Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2571117-2571131-2571134--132-2571432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Auch die Presse wird heftig gerügt, weil sie die Bedeutung des Ereignisses nicht genügend gewürdigt und nur nn versteckter Stelle darüber berichtet habe. Besonders der halbamtlichen „Bayerischen Staatszcitung" wird unehrliche Berichterstattung vorgcworscn, während der einstmals demokratische, aber längst versteckt völkisch gewordene „Fränlisch'e Kurier" wcgen seines „eingehenden und sympathischen Berichtes" ein Lob crnlct. Alles in allein bietet das Wiedernustrctcn Hitlers für unsere reunde keinen Anlaß zur Nervosität, In dein Augenblick, in dem iilcr sich der baycriscljcn Negierung und damit auch den sie tragenden Parteien, Bayerische Bvlkspartci und Dentschnntionale Partei, unterworscn hat, um überhaupt reden zu dürscn, hat er als Bcrs a ,» m l u n g s r e d n e r viel von seiner früheren Wucht cingebüßt, ES kann nur lächerlich wirken, wenn gerade jetzt Grat R e v e n t l a w zu ihm stößt unter dem Borgchen, das, bei Hitler die sozialrevolutionnre Energie zu finden sei, die er im Kreise um Henning so schmerzlich vermißt. Bedenklicher wäre cs, wenn als Gegenleistung für die Rrdcsreihcit Hitlers etwa seine im Landtag sitzenden Freunde den Regierungsparteien gewisse Dienste zur Behebung ihrer Koalition?» schivierigkeiten zugcsagt haben sollte». Denn trotz alles Schimpsens über den undcutscheu Parlamentarismus iverden doch schließlich in den Parlamenten wichtigere Entscheidungen getroffen als in Bolksversainm» lungen, selbst in den Massenversammlungen Hitlers, W. K. NMtten - Mn - Berlin. I»,,»,.,. Seit Wochen weise» nur in der „E, V.-Zeitung" daraus hin, daß die nationalsozialistische Bewegung ivicdcr neu auslebt. Die geringen Wahlersvlge lassen den völkischen Parteien osseubar keine Ruhe, und sic versuche» nun, durch lautes Deinvnstriercii die Ausmerksnmkcit auf sich zu ziehe», um mit Gummiknüppel, Revolver und Stahlrutcn „Erfolge" für ihre Parteien. zu erzielen, Bor zivei Wochen stellten wir anläßlich der Vorgänge in Nastätten die Wühlarbeit der Natiounlsvzialistcu, besonders tu der Arbeiterschaft, dar. In der letzten Nummer dieser Zeitung mußten nur von den Uebersäilen der Hakeulrcuzlcr aus die jüdischen Wähler bei der Gcmeindcivahl in K v l n berichten, Tort war am Sonntag, den 13, März, vormittags zwischen 9 und 10 Uhr ein uniformierter Zug in provokatori silier Absicht, die bekannten Lioder singend, an der Kölner Synagoge Nooustraßc, >vofoibst sich das Wahllokal befand, vorbeigezogcii, ohne daß die dort anwesenden Inden daraus cingegangrn waren, lllnch cbva einer halben Stunde wiederholte sich das Schauspiel, wobei die Ruse fielen: „Nieder mit den JiidcnF Als Antwort ertönte: „Nieder mit den Hakeukreuzleru!" Im Augenblick entwickelte sich eine Schlägerei, bei der die Völkischen den kürzeren zogen. Des Nachmittags kamen sie aber verstärkt und, wie es scheint, m i t W a f f e n versehen zurück. Bei diesem neuen Zusammenprall wurde» zwei Juden durch Messerstiche am Kopf verletzt. Inzivischeu aber war die Schupo erschienen. Um die Völkischen znrnckzutreiben, wußte sie von ihren Gummiknüppeln energischen Gebrauch machen. Mehrere der Rädelsführer rind Messerhelden sind festgenommen worden. In Verbindung mit diesen Krawallen ivurde in der Nähe des Tatortes ein gänzlich unbeteiligter älterer jüdischer Mann