seltene und Nichlgewohnte hegt. Eine seelische Verengung aus Kaslcnbclvnsttsein, eine Verkümmerung nns Alltagsenge, eine Kümmerlichkeit also, wagt man als Eigenart des dentschen Wesens zn bezeichnen und als solche anzn- Ter Eindruck, den mir das völkische Treiben cingeprägt hatte, lvar so abschreckend, dast ich nun erst begann, mir Klarheit zu verschaffen über die politischen Zusammenhänge. Das Erlebnis dieser Versammlung Halle die politische Gleichgültigkeit erdrück!, Bernslich und gesellschaftlich stand ich ans derselben Stufe wie der Durchschnitt von Hitlers Anhängern, Als Sohn einer katholischeli Lehrersamilio war ich nicht antisemitisch, aber national erzogen. Aber die ivenigsten Völkischen waren antiscnntisch erzogen. Was hinderte mich also, an dem allgemeinen Treiben, daS meinem Milieu entsprach, teilznnehmcn, was sührie mich zn ernsten Betrachtungen? Ich habe niemals im Lokalen grwiirzelt. Ich gehorchle oft weniger der ruhigen Ueberlegung als den Einflüsterungen meiner Sensibilität, Diese Haltung hat in meinen, Leben Katastrophen verursacht. Aber in den geistigen Grsahren ineines Milieus hat mich stets diese Sensibilität gerettet. Eie hat sich zinn Spürsinn fürs Wesentliche und Persönliche entwickelt. Aber bin ich darum ein minderer Deutscher? Ich habe instinktiv das Wesentliche und Entartete der deutschen Volksseele besser erkannt, als es jene vermögen, lvelche das deutsch« Wesen vcrgötzen, doch nicht fähig Znd, in es einzudringen.