Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7 sich au. Wer fortfommcu will, darf schon in der Schule leine übertriebene Bedächtigkeit zeigen. Die schnell heraugewachsene Millionenstadt fordert Auffassung, die iveniger tiefgründig als rasch zu sein braucht. Daher die Neigung znm Witze, der in de» Schichte» schnell und ungenügend erzogener Mensche» ja nur zu leicht zur Schn oddri gleit ansartet, Diese Schnoddrigleit ist keineswegs, wie der Kenner der Verhältnisse bestätigen ivird, in il)vci»' (Svmiti» charakter bösartig. Sie ist ei» Erzeugnis des Lebeuslmnpses, und wenn sie sich auch oft ohne Hemmungen gibt und dadurch Anstoß und Aerger erregt, so ist doch ihre Grundlage letzten Endes die gleiche, aus der die Lcistiiiigssäyiglcit und starke innere Kraft der Gesamtbevölkcrnng erwachsen, Darum sind auch die Leistungen der Stadt Berlin nicht ohne neidvolle Bewunderung geblieben, zum Beispiel aus dem Gebiete der Knust, Ilnd ebenso hat cs die Berliner Bevölkerung aus dem Gebiete der Wissenschaft zu einer, wenn auch nicht gern anerkannte», Stellung in Deutschland und in der Welt gebracht, Gewiß, cs fehlt der schnell emporgekommencn Bevölkerung jenes Maß von ästhetischem Empfinden, das die alle Verwurzelung in dem Heimatboden mit sich bringt. Die Erfolge ans dein Gebiet der Wirtschaft, vielfach auch ans dem Gebiet der Kunst und Wissenschaft, sind nicht immer nmgilänzt von dem Schein und Gehalt ästhetischen Wesens, Behaglichkeit geht dem Berliner Leben mit einer geivissen Notwendigkeit ab. Falsche Schlüsse. . Berücksichtigt inan alles dies, so ivird man verstehen, weshalb man auf Berlin so voller Zorn ist, Man ivird cs in» so mehr verstehen, wenn man berücksichtigt, daß gerade anstcrhaib der M i l l i o n e n st a d t in Bädern'nnd Kurorten sich jener besondere Parvenü-Typus z» zeigen pflegt, der genau ivie in Berlin in jedcin anderen Ort dnheim ist, dessen Zahl sich aber i» der Grvßstndt natiirgeinäsj addiert, Ueberlcgt man, das; Berit» beiliahe vier Millionen Menschen in sich birgt, so ivird inan ohne iveitcrcs begreifen, dast die Zahl der Berliner Parvenüs keineswegs großer ist als die anderer Städte. Ii» Gegenteile Wenn mau sich so manches Mal ärgerlich darüber Ivnnderi, das? überall Berliner zu findcii sind, so übersieht inan die Größe »iid den BvlkSreichtnm dieser Stadt, deren Bewohner infolge der Reibungen, die das tägliche Lebe» dort in so große», Maße init sich bring!, anch mehr Entlastung durch Ausspannung benötigen als die Menschen, die im Mjiik'iiben Schuhe einer reine» Luft und herrlichen Natur ihr Tagciverk vollbringen. Ein besonderer Typus, der alle jene Eigenschaften, von denen wir gesprochen haben, in ganz besonders hohem Maße in sich birgt, ist der jüdische V e r l l » e r oder der B e r l i » c r I u d e, Für ihn trifft das, ivas über seine Mitbürger in der Gesamtheit gesagt wurde, ln verstärkter Weise zu. Ihre Mischung ist besonders vielfältig, Ihre Arbeitsintensität mnß den Durchschnitt der übrigen Bevölkerung deshalb übersteigen, ivcil sic durch die Entwicklung gerade in diejenigen Berufe gedrängt sind, in denen Nervcnkraft, Eile, Arbeitsintensität, schnelles Ueberlegeu in besviidercni Maße erforderlich sind. Wir haben keine niten Ofsiziersgcncrativncn, keine uralte» Bcamtensamilie», die de» ^tainni unserer Bevölkerung abgcbcn können. Die in Berlin wohnende» Urenkel dos Ghettos sind Nervcnmcnschen und werden es ivohl trotz aller gute» Bcmühungc» noch lauge bleiben, Tarnn, hat die Millionenstadt ihre Einwirkniig ganz besonders stark ans sie