Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-02-01 · Heft 2 (Februar 1927) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1927
Issue
Heft 2 (Februar 1927)
Date
1927-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2571117-2571131-2571133--122-2571421
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

10 langt mehr von ihm als diese „bürgerliche Toleranz". Sie verlangt, daß er seine iiichtlathvlischen Mitbürger liebe; wie denn auch ihr Stifter Jesus Christus die Liebe zu Gott und dem Nächsten arr die Spitze seiner Sitkenlehre stellte, ohne in der Nächstenliebe einen Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen zu machen. Ebenso empfahl der Dölkerapostel Paulus die Nächstenliebe als „Band der Vollkommenheit" chol. 3,14) unter den Menschen ohne Nnterschied des Stammes oder der Religion. Nicht anders dachten und lehrten die K i r rt) enväte r. Ter größte unter ihnen, AugiLstinns, prägte das auch heute noch als Richtschnur in Fragen der Toleranz geltende Wort „ltiliczo lioniincm, oderis viliinn"1) (Sitiii. 19, 5); und für das Morgenland schrieb der heuige Chry.so.-dnimis: „Tie häretischen Lehren müssen wir verwerfen und widerlegen, die Menschen aber lieben und für ihr veil beten." (Do nuathoi». 4.) Bei ihren Mahnungen, Außenstehenden Liebe und Verständnis entgcgenznbringen, dachten nicht mir die Apostel und Christus selbst, sondern auch die Kirchenväter in erster Linie aic die Nichtchristen. Und gewiß meinte Jesus, lvenn er von den Nächsten sprach, die er zu lieben befahl, vor allen die Inden, von denen er dem Fleische nach stammte, mit denen er lebte und ans deren Mitte er nur einmal für ganz kurze Zeit hcransging. Als späterhin immer mehr Absplitterungen von der Christengenreinde entstanden und die Sekten den Kampf gegen die Kirche oröffneteri, nahm diese gegen die „A b t r ünn i g eit“ naturgemäß eine andere Stellung ein. Es entstanden religiöse Kämpfe, die nicht auf den Streit um die Weltanschauungen beschränkt blieben, sonderir Huben und drüben auch auf das bürgerliche Gebiet übertragen wurden rmd im Laufe der Jahrhunderte zu blutige» Znsammenstvßcn nusarteten. Man muß diese Religionskümpse im Rahmen der Zeit- Verhältnisse beurteilen, und man darf nicht übersehen, daß sie ans katholischer Seite von einer Gesellschaft geführt wurden, die in einer ganz katholischen Zeit sich in ihrem religiösen Besitz durch Abtrünnige bedroht sah. Bemerkenswert ist, daß die Katholiken und die Kirche selbst im großen und ganzen mit den I ll d en besser auskamen als mit den vom Katholizismus abgcfallenen Christen. Die Kirche hat sich wiederholt gegen die Verfolgungen und die Verleumdungen der Juden ausgesprochen; sie hat eigne Toleranzgesetze gegenüber den Juden heransgegeben und gewaltsame Judentaufen streng verboten (vgl. Philipps, „Kirchenrecht" II, 2, § 97 bis 99). Bekannt ist das angenehme Verhältnis, welches vielerorts zwischen den bischöflichen Stellen und den Oberrabbinern besteht. Diese Erscheinung hat ihre tieferen Gründe wohl iu dem Gefühl gemeinsamer religiöser Traditionen und anderseits in einer nur zu naheliegenden Aversion gegen „abtrünnige" Brüder. Eine antisemitische Bewegung größeren Stils setzte im Katholizismus erst mit den Kreuzzügen ein. Sie flaute bald ab, um später hier und da, z. B. in der spanischen Inquisition, in geringerein Maße und für kürzere Zeit wieder aufzublühen. Die Griindstimmillig aber sowohl gegenüber den Inden als mich gegenüber den Protestanten ist in der katholischen Welt seit Augnslimis, ja seit Christus und den Aposteln, immer die gleiche geblieben. Sie liegt in dein Grundgesetz deS Herrn begründet: Liebe den Nächsten, wenn du auch seine religiösen Ansichten verwirfst, lieb' ihn wie dich selbst! Der Begriff „Toleranz" entspricht somit lvedcr im dogmatischen noch im bürgerlichen Sinn der katholischen Idee. Dogmatisch kann der Katholik eine andere Glanbciislehre als die seiner Kirche niemals als wahr anerkennen; und inc bürgerlichen Leben soll er sich nicht damit begnügen, seine Mitbürger evangelischen oder jüdischen Glaubens lvie ein Uebel zn „dulden": er muß sie achten und lieben. Das ist katholisch. Und wenn es früher manchmal in katholischen (wie umgekehrt auch in protestantischen) Gegenden 311 Exzessen gegen Andersdenkende gekommen ist, so bedauert diese ans den Zeitanschaunngen zn verstehenden Ereignisse niemand mehr als die -Katholilen selbst. (Vgl. „Histor.