Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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s Lan-au. Do» besonders geschätzter Freundesseile wird »ns ans der Pfalz geschrieben: Die Pfalz steht unter dem erschütternden Eindruck des Bnubauex Urteils. Die Leidensgeschichte der Pfalz ist um ein schmerzliches Ereignis reicher geworden. Nach den nnsregcnden Vorgängen in Gcrmersheim war die erregte Bevölkerung durch die Zusage gerechter Untersuchung des Falles beruhigt worden. In dieser Erwartung sah man der Verhandlung des Kriegsgerichtes entgegen. Das Entsetzen über das Urteil wirkte geradezu lahmend. Dann schlug cs in Helle Entrüstung um. Der französische Angeklagte, an dessen Händen Blut klebt, sreigcsprochcn, die Deutschen verurteilt! DaS wirkte wie eine Berhöhnnng! Man hatte in der Pfalz, wie überall, nicht mehr das Einpfinden, daß hier in einem Ernzelsnllc ein Fehlurteil gesprochen sei. Man sah hinter den Gestalten dieses Schauspiels die Regisseure, hinter den Dingen das System. Wieder einmal das W c ch s e l s p i e l v o n M a ch t n » d R echt. Sieger und Besiegte, Mächtige und Schwache, Bcivassnete und Unbewaffnete, Militär und Zivil! Gibt cs »och eine tliechtssatzung zwischen einer srcmden Besatzung und friedlicher Bevölkerung, wenn „der herausfordernde Blick" eines jungen nnbewnfsnetcn Menschen dem iir Zivil befindlichen, als Offizier nicht kenntlichen Reserveleutnant das Recht gibt, den zunächst mit einer Reitpeitsche „dormelig" Geschlagenen zilsanimciiziischießen? Ist da »och ein Zusammenleben möglich? Hinter dem Urteil stieg ricsengrost das ganze Leid der Pfalz ans. Es lag und liegt wie ein Felsblvck aus der ganzen Bevölkerung der Pfalz, auf allen Klassen und Schichten und Parteien. Es ist in den Berichten ans der Pfalz immer gesagt worden, das, in den Stunde» gcineinsamer Not alle Teile des Pfälzer Volkes das gleiche gefühlt, gelitten und geleistet hätten. In »ntivnnlsozinlistischen Versammlungen »nd im „Eisenhammer" ist darüber gehöhnt worden. ttnd doch ist cs so! Die Opfer des Gcrmcrshcimer Falles sind junge Menschen von links bis rechts! Die Zusammenstöße trafen gleichmäßig Angehörige des Reichsbanners, Sozialdemokraten, Demokraten; als letztes Opfer jener Nacht fiel das Mitglied der Nationnlsozinlisiischen deutschen Arbeiterpartei, Müller. In solchen Stunden muß es auch dem fanatischsten Partei»»»»! offenbar werden, daß cs etwas gibt, was über dem Haß und der Hetze innerhalb eines Volkes steht: Die Volksgemeinschaft! Der junge Müller ist nicht als Partrimann, sondern als deutscher Bürger des besetzten Gebietes gefallen. Wie der Fall Ronzicr dem Gedanken der V ö I k e r Versöhnung einen schweren Schlag versetzt hat, der langsam wieder überwunden werde» muß, so sollte er anderseits der Vvlksversöhnung innerhalb des deutsche» Volkes neuen Aufschwung geben. Es wäre schmerzlich, wenn ans dem Grabe des Getöteten, der zum Märtyrer der ganzen d e » t f ch e n Sn ch e geworden ist, neues Lebe» einer Partei zugcsührt würde, der Partei, die seit Monaten in einer widerlichen Zeitung die Pfälzer gegeneinander hetzt und einzelne Volksteilc auf das schwerste beleidigt. Aus Haß und Verhetzung kann mir Haß und Unglück entstehe». Wir Pfälzer Inden haben das Recht, a»ch in dieser Stunde unsere Stimme zu erheben. Es ist lein Heldenstück, die Juden, eine M i nderheit, anzugreiscn und zu verleumden, cs ist nicht tapfer, mit lieber* ni a ch t andere zu verfolgen, denen nichts als ihr Recht zur Seite