ohne jeglichen Grnnd von Hakenkrenzlern überfallen und in den Rücken gestochen, so daß eine Einlieferung Ins Krankenhaus notwendig war. Glücklicherweise konnten die Täter auch in diesem Falle dingfest gemacht werden. Blanche Leser mögen diese Warnungs-signale, die der Centralverein sowohl in der Zeitung wie allerorts in Kundgebungen und Versammlungen gab. als übertrieben angesehen haben. Die schnelle Verwirklichung der drohenden Gefahr hat uns leider recht gegeben: die Borgänge, die sich am letzten Sonntag am Knrstirstendanim und an der Gcdächtniskirche in Berlin abgespielt habe», weisen deutlich pogromartigen Charakter ans. Aus der Tagespresse ist bekannt, daß ein Zug von Nationnlsozinlisten unter der Leitung von Dr, Goebbels während der Rückfahrt von Trebbin in der Eisenbahn und n»s dem Bahnhof Lichtcrfetdc-Ost ein Handgemenge schlimmster Art mit Mitgliedern des Noten Frontkümpfcrbimdes begann, 700 Hakenkrcuzlcr gegen 25 Kommunisten, daß ein Teil des Zuges sich dann durch die westlichen Vororte weiter nach dem Kursnrstendamm und Wittcnbergplatz begab und cs in der Kaiscrallee und am Kursürstendamm dann z» ilebcrfällcn auf jüdische Paffantcn kam. In der Tagespresse wurde auch vielsach darauf hingcwicseii, daß die Polizei diese Vorgänge mit angesehen habe, ohne den ttcbersallcncn de« ihnen znstchcikdcil Schlitz zu gewähren. Diese Dinge lassen, sich Swer beurteilen, wenn man sie nicht selbst mit angesehen hat, er sind aber in der Lage, die Aussage eines der Uebcrsatlencn hier lviederzngebcn, die die Vorgänge zmeifetlos richtig schildert, Herr F. B. aus Wilmersdorf berichtet uns: „Am Sonntag, den 20, März d, I,, gegen 9'^ IIhr abends, befand ich mich mit meiner Frau in der Kaiscrallee zwischen Güntzcl- und Traulenaustraße (rechte Straßenseite!, Um diese Zeit zog cm umfangreicher Trupp von Hakenkrenzlern durch die Straßen, Der Zug wurde an der Spitze von zwei Schupvlenten, am Schluß von einem Lastauto mit Sckyipobcnmten begleitet, Zn beiden Seiten des Trupps, dessen Mitglieder keine Stocke trugen, zogen zahlreiche mit schweren Stöcken bewaffnete Burschen. Mir wurde von einem unbekannten Zettetverteilcr ein rotes Flugblatt in die Hand gedrückt. Ich sagte: „Danke" und begann cs zu lese». In diesem Augenblick bekam ich eine» Schlag ans den Schädel und sofort einen weiteren Schlag, den dritten Schlag fing ich mit der linken Hand auf. Die Stockschläge auf den Kopf riefen eine sehr stark blickende Wunde hervor. Der Schlag Uber die Hand hinterlietz noch heute sichtbare SP«»ren. Ich wandte mich sofort an den zweiten der an der Spitze marschierenden Beamten, der mich an den führenden Hauptwachi»«eister verwies. Während ich mit dem Beamten sprach, ertönten Rufe aus dem Trupp: ,Jhr schlagt unsere Brüder tot, warum sollen wir nicht euch totschlagcn!' Slls ich erregt rief: ,Jch verlange den Schutz der Polizei!', antwortete es höhnisch ans dem Zuge: ,Die fährt hinten spazieren'.' Die Feststellung der Attentäter, die versucht wurde, war nicht möglich, da sich eine große Schar von Burschen sofort vorstellte. Die Polizeimannschaft, die den Zug begleitete, griff in keiner Weise ein. Die nn der Spitze des Zuges 'marschierende» Polizeibeamte» gaben auch keinerlei Signal, um ein Eingreifen herbeizusühren." Auch sonst sind uns zahlreiche Verletzungen harmloser jüdischer Passanten bekannt geworden. Und wenn wir oben von einem pogromartigen Charakter der Ausschreitungen