Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-02-01 · Heft 2 (Februar 1927) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 2 (Februar 1927)
Date
1927-02-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2571117-2571131-2571133--125-2571424
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DCt von Lanögerichtsrat Dr. Schwenk (Görlitz). Der grobe Unfug des Hakcukreuztrageus in Amtsstuben gehört ja tunt, dank ministerieller Verfügungen, glücklichertveise wohl der Vergangenheit irn. Mit Recht: Postschalter und Fiuanzamtsbureau sind zur amtlichen Arbeit und ,zu>n dienstlichen Verkehr des Beaintcn mit dem Pnblikunr bestimmt. Es geht nicht an, die dienstliche Tätigkeit zu politischer Agitation zu mißbrauchen. Selbstverständlich must das für alle Parteien und Richtungen gelten: deshalb ist cs durchaus zu billigen, daß die Ministerien schlechthin das Tragen al ler politischen Abzeichen im Dienste verboten haben. Man gebe sich aber feinen Illusionen hin: 'Hiinifk'vieüc Dekrete können zwar ans die äußere dienstliche Haltung des Beamten Einfluß nehmen, kein Minister der Welt jedoch vermag durch Dienstbeschle die Gesinnung zu reglementieren; er soll es auch gar nicht. Es loird also schon so bleiben: die Bekämpfung des Antisemitismus in der Beamtenfchast loird Sache derer sein, denen auch sonst der Kamps mit dcir Judengegnern obliegt, i» erster Linie also des E, B. Man wird mir einwerfen: der Antisemitismus int Beamtentum sei doch kein anderer als der in der übrigen Bevölkerung! er bedürfe also keiner besonderen Abwehr. Ein verbreiteter, aber gefährlicher Irrtum! Die antisemitische Beloegung in der Beamtenschaft unterscheidet sich in der Zahl der Anhänger und in der Art lind Starke der ihr zur Berfttgung stehenden Werbemittel grundlegend vom landläufigen Antisemitismus; danach müssen sich Mittel und Kraft der Ablvehr richten. Eine z a h l e n in ä ß i g e Feststellung dev Berbreitllng des Antisemitismus im Beamtenkörper iss im Zeitalter der geheimen Wahl schlechthin -unmöglich; sie wäre übrigens auch bei Oefsentlichkeit der Wahlhandlung sehr schwierig, das Ergebnis unsicher. Der antisemitische Bcainte gehört häufig schon aus Tradition (die bei ihnr in solchen Dingen mehr als in anderen Bevölkerungs-schichten mitspricht) nicht einer der ausgesprochen völkischen Parteien an. Es bleibt also, will man die Verbreitung des Antisemitismus unter der Beamtenschaft feststelleu, nur die eigene persönliche Erfahrung des einzelnen. Bei einer solchen, mehr ans das Gefühl gestellten Beobachtung, ist aber eine gewisse Vorsicht geboteir, Es muß offen ausgesprochen iverden: der deutsche Jude neigt dazu, ungünstige Erfahrungen, die er mit nichtstidischen Mitbürgern macht, immer zunächst aus die Formel des Antisemitismus zurückzusühren. Diese Erscheinring ist durch die jahrhundertelange Bedrückung und Verfolgung ohne lveiteres erklärlich und entschuldbar; glcichivohl ist ihre Bekämpfung im Sinne der Gerechtigkeit, aber arich im Interesse taktisch richtiger Kampscsführung geboten: der Ir,de hat so viele wirkliche Feinde, daß er sich den Luxus nicht gestatten kann, noch gegen nur vermein tl i ch e Gegner anznkämpsen. Nicht jobc schlechte Osterzensnr eines jüdischen Schülers ist (wie es Eltern mitunter auSdeuten) auf den Antisernitisinns deS Lehrers zurückzusühre»; mangelnde Begabung und Ilnfleiß kommen auch bei jüdischen Schülern vor. Das Finanzamt setzt auch bei N i ch t - jnden die Steuerschraube kräftig an, und der Prozentsatz der Zivilprozesse, in denen jüdische Parteien unterliegen, ist sicher nicht größer als bei nichtjüdischen Parteien. Die Teudcnz, vermeintliche Benachteiligungen arif antisemitische Gesinunng des Beaintcn zurückzusühren, ist genau so fälsch lind einseitig, wenn auch rricht so gefährlich, wie die beliebte Berallgemeiiicrnng von Einzelvergchen der Inden durch ihre Gegner! A der: Offene antisemitische Ausbrüche _ von Lehrern waren früher in beit höheren Lehranstalten keine Seltenheit; sie iverden jetzt zu den Ausnahmen gehören — die Tatsache steht gleichrvohl fest, daß gerade in den Lehrkörpern der höheren Lehranstalten noch heute das „völkische", rasseantiscmitifche Element stark vertreten ist, ja daß es. in mittleren und kleinere» Städten nicht selten die Führerschaft der örtlichen antisemitischen Gruppe» (Deutschsozialen, Nationalsozialisten) übernommen hat. Und überhaupt: Ein zutreffendes und klares Bild ivird sich nur der machen können, der selbst in der Beamtenschaft steht oder gestanden hat. Der stete persönliche Verkehr mit anderen Beamten — gleich-, höher- und niedcrgestellten .