steht. Diese Feigheit wird auch nicht zuui Hcldcntnin, wenn mau lügt, daß die jüdische Minderheit alle Macht der Welt i» Hände» hätte. Möge sich doch in den Köpfe» unserer völkischen Feinde der Gedanke Rain» schassen, daß die Länder, die Völker und die Menschheit nur unter dem Banner des Rechts und der Gerechtigkeit gedeihen können. Die „öeutfchen" Juden in England während des Krieges. Der Verlag von I. F. Lehmann in München zeichnet sich nicht allein dadurch ans, daß er antisemitische Literatur herausgibt. Das hat er gemein mit einer Reihe anderer Verleger. Aber seine Besonderheit besteht darin, daß er so ziemlich das abgeschmackteste Zeug unter seiner Finna gehen läßt, das in Deutschlands Grenzen erscheint, »nd das will viel sagen. Er hat sich von einem österreichischen Katholiken rin Licht über die neueste Entwicklung der europäischen Politik ausstecken lassen, und cs ist schwer z>> entscheiden, welche» Anteil an dieser Geschichtsbetrachtung möglicherweise Bosheit oder Albernheit hat. Vernunft steckt jedenfalls in der Thesis nicht, daß das p r o t e st a » t i f ch c Kaiserreich Deutschland sich und Oesterreich i» das Unglück des letzten Krieges gestürzt hat und gemcinsmn mit den Freimaurer» den europäischen Weltbrnnd entzündete, um dem Katholizismus in Wien einen schweren Schlag zu versetzen. Ei» Verleger dieses Schlages war besonders geeignet, »m auch die Schrift') „Die .deutschen' Inden in England lvährcnd des Weltkrieges" herauszugeben. In diesem Flugblatt „A » s Deutschlands E r » c u e r n n g" wird mitgctcilt, daß eine kleine Anzahl Vvn Juden in England, die deutscher Abstammung sind, sich angeblich würdelos während des Weltkrieges benommen haben, und daraus schließt der Verfasser, der „A. Rheinländer" zeichnet, das Folgende: ’) Don A. Rheinländer. Z. F. Lehmann (Miinchen). Das Mitgeteilte „zeigt uns, daß der Jude in Deutschland ebenso ein Frcnrder ist tote der Neger oder der Japaner, und ebenso ein Fremder blcibr. Es ist ein Unding, ihn als Landsmaün zu beirnchle» und ihm dieselbe» bürgerlichen Rechte zu geben wie dmr Deutschen" nsw. ustv. Es sind im Weltkrieg rund 12 000 Juden gefallen; ei sind im Weltkrieg Inden, entsprechend visin Prozentsatz der Christen, Verivundet worden, und das ist ein vollgültiger Betvcis einem antisemitischen Hirn dafür, daß die Juden ans den Untergang Deutschlands hinnrbeite», und daß die deutschen Inden in ihrer Empfindung den: Deutschen Reiche gegknüberstchcn wie etwa ein — afrikanischer Eines ist verwunderlich, daß diese deutschen Jude» mit Negerembsinden gegen Deutschland es nicht vorziehen, sieh in Staaten niederznlassen, die sie nicht der Gefahr aussetzen, zu Zehntausenden bei der Verteidigung des Landes, das sie dummerweise beivohnen, getötet, verstümmelt, durch Krankheiten im Felde hingemäht zu werden. Diese Inden Rheinländerscher Vaterschaft sind doch viel dümmer, als man bisher »»nehmen konnte. — RMWutzarbeit des S. N. Boykott«,kfforderimgen durch Flugblätter — Der „Judknfpiegel" — Prozes; Lissauer gegen ,,Frideriens". Unsere Leser sind durch mancherlei Vcröfsentlichungen in diesen Blättern sehr genau im Bilde über den außerordentlichen Umfang, den unsere Arbeit gegen die Auswüchse im völkische u Schristt» m, sei cs Broschüre, Buch oder Flugblatt, angenommen hat. Die beiden Fälle, über die wir heute berichten wollen, sind ein auch dem Laien oiiileiichtender Beweis dafür, daß das Wort von der Nechtsnot-der deutschen Juden keine Phrase, sondern ebne ständig