Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschland statt in der verneinenden Form eines HasMfanges gegen England besser an der Form eines Liebcsgesanges an England ausgesprochen HA!«'. Tatsächlich lautete der Text:.Liebc-Zgcsnug an Deutschland". An diesen Satz waren beschiuchseude Bemerlungen vllge»«iner Natur geknüpft. In erster Instanz ist Holtz <un 11. Juni v. I. zu scchsWochen SefSngn! s ver urtei lt worden. Vor der Verhandlung zweiter Instanz — Lissauer sowohl wie Holtz ijuMcii Berufung ciiWlcgt — kam eS M» einem Vergleich, in dem Holtz Lissauer gegenüber im weitesten Umfange Ehrenerklärungen abgab. Darüber hinaus veröffentlicht der „Fridericus" ein aussichrliches Schlußwort, in dem der dichterischen, für Deutschland bedeutungsvollen Persönlichkeit L i s s a „ e r s volle Würdigung zuteil wird und Lissauer ans freien Stücken um E n t s ch n l d i u n g gebeten w i r d. ES ist liber-ai,8 erfreulich, daß damit das Verfahren sein Ende fand, ohne daß Bitterkeit bei einem der Beteiligten zuritckblieb. Doch bleibt die Frage offen, Musi man sich erst mit Völkischen vor dem Strafrichter treffen, um sie von der Wertigkeit des deutschen Juden zu überzeugen? Vom „schnoddrigen Berliner". Eine Betrachtung von Ludwig Holländer. Das unbeliebie Berlin. Einer der vornehmsten Männer dcS beutfctjeu Geisteslebens, 8»Hannes Müller, der Herausgeber der Zeitschrift „Grüne kälter", veröffentlicht eine Reihe von Antworten ans Fragen, die ihm in seiner Tätigkeit als Heiser sür ringende und als Heiler Iür kranke Seelen vorgelegt wurden. An einer Stelle spricht er tber Menschenverbrüderung oder Nnssczucht und sucht diejenigen z» befriedigen, welche seine Meinung über folgende Probleme hören wollten: „Halten Sie eine allgemeine Menfchenvcrbrüdcruiia für durchsulirbar? Sind nicht vielmehr durch die Nnüciiimtcrschiede natürliche Schranken gesetzt? lind ist cs „ich! aussichtsreicher, die Stammesart heraufzuzüchten und ihr zu», Siege über die andern zu verhelfen?" Die Gesamtantwort Müllers kann hier nicht wiedergegeben werden. Was besonders bedeutsam an seinen Aussührungcn erscheint, ist folgendes: „Aber das glanbe ich nun nicht, daß durch die Nasseumitcrschiede iiatürli«l)e Schranken gesetzt mikcn.. Auch hier must ich wieder sagen: denken Sie doch an die Wirklichkeit, dann Ivird Ihnen sofort aufgehen, daß die sozialen Unterschiede viel größere Schranken sind, l'iit einem Franzosen oder Engländer iverdcn Sie viel eher brüderlich cinpsinden als mit einem Strolch, der Ihnen aus der Landstraße begegnet, obgleich der ein guter Deutscher ist >vie Sie. Also auch da sind wieder Dinge ausgcbauscht und hereingetragen, die gar nicht der Wirklichkeit entsprechen. Wahres brüderliches Empfinden fetzt sich ohne weiteres über Rassenunterfchiede hinweg. Brüderliches Empfinden ist doch dies, daß man im andern den Menschen spürt, achtet und auf Grund dieser unwillkürliche» inneren Haltung und Feinfühligkeit sich zu ihm stellt. Da fragt man nicht: welcher Rasse gehörst du au, bist du Süddeutscher oder Norddeutscher, oder wohl gar ein Berliner? Ich komme darauf, weil mir das am schwersten ist, einem vulgären Berliner gegenüber brüderlich zu cinpsinden. D i e s e s ch n o d d r i g e B e r l i n e r A r t (Bon uns gesperrt. Die Schristltg.) hat für mich etwas derartig Abstoßendes, daß mir da alle Brüderlichkeit flöten geht. Jedenfalls ist cs mir leichter mit einem menschlich aiigeuehiiiei, Ausländer als mit solch einem unangenehmen Berliner. Ich glanbe also nicht, daß die Nassenunterschicde, so groß sie sein mögen, das allgemeine brüderliche Empfinden, das sich aus der lebendigen tvarmen Menschlichkeit ergibt, a»Z dem Gefühl, daß wir trotz der völkischen Eigciitümlichkeiten und Unterschiede alle MensclM sind, hemmen kömiteii, sondern hier ist wieder der Gegensatz zwischen Bildniig und 'Unbildung, Art und Unart viel größer als der zwischen romanischer und germanischer Nasse. Aber damit bin ich ganz einverstanden, daß eine allgemeine Meiischeiiverbrüderinig vorläufig ganz ausgeschlossen ist." Zu Lenken gibt uns der Umstand, daß auch Johannes Müller von der schnoddrigen Berliner Art spricht, die für ihn etwas derartig Abstoßendes habe, daß ihm „da alle Brüderlichkeit flöten zu gehen" scheint. Wie ist cs z» erkläre», daß in so vielen Kreisen des deutschen Volkes so ungemein absprecheud über Berlin gedacht und geredet wird? Alle Tage erlebt »in» es, daß Gutgesinnten und sogar Bestgesinntki,. wie Johannes Müller, bei Lenen nicht etwa bon einem Haß gegen die Städte gesprochen werde» kann, der Berliner Thpiis so sehr mißliebig geivorden ist. Keineswegs ist das bei allen Großstädten oder gar bei allen führenden Städten der Welt der Fall. Paris betrachten die Franzosen auch mit kritischen