- ermöglicht das klare Erkennen von Stimmungen und Verstjmmnnge», er ermöglicht vor allem das Einsichten in die gedanklichen und seelischen Ziisammenhänge und daniit in die Ursachen der Erscheinung. Nur die Erkenntnis der Ursachen einer Erkrankmig aber zeigt den TAeg zuv. Gesundung. Wer ein paar Jahrzehnte in mittleren Und kleineren Städten mit ihrer engeren Verbundenheit des Beamtcnkörpers als Beamter gewirkt hat, dem loird die Veränderimg der Einstellung der Beamtenschaft zum Judeutum nicht entgangen sein. Diese Veränderung tritt freilich nicht bei allen Bcamtengruppen in Erscheinung: die untere Beamtenschaft loird von ihr nicht betroffen; diese Beamkenschicht ist in der Jndenfrage nach wie vor im allgemeinen neutral; von ansgesprvcheiiem Jndenhaffe oder gar von eigeiitlichem „Rasscantisemitlsmus" kann hier nicht gesprochen iverden, Ihr Interesse an öffentlichen Dingen beschränkt sich ja meist — bei den Zeitverhältnissen begreiflich genug — im wesentlichen auf wirtschaftliche Fragen. Soweit der lknterbeamke sich aktiv mit vsfcnkkichcn Dingen befaßt, geschieht e8 vorlviegeild ans geiverkschaftlichem Gebiete, Politisch schließt er sich dann denjenigen Parteien an, von welchen er sich tatkräftiges Eintreten für seine wirtschaftlichen Belange verspricht. Anders, und leider weit schlimmer, liegen die Dinge bei den mittleren und höheren Beamten, dier muß man leider heute noch von einer „antisemitischen Welke" sprechen. Die Ursachen dieser Bewegung sind aber bei den beiden Beaintcngriippen grundverschieden. Bei deni großen Heere der mittlere n Beamten (Reichs-, Staats- und Kommimalbenmten) beruht der Umschwung ausschließlich ans der wirtschaftlichen Perelendnng, der diese Kreise durch Krieg und Inflation anheimgcsallen sind. Gewiß steht auch das Einkommen der Nn terbeam te n, nach der Kaufkraft berechnet, weit unter den (damals schon kläglichen) Gehältern der Vorkriegszeit; aber so schlver der Unterbeamte auch unter der Not der Zeit leidet, so wird er darin doch nur eine Nnswirkung der allgemeinen wirtschastlichen Lage erblicken; er ivird feine Lebenshaltung mit jener der ihm gesellschaftlich nahestehenden Angestellten- und Arbeiterkreise vergleichen und dabei feststelleu, daß auch diese Kruppen in gleicher Weise in ihrer Lebenshaltung herabgedrückt find. Das ivird (und soll) ihnr nicht den Antrieb nehmen, gcwerkfchaftlich auf die Besserung seiner schlimmen Lage hinzrnvirken, die vergiftenden Einflüsse antisemitischer Hetze werde» ihn aber — int allgemeinen — nicht erreichen. Anders der in i t t I e r e Beamte; also, nach der Kerntr-uppL ungenau bezeichnet, der' Obersekretär, Rechmingsrat, Bolksschnllehrer: feine Lebenshaltung hat sich nicht nur absolut« gegenüber der Vorkriegszeit erheblich verschlechtert; er ist auch relativ — an deir gesellschaftlich gleich-stehenden Schichten des Mittelstandes gemessen — weit mehr verelendet als die Angehörigen: der entsprechenden anderen Kreise des Mittelstandes. Der Fernstehende niacht sich von dem Elend dieser Beamtenschicht kaum den rechten Begriff. Gewiß gestattete auch die Borkriegsze.it -den mittleren Beamten keinen Luxus; jetzt aber sind ihnen auch die einfachsten BildungSbestrebnngen verschlossen, -die Anschaffung eines guten Bnches, Theater- und Kouzertbesuch rmerschwinglich. Für den Hausstand, Kleidung und Wäsche, konnte in der Inflationszeit nichts angefchafst iverden, und auch jetzt ist an Ergänzung kaum zu denken. Den Kindern ist, aus Mangel au Mtteln/der Besuch höherer. Schulen oft verwehrt. Kei>i Wunder, daß in diesen Kreisen eine tiefe Verbitterung. um sich gegriffen hat. Tie Verbitterung aber ist der fruchtbarste Boden für die antisemitische Propaganda. Die Wühlarbeit ivird sich hüten, den Beamten das wahre Bild von der nichts weniger als beneidenswerteu Lage, des jüdischen Mittelstandes — der kleinen Känflente-, der Handlungsgehilfen, der Angestellten — zu entwerfen; mit dem- Märchen vom „jüdischen Reichtum" fängt sie die Stimmen ein oder hält jene fest, die sich durch die —- längst verlorenen — I»slativns„gc>vinne" einzelner blenden ließen; daß diese Schein„gewrnne" in gleicher Weise nickst jüdischen und jüdischen Gewerbetreibenden zngeslvssen sind, wird wohlweislich verschiviege», und die gesellschaftliche Absonderung weiter Kreise des Beamtentums erschwert die eigene Nachprüfung, Ich kenne so mancheir wackeren alten Bekannten, der sich früher mit Schaudern von der antisemitischen Hetzarbeit abgewendet hätte (diese Kreise ivareu ja der Stamur des „alten Freisinns"), und der henke, verärgert, verbittert, unaufgeklärt, der antisemitischen Fahne folgt — also »veu» ich es so neunen darf: nein >v i r t scha s tl i che r Antisemitismus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.