-Polit. Blätter", XC, 1882). . ') Sfiebc teil Menschen. Bevobirficm' bu? liebet. Zrie-hofssthänüungen. Eine erschÄlternde Liste. Ans unserem reichen Mtemnateriäl legen ruir unseren jüdischen _ und nichtjüdischen Lesern eine Liste von Schandungen jüdischer Friedhöfe vor, die in den letzten zwei Jahren in Deutschland zu verzeichnen waren. Die Liste ist nicht bis zum letzten erschöpfend; sie genügt aber, um zn zeigen, daß nicht einmal die Ruhe der Toten, das höchste Gebot jeder Menschlichkeit, vor aufgehetzten Buben sicher ist. Es besteht durchaus die Möglichkeit, daß hier und da in den aufgezählten Fällen auch Nichtvölkische sich an den Gräbern vergriffen haben. Jeder aber, der die völkische Lehre genauer kennt, wird nicht im geringsten daran zlveifeln, daß die erdrückende Zahl dieser Untaten auf das Konto Völkischer zu setzen ist. Gewiß gegen den Willen der Leiter dieser Bewegung; da sie aber im Wesenskern nur H a ß u n d R a ch snchtlehrt. so fährt sie insbesondere ihre jugendlichen Anhänger zwangsläufig dazu, jedes ihnen irgendwie geeignet scheinende Mittel zu benutzen, nni deni „Feinde", von dem ihnen nur die größten Schl'echtigkeiten und Widerwärtigkeiten gelehrt werden, zu schaden. Den Veschmntzniigcn und Befchädignngcn jüdischer Gottes h ä n f e r in M ii n ch c n, Berlin, P o t s d a »i, Kiel und vielen anderen Orten reihen sich die Fricdhvfsschändlingeii, die hier ausgezeichnet sind, als gleichwertige Ergänzungen an. 12. Dezember 1 924: Beve r n u gen: Aus dem ifmclitifol-i'ii Friedhof winden f 11 6 c u © v n bft c i u c nmgestttrzt. Mä r z 1928. K l ein -Bar do r s: Auf dein israelitischen Friedhof ivnrden Zerstörungen nngerichtek. Mai 192 8. Köthen: Auf dem jüdischen Gemeindesriedhos wurden chua 3 0 G r ü b e v durch Umstürzen und Zertrüinniern der Grabdenkmäler beschädigt. Täter bekannt, aber Versehlvnnden. 8. bis 6. Juni 1925. Plauen: Tie neu hergerichtele Leichenhalle wurde nachts über und über mit roter Oelfarbe beschniiert. Beleidigende Aeußerimgen lvnrden angenmlt. August 1928. AlSbnch a. d. Bergstraße: Auf dem israelitischen Friedhof wurde» elf Grabsteine nmgeworsen und zertrümmert. Januar 1926. Hvckenheim: Ans dem israelitischen Friede hos wurden Grabsteine nm-geworsen und beschädigt. Februar 19 26. Löwen berg: Auf dem jüdischen Friedhof wurden zwölf Gräber durch Bemalen mit öntentrenzen, Abi- Hauen von Berzieriuigen und Eisenteilen beschädigt. Täter: Schüler des dortigen Gymnasiums. März 1 9 2 6c P s l a n m l u ch (Lüddeutschlandp. Aus dein jüdischen Friedhof wurden 18 Grabsteine nmgestürzt und mehrfach zerbrochen, zum Teil die Steinsockel ansgehoben. Täter: elf Schüler der evangelischen Volksschule. t 2. bis 1 3. Mä r z 1 g2 6. E r s u r t: Ter alte jüdische Friedhof wurde verwüstet, 9 5 Gravde n k m ä l e r nmgeworfei, und zertrümmert. Täter: Angehörige des M! k i » g b n n d e 3, die mit Gefängnis bestraft ivnrden. Mai 192 6. Memmelsdorf (Oberfranken): Aus dem jüdischen Friedhof Ivnrden auf Grabsteinen eingelegte Platten zertrümmert. April 1926. Call! es i. Pommern: Ans dem jüdischen Friedhof wurden mehrere Grabmöler vernichtet und viele Gräber zerstört. Täter: ein Mitglied des Stahlhelms, wurde mit Gefängnis bestraft. Oktober 1926. Alt da mm i. Pommern: Tos Tor de? jiidischen Friedhofes wurde nnfgebrochen, sieb e n b i 3 n clj tGrnb. steine nmgervvrfen und zerstört. November 1920. Gnvien i. Mecklenburg: Ans dem israelitischen Friedhof wurde» Gedenksteine »mgeworien, ('iniCrc .1 4. b i s l 8. Dezember 1 926. Breslau: Ans dem alten jüdischen Friedhof in der Claßenstraße wurden etwa zehn Grabsteine »mgervorsen und die Gräber demoliert. 2 4. Dezember 192 6. Bingen: Auf dem jüdischen Friedhof wurden Grabdenkmäler nmgestürzt, Brouzestücke und Bronzeplatten abgeschlagen und luitgenoimnen. Dezember 1 9 2 6. Ermetzhosen (Mittelfranlen): Beschädigung des kleinen jüdischen Friedhofes. Februar 192 7. Knppenhei m bei Rastatt (Baden): 18 Grabsteine wurden nmgeworsen, und selbst das Ehrenmal der Gefallenen lvnrde nicht verschont.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.