Blicken, aber kein ernster Franzose wird die Pariser als Menschen so kennzeichnen wollen, ivie cs von Berlinerii geschieht. Ebenso andersartig liegt der Fall in England. Mau kann ivohl sage», daß die Unbeliebtheit der Bcivohner der Hauptstadt ganz besonders typisch sich nur in Deutschland, und zwar der Berliner Bevölkerung gegenüber, zeigt. Welche üble» politischen Auswirkungen mit diesem Urteil verknüpft sind, bedarf keiner Erörterung. Tatsache ist, daß die Vollsstiiumiiiig in Nord und Süd, West und Ost in einem Berliner etwas stark Unsympathisches erblickt. Das gilt von Juden ebenso wie von Nichtjudcn. Auch Ler Jude der preußischen Provinz und der süddeutschen Länder sicht in dem jüdischeil Berliner den am wenigsten nngriiehiueii Typus des jüdischcu Dcutschen, Im übrigen innß darauf hiiigeivicsen werden, daß der Typus des Berliner Jude» das besonders betonte Berliuertum bezeichnet, und Laß man auswärts leicht geneigt ist, jeden Berliner als Berliner Juden zu kcnuzeichueii, ob er in Wirklichkeit zum Judentum gehört oder nicht. Besonderheiten der Bevölkerungezusammenfetzung. Diese Unbeliebtheit deS Berliners muß uns dazu sühren, in eine Prüsuiig nach Ursache und »ach Wesen der Erschcinimg als solcher ciiizutrctcn. Demi nur. wenn Klarheit über solche der sozialen Psychologie nngehörige Probleme gcschassen wird, ist die Möglichkeit der Beurteilung einer großen Reihe von Bornrleilen gegeben, au deren Klärung uns, de» deuischcu JuLen, ganz abgesehen von allen meufthliche» »ud deutschen Jiitcresfcii, ganz besonders gelegen sein mliß. Prüft ninii Berlin und die Berliner, so fällt zunächst die bedeutsame Tatsache der Mischung der Bevölkernng aus den verschiedensten Bestandteile,> des deutschen BolkstumS auf. In bcsoudercui Maße hat die Vermehrung der Bevölkerung geraLe Berlin betroffen. Keine Stadt ist in den letzten Jahrzehnten auch relativ ko gewachsen, ganz geringfügige Ausiiahmeu selbstverständlich ausgcschlvsscii, wie Berlin. Dieses'Wachstum hat ein Hineinfluten von außerordentlich verschiedenartigen BevölkerungSbestandteUen mit sich gebracht. Nicht nur aus den Ostprovinzen Preußens, nicht nur aus den leider so große», an Polen abgetretenen Landestcilen, auch aus Westdeutschland und ebenso aus Süddeutschland, ans dem ver- Ivrciicu Elsaß-Lothringen sind gewaltige Menschenscharen »ach Berlin gekommen und haben z» einem sehr großen Teil ihre zweite Heimat und ihren Beruf dort gefunden, Berlin schweißt, wie alle Millionenstädte, die Bevölkerung verhältiiismäßig leicht zusammen: cs ist aber ganz klar, daß in wenigen Jahre» oder auch Jahrzehnten eine in sich feststehende, in einer Staot bodenständige und tieswiirzcliidc Bevölkerniig mit einem durchaus einheitlichen Charakter nicht geschaffen werden kann. Die alten Studie mit einer im tvesenilichen einheitlichen Bevölkerung trage» ihre» in bestem Sinne edlen Charakter in dem Umstand der Festgcsoruitheit ihrer iudividiicllcu Kultur, die sich zwar laugsam iveitcreutivickelt, aber dafür den äußeren Eindruck der Geschlossenheit einem jeden ihrer Bürger einpslanzt. Ganz anders die Gros,-Berliner Bevölkerung, in der die Menschen von so starker Verschiedenheit sich auch notwendigeriveise mehr aneinander reibe». Scharfer Daseinskampf. Da im allgemeinen besonders lebenstüchtige Elcinciite den Gang in die Großstadt gewagt haben, ist der Kampf nnis Dasein und iiisvlgcdessen die Arbeitsenergie der einzelnen Persönlichkeit hier von ausschlaggebender Bedeutung. Man kann ohne Uebertreibuiig behaupte», daß in Verlin besonders stark gearbeitet ivird, und daß die Anforderungen an jeden einzelnen Menschen, ob Mann oder Frau, in keiner Stadt so groß sind, wie gerade hier. Ob das ein Vorteil oder ein Nachteil ist, ist sür die Beurteilung der Tatsachen völlig gleichgültig. Dieser Arbeitsauswand, den das Leben von jedem einzelnen verlangt, fuhrt zu einer gewissen Nervosität, zu einer Unnilje, zu einer starken Betonung rein zivilisatoriscl)cr Genüsse: sie führt in Vcrbiiidiing mit dem Umstaiid des Lärmes, den die Millionenstadt mit sich bringt, zu einem lauten und aufgeregten Wese», das »ach außen hi» geiviß dem in seiner ruhigen Behaglichkeit lcbeiidcn Menschen der übrigen Großstädte, die trotz ihrer Größe nicht die Arbeitsintensität aufzubringen brauchen, und namentlich den Bewohnern der mittleren und kleinen Städte, unangenehm aus» sällt. Hastig und laut macht die Millionenstadt durch ihre Zusammensetzung ans den äußerlich so verschiedenen Elementen die Menschen, die in harter Arbeitspflicht ihren Unterhalt suchen müssen. Dieser Kampf ums Dasein bringt es mit sich, daß jeder in schneller Erkenntnis vorhandene Tatsächlichkeiten in sich aufnimmt, daß seine Urteilsbildung knapp und scharf sein muh. Dem paßt die Sprache