ansgcnbt. Berücksichtigt man den schweren Kampf inns Dasein, den die ungeheure Masse des jüdische» Mittelstandes in dieser Stadt zu führen hat — die nach außen hin in erster iHute sichtbaren Juden des sogenannten „vornclimcn Westens" bilde» nur eine geringe Zahl der Berliner jüdische» Bevölkerung —, so ivird man verstehen, ivicso die Nerven des jüdischen Berliners vcrhältiiisinäßig Ivenigcr halibar find als die kraftvollerer Naturen, die in den Kleinstädten doch noch in ganz anderem Maße vorhanden sind. Weiß mau aber, daß das sogenannte „Berlin-IV-Judentum" zu einem großen Teil nicht mehr jüdisch ist, sondern längst sich im nichijüdischeu Lager befindet, berücksichtigt man ferner, daß erfahrungsgemäß der fremde Spaziergänger leicht geneigt ist, jede» von den vielen Tausciidcu von Ansländern, ivie Rumäne», Serben, Italiener» und Franzosen, die sich in Berlin anshaiten, als Inden anznsehcn, so versteht man auch hier, ivelche Fehlurteile durch oberflächliche Betrachtung des Straßenbildcs entstehen müssen. Fragt man sich aber, und damit lvminen wir zu dem Hauptpniikt, ob an der gesmnten Berliner Bevölkerung irgendwelche Minderwertigkeit fesiznstellen ist, so wird man diese Frage rundweg verneinen müssen. Gerade bic Fähigkeit, die Itnlerscheidnngen. die die Millionenstadt Berlin mit sich bringt, in ihrer Grundursache zu erkennen und die Gesamtcrschcinungen zu verstehen, ermöglicht ein Urteil, das zeigen wird, dast voin inenschlichen Standpiinkt aus die Berliner Bevölkerung gegenüber der übrigen als gleichwertig erkannt ivcrde» mnß, ^keineswegs ist etiva die Moral dieser Bevölkerung durchschnittlich schlechter als die Moral der Bevölkerung der kleinen Städte und des flachen Landes, Gewiß ist der Satz richtig, daß „kleine Städte kleine Ninnsteine und die großen Städte große Ninnsteine habe»". Wer aber in kleinere Siedlungen hineiiizusehen versteht, weiß, daß anch dort verhältnismäßig mindestens so viel gesündigt wird ivie in der Millionenstadt, Die tzesamtc Moral dieser Millivncnstndt wird gehoben durch ihren Arbeitswillen, durch ihren ehrlichen Fleiß und 'durch ihre Tüchtigkeit, die sich die Menschen dort immer ivieder und lvicder erwerben müssen, um sie in Wirklichkeit zu besitzen. Ergebnisse. Wenn ein Mann wie Johannes Müller von der Berliner Art derart abgestoßen ivird, daß, wie er schreibt, ihm die Brüderlichkeit flöten geht, so ivird damit nur iviedernm bewiesen, daß auch die hervorragendsten Männer sich durch äußere Urteile, die in Wirklichkeit Vorurteile sind, in manchem Falle zu Schlüssen verleiten lassen, die für den, der wirtlich i» die Tiefe sieht, der inneren Begründung ermangeln. Die Berliner Bevölkeruiig verdient ebenso wie die Bevölkerung jeder anderen Großstadt das liebevolle Interesse ihrer Mitbürger nnd ihrer Mitbrüdcr, denn sie leistet dem deutschen und dem Mcnschheitsnamcii sehr Beträchtliches, und ohne sie ist die Kultur — nicht mir die Zivilisation — Deutschlands heute und wohl für alle Znknnft nicht recht denkbar, Geschmacksunterscheidnngen iverden innner vorhanden sein, nnd über Sympathien läßt sich nicht streiten. Aber man darf nicht so weit gehen, selbst das Empsinden für Brüderlichkeit da ansznschließen, tvo die behaglich-gemächlicheren Menschen das schnelle Lcbenstcinpv anderer und seine Folgecrscheinnngen ablehneii. Die Abneigung gegen die Berliner ist die Bvrstnso der Abneigung gegen die Inden, Das Unrecht, das man hier tut, tut man dort in erhöhtem Maße. Diese Erkenntnis ist wertvoll für Jnd' und Christ, für Ostdeutsche, Norddeutsche und Süddeutsche, denn auch