gesprochen haben, so wird die Wahrheit dieser Behauptung durch die Schilderung der einzelnen Vorfälle bestätigt. Sicherlich war die Polizei überall, so auch in Berlin, bisher bemüht, alles zu tun, um alle Staatsbürger zu schützen. Es muß aber verlangt werden, das; alle Unterbeamten der Polizei, gleichviel, wie sie politisch eingestellt sein mögen, ihre Pflicht aiich dann erfüllen, wenn cs sich um jüdische Berichte handelt. Zentrale und Borstand des Landesverbandes Grosz- Berlin des C. B. sind sofort «ach Bekanntwerdc« dieser Tatsachen im Polizcipräsidinu: vorstellig geworden und haben führenden Herren die Beschwerden vorgetragen, di« tiber de» mangelnden polizeilichen Schntz in der Tageö- Presse und im Kreise unserer Mitglieder lautgcworden sind. Wenn auch die sintersuchnng der Vorgänge noch nicht abgeschlossen ist, so läßt sich doch ans Grund dieser Nnterredinig mit Sicherheit sagen, das; die Polizei alles tun wird, mir in Zukunft Ucbcrgriffe und Ausschreitniige» von rechts wie von links aiiss schärsste zu unterdrücken, Verstärkter polizeilicher Schutz durch Begleitung jedes Alifmarsches irgendeines Verbandes oder auch irgendeiner Partei mit Polizcibcaiiitcii ans Lastmitos, tatkräftiges Dnrchgrcisen bei Anrcmpelnngen durch kleine Griippcn — dieses heldenhafte Vorgehen kletiier Gruppen gegen einzelne Spaziergänger ist ja die beliebteste Methode der Hakenkrenzler — nnd vor allein scharfe Durchsuchung »ach Waffen und Beobachtung aller bestehenden Polizcivcrordnnngen sollen in Znknnft den gerechte» Schntz aller Staatsbürger gewährleisten. Es ist bereits mit diesen verschärften Maßnahmen begönne» worden: Am Montag abend wurden Nationalsozia listen bei ihren sogenaniiten „Sprechnbendeii" ans Waffen durchsucht und, ivie der Polizeibericht meldet, ivurde reiche Beute aii Totschlägern, Mauserpistolen, Trmmnelrevvlbcrn, Stahl- und Bleistahlruten, Gummiknüppeln und Dolchen gemacht. Außerdem sind bereits der zuständige Revier-Vorsteher unb der stellvertretende JiisPeltionSkommandcnr ihres Amtes enthoben ivorden, da sie sich, wie der Polizeibrrichl sagt, ihren Anfgabcii nicht gewachsen gezeigt In Kölii hak der Polizeipräsident — ivie wir meldeten — ein Auf»,arschverbot für die völkischen Orgaiiisalione» erlassen. Die Berliner Polizei erklärt, daß inan hier ei» derartiges Verbot nicht plane, ja im Gegenteil a b l e h n e, da cs als ein Zeichen von Schwäche gedeutet werden würde und man der Beamten sicher genug sei, um auch so mit den völkischen Rowdys fertig zu iverden, Hitler hat, ivie mir berichteten, in München ivicdcr gesprochen. Schon bemüht er sich auch in Hamburg um Aufhebung des Redeverbots, Der Führer der rheinischen Hakenkreiizler, Dr. Goebbels, hat offenbar die Organisation der Hakenkreiizler iii Berti» »iid Um« gebmig übernommen. Er will mit feinen im Rheinland erprobten Methoden jetzt hier der Bewegung auf die Beine helfen. Unsere Ortsgruppen haben die Pflicht, die Schlupfwinkel des bölfifdjcn Rowdytums besonders im Auge z» behalten nnd die Landesverbände ebenso wie die Zentrale rechtzeitig zu verständigen. Die Behörden sind zur Ausrcchtcrbaltuiig der Ruhe unb Ordnung ans die Mitarbeit der Bürger angewiesen, Diese Mitarbeit ebenso im deutfdjen wie im jüdischen Interesse zu leisten, ist dringendste Pflicht aller Organisationen des Ccntralvereins Es ist dringend erforderlich, da zii erwachen, wo man leider noch vielfach schläft. C0-4080D