auf nns ruhende Last ist. Man höre: Weihnachten ist seit Jahrzehnten unseren Gegnern ein Anlaß gewesen, den schärfsten Kamps gegen die Wirt» s ch a f t l ich e E x i st e n z d e s I u d e 1, t n m s zu führen. Man ruft dem christlichen Käufer zu, daß er zu seine» Feiertagen die jüdischen Kaufhäuser nickst bereichern dürfe. „Kauft nu.x in christliche n Kanfhänsern! Kauft nicht bei Inden!" ist das Motto, mit dem diese Flugblätter »nd Klebezettel beginnen und in das sie ansklingen. Heber den Text wäre vieles zu sagen. Er strotzt von allgemein gehaltenen, strnsrechtltch nicht vcrsvigbaren Beschimpfungen und Verdächtigungen des Jndentnms. Eines von ihnen stellt den Höhepunkt seiner Art dar. ES trägt die Ucbcrschrist: „Kampf- Sonderausgabe gegen das jüdische Wareiiyaussystem" und ist von der Ludendorss nahestehenden „Deutschen Wochenschau' herausgegeben. Darunter steht: „Weihnachten, ein Fest schachernder Juden oder ein F e st gläubiger C h r i st c n? Ans dem Text möge folgende Stelle hier Platz finden: „Chrisens wurde getötet, weil er die Mensclcheit vom Joch der jüdischen Knechtschaft befreien wollte! Ist man aber nicht dabet, insbesondere seit den letzten Jahrzehnten, auch das deutsche Volk z» tüten, und zwar deshalb zu töten, weil es jüdische Gesetze adlehnte und christliche Gebote erfüllte? Schauen wir inis in unserer Heimat nm and erkennen wir, daß auch vier Inda am Werke ist und Mord an? Mord begeht. . Der gesunde Menschenverstand könnte meinen, daß die ganze Strenge des Gesetzes diese unerhörten Beschimpsmigen sühnen müßte. Was aber nur konnte geschehen? Eine Anzei ge wegen groben Unfugs! Eine bessere Satire ans unser geltendes Recht kann nicht g e s chr i e b e n w e r d c n. Weiter: Der „H am mer" - V erlag libfuiimmi aus dein „M e! tsrontverl a> g" in Aussig, also in der Tschechoslowakei, eine Broschüre: „Der I u d en s Pie g e l, der Jude nach dem T al iitub". Die Schrift stellt eine 35 Abbildungen des akademischen Malers Relink umfassende Illustration zu '„a n s ge s n chte n-" Talmud- und Schillchan-nrnch-Stellen dar. Daß die Texte den klassischen Merlen Vvn Rohling. Briemniiii,- Drumont entnommen sind, bedarf koims Hinweises.- Für den künstlerischen Geist, mit dem der „akademische" Maler Relink gearbeitet hat, legen zwot Bilder Zeugnis ab. Das eine stellt eine Berg e w a l t i g n 11 g s s z c n e dar, das andere ein B v r d c l l m i I i e 11. Beschimpfung der silieligion? Rein, darin sicht das deutsche Strafgesetz keinerlei Veni-ngliinpsimg, »n-d mir ein Zufall machte inöglich, slrnfrcchtlich gegen dieses schmutzige Buch vorzugehen. Der nach dem Prcßgrseh nvllvcudlge D r u ck ve r in e rk ist fvrtgcbliebcn. Und darum kann die Staatsanwaltschaft die Beschlagnahme vornehmen. Wir haben sie auf diese ihr zustchcnde M öglichkeit aufmerksam gemacht. Wie der „Hammer" vom 15. Januar mittcilt, ist der „Jndenspiegel" beschlagnahmt worden. In diesen Wochen fand durch Vergleich eine Strafsache ihr Ende, die durch die dabei in Frage kommende» Parteien besonderes Interesse verdient. Die Anzeige ging nämlich von dein Dichter Ernst L i s s a u c r, unserem verehrten Mitarbeiter, aus und richtete sich gegen den Herausgeber des völkischen Wochenblattes „Fridericus", F. C. Holtz. Der „Frsiderious" hatte vor längerem einen Angriff gegen Lissaiuer verössenwicht, in dem es unter Verfälschung des Textes einer Selbstbiograph ic Lissauers hieß, Lissauer habe geschrieben, „auch sehe ich heute ein, daß ich meine Sorge im