sie führt z» einem gerechten llrteil nnd damit zu Verständigung und Volksgemeinschaft, MM SllNdtvttWamMn ln Kuchessen. Bon Lehrer L. Horttntz (Kassel), In vielen Teilen Deutschlands ist mau gewöhnt, allem, waS aus Kurhcssen kommt, mit einem Lächeln zu begegnen. Man spricht von Nückständigleit in> großen nnd kleinen und denkt immer, wieviel besser doch die Verhältnisse der Juden in anderen Gebieten waren. Der Kenner von Land und Leuten, der mit der staatsrechtlichen Entivicklnng Knrhcsscns vertrant ist nnd die Wahrheit ohne Borcingenominenhcit hören »nd sehen ivill, kommt zu einem anderen iirtcil. Ata» halte sich nur die Gründling der jüdischen 'Volksschulen vor, die länger als hundert Jahre — seit 1808 bis 1816 — Etaatsanstaltcn und die Lehrer Staatsdicncr waren, Ilnd so kann man vieles nennen, ivie sehr der Staat sich der jüdischen Eimvohncr ainiahm, weimglcich wir über die Einmischung der christlichen Be- Horden in rein jüdische Angelegenheiten anderer Meinung sind. Knrhessc» konnte sich der napoleonischen Gesetzgebung cbensoivenig entziehen ivie andere von ihm eroberte Gebietsteile, War doch Kassel die Hauptstadt des Königreichs Westfalen und der Sitz des Konsistoriums der Israeliten als anSsührciides Organ der Staatsbehörde. Da nach der Bcrsassung alle Untertanen ohne Unterschied des Glaubens vor dem Gesetze gleich ivaren, hörten anch für die jüdischen Staatsbürger alle Beschränkungen ans, nnd jüdische Knaben konnten das Handivcrk erlernen, ivvz» sie Lust nnd Neigung hatte». Gar viele drängten sich jetzt in die Werkstätten nnd zeigten sich als würdige Nachkommen jener Leute, die ans hciniatlichcin Boden den Hamincr, die Nadel nnd die Drehscheibe gebrauchen konnten. Wenn auch die Negiernngszeit Jöromcs kurz war, konnte man doch schon eine Reihe von Handwerkern hcranbildcn, die es durch Fleiß nnd Tüchtigkeit zu Ansehen nnd Wohlstand brachten. Aus Kassel seien »nr genannt: Hallo (Maler), Fiorino (Mechaniker), Feldstein (Schneider), Weisncr (Buchdrucker nnd Maler), Seehos (Mechaniker), ©utinaiin »nd S ü s; - Holz (Blechschinicde) nnd viele andere. Im Jahre 1818 iviirdc» vom Konsistorium 86 Knaben als Handwerker hcrangrbilbct: 1 Maler, 1 C h i r u r g i n 8 , 12 Schneider, 12 Schuh, mneher, 2 Schlosser, 2 Buchbinder, 1 Hutmachcr, 1 B ä ck e r, 1 K a m nt a ch e r , 1 Sattler, 1 Hvrndrechsler und 1 Tischler, Diese erforderten 751 Taler Lehrgeld, Die Inden im Königreich Westfalen hatten bewiesen, daß sie gleichberechtigt waren und sich nicht als Fremdkörper zeigten, AIS mm der frühere Nechtsznstand in Hessen cintrat, setzte Kurfürst Wilhelm I, das begonnene Werk mit einer Verordnung vom 14, Juni 1816 über „Gleichstellung n n d H a n d w e r k" fort. Das Gesetz vom 2V. Oktober 1826 hob die letzte Bcschränlnngauf: ,,Tie Staatsanncbörigcn israelitischen Glaubens in allen Gebietsteile» erhalten flleidje Rechte mit den llnicribancn anderer Bekemünisse, sind aber anch denselben Pslichtc» nnterworscn, Me nur auf das Glanbensbclcnntnis gegründeten Verschiedenheiten, ivelche ans früheren Gesetzen, Verordnungen, Dorschristcn, Observanzen »nd sonstigen NcchtSgnellcn sich ergeben, sind demnach erloschen," Nun waren die Israeliten Kur Hessens Bollbürger, anch die ans den Bezirken Fulda und Hanau, Welche Wirkungen die Maßnahmcii der Regierung hatten, darüber besitzen wir eine Fülle iirkundlichcn Ntatcrials, aus dem hervorgeht, daß sich viele Hände zur Arbeit regten, lieber Handwerker in verschiedenen knrhcssischcn Ortschaften besitzen ivir folgende Listen, die ans dem Jahre 1838 stammen.